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Akademisches Wissen in ein lebensfähiges Start-up zu verwandeln ist auch in Amerika, dem Land der Gründer, kein Kinderspiel. Dazu sind unternehmenslustige Forscher nötig und wohl temperierte Ausgangsbedingungen. Die aber sind so schwer zu kalkulieren wie ein Experiment in der Grundlagenforschung.




Gründen ist ein gründliches Geschäft. Vor vier Jahren eröffneten die beiden Professoren Malcolm Potts und Richard Helm ihrem Arbeitgeber Virginia Tech University, sie hätten ein Verfahren entwickelt, um lebende Zellen zu trocknen, ohne sie dabei abzutöten. So ließen sich Kulturen bei Raumtemperatur langfristig lagern. Obwohl sich ein halbes Dutzend Biotech-Firmen umgehend bei den Forschern an der kleinen Universität im Hinterland von Washington D.C. um eine Lizenz bewarben, wimmelte die Hochschule die Interessenten erst einmal ab und meldete das Verfahren in den USA und Europa zum Patent an. Die Erteilung steht in beiden Fällen noch aus. Aber Professor Potts wurde sich im Herbst 2001 mit einem alten Bekannten aus der Pharmabranche einig, seine Laborversuche weiterzuverfolgen. Und zwar in einem Start-up.

Aus dem Professoren-Projekt entstand Anfang 2002 das Unternehmen Anhydrocyte. Gründer und CEO Mark Berninger sitzt mit einer Handvoll Angestellter in einem Biotech-Park am Rande der US-Hauptstadt Washington. „Malcolm Potts war Kolumbus und legte hervorragende Grundlagen im Labor“, sagt er. „Wir spielen erste Siedler und folgen seinen Spuren. Aber wir brauchen erhebliche Mittel, um die Technologie einsatzfähig zu machen.“ Dank staatlicher Aufträge hat Berningers Start-up im ersten Jahr mehr als 200.000 Dollar in die Weiterentwicklung investieren können. „Die Chancen stehen gut, dass wir bald weiteres Kapital auftreiben können“, sagt Berninger, dem Potts nur als Teilzeitberater gegen Aktien, aber ohne Entgelt zur Verfügung steht. Sein Lehramt für Anhydrocyte aufzugeben, das fiele Professor Potts nie ein.

So sieht der Alltag bei Ausgründungen amerikanischer Universitäten aus: kleine, beharrliche Schritte, die im Schnitt erst vier bis neun Jahre nach der Entdeckung kommerzielle Früchte tragen. Dennoch haben Uni-Start-ups ihre eigenen Legenden, die gern hochgehalten werden, um den im Vergleich zu Europa angeblich so quicklebendigen Unternehmergeist der Akademiker von Silicon Valley bis New York zu illustrieren. Cisco Systems, Silicon Graphics, Genentech, Chiron und Amgen gingen allesamt aus Erfindungen an kalifornischen Hochschulen hervor. Wagemutige Tüftler machten daraus Start-ups, die heute internationalen Ruhm genießen. Die Sage stimmt – aber ein vollständiges Bild dessen, was sich zwischen Labor und dem Parkett der Nasdaq abspielt, vermittelt sie nicht.

In Wahrheit wachsen nur wenige Ideen, die an US-Universitäten ausgebrütet werden, zu Neugründungen heran. Selbst wenn aussichtsreiche Erfindungen diverse Hürden in einem komplizierten Ausleseprozess nehmen, lässt sich die Hochschule und nicht der Erfinder die Entdeckung patentieren und vergibt dann Lizenzen an etablierte Unternehmen. Die Berater vom McKinsey-Büro in San Francisco sprechen deshalb von einer „Kommerzialisierungslücke“, etwa im Bereich Biotechnologie. „An Universitäten wird jede Menge geistiges Eigentum geschaffen, aber es klafft eine Lücke zwischen Grundlagenforschung und Markteinführung, die schwer zu schließen ist“, sagt Projektleiter Mike Kennedy. Was Professoren produzieren, ist selten das, was Venture-Capital-Investoren suchen.

Wie viele brillante Einfälle und wie viel Geld die Forscher sowie die von der Universität Beauftragten für Technologie-Transfer dabei „auf dem Tisch liegen lassen“ (so spricht man über derart verpasste Chancen in der Branche), das lasse sich nur ansatzweise hochrechnen. So viel steht für Kennedy und seinen Beraterkollegen Jean Drouin fest: Das Füllhorn der Grundlagenforschung wird über mehrere Schritte zu einem Trichter mit eingebautem Filter, aus dem am Ende relativ wenige neue Unternehmen tröpfeln. „Die Kommerzialisierung akademischer Erfindungen in diesem Land ist eine Erfolgsstory, keine Frage“, sagt Drouin. Aber ebenso sei klar, dass es reichlich Gelegenheiten gebe, noch mehr herauszuholen. Woran es fehle, seien bessere Strukturen, die Professoren zu einem früheren Zeitpunkt mit Geldgebern und Managern – also dem Markt – in Kontakt brächten und die dem Markt klar machten, was an Neuem in Uni-Labors entsteht.

Der Forscher forscht, Staat und Hochschule verdienen

Im Kessel der Kreativität sprudelt es munter. Nicht zuletzt, weil das National Institute of Health (NIH) immer mehr Geld in die biotechnologische und medizinische Grundlagenforschung steckt. Zwischen 1992 und 2002 wuchs die Summe von 7,1 Milliarden auf 16,8 Milliarden Dollar. Präsident George W. Bush kündigte zwar an, den jährlichen Zuwachs von 15 auf zwei Prozent zurückzufahren, aber das wird am Bild wenig ändern. Gut zwei Drittel aller Forschungs- und Entwicklungsarbeit an US-Hochschulen im Jahr 1998 waren Grundlagen gewidmet, errechnete die National Science Foundation. Nur 24 Prozent entfielen auf angewandte Forschung und weitere sieben Prozent auf Entwicklung – genau jene Bereiche, die für kommerzielle Interessen lohnen.

Weil die meisten Forschungsprojekte vom NIH oder anderen Behörden gefördert werden, greift ein 1980 in Kraft getretenes Gesetz namens Bayh-Dole-Act. Es legt fest, dass mit Bundesmitteln finanzierte Entdeckungen patentrechtlich geschützt werden müssen – und dass der Bund ein kostenloses Lizenzierungsrecht genießt. Darüber hinaus behält die Universität die Rechte und soll bei Verträgen die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen im Auge behalten. Das vom Kongress beschlossene Recht hatte zwei wichtige Folgen. Zum einen legte sich seit 1980 die große Mehrheit der Hochschulen ein Büro für Geistiges Eigentum und Technologie-Transfer zu (das erste seiner Art gab es bereits 1912 als „Research Corporation“ in Berkeley). Heute unterhalten mehr als 200 Hochschulen ein eigenes Transfer-Büro. Zum anderen explodierte die Zahl akademischer Patente: Vor Bayh-Dole wurden jährlich weniger als 250 und somit weniger als ein halbes Prozent aller US-Patente an Universitäten vergeben. Im Jahr 2000 lag die Zahl bei mehr als 3700 – das entsprach rund zwei Prozent.

Nur die wenigsten Entdeckungen münden in ein Start-up

Ein schöner Fortschritt, könnte man meinen. Das Problem dabei: Wer sich nur auf die Patente konzentriert, lässt eine Menge Forschungsergebnisse außer Acht. Professoren und Studenten, die eine mit Fördermitteln finanzierte Erfindung machen, sind verpflichtet, sie der Universität mitzuteilen. Im Jahr 2000 lagen 13 032 dieser so genannten „Disclosures“ vor, wie der Dachverband der Transfer-Büros AUTM ermittelte. Für nur knapp die Hälfte dieser Entdeckungen (6375) wurde ein Patentantrag eingereicht, und wiederum rund die Hälfte davon (3764) erhielt das Gütesiegel „neuartige, nicht offensichtliche Erfindung“. Auf die Biotechnologie entfällt mit 46 Prozent aller Patente der mit Abstand größte Teil aller universitären Innovationen. Noch kleiner wird die Teilmenge, wenn man sich die Zahl der Neugründungen ansieht, die aus akademischen Erfindungen hervorgingen: Es waren 454 im Jahr 2000 und 344 im Jahr davor. Selbst im Boom-Jahr 2000, also vor der Vertrauenskrise an den Finanzmärkten, schafften nur 3,5 Prozent aller Uni-Entdeckungen den Sprung zur Ausgründung. Warum so wenige, fragt man sich, obwohl die Hochschulen doch Büros unterhalten, die seit gut 20 Jahren nichts anderes tun sollen, als erfinderischen Akademikern den Weg in die Wirtschaft zu ebnen? „Das Problem liegt beim Auftrag vieler Unis“, sagt der gebürtige Deutsche Wolfgang Tölle, der seit 1990 in Amerika lebt. Als Manager bei diversen Technologiefirmen, Chef einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Virginia und heute CEO seiner eigenen Beratungsfirma für Gründer namens Launch Dreams, kann Tölle auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. „Wirtschaftsförderung steht zwar in der Gründungsurkunde einer Uni“, sagt er, „Transferbüros betrachten es aber als ihren Auftrag, die Einnahmen aus Lizenzen und Tantiemen für die Universität zu maximieren.“ Der wirtschaftliche Erfolg von Start-ups im Umkreis einer Hochschule, sagt Tölle, werde selten als Erfolg der Transferbüros gewertet.

Die Lizenzvergabe von Hochschul-Patenten an bestehende Firmen sind bis heute die gängige, weil relativ risikofreie Methode, um Erfindungen auf den Markt zu bringen und damit Erträge für die Universität zu erwirtschaften. Traditionell führen die besten Hochschulen des Landes mit ihren gut finanzierten Forschungsabteilungen auch die Hitliste der Einnahmen aus Lizenzen und Tantiemen an, allen voran der Verbund der University of California mit seinen zehn Ablegern von San Francisco bis San Diego.

Im Jahr 2000 strich der kalifornische Universitäts-Verbund 261,5 Millionen Dollar an Lizenzgebühren ein, 12,5 Prozent seiner Forschungsausgaben. Für die hohe Summe ist vor allem der Vertrag mit der Biotechfirma Genentech für ein Patent auf das Erbgut eines menschlichen Wachstumshormons verantwortlich. Auch die Florida State University kann sich über einen hoch dotierten Vertrag freuen. Ihr gehören die Rechte am Sportdrink Gatorade; die Lizenzeinnahmen finanzierten der Hochschule allein im Jahr 2000 die Hälfte des gesamten Forschungsbudgets, 67,5 Millionen Dollar. Bei den meisten Hochschulen liegt die Deckungsquote durch Lizenzen zwischen einem und vier Prozent. „Nur ein Drittel aller Transferbüros decken überhaupt ihre Betriebskosten“, schätzt der Leiter des Transfer-Büros an Virginia Tech, Keith Jones.

Für die Wissenschaft zählt die Entdeckung, nicht der Markt

Ausgründungen sind seit jeher nicht die erste Wahl, wenn es darum geht, Geld für die Hochschule einzuwerben. Weder die Uni-Verwaltung noch ihre Transfer-Büros, noch die Professoren halten sie für erstrebenswert. In einer Studie, die 2001 an 62 führenden US-Universitäten von der California Management Review erhoben wurde, rangierte der Wunsch nach ungebundenen Forschungsgeldern auf Platz eins. Finanzierung durch kommerzielle Nutzung universitären Know-hows folgte erst auf Platz drei.

Die Zurückhaltung hat unterschiedliche Ursachen. Professoren sehnen sich nicht nach einem Leben als Unternehmer. Um an der Universität voranzukommen und die begehrte „Tenure“ zu erhalten – den mit dem Beamtenstatus vergleichbaren Lehrauftrag mit entsprechender Besoldung – zählen vor allem Veröffentlichungen in der Fachliteratur und die Lehre. Wer hingegen Ideen in Produkte umsetzt, womöglich Risikokapital beschafft und Arbeitsplätze schafft, fehlt im Hörsaal und schadet dadurch seiner akademischen Karriere. „Es gibt in der Regel keine Anreize, sich in der Kommerzialisierung zu engagieren“, sagt Tölle. Viele Bundesstaaten verwehren den Akademikern öffentlicher Hochschulen sogar per Gesetz ein Engagement in der Privatwirtschaft, um Interessenkonflikten vorzubeugen.

Ohne private Geldgeber geht es nicht

Auch der individuelle Forscherdrang verhindert so manche Unternehmensausgründung. „Die für Investoren wirklich interessanten Dinge interessieren einen Professor nicht“, glaubt Keith Jones vom Transferbüro der Virginia Tech. „Die pure Entdeckung ist aufregend und relevant, nicht die Aussicht, einen Prozess zu entwickeln, um ein Experiment x-mal zu wiederholen und damit für die Produktion zu optimieren.“ Aber nur wer diesen „proof of concept“ vorlegen kann, findet Gehör bei Venture-Capital-Finanziers, ohne die es meist nicht geht.

Der Staat fördert in erster Linie die Grundlagenforschung, die schon von ihrer Definition her weit entfernt ist von einer kommerziell überlebensfähigen Produktentwicklung. Danach sind private Gelder nötig, denn für den Schritt von der Grundlagenforschung bis zum Start-up, der nach Schätzungen 50.000 bis 200.000 Dollar kostet, gibt es weder Fördermittel vom Staat noch von der Universität. Nur wenige Hochschulen haben einen Community Fund wie die Boston University, die ausdrücklich in hausgemachte Biotech-Firmen im Gründungsstadium investiert, um die regionale Wirtschaft zu fördern und das Uni-Portfolio aufzufüllen.

Allen anderen bleibt nur die Suche nach privaten Geldgebern, die bereit sind, Erfindern und ihren akademischen Beratern auf dem Weg in den Markt beizustehen. „Es gibt nur wenige Quellen, um durch dieses Tal des Todes zu kommen, ohne zu verdursten“, sagt Keith Jones. Sein Büro begutachtete im vergangenen Jahr 109 Disclosures (Entdeckungen) und erhielt 16 neue Patente. Jones schloss zwölf neue Lizenzverträge ab und half, ein halbes Dutzend Start-ups aus der Taufe zu heben. Um diese Gründungen so gut wie möglich zu unterstützen, ist seine Universität an Beteiligungen interessiert. „Wir probieren alles, was der Kommerzialisierung hilft.“ Für ein Aktienpaket werden beispielsweise die bei Abschluss fälligen Lizenzgebühren gesenkt – in der Hoffnung, statt eines kurzfristigen Einkommensstroms langfristig Kapital zu schaffen, das in der Region bleibt. Derart umsichtige Gründungshilfe von Transferbüros beobachten Experten seit den achtziger Jahren. Dabei haben sich Universitäten als umso aktiver gezeigt, je weiter sie von erstrangigen Biotech-Clustern wie San Francisco und Boston entfernt sind.

Langfristiges Denken stärkt Universität, Unternehmen und Region

Stanford ist nah. Die Universität im Herzen des Silicon Valley gilt als Wiege ungezählter Hightech-Firmen, allen voran Sun Microsystems, Yahoo oder Google. Für die Leiterin des Stanford Transfer-Büros ist es aber völlig irrelevant, ob Ideen zu Ausgründungen oder Lizenzverträgen führen. „Wir sind da völlig neutral“, sagt Katharine Ku, „Lizenzen sind der Kern unserer Arbeit.“

Sobald eine Entdeckung gemeldet wird und noch bevor überhaupt ein Patentantrag gestellt ist, nehmen ihre 25 Mitarbeiter mit einschlägigen Firmen der Umgebung Kontakt auf, um die Marktchancen auszuloten. „Wir schreiben in der Regel 20 bis 30 Unternehmen an, um deren Interesse abzuschätzen. Eine Ausgründung kommt nur in Frage, wenn sich keine andere Möglichkeit findet, die Erfindung auf den Markt zu bringen.“ Gründern hilft die Elite-Universität „nur informell. Professoren und Studenten haben hier aber alle Möglichkeiten, sich über Kommerzialisierungs-Chancen zu informieren. Das tun sie auch, da bleibt nicht viel liegen“, sagt Katharine Ku.

Die Haltung klingt einleuchtend. Stanford ist der Knotenpunkt eines gut entwickelten Infrastruktur-Netzwerkes. Rundherum tummeln sich Kapitalgeber, Berater und andere Start-up-Dienstleister, so dass die Universität den Spezialisten nur Konkurrenz machen würde, wollte sie mehr sein als Türöffner oder „Heiratsvermittler“. Zudem fungieren an Gründungshochburgen wie Stanford Professoren als Mentoren für jüngere Kollegen, die sich mit dem Gedanken an ein Start-up tragen. Die Folge: Das Stanford University Office of Technology and Licensing besteht seit 1969, hat bislang 4800 Entdeckungen bekannt gemacht und knapp 2000 Lizenzen erhalten. An 117 Firmen beteiligte sich die Universität – eine relativ kleine Zahl angesichts der unternehmerischen Aktivitäten in der Region.

Das Gegenbeispiel ist die staatliche University of California San Diego. „Unsere Daseinsberechtigung liegt darin, die örtliche Wirtschaft zu fördern“, sagt der Leiter des Büros für Technologie-Transfer TTIPS, Alan Paau. „Vor 20 Jahren war San Diego eine verschlafene Stadt für Touristen und die Marine. Heute haben wir ein nennenswertes Biotech- und Telekom-Cluster. Es ist kein Zufall, dass die zwei regionalen Schwerpunkte mit den Stärken unserer Universität übereinstimmen.“ Die Aufholjagd der UC San Diego schlägt sich in Zahlen nieder: Allein im vergangenen Jahr wurden 290 Entdeckungen bekannt gemacht, 80 Patentanträge gestellt und 47 Patente erteilt. Zehn davon führten zu Neugründungen.

Partnerschaften mit Finanziers sorgen für Fortschritt

„Statt eine Lizenzgebühr zu kassieren und dann Auf Wiedersehen zu sagen, setzen wir auf Beteiligungen und vertrauen unsere neuen Technologien lieber Start-ups an. Wir hoffen nicht auf die schnelle Million Dollar Tantieme, sondern auf langfristigen Erfolg – und auf fünf bis zehn Millionen Dollar Return on Investment“, erklärt Paau. Das komme dem örtlichen Arbeitsmarkt zugute, schaffe außerdem eine dauerhafte Partnerschaft zwischen der Universität und den Unternehmen drum herum. Wird eine Universität Minderheitsaktionär, ist das auch ein Signal für private Investoren. Um deren Skepsis zu zerstreuen, hilft Paaus Büro den Akademikern, die Schwelle von der Grundlagenforschung zur Konzeptstudie zu überschreiten. „Wir wollen ein Inkubator sein, allerdings ohne in Immobilien einzusteigen. Wir bringen die Wissenschaftler mit potenziellen VCs in Kontakt, helfen ihnen bei der Suche nach einem Management-Team und dabei, wie sie ihre Ideen im besten Licht präsentieren.“

Die vier Stunden Autofahrt vom Biotech-Zentrum Washington entfernte Virginia Tech University geht noch einen Schritt weiter. Sie hat gemeinsam mit drei VC-Firmen aus der Region Ende 2001 den Accelerator VT Knowledge Works gegründet. Dessen nur locker mit der Hochschule verbundene Experten sichten Ideen auf ihre Verwertbarkeit, helfen bei der Aufbereitung des Businessplans und investieren, wenn nötig, 80.000 bis 100.000 Dollar, um bis zum Proof of Concept, dem Testnachweis, zu gelangen, bei dem ein Anleger anbeißt. Die Business School der Universität stellt zudem Experten, um ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Neben Beteiligungen der Partner-Fonds bekommt das Gründerzentrum zwei Prozent der Aktien. „Wir haben nur einen Venture-Capital-Investor am Ort, der in Biotech-Ausgründungen in der Anfangsphase investieren würde. Insofern ist VT Knowledge Works ein enorm wichtiges Bindeglied zum Finanzsektor in Washington und North Carolina“, sagt Jones.

Was fehlt, sind Mut und Reformen

Überall fehlt es zurzeit an Geld. Die Schere zwischen VCs, die nicht Ideen, sondern ausgereifte Modelle suchen, und Professoren, die gerade erst den Heureka-Moment ausgekostet haben, hat sich wegen der Börsen-Baisse noch weiter geöffnet. Die Stiftungen von US-Universitäten haben ihr Engagement in Venture Fonds seit 2000 von 12,6 Prozent auf 3,9 Prozent gesenkt. Auch VCs investieren nur noch selten in die Frühphase von Projekten. Im Jahr 2002, so ergab eine Umfrage des VC-Spezialisten Moneytree, ging gerade noch jeder fünfte Risikokapital-Deal an Early-Stage-Unternehmen. Zwei Jahre vorher war es noch jeder zweite. „VCs sind so vorsichtig geworden, dass nicht mehr viel an Universitäten fließt“, sagt Branchenkenner Tölle. Alan Paau frotzelt: „Die VCs sitzen auf Geld, sie wollen es nur nicht anlegen. Aber das Wort Venture in ihrer Berufsbezeichnung hat eben auch etwas mit Wagemut zu tun.“

Es mangelt an Mut, aber auch an Reformen des Systems. Die Berater von McKinsey San Francisco haben bei ihren Recherchen unter VC-Firmen und Universitäten nur in Ansätzen Strukturen gefunden, die tatsächlich geeignet sind, die „Kommerzialisierungslücke“ zwischen Geld und Expertise rasch und dauerhaft schließen zu können. Dabei wären viele Konstruktionen denkbar. Einerseits kann man, dem Beispiel von Virginia Tech folgend, eine Stiftung gründen, die Wissenschaftlern gemeinsam mit Risikokapitalgebern hilft, Ideen so früh wie möglich auf kommerzielle Chancen zu sichten. Zum anderen ist eine universitätsnahe Brutstätte denkbar, in der die aktivsten Professoren ihre Idee bis zum marktreifen Konzept entwickeln. Das hätte den Vorteil eines verlässlichen Verfahrens, bei guten finanziellen Aussichten. Und Investoren müssten auf der Suche nach Ideen nicht mehr die Universitätsinstitute abklappern. Um den organisatorischen Aufwand zu minimieren, könnte es sich zudem lohnen, derartige Sammelpunkte für mehrere Hochschulen zentral einzurichten.

Gute Ideen. Aber ob sie auch in der Praxis funktionieren? Warum sollten beispielsweise an hohe Renditen gewöhnte Geldgeber ihre Beute mit Universitätsverwaltungen teilen? Wer wählt die Kandidaten aus – Hochschul-Angestellte oder Finanziers? Welcher Investor würde sich darauf einlassen, die im Vorfeld von der Universität nicht selten nach dem Gießkannenprinzip geförderten Forschungsprojekte zu finanzieren? Und was geschieht, wenn besonders pfiffige Wissenschaftler die Brutstätte umgehen und ihre Deals direkt abschließen?

Nachdenken lohnt. Denn dass sich Ausgründungen für alle Beteiligten rechnen, bezweifeln eigentlich nur noch Berufspessimisten. Der Dachverband der Transferbüros, AUTM, ermittelte in einer Mitgliederbefragung, dass von den seit 1980 ausgegründeten 3376 Unternehmen Ende 2000 immer noch 2309 am Leben waren, eine Quote von 68 Prozent. Die Universität San Diego wollte es Ende 2000 noch genauer wissen und untersuchte, wie es ihren rund 60 Ausgründungen in den Jahren seit 1990 ergangen war. 30 Prozent hatten „Liquidität“ erreicht, waren also aufgekauft worden oder an die Börse gegangen, zu einem durchschnittlichen Marktwert von 200 Millionen Dollar. Nur fünf Prozent der ausgegründeten Unternehmen waren nicht mehr im Geschäft. Transfer-Vermittler Alan Paau gibt sich deshalb optimistisch: „Natürlich haben wir mehr Ideen auf dem Tisch liegen, als kommerzialisiert werden, aber das tut dem Tempo der Forschung keinen Abbruch.“

Das allerdings hat ohnehin nie jemand bestritten.

Ganz schön patent

Die USA unterscheiden drei Arten von Patenten:

  1. Patente für Erfindungen von Verfahren, Maschinen, Erzeugnissen und Zusammensetzungen von Stoffen. Sie entsprechen dem deutschen Patent
  2. Patente für Pflanzen
  3. Patente für Design, die dem deutschen Geschmacksmuster entsprechen.

Folgende Voraussetzungen müssen für eine Patent-Erteilung erfüllt sein:

Inventionen: Erfindungen müssen in einer „greifbaren“ Form vorliegen – also nicht nur als Konzept oder Idee.

Neuheit: Die Erfindung darf nie zuvor der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sein. Es gilt eine Neuheits-Schonfrist von zwölf Monaten.

Erfindertätigkeit: Die Erfindung muss einen deutlichen Unterschied zur bisherigen Technik aufweisen.

Nützlichkeit: Die Erfindungen müssen gewerblich anwendbar sein – ein rein wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt genügt nicht als Patentvoraussetzung.

Das Patent steht – anders als bei uns – nicht unbedingt demjenigen zu, der die Erfindung zuerst angemeldet hat, sondern dem, der sie als Erster erfunden hat.