Vom Nutzen der Liebe

Selbst in emotional geladenen Privatdingen handeln Menschen rational. Ob Entscheidungen über Unternehmenskauf, Geldanlage oder Heirat: Immer steckt das gleiche Nutzenkalkül dahinter.
Der Mensch versucht, seinen Vorteil zu maximieren. Mit dieser provokanten und vielfach variierten These errang Gary S. Becker Weltruhm und 1992 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Er selbst sieht seine Theorie weniger als Dogma denn als intellektuelles Spielmaterial – zum eigenen Nutzen, selbstverständlich.




Er residiert genau so wie vor 30 Jahren. Mitten auf dem Campus, ein kleines Kämmerchen im Elfenbeinturm. Vor der Tür warten Studenten geduldig auf ein Gespräch, drinnen türmen sich Unterlagen auf dem Schreibtisch, in Regalen, quellen aus halb geöffneten Schubladen. Der mittlerweile 74-jährige Professor leitet die Wirtschaftsabteilung der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Chicago und lehrt immer noch, beliebt bei der nachwachsenden Wirtschaftselite und bis heute nicht unumstritten. Schon 1976 hat Becker eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Aufsätze in dem Buch „Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens“ zusammengetragen. Sein jüngstes Buch „Social Economics – Market Behavior in a Social Environment“ erschien 2001. Dazwischen gab es kaum etwas, das Becker nicht unter dem ökonomischen Blickwinkel analysiert hat: Rassendiskriminierung und Fragen der Fruchtbarkeit, Überlegungen bei der Partner- und Berufswahl oder den Zusammenhang von Lebenserwartung und ungesunder Lebensführung.

McK: Professor Becker, rauchen Sie?

Gary S. Becker: Nein.

Irgendwelche ungesunden Laster?

Ich nehme keine Drogen, trinke regelmäßig ein Glas Wein und esse gesund. Allerdings arbeite ich sieben Tage die Woche. Ich gehe ein Risiko ein, weil ich viel fliege. Außerdem spiele ich dreimal in der Woche Tennis, ein Sport, der das Geschäft der Ärzte eher ankurbeln dürfte. Zudem schwimme ich lieber im Meer als in Schwimmbädern, auch wenn es gefährlicher ist.

Nach Ihrer eigenen Theorie grenzt das an Selbstmord.

Ach, das hört sich grausamer an, als es ist. Aber es stimmt. Nach dem ökonomischen Ansatz sind die meisten Todesfälle bis zu einem gewissen Grad Selbstmorde.

Können Sie das erklären?

Ja, eine gute Gesundheit und ein langes Leben sind für die meisten Menschen wichtige Ziele, aber nicht die einzigen. Es kann sein, dass Menschen etwas von ihrer Gesundheit oder Lebenserwartung opfern, weil sie andere Ziele verfolgen, die dem entgegenstehen. Es gibt eine optimale erwartete Lebensdauer, bei der der Nutzen eines zusätzlichen Lebensjahres geringer ist als die Investition an Zeit und anderen Ressourcen zur Gewinnung dieses einen Lebensjahres.

Zum Beispiel?

Wenn jemand ein starker Raucher ist oder sich derart seiner Arbeit widmet, dass er darüber jede Bewegung vernachlässigt, muss das nicht heißen, dass er sich nicht über die Konsequenzen im Klaren ist. Möglicherweise zieht er mehr Nutzen daraus, zu rauchen oder zu arbeiten, als ein paar Jahre länger zu leben.

Glauben Sie tatsächlich, dass sich derart persönliche Entscheidungen ökonomisch bewerten lassen?

Ich glaube, dass es bei Entscheidungen immer darum geht, den eigenen Nutzen zu maximieren, egal, ob es dabei um den Nutzen einer Privatperson, eines Haushalts, einer Unternehmung, einer Gewerkschaft oder einer Behörde geht.
Der Unterschied ist nur oberflächlich. In Unternehmen betreffen Entscheidungen materielle Aspekte, etwa mehr Gewinn zu machen. Wenn Privatpersonen in ihrem Alltag ihren Nutzen maximieren, haben sie dagegen meist ihr privates Glück im Sinn. Dabei wird ihr Nutzen unter anderem durch immaterielle Dinge bestimmt. Während bei Unternehmens-Entscheidungen die Preise monetär messbar sind, müssen bei privaten Entscheidungen Nutzen und Kosten mitunter mit Hilfe von Schattenpreisen bewertet werden.
Wenn ich mich zum Beispiel entscheide, meine Zeit damit zu verbringen, ein Buch zu lesen anstatt fernzusehen, dann ist der Schattenpreis der subjektiv empfundene Wert, den ich daraus gezogen hätte fernzusehen. Am Ende wird alles bewertet.

Das klingt, als wäre der Mensch eine rational programmierte Maschine.

Nein, überhaupt nicht. Der ökonomische Ansatz unterstellt ja nicht, dass sich die Menschen bei ihren Entscheidungen ihrer Maximierungsbemühungen bewusst sind oder dass sie die Gründe für die systematischen Muster in ihrem Verhalten beschreiben können. Der ökonomische Ansatz ist vielmehr vereinbar mit der Betonung des Unbewussten in der modernen Psychologie oder mit der soziologischen Unterscheidung zwischen beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen von Handlungen.

Die Vertreter der Behavioral Economics kritisieren Ihren Ansatz dennoch. Menschen und Firmen lassen sich in Bezug auf rationale Entscheidungen ihrer Ansicht nach nicht vergleichen. Stattdessen sei es wichtig, Erkenntnisse aus den psychologischen und experimentellen Wirtschaftswissenschaften stärker in die Ökonomie zu übertragen, um zu erklären, warum Märkte oft irrational reagieren.

Ich würde deren Arbeit nicht als Gegenbewegung zu meiner sehen. Einige Behavioral Economists sehen in mir sogar einen der Pioniere dieser Herangehensweise. Obwohl der ökonomische Ansatz einen umfassenden Bezugsrahmen für das Verständnis allen menschlichen Verhaltens bietet, wird es natürlich auch durch viele nichtökonomische Variablen beeinflusst. Die Gesetze der Mathematik, Chemie, Physik und Biologie haben einen Einfluss auf Präferenzen und Produktionsmöglichkeiten und damit eine erhebliche Bedeutung für das Verhalten.
Dass der Körper des Menschen altert; dass Kinder intelligenter Eltern dazu tendieren, intelligenter als Kinder weniger intelligenter Eltern zu sein; dass Menschen atmen müssen, um zu leben; dass eine neu gezüchtete Pflanze bei einer Art von Umweltbedingungen einen ganz bestimmten Ertrag, bei einer anderen Konstellation jedoch einen höheren oder geringeren Ertrag bringt – all dies und mehr beeinflusst unsere Wahlhandlungen. Die sind auch abhängig von gesellschaftlichen Normen. Nehmen wir das Beispiel berufstätiger Frauen. Sie waren früher die Ausnahme, heute sind sie fast die Regel. Solche Rahmenbedingungen fließen auch in meine Beobachtungen ein. Sie sehen, ich habe überhaupt kein Problem damit, dass wir mit Soziologen und Psychologen kooperieren und von ihnen lernen. Ich halte jedoch an dem Glauben fest, dass Märkte rationaler sind als Individuen.

Aber was hat der Markt mit individuellen Entscheidungen zu tun? Konkret: Was hat Sie bewogen, sich mit Wirtschaft zu beschäftigen?

Bereits am Ende meiner Schulzeit konkurrierte mein Interesse für Mathematik immer stärker mit meinem Wunsch, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun. Beides vereinte ich in meinem ersten Jahr in Princeton, als ich zufällig einen Wirtschaftskurs belegte. Die mathematische Herangehensweise an ein Thema, das sich mit sozialen Strukturen beschäftigt, begeisterte mich. Danach entschied ich mich für diese Fachrichtung.
War das eine rationale Entscheidung? Für mich hat sie sich bewährt. Wusste ich damals, was ich heute weiß? Natürlich nicht, aber Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen ist normal.
Glücklicherweise lassen sich die meisten Entscheidungen revidieren. So hätte ich damals jede Menge Zeit und Möglichkeiten gehabt, einen anderen Weg einzuschlagen. Und das passiert meistens, wenn der Markt den Menschen Zeichen gibt, die ihnen bei Entscheidungen helfen.
Insgesamt sind Märkte rationaler als Individuen. Sie koordinieren die Handlungen der verschiedenen Beteiligten – Unternehmen, Nationen und Individuen. Hätte ich es etwa nicht geschafft, in eine der besten Graduate Schools zu kommen, wäre das für mich ein Marktsignal gewesen, dass ich nicht gut genug bin. Vielleicht hätte ich mich dann entschieden, auf eine schlechtere Schule zu gehen, an der Wall Street zu arbeiten oder die Fachrichtung zu wechseln. Im Anschluss an die Graduate School hat mir die Marktreaktion, nämlich gute Jobangebote, wieder gezeigt, dass ich gut genug bin, Professor zu werden. Und so ging es weiter.

Hat der Markt Sie auch bei der Wahl der Forschungsrichtung beeinflusst?

Ich habe den ökonomischen Ansatz das erste Mal auf die reale Welt angewandt, als ich zur Frage der Diskriminierung forschte. Das war Anfang der fünfziger Jahre. Leute an der Universität von Chicago fanden die Idee gut, und das zeigte mir, dass es für diese Forschungsrichtung Bedarf gab. Doch auch die aktuellen Ereignisse haben mich damals inspiriert. Diskriminierung war zu der Zeit noch allgegenwärtig. Die ersten schwarzen Baseball-Spieler waren erst ein paar Jahre zuvor in der Major League zugelassen worden. In den Südstaaten wurden schwarze Schüler noch in separaten Klassen unterrichtet. Nur wenige Jahre zuvor mussten schwarze Soldaten im Zweiten Weltkrieg in separaten Einheiten für die USA kämpfen. Aber es war eine Änderung spürbar, und ich wusste, dass es zum Thema noch keinen wirtschaftswissenschaftlichen Rahmen gab.

Gab es ähnliche Anregungen auch für Ihre anderen Forschungsansätze, etwa die Analyse der Kriminalität?

Ja, die gab es. Als ich an der New Yorker Columbia University lehrte, war ich eines Tages auf Parkplatzsuche und spät dran. Ein Prüfling wartete. Bis zum Parkhaus der Universität war es weit, außerdem war ein Stellplatz dort kostenpflichtig. Direkt vor der Uni zu parken war kostenlos, aber verboten. Ich stellte meinen Wagen im Halteverbot ab – eine ökonomische Entscheidung: Intuitiv hatte ich die Wahrscheinlichkeit geschätzt, einen Strafzettel zu bekommen, und sie abgewogen gegen den Preis für einen Platz im Parkhaus sowie den zusätzlichen Zeitverlust. Als ich auf dem Weg zur Uni darüber nachdachte, kam mir die Idee, dass die Polizei sicherlich ähnliche Erwägungen über die Wahrscheinlichkeit trifft, einen Falschparker zu erwischen und entsprechend darüber entscheidet, wie viele Polizisten sie nach ihnen suchen lassen. Da war mir klar, dass es ein spannendes Thema ist.

Sie kritisieren die gängige Meinung, dass Verbrechen eine Folge sozialer Unterdrückung sind und Straftäter die Opfer gesellschaftlicher Zustände.

Viele glaubten damals, dass es eine Kriminellen-Mentalität gebe, eine angeborene Anomalie, bei der sich nicht viel machen lasse. Ich bin dagegen davon ausgegangen, dass Kriminelle ihre Entscheidungen genauso wie alle anderen Menschen treffen. Sie haben ihre Alternativen. Und sie wollen ihren Nutzen maximieren, handeln also rational. Ein Mensch wird demnach zum Straftäter, wenn sein Nutzen, den er aus dem Verbrechen erwartet – etwa die Beute aus einem Diebstahl – höher ist als der Nutzen aus einer legalen Tätigkeit wie Taxi zu fahren oder mit Aktien zu handeln.

Mit dieser These blenden Sie sämtliche soziologischen Umstände aus, die Menschen in ihrer Entwicklung beeinflussen.

Nein, gar nicht. Eine kriminelle Karriere kann sicherlich auch gesellschaftliche Gründe haben. Ihre individuellen legalen Möglichkeiten können etwa durch Ihre Herkunft schlechter sein, oder Ihre Eltern haben Ihnen nicht vermittelt, dass Verbrechen schlecht sind. Fundamental unterscheiden sich die Kriterien, nach denen Sie handeln, jedoch nicht von denen anderer Menschen. Eine Erhöhung des verfügbaren Einkommens für legale Aktivitäten zum Beispiel oder eine Verstärkung der Gesetzestreue etwa auf Grund von Erziehung würde den Reiz, sich in illegalen Aktivitäten zu versuchen, mindern und so die Anzahl der Straftaten reduzieren.

Lassen sich aus Ihren Erkenntnissen Anleitungen für staatliches Handeln gewinnen, um die Kriminalität zu reduzieren?

Natürlich. Der Staat sollte grundsätzlich versuchen, Verbrechen durch Gesetzgebung und Strafverfolgung möglichst „teuer“ zu machen. Eine optimale Verbrechensbekämpfung im ökonomischen Sinn bedeutet dabei, den gesellschaftlichen Einkommensverlust, der durch Verbrechen entsteht, zu minimieren. Ob der Staat höhere Strafen androhen oder mehr Polizisten einsetzen soll, hängt am Ende von der Risikobereitschaft der potenziellen Verbrecher ab – ökonomisch formuliert: von der Elastizität ihres Verhaltens auf entsprechende Veränderungen des Rechtsrahmens. Ist ihre Risikobereitschaft gering, sind schärfere Strafen effektiv. Bei einer hohen Risikoneigung ist dagegen eine intensivere Strafverfolgung wirksamer. Man muss solche Dinge berücksichtigen, wenn man Politik macht.

Und, haben die amerikanischen Politiker auf Sie gehört?

Ja, aber zögerlich. In den sechziger und siebziger Jahren sind sowohl in den USA als auch in Europa die Zahl der Verbrechen rapide gestiegen. Die Länder sind sich in volkswirtschaftlichen Indikatoren recht ähnlich und daher vergleichbar. In Europa hat sich dieser Trend in den achtziger und neunziger Jahren fortgesetzt. In den USA hat er sich dagegen gedreht, weil die Vereinigten Staaten vor rund 25 Jahren entschieden haben, härter gegen Verbrechen durchzugreifen.

Sie haben mit Ihrer ökonomischen Analyse auch vor der Familie nicht Halt gemacht.

Das beginnt mit der Entscheidung zu heiraten. Auch da steht die Frage nach dem Nutzen im Vordergrund, den ein Mensch sich von der Ehe erwartet – sowohl immateriell als auch materiell. Auf dem Heiratsmarkt wird jemand so lange suchen, bis er den Partner gefunden hat, der ihm den höchsten Wert verspricht – in Form von Liebe oder materieller Vorteile in Form eines höheren Einkommens. Anders ausgedrückt: Die weitere Suche nach einer Alternative würde keine spürbare Verbesserung mehr bringen – Zeit und Kosten dafür würden den Vorteil aufwiegen.

So gesehen entspräche eine Verlobung dem Kauf von Derivaten.

Ja, das könnte man so sehen. Es ist ein Options-Wert. Eine Verlobung ist eine teilweise Verpflichtung. Wir planen, in Zukunft zu heiraten, aber wir sind noch nicht so weit, es im Moment zu tun.
Sind Menschen verheiratet, müssen sie weitere Entscheidungen über die Ehe treffen: Sollen sie sich wieder trennen oder sich scheiden lassen, und wenn sie es tun oder wenn sie verwitwet sind, sollen sie wieder heiraten, und wenn ja, wann? Übersteigt der potenzielle Nutzen des Alleinlebens oder einer Ehe mit einem anderen Partner den entgangenen Nutzen, der durch die Trennung entsteht?
Diese Verluste entstehen etwa durch die räumliche Trennung von den eigenen Kindern, durch die Teilung gemeinsamen Besitzes, durch Anwaltsgebühren, aber auch durch die Mühe, sich daran gewöhnen zu müssen, allein oder mit einer neuen Person zu leben. Der Anreiz zur Trennung ist grundsätzlich umso geringer, je bedeutsamer die für eine bestimmte Ehe spezifischen Investitionen sind. Das Wissen um die Gewohnheiten und Einstellungen des Partners ist dabei von großer Bedeutung. Doch das offenkundigste Beispiel für ehespezifische Investitionen sind Kinder.

Haben Sie Ihrer Frau nach derartigen Abwägungen einen Heiratsantrag gemacht?

Natürlich nicht. Sehr wenige Menschen machen das. Und wenn ihre Partner davon wüssten, würde die Heirat sicher platzen. Aber bewusst oder unbewusst fragen sich doch alle, ob es sie glücklich machen wird, eine bestimmte Person zu heiraten. Und dabei machen sie Fehler, lassen sich wieder scheiden. Aber es ist gar nicht nötig, dass jede einzelne Person eine rationale Entscheidung trifft, damit der gesamte Heiratsmarkt relativ rational ist. Das gilt übrigens für alle Märkte: Es reicht, wenn die Mehrheit rational entscheidet.

Aber Märkte funktionieren – je nach Kultur – doch sehr unterschiedlich. Gerade der Heiratsmarkt. Gilt Ihre Theorie auch in China oder Chile?

Der ökonomische Ansatz bewährt sich recht gut. Nehmen wir ein Land wie Indien: Eltern sichten bei Heirats-Brokern Lebensläufe, treffen sich anschließend mit den Eltern von Heiratskandidaten und klären die Angelegenheit unter sich. Ein sehr rationaler Markt – auch wenn die Eltern dabei ihren eigenen Interessen folgen. Der zugrunde liegende Prozess ist der gleiche.
Auch die Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, verändern die fundamentalen Strukturen nicht. Wo eine Scheidung schwierig ist, werden die Leute einfach sorgfältiger suchen und später heiraten. Suchen kann dabei auch bedeuten, dass man ohne Trauschein zusammenlebt. Das ist etwa im katholischen Lateinamerika so, wo eine Scheidung im Allgemeinen noch schwierig ist.

Welche Ehen sind denn nach dem ökonomischen Ansatz die glücklichsten?

Alles deutet unabhängig vom Heiratsmarkt darauf hin, dass eher ähnliche Menschen einander heiraten, wenn man auf Intelligenz, Erziehung, Herkunft, Religion, Alter, Größe und viele andere Merkmale abstellt. Betrachtet man hingegen das Einkommen, heiraten eher verschiedene Menschen. Darum erhöht eine Steigerung des relativen Einkommens der Frauen etwa die Wahrscheinlichkeit einer Ehescheidung. Das erklärt zum Teil, dass die Scheidungsrate bei schwarzen Familien höher liegt als bei weißen – schwarze Frauen verdienen verglichen mit schwarzen Männern relativ viel. Als unterstützender empirischer Beleg könnte auch dienen, dass in amerikanischen Staaten, in denen die Lohnraten für Frauen in Relation zu denen der Männer höher liegen, auch der jeweilige Anteil verheirateter Frauen und Männer kleiner ist.

Und wo bleibt bei dieser theoretischen Analyse die Liebe?

Liebe bedeutet allgemein, sich um den anderen zu sorgen. Das heißt ökonomisch betrachtet, dass mein Nutzen ebenso von dem Wohlbefinden der anderen Person abhängt wie von meinem eigenen. Viele Menschen glauben, dass Liebe unerlässlich ist. Darum ist für mich interessant, wie man die Liebe effizient macht. Dazu haben sich Arrangements entwickelt, in denen Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit Menschen mit Charakteristika treffen, die für sie wichtig sind. Solche Arrangements können Schulen sein, Kirchen, Clubs, Single-Bars oder Internet-Dating-Plattformen, bei denen die Menschen ihre Eigenschaften angeben, bevor sie sich treffen.
Sie finden sich, verlieben sich und heiraten. Der Hauptgrund dafür, dass Männer und Frauen eine Ehe eingehen, liegt neben der physischen und emotionalen Anziehung aber immer noch in dem Wunsch, eigene Kinder aufzuziehen. Dazu kommt der Nutzen anderer Güter, die durch den einzelnen Haushalt produziert werden: die Qualität der Mahlzeiten, gesellschaftliches Prestige, Erholung durch Aufgabenteilung und die Kostenersparnis durch das Teilen eines Haushalts.

Familien sind also eine Fabrik, die nach ökonomischen Grundsätzen Einkommen, Geborgenheit und Kinder produziert.

Ja, und Kinder bilden den Mittelpunkt. Für die meisten Eltern sind Kinder eine Quelle physischen Einkommens – wie in armen Gesellschaften – oder psychischer Befriedigung, etwa in reichen Gesellschaften. Ihre „Produktion“ hängt von den Kosten für ihre Erziehung ebenso ab wie von ihrem erwarteten materiellen Nutzen für die Eltern, etwa in Form von zusätzlichem Familieneinkommen oder einer Versorgung im Alter. Eltern in Industrienationen geben heute meist mehr Geld dafür aus, Kinder aufzuziehen, als sie durch sie einnehmen, und sie betrachten Kinder, in der Terminologie der Ökonomie, als Konsumgüter. In vielen Gesellschaften sind Kinder dagegen auch heute noch für ihre alt gewordenen Eltern verantwortlich, etwa in Indien oder China. Dann werden Kinder auch mal zu Produktionsmitteln, was früher üblich war.
Mit steigendem Einkommen tendieren Familien dazu, die Qualität ihrer langlebigen Konsumgüter wie Autos oder Kühlschränke zu verbessern. Dies gilt auch für Kinder, für die mehr in Erziehung und Ausbildung investiert wird. Dabei ist der Ausdruck „Kinder höherer Qualität“ keine moralische Wertung, sondern Eltern ziehen aus den höheren Ausgaben einen zusätzlichen Nutzen, den wir „höhere Qualität“ nennen.

Ein nicht gerade menschliche Betrachtung.

Grundsätzlich mag es unmoralisch erscheinen, Kinder mit Autos, Häusern oder Maschinen zu vergleichen. Aber eine solche Klassifizierung besagt nicht, dass die Befriedigung oder die Kosten, die mit dem Aufziehen von Kindern verbunden sind, moralisch gesehen der gleichen Kategorie zuzuordnen sind wie diejenigen, die mit anderen langlebigen Gütern verbunden sind. Man unterscheidet häufig die Befriedigung, die etwa durch eine Wohnung, ein „notwendiges Gut“ gestiftet wird, von derjenigen, die ein Auto, ein „Luxusgegenstand“ stiftet. Dennoch werden beide in der Nachfragetheorie als langlebige Konsumgüter behandelt.

Ihre ökonomische Analyse der Familie wird seit langem kontrovers diskutiert.

Die Familie ist ein sehr intimer Bereich der Gesellschaft. Gefühle wie Liebe und Hass und die Fürsorge für Kinder sind involviert. Angesichts der Tatsache, dass sich Wirtschaftswissenschaftler zuvor nicht mit Themen wie Heirat und Scheidung auseinander gesetzt hatten, waren viele der Meinung, dass sie eher in das Gebiet der Soziologen und Psychologen fallen würden und Wirtschaftswissenschaftler nichts dazu zu sagen hätten. Viele Menschen denken heute noch so. Dennoch hat seitdem die Zahl der Untersuchungen von Wirtschaftswissenschaftlern auf diesem Gebiet ständig zugenommen.

Was kann die ökonomische Analyse denn leisten, was die Soziologie nicht kann?

Ich denke, ich habe einen systematischen Rahmen entwickelt, den es in der Soziologie bislang nicht gibt. Weltweit benutzen heute vor allem jüngere Politikwissenschaftler ökonomische Modelle, um soziale und politische Phänomene zu analysieren. Unter den Soziologen war der Widerstand bislang größer. Doch auch hier steigt die Akzeptanz. Inzwischen gibt es die Richtung der Rational-Choice-Soziologen. Es ist noch eine kleine Gruppe, die vor allem in Deutschland, den Niederlanden und anderen Teilen Europas aktiv ist.

Kann Ihre ökonomische Analyse auch helfen, gute Familienpolitik zu machen?

Aber ja, an vielen Stellen. Die Analyse hat beispielsweise bei der Diskussion um die Änderung der Scheidungsgesetze geholfen. Bis in die siebziger Jahre war eine Scheidung in den USA nur möglich, wenn man nachweisen konnte, dass die Heirat ein Fehler war. Dabei mussten sich die Ehepartner einig sein. Als die Änderung dieses Gesetzes debattiert wurde, gab es Bedenken, die Scheidungsraten würden anschließend rasant steigen. Das konnte ich durch meine wirtschaftliche Analyse schon im Vorfeld widerlegen.

Mit welchen Argumenten?

Angenommen, eine Trennung hat für ein Paar einen Netto-Gewinn. Das heißt, der eine gewinnt durch eine Trennung mehr, als der andere verliert. Der Gewinner könnte also den Verlierer bestechen, in die Trennung einzuwilligen, und immer noch einen Gewinn davontragen. So ließ sich das Gesetz auch in der Vergangenheit schon umgehen. Kalifornien schaffte es als erster Bundesstaat ab, heute haben die meisten Bundesstaaten ihr Gesetz geändert. Studien haben immer wieder gezeigt, dass die Scheidungsraten anschließend nicht rasant gestiegen sind. Dies hat meine Theorie bestätigt.
Der ökonomische Ansatz erklärt aber auch, warum ein höheres Einkommen zu einer sinkenden Anzahl von Kindern führt. Oder er zeigt, warum durch die Bezuschussung der Kindererziehung die Geburtenraten steigen. Lehren für die Politik gibt es also genug.

Gary S. Becker: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens. Mohr Siebeck, Tübingen, 1982; 354 Seiten; 39 Euro

Gary S. Becker und Kevin M. Murphy: Social Economics – Market Behavior in a Social Environment. Belknap Press, Cambridge, 2003; 170 Seiten; 19,95 Dollar