Was kostet eine Küste?

Es gibt Dinge, die man eigentlich nicht kaufen oder verkaufen kann, die aber trotzdem einen Preis haben: die Natur zum Beispiel, Freiheit, Gesundheit, Würde, ja sogar Menschenleben.
Wie entstehen solche Preise? Mal so, mal so und manchmal nie.




Wie viel ist das Leben einer Robbe wert – und ist es im Dutzend billiger? Der Tag, an dem diese Frage in den Mittelpunkt eines Milliarden-Dollar-Prozesses geriet, begann mit einem ohrenbetäubenden Krachen: Stein, der Stahlplatten zerreißt. Es war kurz nach Mitternacht am 24. März 1989, und Kapitän Joseph Hazelwood, der das Kommando auf der „Exxon Valdez“ wenige Stunden zuvor dem dritten Offizier übertragen hatte, um in seiner Kajüte seinen Rausch auszuschlafen, war von einer Sekunde auf die nächste wieder wach. Zu spät. Nichts konnte mehr verhindern, dass 40 Millionen Liter Rohöl aus dem Bauch seines Tankers flossen und von der Flut an die Küste von Alaska gespült wurden. Als der Morgen kam, und mit ihm die ersten Kamerateams, war der Ölteppich bereits mehrere hundert Kilometer lang. Es sei der größte Tankerunfall aller Zeiten, hieß es in den Nachrichten, die Umweltschäden seien unermesslich.

Für den Fernsehzuschauer war das Desaster damit ausreichend umrissen. „Größter Tankerunfall aller Zeiten“, „unermessliche Umweltschäden“ – das ließ keine Fragen offen. Doch bald wich das Entsetzen Empörung: Nicht nur müsse der Kapitän bestraft und Exxon zur Säuberung von Meer und Stränden verpflichtet werden, der Ölkonzern solle obendrein Schadenersatz zahlen, verlangten Politiker und Umweltaktivisten unisono. Diese Forderung war populär und juristisch durchaus plausibel, hatte jedoch einen Haken: Für eine Schadenersatzklage musste der gerade erst als „unermesslich“ beklagte Schaden nun doch gemessen werden. Das Unglück brauchte einen Preis, über den der amerikanische Staat im Namen seiner Bürger eine Rechnung stellen konnte. Aber wie viel sollte man für den qualvollen Tod tausender Vögel und See-Otter, für das Sterben von Robben und Schwertwalen veranschlagen? Was waren die einst strahlenden und jetzt verdreckten Küsten wert? Für wen eigentlich? Schließlich waren die betroffenen Gebiete fast unbewohnt. Und welcher Betrag war eine angemessene Entschädigung für die Langzeitschäden im Ökosystem, die Experten auf Jahrzehnte schätzten?

Den amerikanischen Juristen, die in den Wochen nach der Katastrophe begannen, einen der größten Schadenersatzprozesse aller Zeiten vorzubereiten, waren derartige Fragen nicht neu. Finanzielle Ersatzansprüche für immaterielle Schäden – von erlittenen Demütigungen durch rassistische Äußerungen bis zu entgangenen Liebeschancen infolge einer missratenen Dauerwelle – sind zentrales Element des US-Rechtssystems. Anders als in Deutschland, wo das Opfer in der Regel nur die Genugtuung erhält, den Täter bestraft zu sehen, aber sein Leiden nicht in Geld aufgewogen und ausgezahlt bekommt. Die Höhe der Entschädigung in den USA richtet sich dabei meist nach dem Augenmaß des Richters, dem Verhandlungsgeschick der Anwälte und den Urteilen in vergleichbaren Prozessen. Doch für einen Unfall von der Größe des Exxon-Valdez-Unglücks gab es keinen Präzedenzfall. Deshalb lohnte es sich für beide Seiten – den Ölkonzern Exxon und die zuständige Umweltbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) – zunächst etwas Grundlagenforschung zu betreiben: Wie berechnet sich der Wert von etwas, das man normalerweise weder kaufen noch verkaufen kann? Kann es Preise jenseits von Märkten geben, in einer Welt ohne Angebot und Nachfrage?

Versicherungen berechnen längst, wie viel ein Leben wert ist

Es war nicht das erste Mal, dass Wissenschaftler über den Wert nicht handelbarer Güter nachdachten, über Natur und Schönheit, Gesundheit und das Leben. Denn bei allem, was Menschen direkt betrifft, ist es relativ einfach, Preise zu ermitteln. Weil oft gerade das, was man nicht kaufen kann, besonders wertvoll ist, wird auf Umwegen damit gehandelt, wodurch Märkte entstehen, die sich erforschen lassen: Wer Liebe sucht, kann für Geld zumindest die körperliche bekommen, aufgefächert in Segmente vom teuren Premium-Markt bis zur billigen Massenabfertigung. Wer aus einem armen Land den Weg in ein reiches sucht, kann die Dienstleistungen von Schleppern in Anspruch nehmen und geht dabei häufig bewusst das Risiko ein, seine Sehnsucht nach einem besseren Leben mit eben jenem zu bezahlen. Wer einen Todfeind hat, kann dessen Tod in Auftrag geben und schockiert das Gericht hinterher nicht selten mit der Schilderung, wie einfach ein vermeintlich professioneller Anbieter aufzutreiben und wie erschwinglich sein Preis war.

Doch nicht nur auf solchen Märkten werden Geschäfte gemacht. Einer der größten Wirtschaftszweige der Welt lebt vom menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit: Versicherungen. Krankheiten, Unfälle oder der Tod sind aus Sicht des Einzelnen oft unerwartete Schicksalsschläge. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit jedoch lässt sich mithilfe der Statistik relativ verlässlich vorausberechnen. Nur deshalb lohnt es sich für Versicherungen, das Risiko zu einem bestimmten Preis zu übernehmen. Lebensversicherungen beispielsweise legen buchstäblich einen Preis für ein Leben fest, wobei der Betrag nicht die Persönlichkeit eines Menschen bemisst, sondern nur seine Arbeitskraft, indem er die Angehörigen im Todesfall für den verlorenen Familienernährer entschädigt. Wie viel das im Einzelfall ist, kann beim Abschluss der Police jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst entscheiden. Für den Versicherungskaufmann ist das Leben eines Reichen daher mehr wert als das eines Ärmeren.

Auch in anderen Bereichen hat das Leben einen Geldwert. So schlägt sich zum Beispiel das Unfallrisiko bei gefährlichen Berufen – etwa der Arbeit unter Tage, auf Bohrinseln oder beim Militär – entsprechend in den Gehältern nieder. Studien in den USA zeigen, dass den Beschäftigten ihr Leben im Durchschnitt zwischen drei und sieben Millionen Dollar wert ist, denn so viel verdienen sie auf ihre Lebensarbeitszeit gesehen mehr als Menschen mit ungefährlicheren Jobs. Dabei gehen die Untersuchungen davon aus, dass amerikanische Arbeitnehmer auch andere Verdienstmöglichkeiten hätten und die Gefahr also bewusst in Kauf nehmen. Eine Annahme, die in vielen Dritte-Welt-Ländern wohl nicht gilt, denn dort ist ein Menschenleben oft sprichwörtlich „nicht viel wert“. Eine Redewendung, in der – so geschmacklos und ethisch anfechtbar sie sein mag – ökonomisch mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt: In seinem wirtschaftlichen Wortsinn ist „Wert“ immer relativ.

Das gilt auch für die Natur, über deren Wert seit Beginn der Umweltbewegung heftig gestritten wird. Schon Ende der vierziger Jahre suchte eine Subkultur der Wirtschaftswissenschaften eine Bemessungsmethode. Diese Bemühung fand neben den großen Theorien über Marktmechanismen, Geldpolitik und Managementtechniken allerdings wenig Aufmerksamkeit. Erst durch die Exxon-Valdez-Katastrophe begann der ökonomische Mainstream, sich erneut ernsthaft mit ihr zu beschäftigen. Die Wurzeln der Methode lagen in der Umweltbewegung der sechziger Jahre. Damals gerieten im Zuge des Wirtschafts-Booms der Nachkriegszeit viele US-Bundesstaaten unter Druck, mehr öffentlichen Boden und Naturschutzgebiete für Städtebau, Industrie, Landwirtschaft oder Ölbohrungen freizugeben. Die Industrie argumentierte, ungenutztes Land sei eine verschwendete Ressource, deren Erschließung zu neuen Jobs, höheren Steuereinnahmen und allgemeinem Wohlstand führen würde. Das Gegenargument der Umweltaktivisten, dass die Natur ihren „ganz eigenen Wert“ habe, wirkte neben diesen Kosten-Nutzen-Rechnungen eher esoterisch. Etwas Überzeugenderes musste her. Am besten eine Gegenrechnung.

Bis dahin hatte die Umwelt allerdings immer nur dort einen Wert, wo ihre Zerstörung auch Personen tangierte: Erkrankten Menschen durch verunreinigtes Grundwasser, registrierte man für die Preisfindung die medizinischen Behandlungskosten. Starben in einem verschmutzten Fluss die Fische, berechnete man die Einkommensverluste der Fischer. Schwärzte der Ruß aus einem Fabrikschornstein die umliegenden Gebäude, wurden die Malerkosten und der Wertverlust der Immobilien addiert. Kamen keine Menschen zu Schaden, war Umweltverschmutzung quasi umsonst.

Dem gefühlten Wert der Natur wurde dies natürlich nicht gerecht. Auf der Suche nach besseren Daten kamen Ökonomen deshalb auf die Idee, den Wert von Naherholungsgebieten und Nationalparks dadurch zu ermitteln, dass sie Besucher nach ihren Anreisekosten fragten. Schließlich waren die Ausgaben für Sprit oder Bahn-Tickets der Preis, den sie für ihr Naturerlebnis zu bezahlen bereit waren. Rechnete man die Kosten aller Besucher zusammen, ergab sich daraus der Wert, den die Natur in einem bestimmten Zeitraum gehabt hatte. Das war ein Fortschritt, wenn auch nur ein kleiner, denn nach der Reisekosten-Rechnung war Natur nur dann etwas wert, wenn sie von Menschen aktiv genutzt und genossen wurde. Dass der Grand Canyon demnach mehr wert sein sollte als Alaska, mochte intuitiv noch einleuchten, dass die Niagarafälle in einem guten Sommer mit vielen Touristen aber wertvoller sein sollten als in einem verregneten mit wenigen, war kaum überzeugend.

Diesen Widerspruch löste Ende der sechziger Jahre der Wissenschaftler John Krutilla auf, der eine völlig neue Größe in die volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung einführte. Krutilla argumentierte, dass unberührte Natur auch für denjenigen einen Wert habe, der sie nicht nutze – und dass sich dieser Wert auch messen lasse. Denn bedeute es nicht schon einen Gewinn an Lebensqualität, die theoretische Möglichkeit zu haben, in ein Naturschutzgebiet fahren zu können, selbst wenn man es „leider viel zu selten tut“? Würde nicht auch jemand, der nicht einmal die Absicht hat, den Yellowstone Park zu besuchen, es als einen Verlust empfinden, wenn auf die Geysire ein Thermalkraftwerk gebaut werden würde? Warum spenden Menschen für Tierschutzorganisationen? Weil sie erwarten, eines Tages in freier Wildbahn einem leibhaftigen Pandabären zu begegnen? Oder reicht ihnen nicht vielmehr schon das Bewusstsein, etwas gegen das Aussterben der knuffigen Bambusfresser getan zu haben?

Die Natur hat allein schon dadurch Wert, dass sie existiert, war Krutillas Überzeugung, deshalb machte er sich an die Berechnung von „Existenzwerten“. Um ihnen einen Geldwert zuzuordnen, inszenierte er in Umfragen einen Markt, auf dem mit Existenzwerten gehandelt werden konnte. Dazu musste er Relationen vorgeben, die in etwa so lauteten: „Wie viel Geld müsste ich Ihnen geben, damit Sie zustimmen, dass der Naturpark in Ihrer Nähe für einen Staudamm geflutet wird?“ Oder: „Wie viel würden Sie dafür bezahlen, dass die Geysire von Yellowstone nicht für ein Kraftwerk genutzt werden?“ Oder: „Zu welchem Preis würden Sie akzeptieren, dass die Pandabären aussterben?“ Nun brauchte es nur noch eine repräsentative Umfrage, in der alle Zahlen addiert wurden und voilà: Die Natur hatte einen Preis.

Damit war die Ökolobby wieder in der Offensive, und auch die amerikanischen Umweltschutzbehörden verwendeten die Methode, die im Deutschen unter ihrem englischen Namen „Contingent Valuation“ (etwa: Eventual-Bewertung) – bekannt geworden ist. Eine der ersten Anwendungen fand sie in Kalifornien, wo das Wasserversorgungsamt den steigenden Verbrauch von Los Angeles decken musste. Die kostengünstigste Variante bestand darin, die Zuflüsse des nahen Mono-Sees anzuzapfen, dessen Fisch- und Vogelwelt allerdings unter dem sinkenden Wasserspiegel stark leiden würde. Eine Umfrage ergab, dass die Haushalte in Kalifornien im Schnitt einen Aufschlag von 13 Dollar auf ihre monatliche Wasserrechnung in Kauf nehmen würden, um den See zu schützen. Insgesamt erreichte der See damit für die Kalifornier einen Wert von 1,3 Milliarden Dollar im Jahr – 50-mal mehr als die zusätzlichen Kosten, um eine umweltfreundlichere Wasserquelle anzuzapfen. Bald folgten andere Studien, etwa zum Wert eines ausreichend hohen Wasserstandes in einem bei Wildwasser-Raftern beliebten Fluss im Grand Canyon (zwei Millionen Dollar jährlich war es den Amerikanern wert, dass dessen Wassermenge nicht von einem Staudamm beeinträchtigt wird) oder zum Wert der Lachsmigration im Elwha-Fluss bei Washington (mehr als eine Milliarde Dollar).

Nach den Studienergebnissen lag der Vorschlag nahe, mit einer Contingent-Valuation-Umfrage auch die Schäden des Exxon-Valdez-Unfalls zu bemessen. Der Ölkonzern war in Alarmstimmung. Wenn schon die Lachse im Elwha-Fluss den Amerikanern eine Milliarde Dollar wert sein sollten, was käme dann erst für 1900 Kilometer Alaska-Küste, 250.000 Seevögel, 3500 See-Otter und 300 Robben zusammen? Und waren Fragebögen mit einem hypothetischen Tauschgeschäft „Geld gegen Existenzwerte“ überhaupt juristisch belastbar? Obwohl die Umweltbehörde NOAA die Methode schon in kleineren Schadenersatzklagen eingesetzt hatte, sah sie sich gezwungen, sie einer wirtschaftswissenschaftlichen Belastungsprobe zu unterziehen. Ein 22-köpfiges Expertengremium unter Leitung der Nobelpreisträger Kenneth Arrow und Robert Solow sollte klären, ob der Schaden mit der Contingent-Valuation-Methode konkretisiert werden könnte.

Eine Armada von Ökonomen begann, das Konzept zu sezieren. Dabei schienen die Methoden-Kritiker zunächst leichtes Spiel zu haben, denn der Beweis, dass inszeniertes Marktverhalten zu absurden Ergebnissen führen kann, ist leicht zu erbringen. Theoretisches Geldausgeben und tatsächliche Kaufentscheidungen sind eben zweierlei. Viele Befragte zeigen sich schon deshalb spendabel, weil sie vor sich selbst und dem Fragesteller gut dastehen wollen. Dafür setzen sie, wenn man nur lange genug fragt, sogar mehr Geld ein, als sie in der Realität zur Verfügung hätten: hier 13 Dollar für den Mono-See, dort 100 Dollar für die Lachse, und so weiter für Eichhörnchen, Fledermäuse und bedrohte Echsen. Zudem sind die Angaben durch die Fragestellung leicht zu manipulieren. Fragt der Interviewer statt „Wie viel Geld würden Sie bezahlen, um das Walsterben zu verhindern?“ anders herum „Wie viel Geld müsste man Ihnen geben, dass Sie das Walsterben akzeptieren?“, schießt der Preis der Tiere unvermittelt in die Höhe.

Methodischer Schwachpunkt: der Mensch

Auch auf die Reihenfolge der Fragen kommt es an: Wird erst eine Bewertung von Walen und dann von Robben verlangt, erzielen die Robben meist einen niedrigeren Preis als bei umgekehrter Reihenfolge. Offensichtlich sind die Wale beliebter, was den Befragten allerdings erst einfällt, wenn sie an die Existenz der großen Meeressäuger erinnert werden. Zudem übersteigen die Größenordnungen, um die es in der Naturbewertung geht, häufig die Vorstellungskraft des Befragten. Wer zehn Dollar für das Leben von 1000 Fischen bezahlen würde, wäre nicht automatisch auch bereit, für 10.000 Fische hundert Dollar oder für 100.000 Fische tausend Dollar zu geben. Im Gegenteil bleibt der Preis ziemlich konstant.

Aufschlussreich ist auch das Ergebnis einer Studie, die den Wert des Lebens aller Fische in einem bestimmten Fluss auf eine Summe zwischen 14 und 27 Millionen Dollar bezifferte. Gemessen an der Anzahl der Fische, ergab sich daraus ein Kilogrammpreis von 90 bis 150 Dollar. Dabei gaben die Befragten freimütig zu, dass sie die gleichen Tiere bisweilen für 90 Cent pro Kilo als Speisefische im Supermarkt kauften. Fazit: So verlockend es aus demokratischer Sicht auch sein mag, durch Mehrheitsmeinung einen Preis für die Natur zu bestimmen, so unbrauchbar ist das Ergebnis.

Die NOAA-Experten kamen Anfang 1993 dennoch zu dem Schluss, dass man mit Contingent Valuation durchaus plausible Bewertungen vornehmen könne. Die Verzerrungen ließen sich ihrer Meinung nach beheben, wenn die Fragen nur richtig gestellt und die Befragten angemessen vorbereitet würden. Für die Befürworter der Methode war dies ein Ritterschlag – und für die Branche ein symbolischer Meilenstein, der zeigte, wie sehr kreative Reflexionen über Preise und Märkte Einzug in den ökonomischen Mainstream gehalten hatten.

So formierte sich etwa zeitgleich eine starke Gruppe für ein revolutionäres Konzept, mit dem sich ein Preis für die Benutzung einer ganz anderen natürlichen Ressource festlegen ließ: die Erdatmosphäre. Die Entdeckung des Ozonlochs und die rapide steigende Kohlendioxid-Konzentration im Luftmantel des Planeten hatten das Thema Klimawechsel in den achtziger Jahren auf die politische Agenda gebracht – und die Frage aufgeworfen, wie sich der Ausstoß von Treibhausgasen am effizientesten einschränken ließe. 1997 setzte sich auf der Umweltkonferenz von Kyoto der Ansatz durch, Emissionen zu einer handelbaren Ware zu machen. Dabei einigten sich die Industrienationen auf bestimmte CO2-Obergrenzen, deren Einhaltung durch Lizenzen geregelt wird.

Europa hat das Prinzip des Handels von Emissionsrechten auch auf seine emissionsreichsten Industrien übertragen. Jedes Unternehmen erhält im Emissionshandelssystem einen Grundstock an Emissionsrechten. Benötigt es mehr, muss es zusätzliche Lizenzen von umweltfreundlichen Firmen kaufen. In der EU wird dieses Konzept seit 2005 umgesetzt – allerdings bisher mit gemischten Ergebnissen. Als nach einem Jahr überprüft wurde, wie viel CO2 tatsächlich in die Atmosphäre gelangt war, zeigte sich nämlich, dass die Emissionen im europäischen Emissionshandelssystem deutlich unter den Markterwartungen lagen. Im Frühjahr 2006 brach daher der Marktpreis für eine Tonne CO2 von rund 30 auf etwa zehn Euro ein. Inzwischen liegt er wieder bei rund 20 Euro – nicht zuletzt aufgrund der Erwartung strengerer Vergaberegeln ab 2008. Doch unabhängig vom Preis ist der symbolische erste Schritt ein großer: Auch bei der Aufheizung des globalen Klimas gilt inzwischen das Verursacherprinzip.

Ungerecht, aber wahr: Schönheit macht reich

Auch anderswo werden inzwischen für eigentlich nicht käufliche Güter Werte, Preise und Märkte analysiert. Erst kürzlich hat eine experimentelle Studie untersucht, wie viel es wert ist, schön zu sein. Nicht, dass der Umsatz von Kosmetikfirmen, Pharmakonzernen, Modemarken, Fitnesscentern und Schönheitschirurgen Zweifel daran aufkommen ließe, dass Menschen bereit sind, für ihr Aussehen ein Vermögen auszugeben. Doch dass dieses Geld nicht nur in die Befriedigung ihrer Eitelkeit fließt, sondern eine gute Investition sein kann, legen erstmals die konkreten Ergebnisse eines Versuchs nahe, den Markus Mobius von der Harvard University und Tanya Rosenblat von der Wesleyan University durchführten.

Die Forscher wollten die Annahme überprüfen, dass attraktive Arbeitnehmer deutlich mehr Geld verdienen als weniger gut aussehende. Für den Versuch unterteilten die Ökonomen ihre Studenten in „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“. Die Arbeitnehmer sollten am Computer möglichst viele Labyrinth-Rätsel lösen – eine Aufgabe, bei der das Äußere definitiv keine Rolle spielt. Nach 15 Minuten sollten die Arbeitgeber aufgrund einer Mischung von erbrachter Leistung und persönlichem Eindruck (einige erhielten lediglich schriftliche Informationen, anderen wurden Fotos gezeigt, oder sie hatten die Möglichkeit, mit den Probanden persönlich zu sprechen) die künftige Produktivität ihrer Angestellten einschätzen – sie beurteilten attraktive Arbeiter um 12 bis 17 Prozent besser als den Durchschnitt.

Der Aufbau des Experiments erlaubte Mobius und Rosenblat, das Ergebnis weiter aufzuschlüsseln: Nur 40 Prozent ihres höheren Gehalts verdankten die Schönen demnach der Tatsache, dass sie ihre Arbeitgeber optisch beeindruckt hatten. Für weitere 40 Prozent waren ihre kommunikativen Fähigkeiten ausschlaggebend, für die restlichen 20 Prozent ihr überdurchschnittliches Selbstvertrauen – beides Faktoren, die nach Auffassung der Wissenschaftler eine Folge der allgemeinen Bestätigung sind, die attraktive Menschen im Lauf ihrer Sozialisation aufgrund ihres guten Aussehens erhalten haben. Nicht zuletzt deswegen scheint es oft so, als seien die Schönen und die Reichen identisch.

Auch die Contingent-Valuation-Methode wird inzwischen weit über den Umweltbereich hinaus eingesetzt, etwa um unter verschiedenen Entwicklungshilfeprojekten das förderungswürdigste zu identifizieren. Allerdings wollte es die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Exxon-Valdez-Prozess, der dem Verfahren zum Durchbruch verholfen hatte, ihm auch die Grenzen aufzeigte. Denn obwohl die Nobelpreisträger dem Konzept Praxistauglichkeit bescheinigten, wurde vor Gesicht ein anderer Kompromiss ausgehandelt: Als Grundlage für Exxons Strafmaß sollte nicht der entstandene Schaden genommen werden, sondern die Zahlungsfähigkeit des Ölkonzerns. Dessen Zusammenbruch durch unbezahlbare Forderungen war schließlich keineswegs im Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit. 1994 setzte eine Jury die Schadenersatzsumme deshalb auf fünf Milliarden Dollar fest; das entsprach Exxons Gewinn im Jahr 1989.

Es war nicht die letzte Jury, die sich mit dem Thema befassen sollte. Weil das Unternehmen die Strafe für unangemessen hoch hielt, machte es sich auf den Weg durch die Instanzen, der auch heute, 17 Jahre nach dem Unfall, noch zu keinem greifbaren Ziel geführt hat. Der Prozess läuft.