Partner von
Partner von

Die Ballkönige

Das größte Kunststück im Fußballsport ist nicht das Tor aus unmöglichem Winkel, nicht das Dribbling durch drei Gegenspieler, nicht der mit den Handschuhspitzen aus der Torecke gekratzte unhaltbare Ball. Das größte Kunststück ist dauerhafter Erfolg.
Die Vereine Real Madrid und Ajax Amsterdam zeigen, dass völlig verschiedene Wege dorthin führen. Und dass veränderte rechtliche Rahmenbedingungen mitunter eine neue Strategie erfordern.




Es war ein schwerer Fall von Majestätsbeleidigung. Verprügelt, gedemütigt, lächerlich gemacht, schlichen die Königlichen vom Rasen. „Das war das schlechteste Real, an das man sich erinnern kann“, schrieb die spanische Sportzeitung El Mundo Deportivo am Tag nach der 1:4-Niederlage von Real Madrid beim Tabellenvierzehnten FC Sevilla. Vier Gegentore in einer Halbzeit – das hatte es bei Real zuletzt 1953 gegeben (beim 0:6 in Malaga). Der 9. November 2003 wird als schwarzer Tag in die Vereinsannalen eingehen.

Paradoxerweise sind es Tage wie dieser, die Real Madrid dringend benötigt. Würde die Mannschaft immer gut spielen, würde sie jedes Spiel gewinnen, würden sich nicht auch die teuersten Stars und weltbesten Spieler gelegentlich Aussetzer leisten, wer würde sich noch dafür interessieren? Spannend bleibt Fußball wie jeder andere Mannschaftssport, weil der Zuschauer vor Beginn nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Es mag einen Favoriten geben, aber der David muss gegen den Goliath immer eine Chance haben: Sonst stirbt jede Disziplin an Langeweile.

Aber natürlich ist es das Bestreben eines jeden Vereins-Verantwortlichen, dieses anarchische Moment im Fußball zu minimieren: Denn ein Vereinsapparat ist teuer, die Spieler sind noch teurer und die Fans anspruchsvoll. Unterschiedlich sind aber die Fußballkulturen und also auch die Strategien, die einen Verein langfristig erfolgreich machen. Ajax Amsterdam bildet aus, Real Madrid gibt aus.

29 spanische Meistertitel hat die Fußballmannschaft von Real Madrid seit Gründung des Vereins am Beginn des voriges Jahrhunderts errungen, neunmal den Europapokal der Landesmeister gewonnen, jenen Königswettbewerb, der mittlerweile Champions League heißt – von 1956 bis 1960 sogar fünfmal hintereinander. Der internationale Fußballverband FIFA hat Real Madrid zum Klub des 20. Jahrhunderts erkoren.

Doch es gab auch Durststrecken: Von 1967 bis 1997 holte der Verein jene Krone eben nicht. Die nationale Meisterschaft wurde regelmäßig gewonnen, auch schon mal der geringer gewichtete UEFA-Pokal, nicht aber der Königswettbewerb. Vor drei Jahren wählten die Vereinsmitglieder deshalb einen neuen Präsidenten, der mit der Launenhaftigkeit aufräumen sollte: Florentino Pérez, 56, Chef des Bauunternehmens ACS, des größten Spaniens und des drittgrößten Europas. Die Firma ist in mehr als 50 Ländern tätig und beschäftigt rund 90.000 Angestellte. „Das ist mein Job“, trennt Pérez seine beiden Tätigkeiten, „Real Madrid ist mein Hobby.“

Pérez ist Anhänger des Vereins, seit ihn sein Vater in den fünfziger Jahren mit ins Stadion nahm, um die Wundermannschaft mit den Weltstars Ferenc Puskas und Alfredo Di Stéfano zu bestaunen. Diese Zeit prägte ihn und seine Idee des Vereins, und als er sich um das Präsidentenamt bewarb, versprach er den Vereinsmitgliedern: „Jede Saison einen Superstar!“

Die Krönung jeder Fußballerkarriere

Er hielt Wort: Zunächst wurde der Portugiese Luis Figo eingekauft, FIFA-„Weltfußballer“ des Jahres 2001, vor zwei Jahren der französische Mittelfeldstratege Zinedine Zidane, seit vorigem Jahr spielt auch der brasilianische Wunderstürmer Ronaldo für Real. Doch der Coup schlechthin gelang Pérez 2003, als der schillernde britische Mittelfeldspieler David Beckham unter Vertrag genommen werden konnte.

Rund 213 Millionen Euro kosteten den Verein diese Verpflichtungen, aber Pérez konnte die Ausgaben leicht rechtfertigen. Denn zum ersten Mal in seiner Geschichte war Real fast schuldenfrei. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte Pérez das Vereinsgelände an die Stadt verkauft. Die Verbindlichkeiten des Klubs waren auf eine Höhe angestiegen, die seine Pläne zu gefährden drohten.

Schulden sind für südeuropäische Klubs normalerweise kein Problem. Dort gilt Fußball als schöne Kunst. Und Kunst braucht Mäzene. Also haben die großen spanischen und italienischen Vereine an der Spitze finanzkräftige Privatsponsoren, die eventuelle Fehlbeträge des Vereins aus der eigenen Tasche ausgleichen. Ob Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi beim AC Mailand, die Agnelli-Familie bei Juventus Turin oder der exzentrische Bauunternnehmer Jesus Gil y Gil, langjähriger Präsident von Reals Lokalrivalen Atletico Madrid: Geht es um den Ruhm des Klubs und die Spielstärke der Mannschaft, pflegt Geld keine Rolle zu spielen.

Da können nicht nur die kleineren Konkurrenten im eigenen Land nicht mithalten. Auch international erfolgreiche Vereine aus anderen europäischen Ländern, ob sie nun Bayern München oder Borussia Dortmund, FC Porto oder Paris St. Germain heißen, müssen regelmäßig ihre Stars abgeben, wenn die Klubs aus Südeuropa locken. Für die Spieler bringt der Wechsel nämlich nicht nur ein beträchtlich höheres Gehalt, sondern es gehört auch zu den Krönungen einer jeden Fußballerkarriere, eine Zeit lang bei einem der ganz großen Vereine gespielt zu haben. „Egal, ob Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“, wie es das deutsche Talent Andreas Möller mal auf den Punkt brachte.

In der Vergangenheit waren internationale Spielertransfers jedoch nur begrenzt möglich, denn die nationalen Fußballverbände verordneten sich patriotische Selbstbeschränkungen: Nur eine begrenzte Zahl von Ausländern durfte mitspielen. Die Zahl schwankte, in Italien war der Einsatz von Nicht-Italienern in den Siebzigern eine Weile sogar ganz untersagt. Die reichen Klubs Italiens und Spaniens konnten sich also nicht einfach die besten elf Spieler der Welt kaufen.

Ajax Amsterdam hätte das ohnehin nicht gekonnt. Der 28-fache niederländische Meister hatte nie viel Geld. Dennoch übte der Klub nicht nur national dieselbe Dominanz aus wie Real Madrid oder Bayern München in ihren jeweiligen Ligen, sondern gewann auch etliche internationale Titel. Geradezu erdrückend war die Überlegenheit der Mannschaft Anfang der siebziger Jahre, als sie dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewann. Ajax-Stars wie Johan Cruyff, Johan Neeskens oder Arie Haan gehörten zu jener niederländischen Nationalmannschaft, die bei der Weltmeisterschaft 1974 mit ihrem technisch hochklassigen Offensivfußball die Fans aus aller Welt begeisterte (auch wenn sie sich im Endspiel der deutschen Mannschaft mit 1:2 geschlagen geben musste). Eine ähnliche Strahlkraft hatte das Team Mitte der Neunziger, als es mit Spielern wie Patrick Kluivert, Edgar Davids oder Clarence Seedorf wieder weltweit fußballerische Maßstäbe setzen und 1995 die Champions League gewinnen konnte.

Technik, Intelligenz, Persönlichkeit, Speed

Dabei waren die Stars der Mannschaft fast immer Eigengewächse. Und obwohl die besten Spieler regelmäßig nach Italien oder Spanien abwanderten, konnte Ajax die Lücken immer wieder mit hochklassigen Nachwuchskräften schließen, die ihrerseits schnell zu Stars heranreiften. So bekam die Nachwuchsarbeit des Vereins mit der Zeit einen fast legendären Ruf. Aber was war es, das Ajax so erfolgreich machte? Talentspäher und Nachwuchsteams hatte schließlich mittlerweile jeder Zweitliga-Klub.

Die Ursachenforschung führt zurück in die fünfziger und sechziger Jahre, als der Fußballsport durch die Professionalisierung in eine neue Ära eintrat. Die gemütliche alte Zeit der Sportvereine war vorbei. Dennoch vertrauten auch die großen Klubs zunächst weiter darauf, dass sich in den Jugendmannschaften hin und wieder Talente hervortaten, die man später in die Profi-Elf übernehmen konnte. Was fehlte, musste man halt je nach finanziellen Möglichkeiten dazukaufen. Eine gezielte Ausbildung zum Berufsfußballer gab es nirgendwo.

Das wurde erst anders, als Ajax zu Beginn der siebziger Jahre die professionelle Jugendarbeit erfand. Der Verein errichtete eigene Internate, in denen besonders begabte junge Spieler eine intensive Fußball-Schulung erhielten. Das Konzept dazu hieß und heißt auch heute noch TIPS: Technik, Intelligenz, Persönlichkeit, Speed – das sind die Eigenschaften, die von einem Ajax-Spieler verlangt werden. Disziplin, Belastbarkeit, Flexibilität und Sozialverhalten sind weitere Kriterien, nach denen potenzielle Profis abgeklopft werden.

Jungtalente, die es durch dieses Ausleseverfahren schaffen, werden von Anfang an auf das 4-3-3-Spielsystem der Profi-Truppe hin geschult. Die Nummer neun der E-Jugend hat dieselben Aufgaben im Spiel wie die Nummer neun der Profis. Hat ein Teenager jahrelang in diesem System gespielt, muss er sich nicht umstellen, wenn er schließlich ins Profi-Team aufrückt. Er weiß, wo er die Mitspieler zu suchen hat, und die müssen sich nicht auf neue Laufwege einstellen, wenn ein frischer Mann ins Team kommt.

Das Konzept ging auf: Bis Mitte der neunziger Jahre konnte Ajax mehr oder minder erfolgreich in der Weltspitze mitspielen. Abwandernde Stars wurden aus dem eigenen Nachwuchs ersetzt, zudem kassierte der Klub ansehnliche Ablösesummen, wenn etwa der FC Barcelona einen Johan Cruyff oder der AC Mailand einen Frank Rijkaard verpflichtete. Solche Ablösezahlungen waren im Profi-Fußball sogar dann fällig, wenn der Vertrag zwischen Verein und Spieler ausgelaufen war. Diesen für Arbeitsrechtler sicherlich gewöhnungsbedürftigen Brauch rechtfertigten die Fußball-Funktionäre damit, dass der alte Verein aus dem Spieler schließlich erst das gemacht hatte, was ihn nun für den neuen wertvoll machte. Der Klub hatte Ausbildung, Trainerstunden und medizinische Betreuung investiert und wollte dafür beim Wechsel eine Rendite einfahren. Das eigentümliche System wurde allgemein akzeptiert – bis zu jenem Tag, da das EU-Recht in die abgeschottete Welt des Fußballs einzog.

Eine Naturkatastrophe sucht die Fußballwelt heim

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1995 erwirkte der arbeitslose belgische Spieler Jean-Marc Bosman vor dem Europäischen Gerichtshof ein Grundsatzurteil. Es besagte, dass Fußballvereine ihre Spieler nicht mehr daran hindern dürfen, nach Ablauf eines Vertrags den Klub zu verlassen. Dass sie Ablösesummen nur noch bei einem Vereinswechsel vor Vertragsablauf verlangen dürfen. Und mehr noch: Die nationalen Bestimmungen, nur eine begrenzte Zahl von Spielern aus dem Ausland agieren zu lassen, seien nicht vereinbar mit dem Recht eines jeden EU-Bürgers, überall in der Europäischen Union seine Arbeitskraft anbieten zu dürfen.

Der Straßburger Spruch hatte auf die fragil ausbalancierte Welt des europäischen Profi-Fußballs die Wirkung einer Naturkatastrophe. Ajax Amsterdam musste in kürzester Zeit große Teile der Mannschaft, die 1995 die Champions League gewonnen hatte, ablösefrei abgeben. Plötzlich fehlten dem Verein aber nicht nur die Spieler und die eingeplanten Einnahmen aus Spielerverkäufen: Weil die reichen Clubs im Einkauf nun kräftig sparen konnten, lockten sie begabte Spieler mit opulenten Gehältern. Um konkurrenzfähig zu bleiben, musste auch Ajax Amsterdam seinen Spielern die Bezüge erhöhen. Selbst der gute Ruf der Nachwuchsarbeit erwies sich nun als fatal, denn sogar die Jugendspieler wurden von Ajax weggelockt. „Die Klubs sehen nur: Er kommt aus Ajax’ Jugendschule, also muss er gut sein. Er kostet keine Ablöse, also können wir ihm eine Million Gehalt geben“, klagte seinerzeit Ajax-Mannschaftskapitän Danny Blind. „Von den Jungs hörst du nie wieder was.“

Auch das viel bewunderte Ajax-System wurde zum Problem. Kaum einer der Spieler, die der Verein in seiner Not nun aus allen Ecken der Welt dazukaufte, ließ sich auf die Schnelle integrieren. Doch als 1997 der Däne Morten Olsen als Trainer verpflichtet wurde, der der Mannschaft eine defensivere Spielweise verordnete, rebellierten alle: die Fans, die Presse, die Spieler. Stürmer Ronald de Boer riss es gar zu der ultimativen Beleidigung hin: „Morten Olsen ist ein deutscher Trainer.“

Olsen musste gehen, die Vereinsführung besann sich auf die alten Ajax-Tugenden und wurde wieder kreativ. Statt in einen weiteren Spieler investierte der Verein in einen ganzen Klub: Ajax erwarb 51 Prozent des südafrikanischen Erstligisten Cape Town Spurs, benannte den Klub in Ajax Cape Town um und baute ihn zur Zweigstelle Afrika aus, die der Zentrale Talente lieferte. Kooperationen mit anderen afrikanischen Vereinen folgten. Die Talentsichtung wurde auf Südamerika und Osteuropa ausgedehnt, das Fußballinternat ist mittlerweile genauso international besetzt wie die Profi-Mannschaft. Die Rückkehr der Ajax-Spielerlegenden Ronald Koeman als Trainer und Ruud Krol als Co-Trainer sowie des langjährigen Erfolgstrainers Louis van Gaal als Sportdirektor dokumentierte zu Beginn des neuen Jahrtausends auch nach außen, dass Ajax sich wieder auf die traditionellen Stärken besinnt. Dabei blieb die Vereinsführung realistisch genug, zu erkennen, dass es ganz ohne Zukäufe nicht mehr geht: So verpflichtete der Klub im Sommer 2003 den belgischen „Fußballer des Jahres“ Wesley Sonck. Als Ablöse überwies Ajax dem KRC Genk, an den Sonck vertraglich noch gebunden war, fünf Millionen Euro und überließ dem belgischen Klub zusätzlich zwei Nachwuchsspieler.

Ajax fährt also zweigleisig: intensive internationale Nachwuchsarbeit und Zukäufe, wo sie passen. Dss Konzept macht sich bezahlt: Derzeit führt Ajax in der nationalen Meisterschaft, in der aktuellen Champions-League-Saison spielen Koemans junge Wilde auch ganz gut mit.

Und Real? Nun, das Bosman-Urteil erfüllte den Herzenswunsch eines jeden südeuropäischen Klubpräsidenten. Befreit von der Beschränkung auf zwei nichtspanische Spieler, konnte Real die Mannschaft mit Portugiesen, Engländern und Franzosen aufrüsten. Das führte jedoch nicht zu einem Leistungssprung. Es zeigte sich einmal mehr, dass man die Spielstärke einer Mannschaft nicht aus den Fähigkeiten der Einzelspieler hochrechnen kann. Ein erfolgreiches Team benötigt eine Hierarchie, ein System, Spieler, die dieses System verstehen und umsetzen können, einen versierten Trainer und etwas Zeit. Schon daran fehlt es bei einem zum sofortigen Erfolg verdammten Klub wie Real. Niederlagen oder auch nur Platz zwei in der Meisterschaft sind nicht eingeplant.

Als Sündenböcke wurden regelmäßig die Trainer entlassen. Der deutsche Jupp Heynckes musste 1998 wegen Erfolglosigkeit gehen, obwohl er mit Real die Champions League gewann: In der nationalen Meisterschaft hatte es nur zu Platz vier gereicht. Bei Licht betrachtet, war der Verein trotz Bosman-Urteil keinen Schritt vorangekommen. Erst die Pérez-Ära brachte die Wende. Seit Amtsantritt des neuen Präsidenten konnte Real nicht nur jedes Jahr einen Titel holen (2001 und 2003 die nationale Meisterschaft, 2002 die Champions League), es kam so etwas wie Kontinuität auf, als Trainer Vicente del Bosque über drei Jahre seinen Posten behalten durfte (auch wenn er im Sommer 2003 durch den Portugiesen Carlos Queiroz ersetzt wurde). Die spektakulären Transfers brachten dem Verein weltweite Publicity, die Person David Beckham außerdem etwas von jenem Glamour, der in der Welt des Fußballs so rar ist.

Die beste Elf statt der besten elf

Doch Erfolge und Spektakel mögen wichtige Aspekte eines Weltvereins sein – um die Emotionen so richtig hochkochen zu lassen, muss auch der Wunsch der Fans nach Identifikation erfüllt werden. Das geht am besten mit Typen aus der Nachbarschaft. Diese Rolle muss seit Jahren der aus dem eigenen Nachwuchs hervorgegangene Stürmer Raúl Gonzalez Blanco, kurz Raúl allein ausfüllen. Immerhin ist er so etwas wie der erste spanische Fußballer auf Weltniveau und kann seinen teuer eingekauften Teamkollegen Figo, Zidane, Ronaldo und Beckham auf Augenhöhe begegnen.

Pérez hat in diesem Bereich bei Real noch Verbesserungsmöglichkeiten entdeckt. Der Präsident hat jetzt die Direktive ausgegeben, Real Madrid müsse „das Team der Zidanes und Pavons“ sein – also die Mannschaft, in der Weltstars wie Zinedine Zidane Seite an Seite mit Jungs aus dem eigenen Nachwuchs wie dem Abwehrspieler Francisco Pavon Erfolge erringen. Langfristig mag das die richtige Strategie sein. Kurzfristig kann es wehtun – wie beim besagten 1:4 in Sevilla, das nicht zuletzt dem unerfahrenen 21-jährigen Innenverteidiger Rubén angelastet wurde, der nach 26 Minuten beim Stand von 0:3 ausgewechselt wurde und den Rest des Spiels tränenüberströmt auf der Bank saß.

„Real Madrid muss mehr gewinnen als nur Pokale“, wiegelt Pérez ab. „Die Herzen der Menschen, das Lächeln der Kinder.“ Die Zahlen geben ihm Recht: „Als ich bei Real anfing, machte der Verein einen Jahresumsatz von 115 Millionen Euro. In dieser Saison ist es mehr als doppelt so viel, 240 Millionen“, rechnet er vor. Noch vor fünf Jahren habe Real Madrid das Stadion bei Heimspielen nie ausverkaufen können. Jetzt bekomme der Verein mitunter 200.000 Kartenanfragen mehr, als das Stadion Plätze hat. 70 Millionen Euro nehme der Verein pro Jahr durch Ticketverkäufe ein, vor fünf Jahren seien es nur 30 Millionen gewesen. „Wie jeder weiß, erstreckt sich die Leidenschaft für Real Madrid über die ganze Welt“, schwärmt Pérez weiter. „Natürlich stehen jetzt die großen Firmen bei uns Schlange, um mit unserer Marke für ihre Produkte zu werben.“ Zu Reals Werbepartnern gehören Siemens, Adidas und Pepsi. Mittlerweile liegt der Werbe- und Merchandising-Anteil am Jahresumsatz bei 40 Prozent. Ticket-Erlöse und der Verkauf der audiovisuellen Rechte erreichen nur jeweils rund 30 Prozent.

Auch Real ist also im Post-Bosman-Zeitalter angekommen. Der Verein gibt wie immer viel Geld aus, jetzt nimmt er überdies auch noch viel ein. Bei Ajax ist man dennoch nicht neidisch. Selbst wenn er das Geld von Real zur Verfügung hätte, behauptet Sportdirektor van Gaal, würde er dafür nicht dieselben Spieler kaufen wie Pérez: „Ich will nicht die elf besten Spieler. Ich will die beste Elf.“

Und so bleibt Fußball spannend. Es gibt kein Patentrezept. Wer die bessere Strategie hatte, weiß man erst im Nachhinein. Es gibt allerdings die Statistik: Sechsmal hatten es Real und Ajax bisher in den europäischen Wettbewerben miteinander zu tun – einmal gewann Real Madrid, fünfmal Ajax Amsterdam.