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Labyrinth der Lettern

Strategie und Taktik. Ihre Mutter brachte für sie die Liebesbriefe zu Papier, ihre Tochter formulierte den Lebenslauf. Erst mit fast 60 hat sie sich endlich entschieden: Das ewige Versteckspiel ist vorbei, sie kämpft um ihr wichtigstes Ziel. Ursula Spranger will endlich lesen und schreiben lernen.




„Wichtige Mitteilung“ steht auf dem Zettel, den ihr die Hausverwaltung in den Briefkasten geworfen hat. „Bitte lesen!!!!“ Mit vier Ausrufezeichen. Früher hätte Ursula Spranger ihren Mann gefragt, was es denn gibt an bedeutenden Neuigkeiten. Heute macht sie sich selbst an die Arbeit. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz. Stockend liest sie, bis ihr alles vor den Augen verschwimmt. „Ich werde nervös beim Lesen“, sagt sie und lächelt verschämt, „ich muss mich ablenken.“

Aber dann fährt sie fort. Sie kämpft. Es ist ein leiser, ein stiller Kampf, der gar nicht zu dieser Frau mit den grauen Haaren passt, die sonst so energisch redet. Ihre Lippen formen zögernd Buchstaben, Silben, Wörter. Oft verbessert sie sich, immer wieder, immer wieder. Dann schreibt sie. Sie schreibt nicht, sie malt. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz mit dem stets gespitzten Bleistift ins penibel geführte Schulheft, liniert, wie es die Grundschüler benutzen. Nein, sie ist kein Opfer. Sie ist eine Kämpferin. Mit 62 Jahren hat ihr Kampf gerade erst begonnen. Jetzt sucht Ursula Spranger den Weg durch das Labyrinth der Schriftzeichen, der ihr so lange verwehrt geblieben ist.

Du wirst Hausfrau, du musst nicht lesen und schreiben können

1947, das erste Jahr in der Schule. Handarbeit, Zeichnen, Turnen: Hier brachte sie gute Zensuren nach Hause. Aber das Lesen und Schreiben funktionierte einfach nicht. Die Buchstaben, die konnte sie alle, das ganze Alphabet von A bis Z, aber das Zusammenziehen zu Wörtern ... „Einen Satan von einem Lehrer habe ich gehabt“, sagt sie mit ruhiger Stimme. Prügel gab es regelmäßig von diesem Kommisbeutel; und wer nichts verstand, saß in der letzten Reihe. Ursula Spranger saß in der letzten Reihe. Und der Lehrer las allen Klassenkameraden vor, welchen Unsinn sie im Diktat geschrieben hatte. „Das klang wie Polnisch rückwärts“, sagt sie. „Ich konnte ja nur wenige Wörter richtig schreiben.“ Der, die, das. Viel mehr nicht.

Auch die Nachhilfe brachte später nichts, genauso wenig das Wiederholen. Die Fahrt zur Sonderschule konnte die Familie nicht bezahlen. Bücher gab es keine zu Hause, zu teuer, und überhaupt, das einzige Schriftwerk war die Fibel mit den erbaulichen Geschichten. Mit 13 Jahren nahm die Mutter sie dann aus der Schule, das Mädchen half ohnehin lieber den Bauern bei der Heuernte. Sie wurde schließlich Spinnerin, da musste man keine schriftliche Prüfung absolvieren. Die Mutter wies den Weg: „Du wirst später sowieso Hausfrau, da musst du nicht lesen und schreiben können.“

Also lernte sie kochen, nicht nur die Spezialitäten aus der alten Heimat, aus Ostpreußen. Auch das schwäbische Essen, weil sie einen Mann liebte, der am Neckar aufgewachsen war. Heute kocht sie Eintopf für ihn und schneidet die Bohnen schon vier Stunden, bevor er nach Hause kommt. „Er ist ein guter Mann, ich kann mich nicht beklagen.“ Vor 45 Jahren hat sie ihn geheiratet, ist seinetwegen von der Schwäbischen Alb nach Stuttgart gezogen.

Sie lernte ihn kennen, als sie noch sehr jung war. Ein Jahr lang schrieben sie sich, jede Woche einen Liebesbrief. Sie hat die sorgsam gefalteten, faserigen und leicht vergilbten Blätter samt der Briefumschläge bis heute aufbewahrt, in dem kleinen Schächtelchen mit den Silbermünzen und den winzigen Familienfotos. Ein Jahr lang diktierte sie ihrer Mutter, was sie wahrscheinlich lieber vor ihr geheim gehalten hätte. Doch die Mutter brachte es zu Papier, sie konnte ja schreiben. Und die junge Ursula mit ihrer runden Handschrift malte die Sätze penibel ab.

Mit 16 bekam sie ihren Sohn, wenig später heiratete sie. Die Mutter schimpfte, der Vater nicht – er war im Krieg geblieben. Von den Schnürsenkeln bis zu den Möbeln, alles mussten die Sprangers sich erarbeiten, drei Kinder zogen sie groß. Als die Spinnerei in Konkurs ging, wurde Ursula Näherin. Dann folgten sechseinhalb Jahre in einer Großküche. Dann arbeitete sie als Aushilfe in einer Gaststätte. Dann war sie arbeitslos, zehn Jahre lang. Am Anfang versuchte ihr Mann noch, mit ihr das Lesen zu üben.

Aber nach einem langen Arbeitstag hatten beide keine Kraft mehr. Und es funktionierte ja auch alles. „Mein ganzes Leben lang habe ich Verstecken gespielt“, sagt sie. Ursula Spranger nahm ihre Tochter mit, als sie im Personalbüro den Lebenslauf schreiben musste. Eine Gipsschiene legte sie sich an, als sie einen Personalausweis beantragte. Ihre Brille vergaß sie, als die nächsten Formulare zu bewältigen waren. Oder sie nahm die Unterlagen mit nach Hause, dann füllte der Mann sie aus. Tägliche Praxis. Taktik.

„Man kommt überall durch“, sagt sie. Sich selbst täuschen kann man nicht. Es tat weh, wenn die beiden Brüder und die Schwester Romane lesen konnten und sie nicht. Auch den Einkaufszettel konnte sie nicht entziffern. Sie verglich das Schriftbild mit den Etiketten im Laden. Überall fand sie sich zurecht. Sie füllte Bestellzettel für Salat und Gemüse in der Küche aus, und kein Kollege bemerkte, dass sie nicht lesen und schreiben konnte. Sie studierte Fahrpläne, prägte sich die Seiten als Bild ein – und bestieg stets die richtigen Busse. Der Fernseher informierte sie und die Bild-Zeitung. Dort las sie nie die Texte, studierte nur die Fotos. Ein Bild – für sie sagt es buchstäblich mehr als tausend Worte.

Angst, einen Stift in die Hand zu nehmen

Als die erste Enkeltochter älter wurde, nahm sie das Märchenbuch zur Hand und erzählte ihr Geschichten. Und blätterte immer wieder um, obwohl sie die Erlebnisse von Hänsel und Gretel oder von Schneewittchen und den sieben Zwergen nur aus ihrer Erinnerung abrief. Irgendwann kam das Mädchen in die Schule. Und begann plötzlich, die Großmutter zu korrigieren. Denn die erzählte die Dinge anders, als sie im Märchenbuch standen. Die Enkelin machte sich einen Spaß daraus, der Großmutter zu zeigen, wie gut sie die einzelnen Worte buchstabieren konnte.

Sie überlegte lange, ob sie die Deckung wenigstens ein bisschen aufgeben könnte, ganz vorsichtig. Und es dauerte Jahre, bis sie sich darüber klar war, was sie wollte. Dann fasste Ursula Spranger den Entschluss: ein Kurs an der Volkshochschule in Stuttgart-Bad Cannstatt. Sie wollte endlich lesen und schreiben lernen.

Strategie.

Einmal die Woche trifft sich ein Dutzend Analphabeten, und hier gibt es keine Verlierer. „Die Opfer kommen nicht oder geben schnell wieder auf“, sagt Birgit Kunzmann, die Lehrerin. 20.000 Menschen in Deutschland besuchen wie Ursula Spranger einen Alphabetisierungskurs. Rund vier Millionen funktionale Analphabeten gibt es hier zu Lande, schätzt der gemeinnützige „Bundesverband Alphabetisierung“: Menschen, die nur einzelne Wörter lesen können, aber nicht den Elternbrief aus der Schule oder die Warnhinweise am Arbeitsplatz. Und weil beim Schreiben in jedem zweiten Wort Fehler sind, wagen sie es meist gar nicht mehr, den Stift in die Hand zu nehmen, um sich vor Kollegen und Freunden nicht zu blamieren. Sie haben resigniert. Und tauchen ab.

Und es sind nicht nur die Alten. Zehn Prozent der Schüler in Deutschland, das ergab die PISA-Studie, liegen unterhalb des niedrigsten Lese-Niveaus: „Diese Jugendlichen besitzen elementare Lesefertigkeiten, die jedoch einer praktischen Bewährung in lebensnahen Kontexten nicht standhalten.“ Die Hälfte dieser Schüler ist wie ihre Eltern in Deutschland geboren, spricht Deutsch als Umgangssprache. Vererbter Analphabetismus: „In keinem anderen Staat hängen Leistungsunterschiede so eng mit der sozialen Herkunft zusammen wie in Deutschland. Der Anteil der Risikopersonen ist in der Schicht am größten, die durch Familien ungelernter Arbeiter bestimmt wird“, sagt Sven Nickel vom Bundesverband Alphabetisierung. Funktionaler Analphabetismus kann viele Ursachen haben: fehlende individuelle Betreuung lernschwacher Kinder in der Schule, Vernachlässigung durch die Eltern, Armut, zerrüttete Verhältnisse. Natürlich fehlen dann auch die Vorbilder, die einmal ein Buch oder eine Zeitung zur Hand nehmen, statt ständig Computer und Musik dominieren zu lassen. Nach zehn Jahren ist die Schulpflicht erfüllt – was nicht heißen muss, dass alle Abgänger so lesen und schreiben können, dass sie es im Alltag auch anwenden.

Gegensteuern will Erziehungswissenschaftler Nickel mit dem Konzept der „Family Literacy“. Eltern und Kinder sollen hier gemeinsam statt bisher getrennt unterrichtet werden – und vor allem sollen sie gemeinsam und spielerisch zu Hause üben, damit sie nicht nur im Volkshochschulkurs einmal in der Woche die Schrift anwenden und sich im Leben nur wenig ändert. So will Nickel diese Risikogruppe erreichen, über die kaum gesprochen wird und die sich auch selbst nicht artikuliert. Aus Scham.

Die Zeit des Rückzugs ist vorbei

Ursula Spranger ist anders. Sie ist eine Kämpferin. Sie will den Buchstabenfolgen ohne Sinn endlich einen Sinn geben. „Ich habe meine Hemmungen verloren“, sagt sie. „Warum soll ich mich schämen? Ich bin nicht dumm, habe viele Fähigkeiten. Nie den Mut verlieren“, sagt sie unprätentiös und ohne Dramatik, das hat sie als Devise für sich und die anderen vorgegeben. „Mir ist es nicht auf die Stirn geschrieben, dass ich Analphabetin bin. Aber warum sollen es denn die Nachbarn und Arbeitskollegen nicht wissen?“ Der Kurs gibt ihr neues Selbstbewusstsein, die Zeit des Rückzugs ist vorbei. Da passt es ins Bild, dass derzeit in den Werbeblöcken einiger Fernsehsender zwischen Bier- und Auto-Spots auch kurze Episoden aus dem Leben von Analphabeten erzählt werden. Die junge Frau, die den Liebesbrief nicht lesen kann; der Vater, der das Gedicht seiner Tochter nicht versteht; der Lagerarbeiter, der trotz eines Warnhinweises eine Palette auf ein Regal stellt und es zum Einsturz bringt: kostenlose Hinweise auf das „Alfa-Telefon“. Diese Hotline des Bundesverbands Alphabetisierung berät Betroffene, macht ihnen Mut, sich nicht abzuschreiben, und vermittelt sie auf Wunsch auch in Alphabetisierungskurse.

Wer Ursula Spranger in die Volkshochschule begleitet, trifft auf viele jüngere Leute, die mit ihr lernen, sich im Diktat versuchen und das Lesen üben. Der eine war Lastwagenfahrer und ist nun Hausverwalter – weder die Mieter noch der Arbeitgeber wissen, dass er nicht richtig lesen und schreiben kann. Der andere, ein Sinti, konnte es noch gar nicht und tastet sich langsam vor in die Welt der aufs Papier gebannten Worte. Dumm sind sie alle nicht – offensichtlich fehlte nur die entsprechende Förderung, um die Lernblockaden aufzubrechen.

„Wir machen die Schriftsprache durchschaubar“, gibt Lehrerin Birgit Kunzmann das Ziel vor. Wie das in einem Kurs funktionieren soll, wo einst die Schule die hierfür nötigen Techniken offensichtlich nicht vermitteln konnte, wo lange Zeit eine Armut an Büchern vorherrschte, wo niemand, oft auch nicht die eigenen Eltern, sich für Geschriebenes interessierte?

Pfannengemüsesorten und Bratapfelkuchenstücke

„Wichtig ist der Erfolg am Anfang. Wer sich hier abends ins Klassenzimmer setzt, der braucht das Gefühl, etwas wert zu sein und etwas Neues anpacken zu können“, sagt Birgit Kunzmann. Orthografische Schwierigkeiten klammern die Analphabeten zunächst aus, dann üben sie für jeden Buchstaben, jeden Laut, jede Silbe spezielle Handzeichen. Sie zerschneiden Mammut-Wörter wie Pfannengemüsesorten oder Bratapfelkuchenstücke in ihre Silben, sprechen sie laut, schwingen die Silben im Gehen mit ihren Händen, schreiben sie dann penibel auf.

Es dauert lange, bis auch ohne Bewegung die Schriftsprache ihre Abstraktheit verliert und zu etwas Lebendigem wird. Doch in der kleinen Gruppe bleibt für viele Zeit zum Ausprobieren, um das so verwirrende Buchstaben-Puzzle zu Sätzen zusammenzusetzen. Hier redet man mehr oder weniger offen über Frustration und Hilflosigkeit. Doch den allwöchentlichen Besuch des Kurses halten viele der Teilnehmer weiterhin geheim.

Nun sitzt Ursula Spranger wieder an ihren Hausaufgaben, manchmal unter den strengen Blicken der ältesten Enkeltochter. Rückhalt und Ansporn findet sie in der Gruppe, spürt immer neuen Ehrgeiz. Sie will den „Graf von Monte Christo“ endlich einmal lesen können, verrät sie zum Abschied. Und wird noch einmal nachdenklich, rekapituliert die vergangenen Jahrzehnte. „Ich habe mich geschämt. Ich habe mich gefragt, warum es gerade mich getroffen hat“, sagt die Frau, die heute wieder kämpft. Für ihren langfristigen Plan. Für sich. Und ein wenig, das ist ihr sehr wichtig, auch für diejenigen vier Millionen Analphabeten in Deutschland, von denen sie eigentlich nichts weiß. Aber von denen sie weiß, dass es sie gibt.

Alfa-Telefon (kostenlose und anonyme Beratung): 0251/533344

Bundesverband Alphabetisierung im Internet: www.alphabetisierung.de

E-Learning-Projekt für Analphabeten: www.apoll-online.de