Come on down!

Simpler geht’s nicht: Der Moderator zeigt ein Produkt, die Kandidaten raten den Preis.
Im Grunde ist The Price is Right nichts anderes als ein einziger lang gezogener Werbespot. Tatsächlich ist das Spektakel die erfolgreichste Spiel-Show der US-Fernsehgeschichte. Ein Besuch in Amerika.




Manche hyperventilieren, wenn sie ihren Namen hören. Andere frieren für eine Sekundenewigkeit auf ihrem Stuhl fest. Oder es gibt die, die ungläubig rufen: oh, mein Gott, oh, mein Gott, oh, mein Gott – und dann, begleitet von Johlen, Klatschen und Füßetrappeln, ans Ratepult rennen. Auslöser für die Gefühlswallungen ist Bob Barker, eine Art Gott der Gameshow. Sein Kosmos: The Price is Right. Seine Anhänger: Amerika – von 18-Jährigen, die glücklich sind, endlich alt genug für die Teilnahme an der Show zu sein, bis zu 95-Jährigen, die sich jung genug fühlen, um sich im Morgengrauen vor dem Studio in Los Angeles anzustellen.

Jeden Vormittag, von Montag bis Freitag, moderiert Barker auf dem Bildschirm die erfolgreichste Spiel-Show der USA. In diesem Herbst beginnt sein 35. Jahr. In der ganzen Zeit hat er nur zwei Aufzeichnungen verpasst. Barker, der von allen nur Bob genannt wird, sagt: „Das Einzige, was sich seit 1972 bei The Price is Right geändert hat, ist meine Haarfarbe. Ich bin in Diensten der Show ergraut.“ Er ist schlanke 1,85 Meter groß, und die Gilde der Maßschneider Amerikas hat ihn schon mal zu den zehn bestgekleideten Männern der USA gezählt. Bob ist 82.

Schauen, schätzen, raten – und bloß nicht überbieten

Montags werden zwei Shows aufgezeichnet. Jeder im Publikum hofft, seinen Namen in Verbindung mit den drei magischen Worten zu hören, die zur amerikanischen Popkultur gehören wie McDonald’s oder Coke: Clara Rector, come on down! Los, komm runter! Clara schaut verwirrt. War das wirklich ihr Name? Ein Assistent schwenkt über dem Lärm ein Schild, auf dem es in fetten Buchstaben wahr wird: CLARA RECTOR. Mit drei anderen Kandidaten steht sie vor Bob. Die ganze Ratepult-Reihe ein seliges Lächeln. Die Regeln sind einfach. Bob zeigt ein Produkt. Die Kandidaten schätzen den Preis. Wer am nächsten herankommt, ohne den vom Hersteller empfohlenen Kaufpreis zu überbieten, gewinnt das Produkt und darf eine Runde weiter in die nächste Spielrunde. In Deutschland lief die Show von 1989 bis 1997 als „Der Preis ist heiß“ mit Harry Wijnvoord als Gastgeber. Spielregeln lassen sich übernehmen, Kultstatus nicht.

Eine Wand rollt zur Seite. Vor einer Kulisse gemalter Tannen und blauer Berge steht ein kleines Holzhäuschen und davor ein Model in Shorts. Die junge Frau sieht aus wie eine brünette Pamela Anderson im Zwergenland. Die Models heißen im Volksmund „Barker’s Beauties“, wobei die echten Fans die Schönheiten beim Namen kennen und auf der Website des Senders CBS nachschauen können, an welchem Tag welches Model die Preise garnieren darf.

„Hier haben wir ein Rotzeder-Spielhaus der Firma Cedarshed“, sagt Bob und schiebt nach: „Im San Fernando Valley würde man dafür 400.000 Dollar zahlen.“ Das Publikum lacht. Nirgendwo in den USA steigen die Grundstückspreise derzeit so sehr wie im Valley. Clara liegt mit ihrem 1500-Dollar-Gebot weit über den anderen. Sie wird später sagen: „Ich habe das einfach im Kopf überschlagen, echtes Holz, Zeder ist nicht gerade billig ...“ Dann hört sie Bob: „Der Preis ist 1631 Dollar.“ Ein Adrenalinkick.

Sie steht auf der Bühne und weiß gar nicht, was sie zuerst erzählen soll. Heute ist ihr sechzigster Geburtstag. Ihr Mann und die beiden erwachsenen Töchter im Publikum werden live Zeugen ihres 15-Minuten-Ruhms. „Bob“, sagt sie, „seit meine Tante Bernice in den fünfziger Jahren bei The Price is Right war, habe ich davon geträumt, in der Show zu sein, aber nie hätte ich gedacht – ach, mir hätte es ja gereicht, im Publikum zu sein.“ Bis Mitte der sechziger Jahre gab es eine Vorläuferversion der Show.

Bob hört artig zu. Aber die Show hat einen strikten Zeitplan, und jeder Satz muss den Ablauf nach vorn bringen: „Clara, was hältst du davon, wenn wir deinen Geburtstag mit einem Jeep Wrangler versüßen?“ Clara kann ihr Glück kaum fassen. Noch ist zwar nichts gewonnen, aber allein die Chance! In jeder Show sind unter den Preisen zwei Autos; eines davon kann einer von drei Kandidaten in der ersten Hälfte der Show gewinnen, um das andere wird in der zweiten Hälfte gespielt. Bob Barker steht im Guinnessbuch der Rekorde als „großzügigster Showmaster der Fernsehgeschichte“, seit er Preise im Wert von 55 Millionen Dollar ausgeschüttet hat. Die Summe hat sich inzwischen fast vervierfacht.

„Cover up“ heißt das Spiel, bei dem Clara jetzt den richtigen Preis des Jeeps bestimmen muss. Insgesamt rotiert die Show zwischen etwa 80 verschiedenen Spieltypen. Clara steht vor fünf Zahlensäulen, die erste hat zwei Ziffern, die letzte sechs. Sie muss jeweils eine Nummer wählen. Aus dem Publikum schreit es wild durcheinander, je nachdem, was die selbst ernannten Experten für Autopreise für die sinnvollste Wahl halten. Marketingprofessor Hooman Estelami, der das Pricing Center an der Fordham Universität in New York leitet, sagt: „Je weniger die Leute wissen, umso selbstbewusster schätzen sie. Sie vertrauen dann auf ihr Gefühl.“

Für Clara ist alles ein Rausch. Solange nur eine Ziffer stimmt, darf sie weiterspielen. Wie in Trance bastelt sie die 19.834 hin, Bob spricht die Erlösungsformel „The price is right!“, und Claras Mann wird später erstaunt und bewundernd fragen: „Wo hast du nur diese Zahlen hergenommen?“ Jetzt geht es jedoch hinter die Bühne, Papiere ausfüllen. Clara darf die denkwürdige Show nicht weiter miterleben. Gewinnerpech. Draußen lässt unterdessen bereits die nächste Kandidatin Bobs Hand nicht mehr los. „Ich kann nicht glauben, dich in echt zu treffen“, sagt Manohack Keeton, 34. Bob entgegnet: „Ich bin nur eine billige Imitation.“

Produzent Roger Dobkowitz, 61, der sein gesamtes Arbeitsleben bei The Price is Right verbracht hat, sagt: „Bob Barker ist so eine Art Lieblingsonkel der Nation. Wir alle haben das Gefühl, ihn schon lange zu kennen.“ Und er beschreibt eine der Qualitäten Barkers: „Bob spricht aus, was die Leute denken. Entscheidet sich einer allzu langsam, dann reagiert Bob wie die Zuschauer und sagt: ‚Jetzt mach’ mal hin!‘“

Manohack muss er nicht auffordern. Sie kennt die Show von klein auf und kauft für ihr Leben gern ein. „Seit ich mit fünf Jahren in den USA ankam, liebe ich Mr. Bob“, erzählt sie nach der Show. „Unsere Familie ist aus Laos. Wir haben zwei Jahre in einem thailändischen Flüchtlingslager gelebt, und plötzlich war da diese Show, in der wunderbare Preise weggegeben wurden. Einfach so. Wir konnten das gar nicht glauben, so etwas war in einem Land wie Laos unvorstellbar.“

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Inbegriff der Konsum-Show als wahres Forum der Demokratie? Tatsächlich steht die Show jedem offen, der mindestens 18 Jahre alt ist. Niemand muss etwas Besonderes können oder besonders gut aussehen. „Unsere Teilnehmer sind eine Mischung, wie es sie in keiner anderen Spiel-Show gibt“, sagt Bob Barker, „alle Hautfarben, dick, dünn, klein, groß, jung und alt.“ Quoten gibt es nicht – „das wäre unamerikanisch“, sagt Produzent Dobkowitz, „wir nehmen einfach die, die an dem Tag gute Laune haben.“ Das ist sehr amerikanisch.

Oliver Laday, 45, hat sich mit seiner Frau schon um zehn am Vorabend der Show in die Schlange vor dem Studio gestellt. Die Tickets sind kostenlos und können vorbestellt werden, aber das garantiert noch lange nicht, dass man auch einen der gut 300 Plätze bekommt. „Wir wollten nichts riskieren, schließlich sind wir extra für die Show angereist“, erzählt der vierfache Familienvater aus Port Arthur, Texas. Die beiden blieben nicht allein über Nacht. Empfehlung des Fanclubs: nicht später als halb fünf am Ort sein. Morgens um acht werden Nummern vergeben, dann ist Zeit für ein Frühstück oder Nickerchen. Danach gilt es, den Show-Koordinatoren Rede und Antwort zu stehen. Das ist der Moment, in dem sich entscheidet, wer zu den neun Glücklichen am Ratepult gehört.

„Ich war ein bisschen deprimiert, als ich nicht dabei war“, sagt Oliver, „man hofft eben doch.“ Seine zweite Chance kam bei der zweiten Montagsaufzeichnung. Dem Mann vor ihm wird ein Witz erzählt, Oliver bricht in Lachen aus, und plötzlich steht er vorn: „Mit den anderen Kandidaten ist man sofort irgendwie verbunden, das ist keine Konkurrenz, man liegt sich in den Armen und klatscht ab, wenn es für den anderen klappt.“

Kein Preis? Egal. Hauptsache dabei gewesen

High Five für Oliver am Glücksrad und nun das Finale. Wenn er sich hier verschätzt und dadurch leer ausgeht? Alles egal. Nichts kann ihm dieses Erlebnis mehr nehmen. „Wer kann schon von sich sagen, dass er bei The Price is Right dabei war? Mich haben Leute im Supermarkt angesprochen, weil sie mich wiedererkannten.“ Und dann ist da ja auch immer noch die Ausstattung fürs Heimsportstudio, die er gewonnen hat.

Viele hoffen, mit Fan-T-Shirts die Koordinatoren für sich zu gewinnen. Da steht dann etwas wie: „Bob, I Want a Kiss“ – und auf dem Rücken „and a Car.“ Das kann klappen. Oder auch nicht. Es gilt eher, bestimmte T-Shirts zu vermeiden. Ein fetter Werbeslogan auf der Brust passt nicht ins Konzept einer Show, die eigentlich ein einziger lang gezogener Werbespot ist. Dafür, dass der Spruch auf dem T-Shirt vor der Kamera erscheint, hat schließlich keiner bezahlt.

Acht Werbeblocks unterbrechen die Show. Dem Spot für Seabond, Haftcreme für die dritten Zähne, folgt harmonisch eine Werbung für Valtrex gegen Genitalherpes. The Price is Right ist vielleicht die einzige Show, die gleichermaßen Fans bei Omas und Enkeln hat. „In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren ist The Price is Right beim jungen Publikum immer beliebter geworden. Sie ist ein Teil ihrer Kindheit – ein Teil, der sich kaum verändert hat. Ein Ort, an dem die Welt in Ordnung geblieben ist“, erklärt Produzent Roger Dobkowitz die Beliebtheit beim jungen Publikum.

Es war auch eine Studentin, die bei einem Millionen-Dollar-Abendspezial im vergangenen Jahr Preise im Rekordwert von 183.688 Dollar mitnahm. Wie ein kleiner Kobold fegte Sheena Linhart auf die Bühne, gab Bob ein Küsschen und sagte: „Du bist so süß.“ Das Publikum liebt ihn. Es gibt keinen anderen Showmaster, der mit so vielen Emmys, dem Fernseh-Oscar, ausgezeichnet wurde wie Bob: Barker bekam ihn 13-mal als beliebtester Showmaster, dreimal als Produzent und einmal für sein Lebenswerk.

Sein erstaunlichstes Talent ist vielleicht, seine Routine zu verbergen. Bob wirkt begeistert wie am ersten Tag. Es ist ihm nicht anzumerken, dass er schon Tausende von Teilnehmern aufgefordert hat, das Glücksrad in Schwung zu setzen. Genauso wie er jedes Mal aufs Neue zu lieben scheint, wenn ein Spieler in dem Dilemma steckt: aufhören und mitnehmen, was sicher ist, oder weiterspielen? An diesem Montag ist es Manohack, die Hilfe suchend zu ihrem Mann blickt, sie entscheiden sich für die sicheren 4000 Dollar. „Ohhh“, seufzt Bob, „sie freut sich so sehr, da will ich die anderen Tüten lieber gar nicht lüften.“ Das geht natürlich nicht. Nicht mit dem Publikum. Und auch nicht mit den Regeln. Er muss zeigen, was sich unter den anderen Tüten verbirgt und ob Manohack auch um 16.000 Dollar hätte reicher werden können. Spielen kann so grausam sein.

Dann dreht sich Manohack am Glücksrad doch noch ins Finale. Ein Camper, ein Computer, ein Keyboard – ihr Preistipp: 25.500 Dollar. Das Publikum buht. Den meisten erscheint der Preis viel zu hoch. Aber aus dem Mädchen aus Laos ist ein Mädchen aus Louisiana geworden, und da kennt man seine Camper-Preise. „Der Preis beträgt“, Bob macht eine Pause, „27.000 Dollar.“ Manohack springt auf und ab wie ein Flummi. Sie umarmt die Models, die anderen Teilnehmer und ihren Mann, der auf die Bühne gestürmt ist. Derweil fordert Bob die Nation in seinem täglichen Ceterum censeo bereits aus dem Off auf, die Haustierpopulation zu kontrollieren: „Lasst euer Haustier sterilisieren oder kastrieren. Auf Wiedersehen.“ Das kommt ziemlich zusammenhanglos daher, hat dem Erfolg der Show in den vergangenen 35 Jahren aber nicht geschadet.