Aufgefangen und gefesselt

Vietnam ist arm. Staatliche Wohlfahrt existiert in dem sozialistischen Land nicht. Private Versicherungen können sich nur wenige leisten. Dennoch bleiben die Vietnamesen mit ihren Risiken nicht ganz allein: Familie, Freunde, Nachbarn und die Religion helfen. Doch auch dieses Netz hat seinen Preis.




Der schnellste Weg in den Ruin ist ein Gang zum Arzt. Nguyen Thi Huong hockt mit angezogenen Beinen auf dem eisernen Krankenhausbett. Sie ist blass, ihre Wangen sind eingefallen. Mit einem Fächer aus Reisstroh wedelt sie ihrem Erstgeborenen Luft zu. Ihr Ehemann sitzt müde und mit hängenden Schultern auf einem weißen Plastikstuhl. Das Baby ist keine Woche alt, die Mutter gerade 19, der Vater auch nur ein Jahr älter. Sie kommen aus den Bergen an der chinesischen Grenze, einer der ärmsten Regionen des Landes. Und nun sollen sie 600.000 Dong zahlen, rund 48 Euro. Für eine Woche im staatlichen Krankenhaus in der Hauptstadt Hanoi, die Operation des Jungen, Medikamente, Hilfe der Ärzte und Schwestern. Die Krankenhauskosten werden also fast ihren gesamten Jahresverdienst fressen. Hinzu kommen Ausgaben für Fahrt, Übernachtung im Gästehaus, Reis, mal ein paar gekochte Bohnen oder Wasserkresse, Tee. Das Geld mussten sie natürlich leihen: von den Eltern, Tanten, vom Großonkel, von den Brüdern und Schwestern, Freunden. Versicherung? Huong schüttelt nur verständnislos den Kopf, zaghaft. Auch vom Staat, dem so genannten sozialistischen, ist keine Hilfe zu erwarten.

Die Schere öffnet sich

Vier Jahrzehnte Krieg, drei Millionen Tote, ungezählte Witwen, Waisen, Krüppel, dazu die kommunistische Wirtschaft: Die Bauern zogen erschöpfte Wasserbüffel durch die Reisfelder der Kolchosen, die Lehrer schleppten Steine auf dem Bau, die Kinder spielten mit verrosteten Kanonenrohren. Das Elend war groß, auch nach dem Krieg. „So, dass du dich vor Hunger nicht bewegen konntest“, sagt die Lehrerin Pham Nhu Quynh, 31, mal so nebenbei und wie selbstverständlich. „Aber das kennst du ja.“ Nein, das kenne ich nicht, woher auch? Ich kenne Steaks, Milchseen, Butterberge, volle Supermarktregale, den eigenen Fernseher bereits mit zehn, Stereoanlage mit 16, Auto mit 18 und für den Notfall Krankenversicherung, Sozialversicherung, Lebensversicherung, Arbeitslosenversicherung.

Mitte der achtziger Jahre lag Vietnam am Boden, die Menschen hungerten. Ungebrochen war nur der Nationalstolz, das Grundgefühl: Wir haben sie alle besiegt, die Franzosen, die Amerikaner, die Chinesen. Die Kommunistische Partei beschloss auf dem sechsten Parteitag 1986 den Doi Moi, den Kurs der „Erneuerung“ von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung. Konkret sollte das bedeuten, ein fettes Schwein im Hinterhof zu halten, eigene Hühner im Stall; dazu ein Nudel-Imbiss im Hauseingang. Und tatsächlich verwandelte sich die abgemagerte Kriegswaise Vietnam schnell in einen kleinen Tiger. 1989 war das Land bereits der drittgrößte Reis-Exporteur weltweit. Heute liegt das Wirtschaftswachstum gleich hinter dem von China bei 5,8 Prozent – Tendenz steigend. In der Altstadt von Hanoi werden Grundstücke von tausend Quadratmetern für rund vier Millionen US-Dollar verkauft. Viele Städter überlegen, ob sie nicht lieber vom Honda-Moped in einen Daewoo-Kleinwagen umsteigen sollen. Ihr Luxus-Problem ist die Parkplatznot. Die Bauern dagegen träumen noch immer von einem Sack Reis, einem Fahrrad oder Penicillin fürs kranke Kind. Die soziale Schere öffnet sich.

Drei Millionen Wohlhabende können aus eigener Tasche sogar mehrere Versicherungen bezahlen. Dem Staat dagegen fehlen die Mittel, um seine Doktrin sozialistischer Wohlfahrt zu verwirklichen. Nur sieben Millionen der 80 Millionen Vietnamesen sind als Staatsangestellte oder Kriegshelden kranken- und sozialversichert, und auch das oft unzureichend. Im Notfall bekommen sie kaum mehr als einen Zuschuss. Bleiben 70 Millionen, die keinen Schutz finden unter dem Dach der staatlichen Versicherungsgesellschaft Bao Viet mit dem schönen Slogan „Seien Sie sicher: Mit Bao Viet an Ihrer Seite finden Sie nach dem Sturm immer einen Regenbogen.“

Schnaps für die Ahnen

„In Vietnam sagen wir: So richtig fröhlich ist es nur im Haus.“ Mit leuchtenden Augen schwärmt Nguyen Quang Hung, Dozent für Philosophie an der Universität Hanoi und zurzeit als Doktorand in Deutschland, vom Zusammenhalt „im Haus“, also in der Familie. Eltern, Großeltern, Kinder, Tanten, Großtanten – in der Familie könne sich jeder sicher fühlen, die Hilfe der anderen sei garantiert. „Wir helfen uns immer. Natürlich!“ Aus Zuneigung, aus Liebe. „Mein Vater ist doch mein Vater, wie könnte ich da anders.“ Die Familie ist bei Konfuzius das Urmodell des Staates. In seiner Lehre vom großen Lernen empfahl der Weise vor 2500 Jahren, die Familie gut zu leiten und dann erst das Land zu regieren und die Welt zu befrieden. Denn wenn es schon in der Familie nicht hinhaut, wo dann?

Die Lehre des Konfuzius ordnet in Vietnam die familiäre Struktur. „Ich“ gibt es im aktiven Sprachgebrauch nicht. Der Einzelne existiert nur in der Beziehung zu anderen – als kleiner Bruder, große Schwester, jüngere Schwester der Mutter. Dieses Selbstverständnis verpflichtet. Es wäre unmöglich, als ältester Sohn nicht mit den Eltern unter einem Dach zu leben, sie nicht im Alter zu pflegen. Sogar nach ihrem Tod bleibt der Sohn den Eltern verpflichtet. So verlangt es der Ahnenkult. „Solange die Eltern leben, diene man ihnen, wie es sich ziemt. Sind sie tot, begrabe man sie, wie es sich ziemt, und opfere ihnen, wie es sich ziemt“, lehrte Konfuzius. Für die Vorfahren werden alle paar Tage Räucherstäbchen auf dem Ahnenaltar im Wohnzimmer abgebrannt, bei jedem Fest Reis und Suppe, Zigaretten, Cola oder Schnaps dargebracht – je nach den früheren Vorlieben der Verstorbenen.

„Die Pflichten sind umfangreich“, erklärt Hung, „wer es sich leisten kann, muss den anderen beistehen.“ Das kann schnell zu einer finanziellen Bürde werden: „Ich schicke die Kinder meines verstorbenen Bruders in die Schule und auf die Universität – genauso wie meine eigenen zwei Kinder. Wenn die Neffen und Nichten sagen würden: Du bevorzugst deine Töchter, das wäre eine große Schande.“ Auch seiner geschiedenen Schwester hilft Hung viel. „Sie baut in unserem Heimatdorf gerade ein kleines Haus für sich und ihr Kind. Da ihr Geld dafür aber nicht reicht, steuere ich den fehlenden Rest bei.“ Nein, niemals werde innerhalb der Familie Geld zurückverlangt. Das sei einfach so. Wer zahlen kann, zahlt. „Das Problem allerdings ist“, erzählt Hung, „in vielen Familien hat niemand Geld. Sie sind alle gleich arm.“ Egal also, wie fest die Struktur der Familie ist: Fehlt das Geld, sichert sie allein weder Alltag noch Notfall ausreichend ab.

„Spielfamilien“ helfen aus

Das fette Schwein zusammengeschnürt, seine 65 Kilo hochgehievt aufs Moped und ab zum Markt. Kein Fünf-Kilometer-Marsch mehr über den holprigen Dammweg zwischen den Feldern, kein vor Hitze fast totes Tier, kein Zerren bei jeder matschigen Pfütze – ein Traum. Den will sich so mancher im Dorf erfüllen. Vielleicht im Herbst. Da kommen endlich die zwei Millionen Dong (160 Euro) aus der Kasse der Ho Choi, der „Spielfamilie“.

Dafür lässt sich schon ein altes ostdeutsches Moped Marke Simson oder eine russische Minsk kaufen. Der Ethnologe und Vietnamspezialist Markus Vorpahl erklärt das Prinzip der Spielfamilie: „Ho Choi, das sind auf dem Land Gruppen von zehn bis fünfzehn Schulfreunden, Rekruten oder Arbeitskollegen, die sich vertrauen.“ Nach jeder Ernte werfen sie Geld in einen Topf. Jedes Mal wird es einem anderen ausgezahlt. „Die einen verheiraten dann ihren Sohn, die anderen kaufen Dachziegel oder eben ein Moped.“ Die Spielfamilien fungieren wie eine kleine Sparkasse. Und im Notfall springen sie auch als Krankenkasse ein, so Vorpahl: „Steht eine Operation bevor oder hat die Tochter eines Mitgliedes einen Verkehrsunfall, dann wird die Reihenfolge der Auszahlung getauscht.“

Im Dorf haben solche Vereine Tradition. Über Jahrhunderte gab es straff organisierte Vereine für Hochzeiten, Neujahrsfeste oder Beerdigungen. Die hohen Kosten der Feiern wurden auf alle Mitglieder verteilt. Ähnlich waren Bewässerungsarbeiten geregelt oder schwere Aufgaben wie das Pflügen und Setzen der Reispflanzen. Es war Pflicht jedes Dorfbewohners, seinen persönlichen Beitrag zu leisten. Weigerte er sich, wurde er innerhalb der Gemeinschaft isoliert und konnte für unterlassene Hilfeleistung sogar bestraft werden. Heute gibt es diese Gesetze nicht mehr. Grundsätzlich aber ist das System dasselbe wie vor 50 Jahren. So bilden sich etwa für Feldarbeiten oder Hausbau Gruppen, die sich gegenseitig helfen. Die Bezahlung besteht aus einem Essen und der späteren Gegenhilfe.

Auch in den Städten funktioniert dieses System. Eine Lizenz für die kleine Motorrad-Werkstatt? Der Vater ist kein Partei-Genosse, die Mutter nicht bei der Polizei. Woher also kommt der rote Stempel? Wie finde ich den Weg vorbei an der verstaubten, verknöcherten Bürokratie? Wer kennt wen, der jemanden kennt? Drei Telefonate reichen aus, und sie läuft an, die Maschinerie aus Freunden, Bekannten und Nachbarn. Das Ziel der Solidarität hat sich allerdings in den Städten verschoben. Im Vordergrund stehen dort Beziehungen, die einen Weg durch die Bürokratie bahnen, vorbei an Beamten und Polizisten. Da betreibt zum Beispiel Herr Nguyen eine illegale Karaoke-Bar im Keller, mit Musik, Schnaps und Prostituierten. Er kann sicher sein: Kein Nachbar würde es wagen, die Polizei zu rufen. Denn Nguyen weiß ja auch von den kleinen Hehlereien der Frau Tran von gegenüber. Und Herr Pham nebenan hat ohne Erlaubnis einen Ausländer bei sich wohnen. Nur dem alten Herrn Dung muss ab und an ein Umschlang mit Banknoten zugeschoben werden.

„In Vietnam herrscht ein ständiges Ungleichgewicht von Geben und Nehmen“, erklärt Gerd Mutz, Leiter des Münchner Instituts für Sozialforschung. „So bleibt es immer ein gegenseitiges Schuldverhältnis.“ Das kostet Zeit und Geld. Nicht, dass die Blumensträuße, Umschläge mit Geld, Gefälligkeiten bei Hausbau und Schweinezucht, Einladungen zu Frühlingsrollen, Bier und Schnaps jedes Mal größer, teurer, schöner sein müssten. Aber „jeder achtet darauf, dass es nicht vergleichbar, nicht aufzurechnen ist. Nur dann kann er sicher sein, dass der andere immer zur Hilfe genötigt ist“.

Im Soziologen-Jargon heißt dieses System „Verpflichtungsnetzwerk“. Die außerfamiliären Beziehungen sind das Rückgrat jedes Vietnamesen, „sie tragen stärker, als die Familie das je könnte“. Nein zu den Beziehungen zu sagen ist nicht drin. Einen Maschendrahtzaun ums traute Heim kann sich niemand erlauben. Je größer das Netzwerk, umso gesicherter die Existenz. „Wer außerhalb des Netzes steht, ist dumm dran.“

Wünsche kosten Mangos

„Hier, die Räucherstäbchen, die musst du anzünden. Für jeden Altar eines.“ Dabei bin ich gar keine Buddhistin. Doch die winzige alte Frau lacht, ihre Augen blitzen belustigt. Mit der rechten Hand schlägt sie mir beruhigend auf die Schulter und schiebt mich durch einen hölzernen Türrahmen in die verrauchte Pagode. „Das macht doch nichts. Es kann ja nicht schaden – und wer weiß? Je mehr du erbittest, desto besser.“

Während der Konfuzianismus den zwischenmenschlichen Verhaltenskodex bestimmt, sind Buddhismus und Taoismus für das seelische und leibliche Wohl der Vietnamesen zuständig. Für jedes Anliegen steht eine Gottheit bereit: die Göttin Quan Am für den Kindersegen; der Heilige Tai für das Geld; die drei alten Weisen Phuc, Loc und Tho für Glück, Wohlergehen und langes Leben. Außerdem gibt es Schutzgottheiten für Dörfer, Häuser, Schmiede oder Fischer. Wünsche gegen Opfergaben: gekochte Hühner, Reis, Betelnüsse, Zuckergebäck, Orangen, Mangos, Bananen und Geld. Neben diesem Appell an die guten Mächte müssen vorsorglich auch die bösen Geister mit Geschenken beschwichtigt werden.

Religiöse Rituale sollen Risiken minimieren. Doch das Vertrauen in die Religion geht so weit, dass für ein Gebet zuweilen die Gefahren maximiert werden. Auf den Straßen Vietnams sterben so viele Menschen wie fast nirgends sonst auf der Welt. Motorräder, Lastwagen und Autos donnern über holprige Straßen und durch zu enge Gassen. Zwischendrin Kinder, Wasserbüffel, Traktoren, Fahrräder. Rund 10.000 Tote gab es im vergangenen Jahr, fast 30.000 Verletzte. Das ist wie Krieg. Doch Beistand lässt sich finden. In den Tempeln von Tuyen Quang, einer Kleinstadt 170 Kilometer nördlich von Hanoi, versprechen die Götter vollkommene Sicherheit auf den Straßen. Der Weg dorthin lohnt also.

Die Juni-Nacht ist sternenklar und kühl. Zehn Mitglieder des Hanoier Motorradclubs rasen über die Dammwege gen Norden, mit hundert Stundenkilometern durch die Schlaglöcher, auf dem Sozius die Frauen. Einen Helm trägt niemand. Das wäre uncool, und die Haare der Frauen flögen nicht so sexy im Wind. Nach drei Stunden erreicht die Gruppe den ersten Tempel. Noch vor dem Frühstück macht der Reisschnaps die Runde. Dann geht es weiter. In elf Tempeln bitten die Motorrad-Rocker um sichere Fahrt. Erst bei Sonnenuntergang düsen sie zurück. Wieder eine Mordstour. Müdigkeit, Dunkelheit und reichlich Alkohol im Blut. Eine Gefahr? „Wo liegt das Problem?“, fragt Nguyen Duc Truong. „Wir haben doch gerade erst Hühner dargebracht – und so viele Räucherstäbchen angezündet.“

Letztlich bleibt Egoismus

Eine Versicherung befreit den Menschen von den Fesseln wirtschaftlicher und moralischer Abhängigkeiten – so sieht es der französische Soziologe François Ewald: „Versichert sich die Gesellschaft, finden die ökonomischen und sozialen Beziehungen ihre adäquate Regulierung in dieser Versicherung.“ Den Solidarpakt schließen anonyme Personen. Er stillt das eigene Bedürfnis nach Sicherheit und verpflichtet zu nichts außer einer vertraglich festgelegten Prämie. Eine Unterschrift unter die Einzugsermächtigung reicht. Niemand muss Rücksicht auf Partner nehmen. Anders in Vietnam. Dort gleichen die Verpflichtungsnetzwerke den fehlenden Versicherungsschutz aus. Die Prämie ist unbestimmt und unbegrenzt, zu zahlen in Geld, Zeit, Geschenken, Gefälligkeiten, Opfergaben.

„Die Menschen hier lieben die Gemeinschaft mehr als alles. Sie sind nicht so egoistisch und individualistisch wie im verruchten Westen“ – asiatische Politiker nutzen derlei Parolen gern, um ihre vernachlässigte Sozialpolitik zu verteidigen. Doch ist der Gemeinsinn nicht eher Eigeninteresse? Das weit gespannte soziale Netz eine Überlebensstrategie? „Viele der Werte, die heute als asiatisch bezeichnet werden, waren einst auch westliche Werte“, sagt der malaysische Premierminister Mahathir Mohamad.

Individueller Freiraum ist teuer, noch zu teuer für Vietnam. Noch liegt das Pro-Kopf-Einkommen weit unter dem der Tigerstaaten. Doch bereits jetzt warnt Le Thi, Professorin am Hanoier Zentrum für Familien- und Frauen-Studien: „Der Wunsch nach Geld und Individualismus hat in vielen Familien schon zu Spannungen geführt.“ Immer mehr Vietnamesen träumen von ein bisschen mehr Unabhängigkeit. Dinh Van Nghi, 42, reichster Bauer seines Dorfes und Verwaltungsbeamter, macht bei den Spielfamilien nicht mehr mit. „Das lohnt sich für uns nicht. Ich habe ja schon die Versicherung für meine Frau, die zwei Kinder und die Oma.“ Auch bei kollektiven Arbeiten hilft er nicht. Er zahlt lieber mehr Geld für Wasser und mietet sich Hilfskräfte für die Feldarbeit. Von solch einer Freiheit träumt die 28-jährige Tran Thi Kim Khanh bislang nur. Als Putzfrau in Hanoi verdient sie gerade genug zum Überleben, ein paar Dong bleiben für den Vater. „Oh, eine Versicherung wäre schön, die würde im Notfall einspringen. Dann müsste ich nicht heiraten.“ Sie würde gern ihre Unabhängigkeit bewahren. „Die Familie allerdings würde ich nie im Stich lassen!“

Doch ob versichert oder nicht – da sich das soziale Netz nicht nur bei Katastrophen bewährt, sondern auch im täglichen Stress mit Beamten, Polizei und Bewässerungsanlagen nötig ist, wird es so bald nicht wegbrechen. Nicht, solange der vietnamesische Staatsapparat an Parkinson leidet, ohne Kontrolle über die eigenen Glieder. Es gibt zwei Welten in Vietnam, sagt Achim Burkart, Wirtschaftsattaché der Deutschen Botschaft in Hanoi: die offizielle Regierungspolitik und die Realität. Solange das so ist, bleiben die Netzwerke das Schmiermittel gesellschaftlichen Zusammenlebens. So gilt auch für Vietnamesen mit finanzieller Absicherung das, was der Literat Ngo Tat To in den dreißiger Jahren schrieb: „Im Dorf ist der, neben dem zu Lebzeiten niemand sitzen will, extrem erniedrigt und so gut wie tot.“

Vu Thi Ngu, 61, ist Mutter von drei Kindern.

Früher war sie Bäuerin, heute hilft sie nur noch ab und an aus. Land oder Schweine besitzt sie nicht mehr. Sie bedauert, dass sie „absolut abhängig von den Kindern“ ist.

Was verdienen Sie im Monat?

Nichts, meine Kinder füttern mich durch.

Haben Sie eine Versicherung?

Meine Kinder wollten eine für mich abschließen, doch ich bin schon zu alt. Da wollte sie mir keiner mehr geben. Aber egal, ob ich eine Versicherung besitze oder nicht: Meine Kinder müssen immer für mich da sein. So muss das sein.

Nguyen Van Luoc, 63, ist Bauer und Vater von sieben Kindern.

Seine 33-jährige Tochter ist behindert. Drei fette Schweine verkauft er jedes Jahr, außerdem baut er etwas Reis an. Das reicht für das tägliche Essen. Eine Versicherung besitzt er nicht.

Worin besteht Ihre Altersvorsorge?

Ich hatte mal eine staatliche Versicherung. Im ersten Jahr kostete das nur 45.000 Dong (3,60 Euro), dann wurde es immer teurer und kostete bald mehr als das Doppelte. Das konnte ich nicht mehr zahlen.

Was tun Sie, wenn Sie mal krank sind?

Vergangenen Monat musste ich mit einem Virus für eine Woche ins Krankenhaus. Das hat mich 200.000 Dong (16 Euro) gekostet. Im ganzen Jahr verdiene ich 2,5 Millionen (200 Euro). Geholfen hat niemand, nicht einmal meine Kinder. Sie haben auch kaum Geld.

Was ist Ihr Traum?

Eine Versicherung würde sehr helfen. Dann könnte ich einen Arzt bezahlen, und meine Kinder bekämen vielleicht Geld für meine Beerdigung. Die soll schön und feierlich werden.

N.N. (weiblich, 26) lebt ohne Versicherung illegal in Deutschland, seit Schlepper sie für 8000 US-Dollar herbrachten.

Wer hat den Schlepper bezahlt?

Verwandte.

Was kostet Ihr Leben hier?

Meine Schwester, die schon lange in Deutschland lebt, hilft aus. Sie zahlt alles.

Wie finanzieren Sie Arztbesuche?

Mit einem geliehenen Krankenkassenschein.

Was ist Ihr Traum?

Ein besseres, gesichertes Leben. Ein Mann mit deutschem Pass.

Le Thi Thuc, geboren 1916, war ihr Leben lang Bäuerin. Sie ist verwitwet und hat fünf Kinder.

Wie viel Geld bekommen Sie im Monat?

Keines. Nur manchmal schenken mir meine Kinder ein paar Dong, vor allem zu Neujahr.

Was kostet das tägliche Leben?

Ich lebe bei einem meiner Söhne, da zahle ich doch nichts.

Haben Sie eine Versicherung?

Ich war noch nie im Krankenhaus. (lacht, dass die schwarz lackierten Zähne blitzen – eine gut hundertjährige Mode, die unter anderem helfen sollte, Mädchen besser zu verheiraten). Nur bei den Geburten meiner Kinder war ich in der kleinen Gesundheitsstation drüben hinter dem Dorfplatz.

Was ist, wenn Sie mal eine Grippe haben?

Dann kümmern sich meine Kinder um mich. Sie wechseln sich ab.

Wie wäre es, wenn Sie eine Versicherung hätten?

Das wäre toll. Meine Kinder bräuchten nicht mehr für Medikamente zahlen. Aber sie müssen mir natürlich auch dann noch helfen. Das ist die Pflicht der Kinder.