Pleiten, Pelz und Pannen

Wer mitten im Nirgendwo überleben will, braucht Mut, Zähigkeit – und Flexibilität. Sascha Botenko, Fuhrunternehmer, Fahrer, Fallensteller, Allesflicker verkörpert den neuen, dünnen Mittelstand der sibirischen Provinz, der davon lebt, dass er ständig in Bewegung ist.




Es hat aufgehört zu regnen, der hohe sibirische Himmel spiegelt sich graublau in den Pfützen vor Saschas Haus. Sascha und sein Sohn Kolja schleppen eine Eisenstange durch den Schlamm, an der eine 70-Kilo-Felge hängt. Sascha ist einen Kopf kleiner als sein Sohn, bewegt sich in seinen Gummigaloschen flink und sichelbeinig wie ein Tanzbär. Zusammen mit Wasja, seinem Schwager, haben die beiden die kaputte Bremsscheibe ausgewechselt und Felgenstifte verlötet. Nun wuchten sie die geflickte Felge auf die blanke Achse eines KRAS-Lastwagens. Sascha hilft mit dem Vorschlaghammer nach. Der KRAS, Baujahr 1983, hat 240 PS, er ist riesig, hässlich, kantig, sein Tarnanstrich starrt graubraun vor altem Dreck. Ein Dinosaurier, doch er lebt, schleppt 20 Tonnen.

4000 Kilometer westlich des Rajons Sedelnikowo liegt Kaliningrad, 5000 Kilometer östlich an der Bering-See die Halbinsel Kamtschatka. Birkenhölzernes russisches Kernland, aber doch ganz am Rande. Bis zur nächsten Eisenbahnlinie, zur nächsten allrussischen Autobahn, zum nächsten Flughafen, bis Omsk sind es 300 Kilometer. Im Norden Taiga, im Osten Sümpfe, im Westen der Irtisch, der bei Eisgang, also zwei bis drei Monate im Jahr, nicht zu überqueren ist. Der Landkreis ist eine 40 Kilometer breite und 160 Kilometer lange Sackgasse. Aber nicht für Sascha.

Alexander, oder kurz Sascha, Botenko, 49, Polizistensohn, gelernter Autoelektriker, verheiratet, drei Kinder, ist fast immer unterwegs. Entweder mit dem Lastwagen auf Tour, im Autoladen oder bei Bekannten, um Ersatzteile zu finden. Trifft man ihn mal zu Hause an, dann schraubt, schweißt oder hämmert er. Sascha lebt davon, in Bewegung zu sein. Und ist ständig unterwegs. In einer Umgebung, die seit dem Zerfall der Sowjetunion erstarrt, die an der Bewegungslosigkeit zu ersticken droht.

Elchgulasch, Gurkensalat und eine Flasche „Nationale Währung“

Das Wort Mobilität kennt Sascha nicht. Mobil sein in Sibirien, das bedeutet einen ewigen Kampf gegen kaputte Benzinpumpen, verschlammte Gelenke und festgefrorene Kupplungen. Selbst im Winter, bei minus 30 Grad, umklammern Saschas nackte Hände Stahl, so glühend kalt, dass westeuropäische Haut daran kleben bliebe. Auch Hände, sagt Sascha, gewöhnen sich an alles. Saschas Fuhrpark erinnert an einen Autofriedhof. Vor seinem Haus stehen rostbraune Anhänger und zwei weitere 20-Tonner, auch sie riesig und hässlich: ein ukrainischer MAS-Schlepper, Baujahr 1982, ebenfalls 240 PS, und ein KAMAS, 210 PS, Baujahr 1986. Vehikel aus sowjetischen Vorzeiten. „Den KAMAS haben wir als Unfallwagen gekauft, zwei Jahre lang repariert, in Etappen, immer wenn wir wieder Geld für Ersatzteile hatten.“

1940 lebten im Landkreis Sedelnikowo noch 32.000 Menschen, 13.200 sind übrig geblieben. Ein Agrarkreis, die Kolchosen sind jetzt Aktiengesellschaften, aber pleite. Vergangenes Jahr stiegen ihre Verluste von drei auf 20 Millionen Rubel, Ende der achtziger Jahre gab es hier 36.000 Kühe, heute sind es keine 10.000 mehr. Außer der Butterfabrik findet man so gut wie keine Industrie. Hier gibt es auch kein Erdgas, man hat zwar vor mehr als 20 Jahren Öl gefunden, aber das gilt als minderwertig. Für Russlands neue, boomende Rohstoffexportwirtschaft existiert Sedelnikowo so wenig wie tausende andere Landkreise. Viele Kolchosbauern kassieren gerade noch 80 Rubel Monatslohn, umgerechnet knapp 2,50 Euro. Fast alle überleben als Selbstversorger, selbst der Landrat hält eine Kuh.

Hauptnahverkehrsmittel sind Pferdewagen und Füße. Für ein Bus-Ticket nach Omsk und zurück zahlt man 300 Rubel. Für die meisten so unerschwinglich wie eine Reise zum Mond. Ein Liter Normalbenzin an der einzigen Tankstelle der Region kostet elf Rubel, also 30 Cent. Selten, dass ein Autofahrer mehr als fünf Liter kauft. Dann schon lieber einen Liter Samogon, selbst gebrannten Fusel für 40 Rubel, 1,20 Euro, um dem Elend zumindest für eine Nacht zu entfliehen.

Sascha sitzt am Küchentisch, halb nackt und barfuß, er trägt nur eine dunkelblaue Trainingshose. Sibirische Freizeitmode. Auf dem Tisch steht eine Flasche Wodka der Marke „Nationale Währung“, dazu Gurken-Tomaten-Salat, ein Teller mit Makkaroni und dunkelrotem Elchgulasch. „Früher, unter der Sowjetmacht, standen auf den Kolchosen überall Fässer voll mit Treibstoff herum.“ Auf Saschas Brust ringeln sich die ersten grauen Haare. „Ich habe damals auch Dieselgutscheine an Bekannte verteilt.“

Früher, im sowjetischen Rohstoff-Schlaraffenland, arbeitete Sascha als Lkw-Fahrer beim staatlichen Transportunternehmen, das mit 40 Lastwagen den Landkreis versorgte. Sascha fuhr einen SIL-Schlepper mit 130 PS, karrte Bretter, Beton und Ziegelsteine über die Dörfer, aber auch Holz nach Chabarowsk, in den Kaukasus oder nach Moskau. Er kurvte in der Freizeit mit dem SIL herum, selbst zum Zigarettenholen. „300 Rubel verdiente ich im Monat, das war in Ordnung.“ Ein Laib Brot kostete 16 Kopeken, der Durchschnittslohn lag bei 150 Rubel.

Und Sibirien war mobil. Es gab zwar noch keine Asphaltstraße nach Omsk, dafür aber einen kleinen Flugplatz in Sedelnikowo. Die Kolchosbauern flogen für 14 Rubel nach Moskau, machten Strandurlaub auf der Krim, schickten ihre Kinder zum Studieren nach Omsk. Autos gab es sehr wenige. „Fünf Jahre habe ich Schlange gestanden für einen Schiguli. Umsonst. Wir hatten damals Geld, aber kriegten nichts dafür.“ Pkw waren Mangelware, wurden über Beziehungen, an den offiziellen Warteschlangen vorbei, verschoben. Sascha kaufte sich schließlich für 400 Rubel ein Isch-Motorrad, mit 18 PS. Seine ersten eigenen Pferdestärken. Mit viel mehr konnte er in seinem Leben als Sowjetmensch nicht mehr rechnen.

„Komm, stoßen wir an!“ Sascha ist wirklich kein Mann großer Worte, auch nicht der Trinksprüche, die Russen sonst so lieben. „Den KAMAS werden wir noch lange fahren. Den MAS auch. Und den KRAS wollen wir verkaufen.“ Auch nach einem halben Liter Wodka erstattet er sachlich Bericht. Er sei jetzt Privatunternehmer, russisch abgekürzt „TschP“. TschP Botenko, mit eigenem Stempel und einem Bankkonto, über das die Rechnungen beglichen werden. „Mein Hauptauftraggeber ist der Staat. Vor allem das Straßenbauamt. Ich kenne ja noch alle, von meiner Zeit als Staatsfahrer.“ Zumal die zwei Lastwagen des Straßenbauamtes oft wochenlang in der Werkstatt herumstehen.

Ab und zu fahren er und Kolja Holz nach Omsk, ab und zu Kartoffeln, jetzt aber karren sie Kies und Asphalt aus Omsk nach Sedelnikowo. „Der Gouverneur aus Omsk war zu Besuch und hat Straßenbaumittel bewilligt.“ Im Herbst sind Gouverneurswahlen, nicht zuletzt deshalb bekommen 20 Kilometer der Straße nach Omsk eine neue Decke, 21 Fuhren für Sascha, jede für 20.000 Rubel. „Minus 250 Liter Diesel für neun Rubel, macht also minus 2250 Rubel.“ Minus Reifen- und Fahrzeugverschleiß – ein Reifen kostet 3800 Rubel – und minus zweimal 200 Rubel Schmiergeld, die jeder Lkw-Fahrer den Verkehrspolizisten am Kontrollpunkt vor Omsk bezahlen muss. Von dem Rest kann die Familie wieder eine Zeit lang leben, meint der Jungunternehmer.

Futtergetreide, Fische und Zwirbelkiefernzapfen

Es gibt etwa 30 private Lkw-Fuhrleute wie Sascha im Landkreis. Aber die meisten arbeiten ohne Firmenstempel. Futtergetreide, Fische, Holzstämme gegen Bargeld, viele kaufen das Holz auch selbst und vertreiben es dann wochenlang in Omsk. Dann gibt es noch die Händler, die im Lkw über die Dörfer tingeln und bei den Kolchosbauern Kartoffeln aufkaufen, die sie in Tscheljabinsk oder Taschkent losschlagen. Oder Abdullah, den Tschetschenen, der zwei Dörfer weiter wohnt, Schafe und Kühe züchtet, aufkauft, schlachtet, das Fleisch einmal die Woche in seinem Schiguli-Kleinwagen mit Anhänger nach Omsk karrt und dort an Restaurants verkauft. Alle machen mobil, um rauszukommen aus der neuen sibirischen Armut.

Sascha aber hat schon wieder andere Sorgen. Er muss in das 70 Kilometer entfernte Dorf, wo seine Tanketka steht: ein alter Amphibienpanzer, für Geologen gebaut, der die 30 Kilometer breiten Sümpfe überqueren kann, um in die Taiga zu gelangen. Die Tanketka, 80 PS, 3,5 Tonnen, eine Tonne Tragkraft, muss gecheckt und gründlich geölt werden. Ende August steht die Ernte der Zwirbelkiefernzapfen an. Genauer: der Nüsse darin. Die Ernte verspricht reichlich zu werden. „Sechs, sieben Tonnen Nüsse können es werden.Für 26.000 Rubel die Tonne.“

Als die Sowjetwirtschaft zusammenbrach, blieben die Zobelfallen stehen

Die „Nationale Währung“ ist leer, Sascha hat eine halb volle Flasche „Reichtum Sibiriens“ hervorgeholt. Und die Zobelpelze. Noch nicht verkaufte Beute des vergangenen Winters, ein Bündel buschiger goldbrauner Fliese. Sascha streicht mit der Hand über das samtweiche Fell, nur Chinchilla und echter Breitschwanz sind ähnlich wertvoll. Der Besitzer bleibt knapp: „Ich habe nicht schlecht mit den Pelzen verdient.“ Ende der siebziger Jahre half er seinem Nachbarn, einem Jagdaufseher, häufiger mit seinem Lkw aus. Der nahm ihn mit in die Taiga. Und Sascha begriff schnell. „Die Jagd ist ein Vergnügen. Und ein Zobelfell kostete damals auf dem Schwarzmarkt bis zu 400 Rubel.“ Mehr als ein Monatsgehalt. Als sein Freund ihm vorschlug, Jäger zu werden, willigte Sascha sofort ein. In Sibirien bedeutet Mobilität vor allem geistige Beweglichkeit.

Sascha stieg jetzt jeden Herbst aus seinem 20-Tonner auf fellbespannte Jagdskier um. Nach drei Jahren hatte er sein eigenes Revier, 250 Quadratkilometer in der Tomsker Taiga hinter den Sümpfen östlich des Landkreises. 200 Zobelfallen stellte er dort auf, verfolgte mit seinen Hunden frische Zobelfährten, war bis zu 50 Kilometer am Tag auf Skiern unterwegs. An seinem besten Tag schoss er mit einem Kleinkaliber sechs Zobel von den Bäumen, auf die sein Hund sie getrieben hatte. Sascha erstand für 2100 Rubel einen Buran-Motorschlitten, 28 PS. „Der kostete damals zehn Zobelfelle. Heute müsstest du 70 dafür hinlegen.“ Und manchmal, wenn es eine dringende Fuhre gab, schickte die „Autowirtschaft“ einen Hubschrauber in die Taiga, um Sascha zu seinem Lastwagen zu fliegen. In der Sowjetwirtschaft waren Entfernungen kein Thema.

Als sie zusammenbrach, blieben die Fichten und Kiefern der Taiga stehen. Saschas Zobelfallen auch. 1994 kaufte er für vier Millionen Inflationsrubel, etwa 800 Euro, den MAS-Laster, den die staatliche „Autowirtschaft“ schon abgeschrieben hatte. „Ich wollte Geld mit dem MAS verdienen, jagen konnte ich ja nur im Winter.“ Inzwischen besitzt Sascha drei Lastwagen, zwei Motorräder, den Motorschlitten, das Sumpfpanzerchen, einen Schiguli-Kleinwagen und zwei Traktoren. Die verleiht er umsonst an Freunde. Und sein Sohn Kolja hat sich gerade im rund 1000 Kilometer entfernten Novosibirsk einen Toyota Carina gekauft. „Das war mein Traum, ein ausländisches Auto“, Kolja lächelt so bescheiden wie sein Vater. Und wovon träumt der? „Von einer bequemeren Kabine für den MAS.“

Was nützt eine Versicherung, wenn bei 40 Grad minus ein ganzes Rad abbricht?

Immerhin, die Botenkos wohnen in einem der wenigen Häuser in Sedelnikowo, die nicht aus Holz, sondern aus Ziegeln gebaut sind. Vier Zimmer mit Zentralheizung, und nebenher bastelt Sascha an einem der ersten Badezimmer im Landkreis. Die Kühltruhe ist voll mit Elchfleisch, in der Speisekammer stehen Gläser mit gepökeltem Bärenfleisch. Er kann die 18.000 Rubel jährliche Gebühren für das Sprachstudium seiner Tochter Marina in Omsk bezahlen. Urlaub hat er noch nie in seinem Leben gemacht.

Sascha ist Sibirjak, er versucht alles, kriegt alles hin, repariert alles. Fahrer, Fallensteller, Mechaniker, Scharfschütze, Arbeitstier, Meister des Alltags, Mann der Tat, von keinem politischen oder wirtschaftlichen System zu stoppen. Ein Ausbund kapitalistischer Tugenden, aber kein Pedant, kein Egoist, einer, der nie auf die Idee käme, er müsse der Größte sein, um sich glücklich zu fühlen. „Ich bin nicht reich“, sagt Sascha, „ich bin Mittelstand.“

Ein wackeliger Mittelstand. Nicht jeden Sommer kommt der Gouverneur zu Besuch und verteilt zum Wahlkampf Straßenbaugelder. Und keines von Saschas Autos ist versichert. „Russische Versicherungen zahlen sowieso nicht.“ Aber kann man Mobilität in Sibirien überhaupt versichern? Was hilft die Versicherung, wenn bei 40 Grad minus erst ein Reifen platzt, dann der zweite und dann ein ganzes Rad abbricht? „Dann hilft dir nur einer, der anhält und dir sein Reserverad ausleiht“, sagt Sascha. Ein fremder Fernfahrer, der einen nicht als Konkurrent betrachtet, sondern darauf vertraut, dass man irgendwann vorbeikommt und ihm sein Ersatzrad zurückgibt. Eben ein anderer Sibirjak.

Was ist die Hauptsache in Saschas Leben? „Meine Familie. Was sonst?“ Auch nach anderthalb Flaschen Wodka bleibt er lakonisch und wirft seiner Frau Ludmilla einen liebevollen Blick zu. Als sie hinausgegangen ist, fängt Sascha an zu schwärmen. „Ich kann es kaum noch erwarten, bis es Herbst ist. Die Hunde fangen auch schon an zu jaulen vor Sehnsucht.“ Die Taiga, ihr Schweigen, das blaue Licht zwischen den Birken und Kiefern, die erste frische Elchspur im Schnee – hier überlebt wie vor tausend Jahren nur der, der umherstreift, jagt, sammelt. Die Höhe des Schnees, seine Härte entscheiden, wer mobiler ist: der Hund oder der Zobel, der Schlitten oder der Wolf? „Mann, wie freue ich mich auf die Taiga!“

Sascha fährt wieder zur Jagd. Zusammen mit seinem Freund Ljoscha, einem Forstarbeiter. Ljoscha hat in der Nacht vorher heftig gebechert. Er kletterte mit matten Augen und leuchtender Nase in Saschas Schiguli. Nach drei Kilometern Fahrt fällt ihm ein, dass er sein Gewehr vergessen hat. Sascha geht vom Gas, stoppt. Sieht Ljoscha an. Ljoscha sieht ihn an. Umkehren? „Na, lass uns weiterfahren“, sagt Ljoscha. Sascha nickt ernst und gibt wieder Gas. Auch wenn er im Lkw sitzt und merkt, dass er seine Autopapiere vergessen hat, fährt Sascha weiter. Für einen Sibirjak, der einmal unterwegs ist, bedeutet jede Rückkehr Unglück.