Buntes Treiben

Kein anderer Markt muss sich so oft den Vorwurf der Irrationalität gefallen lassen wie der Kunstmarkt.
Dabei gehorcht er durchaus Regeln. Allerdings seinen ganz eigenen.




Die Hamburger Galerie „PS Gemälde aller Art“ hat sich auf Auftragsgemälde spezialisiert. Aus einem Katalog mit mehr als 5000 Vorlagen können Kunden ein Werk aussuchen, unbekannte Künstler malen es möglichst originalgetreu nach. Max Liebermanns „Restaurant Jakob“ kostet 299 Euro, die „Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh sind schon für 99 Euro zu haben. Echte Schnäppchen: Original-Werke der Künstler werden bei Auktionen – sofern sie überhaupt auf den Markt kommen – für ein- bis zweistellige Millionen-Euro-Beträge gehandelt.

Kaum ein Markt ist so heterogen wie der Kunstmarkt. Und kaum einer ist so undurchschaubar. Hier treffen Meisterschüler auf Newcomer, Galeristen auf Kuratoren, Liebhaber auf Spekulanten. Und alle interessieren sich für ein Gut, bei dem mitunter allein die Signatur entscheidet, ob es als Ramsch oder als Rarität gehandelt wird. Als der Pop-Art-Künstler Andy Warhol Konservendosen aus dem Supermarkt mit seiner Unterschrift versah und in einer Galerie anbot, kosteten sie sechs Dollar – statt 15 Cent. Kunst? Auch wenn so mancher das Gegenteil behauptet: Es gibt keinen objektiven Maßstab zur Bewertung von Kunst. Jeder Betrachter hat seine eigene Definition, und die Geschmäcker sind so verschieden wie die Interessen der Marktteilnehmer. Sicher ist nur: Mit Kunst wird Geld gemacht. Im neuen Jahrtausend bricht der Markt alle bisherigen Rekorde.

Gründe dafür gibt es viele. Einer davon: Die Kunst ist in der Bevölkerung angekommen. Nie zuvor haben sich so viele Menschen für all das begeistert, was früher elitären Zirkeln vorbehalten war. Die Zahl der Museen in Deutschland ist innerhalb der vergangenen fünfzehn Jahre von etwa 4000 auf mehr als 6000 gestiegen. Allein im Jahr 2004 hat das Berliner Institut für Museumskunde 103 Millionen Besucher im Land gezählt, fast fünf Millionen mehr als noch im Jahr davor. Und die Menschen wollen Kunst nicht nur betrachten, sondern auch kaufen. In jeder noch so kleinen Stadt findet sich heute eine Galerie, der Internet-Dienst Artfacts zählt hierzulande momentan 1221. Kein anderes Land kommt an diese Zahl heran, die USA liegen mit 982 Galerien weit abgeschlagen auf Platz zwei der Weltrangliste. Selbst Einrichtungshäuser wie Ikea versuchen mittlerweile auf dem Markt mitzumischen. Das Möbelhaus hat seit neuestem auch „premiär pictures“ im Sortiment. Die Bilder kosten zwischen 99 und 139 Euro. Dafür, dass es sich nur um raffinierte Drucke handelt, sind das stolze Preise. Sie gehen dennoch weg wie warme Semmeln – und sind ein Indiz für einen Markt, der inzwischen beachtliche Ausmaße angenommen hat.

Mehr als 20 Milliarden Euro werden laut Schätzungen jährlich mit Kunst umgesetzt, Tendenz steigend. Der Umsatz des Auktionshauses Sotheby’s wuchs in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres auf rund 344 Millionen Dollar. 36 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – das zweite Quartal war das beste der Firmengeschichte. Galerien nennen traditionell keine Umsatzzahlen, aber auch ihre Geschäfte laufen prächtig: Auf den Kunstmessen in Basel, Miami und New York waren die Stände der bekannten Galeristen bereits wenige Stunden nach Öffnung ausverkauft. Allein der Eintrittspreis für die Eröffnungsparty der New Yorker Armory Show kletterte in diesem Jahr auf 1000 Dollar.

Die Zahl potenter Käufer steigt – genau wie die Kunstpreise

Ein Rekord jagt den nächsten: Im Juni zahlte der amerikanische Kosmetik-Unternehmer Ronald Stephen Lauder sagenhafte 135 Millionen Dollar für ein Gemälde des österreichischen Malers Gustav Klimt. Noch nie wurde so viel für ein Bild gezahlt wie für das goldglänzende Porträt „Adele Bloch-Bauer I“. Und es sind keineswegs nur Bluechips, wie man die Meisterwerke analog zum Aktienmarkt nennt, die vom aktuellen Hype um die Kunst partizipieren. Auch die Preise für Werke zeitgenössischer Künstler haben enorme Zuwachsraten. Ein kleinformatiges Bild der amerikanischen Malerin Elizabeth Peyton wurde jüngst für 600.000 Euro versteigert. Noch vor wenigen Jahren wäre es für ein paar tausend Euro zu haben gewesen. Eine Arbeit des erst 32-jährigen Leipziger Künstlers Matthias Weischer kostete noch vor knapp zwei Jahren weniger als 2000 Euro – vor kurzem wechselte eines seiner Werke für knapp 400.000 Dollar den Besitzer, zehnmal mehr als vom Auktionshaus geschätzt worden war.

Auch die Zahl potenter Käufer ist gewachsen. Der „World Wealth Report“ der Investmentbank Merrill Lynch beziffert das Vermögen wohlhabender Privatpersonen im Jahr 2005 mit 33,3 Billionen US-Dollar. Die Zahl vermögender Investoren – als solcher gilt man ab einer Million Dollar – stieg um 6,5 Prozent auf 8,7 Millionen. Noch stärker stieg die Zahl derer, die sich ultrareich nennen dürfen: Die Gruppe der Privatleute, die über ein Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar verfügen, wuchs im vergangenen Jahr um 10,2 Prozent. Kunst war schon immer ein Mittel, Erfolg und Reichtum zur Schau zu stellen, und weil sich das immer mehr Menschen leisten können, gilt es inzwischen als schicker, sich einen echten Hockney übers Designer-Sofa zu hängen, als sich den x-ten Porsche zu gönnen. Kunst ist zum Statussymbol geworden: „Es gibt derzeit keine bessere Alternative, sich als vermögender und aufgeschlossener Mensch von der Masse abzusetzen“, meint Christian Boros, einer der renommiertesten Sammler für junge Kunst in Deutschland.

Skeptiker hingegen erinnert die Stimmung auf dem Markt an die Situation Ende der achtziger Jahre. Auch damals hatte die Kombination aus Eitelkeit und frischem Geld die Preise auf dem Kunstmarkt in die Höhe getrieben. Der vor allem durch japanische Sammler beförderte Boom mündete 1990 in einem Crash, als sie ihre Werke im Zuge des dortigen Börsenkollaps zu deutlich niedrigeren als den Ankaufspreisen wieder auf den Markt warfen. Katharina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, Direktorin der Hamburger Niederlassung des Auktionshauses Sotheby’s, ist dennoch überzeugt: „Die Zeiten sind nicht vergleichbar. Damals wurde beliebig fast alles gekauft, was Rang und Namen hat. Heute informieren sich die Käufer genau über Qualität und Marktwert eines Bildes, bevor sie bieten.“

Die Frage ist nur: Woran sollen sie sich orientieren? Wie informiert man sich auf einem Markt, bei dem die Prognosen ähnlich aussagefähig sind wie die Wettervorhersage? Und wonach bemisst sich ein Preis in einem Geschäft, bei dem selbst Insider nicht wirklich erklären können, warum das Gemälde des einen Künstlers wenige tausend Euro kostet, während das des Zeitgenossen erst ab 50.000 Euro aufwärts zu haben ist? Kunstkritiker sprechen in diesem Zusammenhang gern nebulös von der Qualität eines Werkes. Sie erweist sich beim näheren Hinschauen als Schimäre. In der Kunst werden Preise im Dialog gemacht. Die „Kunstfamilie“ reist von einer Messe zur nächsten, trifft sich auf Vernissagen und bei Atelierfesten, Hauptsache, sie tauscht sich aus. Denn in der Schnittmenge aus Geklüngel, Getratsche und ernsthaften Gesprächen wird entschieden, was neu, heiß und teuer und welcher Künstler wohl bald schon wieder out ist. Besonderes Gehör finden dabei die Drahtzieher der Preise: Sammler und Händler wie der britische Werber Charles Saatchi oder Netzwerker wie Sam Keller, der Leiter der Art Basel und der Art Basel Miami Beach.

Versuche, das diffuse Geschehen um Preise und Werte transparenter zu machen, hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Hierzulande beispielsweise erscheint jedes Jahr im November im Wirtschaftsmagazin Capital der sogenannte Kunstkompass. Ähnlich dem Kurs-Gewinn-Verhältnis auf dem Aktienmarkt, versucht die Rangliste Ruhm und Rang der weltweit bekanntesten Künstler der Gegenwart mit objektiven Indikatoren zu messen. Als Kriterien für den Künstler gelten unter anderem die Zahl seiner Einzelausstellungen in international bedeutenden Museen, die Teilnahme an Gruppenausstellungen wie der Biennale und Rezensionen in wichtigen Kunstmagazinen. Für die Preise werden Galeristen befragt und Schätzungen von Experten herangezogen. Die Relation zwischen Ruhm und Preis soll Auskunft über die Preiswürdigkeit eines Künstlers geben.

150.000 Euro? Sehr günstig

Der Kunstkompass 2005 wird von dem deutschen Maler Gerhard Richter angeführt. Ein mittelgroßes Richter-Original kostet laut Liste zwischen 550.000 und 650.000 Euro. Die Einschätzung der Autoren: teuer, aber nicht überbewertet. Auch auf dem zweiten Platz steht ein Deutscher. Ein Werk von Sigmar Polke ist demnach für 200.000 bis 300.000 Euro zu haben, angesichts seines Renommees sei der Preis sehr angemessen. Als „sehr günstig“ wird die Kölner Konzeptkünstlerin Rosemarie Trockel, Nummer vier im Kunstkompass, bewertet: Ihre Werke kann man – je nach Umfang und Größe – für 20.000 bis 150.000 Euro kaufen.

Als Richtschnur mag der Kunstkompass funktionieren, verlässliche Auskunft darüber, wie sich das Werk eines Künstlers unter Renditegesichtspunkten entwickeln wird, kann allerdings auch er nicht geben. Unter den zehn teuersten Gemälden der Welt befinden sich einige Werke von Pablo Picasso. Ein Bild von ihm, dürfte man also meinen, ist eine verhältnismäßig stabile Geldanlage. Die beiden Nationalökonomen Werner Pommerehne und Bruno Frey belegten das Gegenteil.

Ein Selbstbildnis von Picasso, so wiesen sie nach, wechselte 1970 für 147.000 Pfund den Besitzer. Nach nur fünf Jahren kam das Bild wieder auf den Markt, diesmal wurde es für 283.500 Pfund verkauft. Nominell habe sich der Wert des Werkes damit zwar fast verdoppelt, so die Ökonomen. Würde man jedoch Auktionsgebühren und Versicherungsspesen abziehen und das Ergebnis um die damalige Inflationsrate in Großbritannien bereinigen, läge die reale Ertragsrate des Besitzers bei minus 3,6 Prozent. Die beiden Wissenschaftler ziehen ein für Kunstliebhaber ernüchterndes Fazit: Die Rendite der Geldanlage in Gemälde ist der in Finanzmarktanlagen unterlegen. Ihr Hinweis auf den Kunstgenuss als zusätzliche Rendite kann dem Investor wohl kaum als Trostpflaster dienen.

Christian Knebel, ein Ökonom aus Witten, legte die jüngsten Untersuchungen zum Thema vor. In verschiedenen Aufsätzen und Fachpublikationen verglich er die Wertentwicklung von Kunstwerken mit der von festverzinslichen Wertpapieren. Nach seinen Berechnungen übertrumpfen zumindest die Top-Künstler die anderen Investitionsanlagen. Während sich der Dow Jones zwischen 1961 und 2004 mit einer jährlichen inflationsbereinigten Rendite von 4,8 Prozent entwickelte, haben Meisterwerke laut Knebel im selben Zeitraum pro Jahr durchschnittlich 6,4 Prozent an Wert zugelegt. Die Werke von weniger etablierten Künstlern allerdings schneiden auch bei Knebel schlechter ab als die Anlage in Wertpapiere. Sein Rat: „Wer aus Renditegründen Kunst kauft, sollte ganz klar nur in wirklich große Namen investieren. Die weniger bekannten Künstler bleiben aus ökonomischer Sicht ein Liebhabermarkt.“

Gerd Harry Lybke hält von derartigen Analysen nur wenig. Der Berliner Galerist vertraut bei der Auswahl von Künstlern vor allem auf sein Bauchgefühl (siehe Interview). Das hat ihn in der Vergangenheit offenbar nur selten getrogen – die Künstler, die Lybke vertritt, zählen zu den teuersten im Land und haben ihn selbst zu einem der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands gemacht. Lybke ist überzeugt: „Ein Werk, das einem gefällt, ist jeden Preis wert.“

Der Mann hat gut reden. Allein Neo Rauch, einer der Stars in Lybkes Galerie Eigen + Art, hat sich im aktuellen Kunstkompass um 27 Plätze auf Position 62 nach vorn geschoben. Der durchschnittliche Preis für eine seiner Arbeiten pendelt laut Rangliste zwischen 120.000 und 180.000 Euro. Deshalb wird ein Rauch als teuer, aber noch nicht abgehoben bewertet. Fragt sich nur, wie lange noch.

DIE TEUERSTEN GEMÄLDE DER WELT

„Adele Bloch-Bauer I“, Gustav Klimt 135 Millionen Dollar (2006)

„Junge mit Pfeife“, Pablo Picasso 104,2 Millionen Euro (2004)

„Dora Maar mit Katze“, Pablo Picasso 95,2 Millionen Euro (2006)

„Portrait des Dr. Gachet“, Vincent van Gogh 82,5 Millionen Euro (1990)

„Au Moulin de la Galette“, Pierre-Auguste Renoir 78,1 Millionen Euro (1990)