Der Lohn der Angst

Risiko ist das Haar in der Suppe der Erkenntnis.
Je mehr Wissen, desto mehr Risiko.




Der Höfling Damokles war in seiner Zeit das, was wir heute gern cool nennen. Die Legende vom mutigen Dienstboten am Hofe des Tyrannen Dionysios von Syrakus ist eine der tragenden Säulen des Risikobegriffs, wie wir ihn heute kennen.

Da sitzt nun Damokles an einer vom Tyrannen üppig gedeckten Tafel und verspeist, was das gehobene Tagesangebot der Antike so hergab: Brot, Fisch, Bohnen, Lupinen, Käse, Asphodeloszwiebeln und natürlich Wein. Über seinem Kopf aber schwebt, das ist der Witz, ein Schwert, vom übellaunigen Chef ausgewählt, an einem einzigen dünnen Haar.

Mahlzeit.

Seit diesem Abendessen leidet die Menschheit unter moralischen Verdauungsstörungen, und im Lauf der Zeiten wurden die Beschwerden immer schlimmer.

Das Damoklesschwert hängt heute überall, zieht sich vom Atomkraftwerk bis zum Zinsrisiko. Wann immer wir etwas bekommen oder erkennen, ersinnen oder beginnen, schwimmt ein Haar in der Suppe: das Risiko. Immer wenn du fröhlich bist, wenn du erhältst, was du ersehnst, bedenke, Mensch, dass es auch schief gehen kann – die Botschaft aus der Antike ist zum beständigen Hintergrundrauschen der Neuzeit geworden.

Freund Damokles hätte schon mit dem Begriff Risiko nichts anfangen können. Es waren Zeiten, in denen Helden noch Helden sein konnten. 

Helden kalkulieren nicht.

So wie Damokles unter dem Schwert speist, prügelt sich sein Sagenvetter Odysseus mit riesigen Zyklopen oder lässt sich mit heimtückischen Sirenen ein. Etwas früher und südöstlich von Odysseus nagelt David mit einer kleinen Steinschleuder Goliath nieder.

Wieder anderswo, im antiken Rom, werden Gladiatoren zu Volkshelden. Je tollkühner die Kämpfer auftreten, desto beliebter sind sie. Im Mittelalter wird der Ritter ohne Furcht und Tadel zum Leitbild der Eliten. In schweren Rüstungen prügeln sich erwachsene Menschen, in der Regel für erhabene Ziele. Sie ziehen tausende Kilometer durch unbekanntes Terrain, um Jerusalem zurückzuerobern.

Die unzähligen Generationen von David bis zu den Kreuzrittern haben eines gemeinsam: Risikobewusstsein kannten sie kaum. Irgendetwas Hehres, Hohes würde sie schon leiten, das genügte. Einzuschätzen, woher und wie scharf der Wind in Wahrheit pfeift, war ihre Sache nicht. Das erklärt sowohl Moral wie Mortalität dieser Tage.

Für uns dagegen scheint es völlig unvorstellbar, die Dinge und Vorgänge in unserer Welt nicht auf ihre Nebenwirkungen zu untersuchen. Das ist, ganz banal, Risikobewusstsein. Um so etwas überhaupt denken zu können, müssen Menschen sich für ihre Zukunft interessieren. Und das wiederum setzt voraus, dass sie daran Lust haben, dafür Zeit finden, also alt werden und die nötigen Instrumente und Methoden besitzen, um sich etwas wie Zukunft überhaupt vorstellen zu können.

Das Zeitalter der Helden von gestern war die Gegenwart. Im antiken Griechenland spielte Zukunft ebenso wenig eine Rolle wie im Imperium Romanum und im Früh- und Hochmittelalter. Das Morgen tauchte allenfalls im düsteren Orakel oder in der kühnen Prophezeiung auf. Oder als „Jenseits“. Die Menschen hatten andere Sorgen. Die agrarische Epoche war eben nur für all jene gemütlich, die nicht dabei waren. Die Energien der Menschen gingen für den täglichen Überlebenskampf drauf – den Kampf um die Ernte, gegen Naturgewalten, gegen allgegenwärtige Krankheiten. Man lebte von Tag zu Tag. In einer derart feindlichen Umwelt war man froh, den nächsten Morgen zu erleben. Entsprechend beeindruckend erscheinen uns heute die Heldentaten des Damokles, des Odysseus, der Gladiatoren und Ritter. Doch die Herren hatten wohl keine Wahl.

Der amerikanische Autor Peter L. Bernstein beschreibt das in seinem Buch „Wider die Götter“ so: „Bis zur Renaissance wurde die Zukunft kaum mehr denn als Glücksache oder als Resultat willkürlich erscheinender Wechselfälle wahrgenommen; Entscheidungen wurden meist instinktiv getroffen. Wenn die Lebensumstände so eng mit der Natur verbunden sind, bleibt für menschliche Einflussnahme wenig Raum. Solange die Erfordernisse menschlicher Existenz auf die Grundtätigkeiten von Fortpflanzung, Getreideanbau, Jagen, Fischen und der Suche nach Schutz und Unterkunft beschränkt bleiben, ist der Mensch schlichtweg außerstande, sich Lebensumstände vorzustellen, in denen er die Resultate seiner Entscheidung aktiv beeinflussen könnte. Ein Sparpfennig bedeutet keinen Gewinn, solange die Zukunft kaum mehr als ein schwarzes Loch ist.“

Diese zukunftslose Epoche, die trostlose Zeit vor der Erkenntnis nennen wir deshalb oft das finstere Mittelalter. Wo keine Zukunft ist, ist kein Licht. Die Energie, die Zukunft speist, heißt Wissen – und das bleibt niemals ohne Folgen.

Die Erfindung des Risikos

Der Horizont klärte sich allmählich auf. Was die Dunkelheit vertrieb, war Wissen. Im Zeitalter der Kreuzzüge stoßen die ritternden Europäer mit den denkenden Arabern zusammen. Das aufstrebende Reich bedient sich am Wissen des Fernen Ostens, Chinas und Indiens. Von allen neuen Künsten ist jene vom Umgang mit Zahlen die wichtigste. In der Alten Welt misst und zählt man geradezu barbarisch, mit Rechenstöckchen und Kieselsteinreihen. Das von den Hindus stammende und von den Arabern perfektionierte Zahlensystem erleuchtet den Horizont der Europäer.

Am Hof Friedrich II. in Sizilien wird der Austausch des arabischen Wissens, das wiederum das Wissen des Fernen Orients bündelt, mit den europäischen Werten geübt. Von nun an ist Heldentum nicht mehr das Heldentum der alten Tage. Im 13., 14. und 15. Jahrhundert verlieren die Männer ohne Nerven und ohne Zukunft allmählich ihre Bedeutung.

Die Gegenwart ist nicht mehr alles, was den Menschen bleibt. Sie wird zum Basislager für die Eroberung der Zukunft. Die Menschen ändern sich. Und diese Epoche erhält später einen ungemein treffenden Namen: Neuzeit. An der Schwelle zur Neuzeit gibt es neue Ideale, und ihre Vertreter unterscheiden sich von den alten Haudegen durch und durch.

Ab jetzt wird gerechnet.

Der Umgang mit dem neuen Zahlensystem schärft den Verstand, die Fähigkeit zur Abstraktion. Zugleich wird es möglich, nach vorn zu schauen, die nächsten Tage, schließlich Monate und Jahre zu planen: Vorratswirtschaft, Bankenwesen, Handel, Mobilität und Produktion sind die Folgen. Der venezianische Reisende Marco Polo ist an der Schwelle zum Zeitalter der Zahlen und des Kalkulierens einer jener neuen Helden, die bereits vom Wissen um die Möglichkeiten der Zukunft geprägt sind. Er plant nicht nur seine Reisen, die dem Handel dienen sollen, auf Jahre im Voraus.

Wer Stoffe und Gewürze über den halben Erdball vertreibt, der kann damit nicht umgehen wie mit Äpfeln und Birnen, die am Markt verkauft werden. Langjährige Expeditionen bedürfen der genauen Planung und Kostenrechnung der Güter, für die erhebliche Anstrengungen unternommen werden. Ohne das neue Zahlensystem und die Kunst der Kalkulation, der Risikoabwägung, ist das nicht vorstellbar. Darüber hinaus muss der neue Held des Zahlenzeitalters, der Kaufmann, im Voraus kalkulieren, wie die Chancen nach Absatz der Ware stehen, wenn sie unter großen Mühen herangebracht worden sind. Dabei bleiben Fragen offen: Werden die potenziellen Kunden von heute, die nach feiner Seide und Zimt gieren, auch in drei, vier Jahren, wenn die Ware vor Ort erhältlich sein wird, noch danach verlangen? Werden sie den Preis zahlen, der heute geboten wird? Wie steht es um die Gefahren einer langen Reise? Das und Unzähliges mehr muss der neue Held bedenken, kalkulieren, abwägen.

Der Ritter Don Quijote ist bereits im 16. Jahrhundert, bei Miguel de Cervantes, eine lächerliche Figur, ein Mann von gestern, ein zweidimensionaler Mensch, der gegen Windmühlen kämpft – was uns bis heute als Chiffre für aussichtslose Unternehmungen gilt.

Aus einem ganz anderen Holz ist der Genueser Christoph Kolumbus geschnitzt: „Informationen sind unerlässlich für das gute Gelingen jedes Unternehmens“, schrieb er. Kein Schicksal, keine dunkle Macht bestimmen den Lauf der Welt, sondern das Wissen um Gewinn und Verlust, um Chance und Risiko.

Die Zukünfte

Die Mathematik und die Zahlen verändern nicht nur den Umgang mit der Zeit und der Zukunft, sie verändern auch den Blick auf die Welt. Wer Zukünfte und mögliche Verläufe kalkuliert, schärft unaufhörlich seinen Geist. Er entdeckt neue Möglichkeiten.

Die Proportion findet Eingang in die Malerei, die wirkliche Dimension der Welt wird abgebildet. Es ist die größte Emanzipationsbewegung aller Zeiten: Der Mensch kann es sich leisten, die Welt so zu sehen und abzubilden, wie sie wirklich ist. Keine Götter, kein Dämon vermögen ihn davon abzubringen.

Mit den Zahlen dämmert also die Zukunft herauf. Und mit den Kalkulationen erscheinen die Nebenwirkungen, die Risiken, auf der Tagesordnung.

Die Herrschaft der Kalkulation – der Risikostaat

Im 17. und 18. Jahrhundert ist der Staat eine berechnende Größe geworden. Der Untertan wird gezählt, seine Produktivität geschätzt, sein Dasein kalkuliert. Im frühen Kapitalismus wird die Flut der Risiken ein Problem. Weil die Forscher immer mehr Wissen zu Tage fördern und das Leben zum Kalkül wird, häufen sich auch die potenziellen Gründe, mit Vorhaben zu scheitern. Die Schweizer Mathematiker Jakob Bernoulli und sein Neffe Nikolaus entwickeln Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das kalkulierte Risiko wird zum Regelfall – man kann berechnen, was wahrscheinlich eintritt.

Das Gesetz der Großen Zahl empfiehlt uns den Versuch, das Experiment, um die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses vorherzusagen. Statistiken werden angelegt. Man vergleicht, berechnet, sucht nach feineren Methoden, die Zukunft zu erschließen. Die Auswirkungen auf die bereits von der Aufklärung getriebenen Europäer ist enorm: Alles ist machbar, und selbst die Folgen des Machbaren, die Risiken und Nebenwirkungen, erscheinen nun nicht mehr bloß, wie in der ersten Phase der Zahlenwelt, als endlose Risikenlisten, sondern als vorhersehbar und damit beherrschbar. Experiment und Versuch verändern die Welt.

Was in der Zukunft zu gewinnen und zu verlieren ist, und was jetzt und heute dafür getan werden kann, wird zur neuen ökonomischen Methode, die bald die alte Ordnung vollends über den Haufen wirft: Der Kapitalismus ist die Herrschaft der Kalkulation, der energische Versuch, Risiken durch Wissen und Planung zu erfassen und zu umschiffen. Das Risiko selbst wird zum Gegenstand des kapitalistischen Handelns.

Versicherungen entstehen, planvolle Unternehmungen, die aus dem Risiko Kapital schlagen, dieses Kapital aber auch vor allem zur Abwehr der Folgen des Risikos verwenden. Das Risiko wird integriert. Verliert die Zukunft ihren Schrecken?

Zukunftsgläubigkeit, ein Symptom des 19. und 20. Jahrhunderts, ist ohne Zweifel die Folge der Offenbarungen der Zahl, die immer genauer unsere Zukunft zu erfassen vermag. Aus passivem Reagieren wird aktives Zukunftsgestalten.

Und doch vermischen sich die alten Helden mit den neuen Methoden bis in unsere Tage. Zum Ende des 18. Jahrhunderts verfasst Thomas Malthus seine nach damaligen mathematisch-statistischen Methoden astreine Apokalypse-Theorie von der Überbevölkerung, die er als größtes Risiko der kommenden Zeiten sieht. Bis heute leidet die Zukunftsforschung, die das Mögliche planen will und die dabei entstehenden Risiken zu erfassen sucht, an der Komplexität der Welt, die uns erst klar wurde, seit wir gelernt haben, sie zu berechnen.

Je mehr Szenarien, je mehr Methoden, so scheint es, desto unüberschaubarer werden die Zukünfte – und desto unberechenbarer ihre Risiken. Deshalb wird Risiko im Laufe der vergangenen zweihundert Jahre zum Inbegriff des Schlechten auf der Welt.

Der Mensch mag sich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Wissen seinen Preis hat: die Erkenntnis vieler Möglichkeiten, nicht bloß eines oder einiger weniger Wege, die in der dunklen, zahlenlosen Welt Schicksal genannt wurden.

Wer Risiken ablehnt, lehnt gleichsam den wichtigsten Erkenntnisschritt der Menschheit ab: durch Nachdenken, Planen und Rechnen zu Wissen und damit auch zu annähernder Gewissheit zu kommen.

Unendlich viele Systeme und Netze sichern uns heute gegen alle möglichen Risiken ab. Der Münchener Soziologe Ulrich Beck hat in den achtziger Jahren mit seinem Bestseller „Die Risikogesellschaft“ dem Zaudern der Sicherheits-Gesellschaft eine Stimme gegeben. „Die gesellschaftliche Produktion von Reichtum geht systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken.“ Reichtum aber ist nichts weiter als das Hinzufügen von Neuem zu Altem. Das gilt für Kapital wie für Wissen.

Nach Beck ist also das Neue an und für sich gefährlich – und die Risiken, denen sich die Gesellschaft heute aussetzt, so meinte Beck damals, seien längst außerhalb des kontrollierbaren Bereiches geraten. Es sind satte Töne, die da angeschlagen wurden, und ihr Einfluss musste in der wohlhabenden bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft groß sein.

Sie sind – bei aller Kritik an ihrem nach rückwärts gerichteten Kern – auch verständlich. Die Welt ist hoch komplex, und eine Flut an Informationen und Wissen schafft automatisch auch eine Flut möglicher Risiken und Nebenwirkungen. Es ist eine Frage der Zeit, bis Gesellschaften, die wie unsere zu den Information Rich gehören, nicht mehr hören wollen, was sie selbst heraufbeschworen haben: die Möglichkeit, nicht nur das Erstrebenswerte zu kalkulieren, sondern immer auch die Risiken darin zu erkennen. Der Preis von Erkenntnis ist Erkenntnis, und das führt nicht unbedingt schnurgerade zur Einsicht, sondern oft zu Verwirrung.

So ist es kein Wunder, dass sich die wissende Gesellschaft bisweilen nach ihren alten, tumben Helden sehnt, den Männern ohne Risikobewusstsein und Kalkulationsgabe, deren Instinkt jedes Kalkül im Keim erstickt. Die Rambos, Terminators oder die No-Risk-No-Fun-Gesellschaft, die sich – hundertfach versichert – mit Fahrrädern von Bergen stürzt oder bei 220 Stundenkilometern auf der Autobahn den Odysseus rauslässt, sind nichts anderes als der Mensch, der vor seinen eigenen Möglichkeiten erschrickt: die Zukunft und ihre Risiken gestaltbar zu machen.

Das geht vorbei.

Die Erkenntnis hingegen kann niemand mehr zurückdrehen. Die Zukunft ist da, und ihre Risiken vermögen wir zu erkennen. Sie sind kalkulierbar.

Wissen ist gnadenlos.

Doch keine Angst: Die Welt hat weit mehr daraus gewonnen als verloren.

Und keine Sorge: Es gibt kein Entrinnen.

Was für ein Glück.

Ulrich Beck: Die Risikogesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1986; 360 Seiten; 12,50 Euro

Peter L. Bernstein: Wider die Götter – Die Geschichte von Risiko und Riskmanagement von der Antike bis heute. Gerling Akademie Verlag, München, 2000; 480 Seiten; 29,60 Euro