Der Menschen-Flüsterer

Sie sind eines der ältesten Fortbewegungsmittel der Menschheit – und doch weiß der Mensch so wenig über Pferde wie über sich selbst.
Tom Dorrance wusste mehr.
Das machte ihn für die einen geheimnisvoll, für die anderen unheimlich. Und weltweit zum Kult.
Die Geschichte eines Mannes, der unfreiwillig zur Legende wurde.




Ein Pferdeflüsterer? Wollte er niemals sein. Nicht mal ein Cowboy. „Ich bin kein Cowboy“, sagte er. „Cowboys gibt es im Film. Ich bin nicht aus einem Film. Mich gibt es wirklich.“ Und Pferdeflüsterer, hätte er noch sagen können, gibt es nur in den Träumen der Menschen. In Träumen, die von Magie und Wundern handeln. In die sie sich flüchten, wenn ihnen das Leben zu mühselig wird. Tom Dorrance. Ein kleiner, krummbeiniger Mann. Der aussah wie ein Cowboy. Und der mit Pferden umzugehen verstand wie kein Zweiter. Umgehen? Ach was, reden konnte er mit ihnen. Von Pferd zu Pferd. Er dachte, wie das Pferd denkt. Er fühlte, wie das Pferd fühlt. Er wusste, wann und wie sich das Pferd bewegen würde, noch bevor es selbst den Entschluss gefasst hatte, sich zu bewegen. Er war „the guy who started it all“, der Mann, mit dem alles anfing: der reelle Umgang mit Pferden. Und die Träume von Wundern und Magie.

Über die Jahre geriet Dorrance ungewollt zur Legende. Die Menschen, hilflos, ratlos, begannen mit ihren Pferden zu ihm zu pilgern. Sie hofften, er werde ein Wunder vollbringen, sie endlich mit dem Tier zurechtkommen lassen. Dorrance wollte ihnen mehr geben: die Erkenntnis, auf der seine „Wunder“ beruhten. „Nicht die Pferde verhalten sich unnatürlich, sondern der Mensch. Wenn ihr mit ihnen klarkommen wollt, müsst ihr euch ändern, nicht das Pferd.“ Die Mehrzahl der Menschen zog es vor, weiterhin an Wunder zu glauben. Dorrance fand zu dem Schluss: „Vielleicht ist es besser, von mir zu hören, als mir zu begegnen.“

Er sagte den Satz, als ich begann, hinter ihm herzutelefonieren. Ich hatte von Dorrance gehört. Dass er nicht nur die Pferde zu bezaubern verstand. Sondern auch Katzen, Hunde und Kinder. Dass er einmal, auf einer Grillparty, die Menschen stehen gelassen hatte, um sich mit einem vor Furcht zitternden Hund zu beschäftigen. Dorrance legte sich flach zu ihm auf den Boden, und als die Menschen fragten: „Was tust du da, Tom?“, antwortete er ihnen: „Ich zeige diesem verunsicherten kleinen Hund, dass ich genauso klein bin wie er.“

Ich hatte von ihm gelesen. Dass er geradlinig war, diszipliniert, bescheiden. Dass er den Menschen, genau wie den Tieren, ins Herz sehen könne und darum den Menschen unheimlich war. Ich wollte ihn finden. Nicht allein meiner anscheinend wunderbedürftigen Pferde wegen. Ich hoffte auf die große, alles umfassende Lösung. Irgendwo, weit weg in Kalifornien, da saß einer, der hatte gefunden, wonach ich suchte. Ich rief ihn an, ich bat um ein Treffen. Er sagte: „Momentan habe ich keine Zeit. Bitte rufen Sie in drei Monaten wieder an.“ Das tat ich. Er sagte: „Zurzeit ist es schlecht. Wollen Sie sich in einem halben Jahr noch mal melden?“ Ich wollte. Er sagte: „Jetzt geht es nicht. Bitte versuchen Sie es in vier Monaten noch einmal.“ Ich versuchte es. Und wieder. Und noch einmal.

Bisweilen schob er seinen Bruder vor. Bill, damals 92 Jahre alt, sagte ins Telefon: „Tom ist nicht hier.“ Ich wusste, er log. Bill wusste, dass ich es wusste. Manchmal glaubte ich zu verstehen: Tom prüfte, wie wahrhaftig mein Interesse war. Dann wieder fürchtete ich, er wolle nicht mit mir reden. Bald lachte er, wenn er nach den vielen Anrufen meine Stimme erkannte. Das machte mir Hoffnung. An einem Abend im Februar 1997, zwei Jahre nach meinem ersten Versuch, sagte er: „Gut. Also, wann sind Sie ohnehin einmal in San Francisco?“ Was für eine Frage!

Sein Schweigen ließ mich hoffen. „Nein“, sagte er und legte auf

Ich gab die dümmste Antwort, die möglich war: „Ich bin nie ,sowieso‘ in San Francisco! Ich käme extra, um Sie zu sehen!“ Hatte dieser Mensch denn nicht begriffen, wie wichtig es mir war, ihn zu finden? Selbstverständlich hatte er. Erschrocken rief er ins Telefon: „Nein! Das geht nicht! Es ist eine viel zu weite Reise, nur um einen alten Mann zu treffen. Viel zu weit, nur um enttäuscht zu werden.“ Ich war den Tränen nahe. Sagte: „Ich werde nicht enttäuscht. Nicht von einem Menschen, der so etwas sagt.“ Er zögerte. Er fragte: „Was versäumen Sie für Ihr Leben, wenn Sie mich nicht treffen?“ Ich antwortete, ohne einen Augenblick überlegen zu müssen: „Alles.“ Sein Schweigen ließ mich hoffen. „Nein“, sagte er schließlich. „Es geht nicht. Ich sage nicht nie. Aber im Augenblick geht es nicht.“ Er legte auf.

Ich hatte es vermasselt. So kurz vor dem Ziel. Weil ich unfähig war, seine Not zu begreifen: Er wollte sich nicht verantwortlich fühlen müssen dafür, dass ich 10.000 Kilometer weit flog, um am anderen Ende der Welt zu suchen, was ich schon zu Hause nicht in der Lage gewesen war zu finden.

Nach einer Stunde rief ich wieder an. Ich log: „Mr. Dorrance, vom soundsovielten Februar bis zum soundsovielten März bin ich ohnehin in San Francisco und würde Sie dann gern besuchen kommen.“ Kein Augenblick des Zögerns. „Einen Moment. Ich hole meinen Terminkalender.“

Ich lauschte seinem schweren Schritt, hörte ihn wieder näher kommen. Ich schloss die Augen. „Ja“, sagte er. „Ich werde hier sein.“ Ich wagte nicht, an mein Glück zu glauben: „Aber – Sie werden tatsächlich da sein, nicht wahr?“ Er antwortete mit einer Frage: „Sie sind sowieso in San Francisco, aber Sie wollen sichergehen, dass ich dann auch wirklich hier bin?“ – „Ja“, hauchte ich. „Das wäre mir wichtig.“ – „Sehen Sie“, sagte er, und ich meine bis heute, dass in seiner Stimme Enttäuschung mitschwang. „Wenn Sie so voller Zweifel sind, bleiben Sie besser in Deutschland.“

Ich fuhr. Meinen Zweifeln zum Trotz. Und allen Zweifeln zum Trotz rief ich ihn vor der Abreise nicht noch einmal an. Das tat ich aus meinem Motelzimmer in Salinas, etwa 150 Meilen südlich von San Francisco. Er klang fassungslos. „Sie!“, rief er, „Sie sind in Salinas!“ – „Ich hatte gesagt, ich würde kommen.“ – „Ja“, sagte er, „aber da waren Sie in Deutschland.“ – „Wer von uns beiden steckt nun voller Zweifel?“, fragte ich ruhig.

Es gibt Menschen, die können schweigend jede Frage beantworten, die du ihnen nicht stellst. So einer war Tom

Am nächsten Morgen fuhr ich über die „Straße der Erde“ hinauf in die Berge, wo sie als „Straße des Himmels“ endet. Zur Ranch von Bill Dorrance, auf dessen Land Tom und seine Frau Margaret ein Containerhaus bewohnten. Eine schlichte, vorgartenlose Scheußlichkeit in Beige. „Gut genug für zwei alte Leute“, würde er später sagen. Es regnete. Als mein Wagen vor dem Haus hielt, trat er auf die Veranda. Ein kleiner, krummbeiniger Cowboy. Im Arbeitshemd und in derben tintenfarbenen Jeans. 87 Jahre alt. Ich fühlte mich angekommen. Ohne dass ich genau hätte sagen können, wo. Und hätte er da nicht gestanden, wartend, dass ich endlich aussteige, ich hätte vermutlich erst mal in Ruhe geheult.

Er wusste mit meiner Verwirrung nichts anzufangen. Und sicher auch nicht viel mit mir. Ich hatte mir so viele Fragen zu Pferden zurechtgelegt. Und noch mehr, die ich nicht mal im Kopf zu formulieren wusste. Am Ende habe ich ihn kaum etwas gefragt. Und er hat kaum etwas gesagt. Es gibt Menschen, die können schweigend jede Frage beantworten, die du ihnen nicht stellst. So einer war Tom Dorrance.

Geboren 1910, auf einer Ranch in Oregon. Sohn eines Farmers und einer Dorfschullehrerin, das sechste von acht Kindern. Er wog nicht viel mehr als ein Kilo, als er auf die Welt kam. Das winzige Baby wuchs zu einem schmächtigen Kind. Immer erzählte Tom, sein Körper habe ihm geholfen, die Pferde verstehen zu lernen. „Ich hatte nicht die Kraft, mich mit so großen Tieren anzulegen. Ich musste einen Weg finden, friedlich mit ihnen umzugehen.“ Wahrscheinlich hat doch sein Freund Buck Recht, wenn er sagt: „Ach, Tom, der hätte ein Bulle von einem Kerl sein können, er hätte es niemals auf eine andere Art versucht, als er es immer getan hat.“

In seiner Erinnerung sah er sich als Vierjähriger erstmals auf einem Pferd. Mit zehn ritt er allein hinaus auf die Weiden, kontrollierte die Zäune und sah nach dem Vieh. Verantwortlich für die Aufgaben, die er übernahm. „Es gab niemanden, der hinter mir aufräumte, wenn ich’s vermasselt hätte. Also musste ich zusehen, meinen Job ordentlich zu machen.“ Er und seine drei Brüder ritten die Pferde der Ranch zu und die der Nachbarn. Fünf bis zehn Dollar für drei Monate Arbeit. Bill Dorrance sagt, sein Bruder habe es immer leicht gehabt mit den Pferden. „Die arbeiteten gern für ihn. Nur manche bockten, und wenn, dann wurden sie ihn nicht mehr los.“ Er beobachtete sie. Wie sie frei liefen, allein und in der Herde. An Menschen gewöhnte Pferde und wilde. Ihre Reaktion auf Artgenossen, andere Lebewesen und Dinge. Tom sagte: „Was ich über das Pferd weiß, weiß ich vom Pferd.“ In den Jahren auf der Weide erkannte Tom ein paar entscheidende Dinge über das Leben.

1960, nachdem seine Eltern gestorben und die Geschwister fortgezogen waren, verkaufte er die Ranch. Seitdem hatte er kein eigenes Pferd mehr besessen. „Ich hatte keine Aufgabe für ein Pferd.“ Er reiste nach Südamerika, Europa und Afrika. Er kaufte einen kleinen Trailer und zog durch die Vereinigten Staaten. Und doch, sagte er, seien immer Pferde um ihn gewesen. Er habe sich lange gewundert, woran das lag. Er lachte. „Dann fand ich heraus: Ich bin nur dort hingefahren, wo Pferde waren.“ Er arbeitete auf Ranches, ritt junge Pferde ein und alte wieder zurecht. Wenn einer eine „harte Nuss“ im Stall stehen hatte, gab er sie Tom Dorrance zum Knacken.

Die Menschen kamen zu ihm und baten um seinen Rat. „Mr. Dorrance“, sagten sie, „ich habe ein Problem mit meinem Pferd.“ Und er verblüffte sie mit der Antwort: „Haben Sie je darüber nachgedacht, dass Ihr Pferd vielleicht ein Problem hat mit Ihnen?“ Es sei mit Pferden wie mit Menschen. „Sie müssen ihnen die Sicherheit geben, dass sie tun können, was Sie von ihnen erwarten, ohne sich dabei aufzugeben.“ Dorrance fand, nicht das Pferd müsse lernen zu verstehen, was sein Mensch von ihm verlangt, sondern der Mensch müsse lernen, sich seinem Pferd verständlich zu machen.

Die Erzählungen über einen scheuen Kerl in Kalifornien, der die Tiere versteht, erreichten die Zeitungen und die Fernsehsender. Dorrance ergab sich den Bitten um Interviews und fand sich zitiert in glänzenden Worten, die nicht seine waren. Er litt unter der Angst, die Pferde wider sein besseres Wissen zu betrügen. „Was ich seit Jahren tue, ist, sie glauben zu machen, die Menschen seien besser, als sie wirklich sind.“ Er sagte, mit Menschen käme er nicht zurecht. „Warum?“, fragte ich. Er hob die Schultern. „Ich denke nicht mehr darüber nach.“ Ich dachte: Nein, Tom, nicht du hast Probleme mit den Menschen. Die Menschen hatten Probleme mit einem wie ihm. Als er auf den Ranches arbeitete, ging ihm die Warnung voran: „Pass bloß auf! Der weiß, was du denkst, noch bevor du es gedacht hast.“

An einem Wochenende im Frühjahr war Tom in Texas, im Stall des Trainers Jack Brainard, eine Autostunde von Dallas. Er sollte Ranchern, Hobbyreitern und Turnierprofis den Umgang mit ihren Tieren erleichtern und das Einreiten von sechs Jungpferden leiten. In der Halle war mit Metallgittern ein „Round Pen“ abgeteilt, ein runder Trainingsplatz von 18 Metern Durchmesser. Darin Pferde ohne Reiter. Außerhalb des Gatters ritten 30 Menschen und warteten, dass Tom ihre Probleme sah und sie löste. Margaret Dorrance saß unter den Zuschauern in der Halle, ihr Mann auf einem Podest an der Längsseite der Arena, vor sich ein Glas Wasser und ein Mikrofon. Von morgens früh bis zum späten Nachmittag beobachtete er Mensch und Pferd mit disziplinierter Aufmerksamkeit. Seine Vorschläge, was der Reiter tun könnte, waren technisch präzise. Sie klangen oft verwirrend. Einer fragte: „Meinst du das ernst?“ Tom sagte: „Mal sehen. Wenn’s klappt, hab’ ich es ernst gemeint.“

Im Round Pen stand ein Rancher mit dem Rücken zum Gitter. Ein struppiger Kerl, grau, in Jeanshemd und kniehohen roten Boots. Ihm gegenüber lauerte ein Pferd, struppig und grau wie sein Mensch, nur dürrer. Der Mann wagte nicht, ihm nahe zu kommen. Es hatte ihn gebissen. Es hatte nach ihm ausgeschlagen. Es hatte ihn niedergerannt. Er wollte, dass Tom ihm sagen würde, wie er es zureiten könnte. Tom sagte: „Streichle dein Pferd.“ Der Mann sah ihn stumm an. Tom sang: „Strei-chle deiiin Pfe-erd.“ Der Mann sah hinüber. Das Pferd wartete. „Sein Problem ist Misstrauen, es braucht Sicherheit. Geh hinüber und streichle es!“, sagte Tom. „Die Leute sehen nur das eine große Problem“, sagte er, „für die vielen kleinen Probleme, die sie zu dem großen haben wachsen lassen, sind sie blind. Könnten sie die kleinen Probleme erkennen und lösen, sie würden kein großes haben.“ Der Mann wagte ein paar Schritte zur Flanke des Pferdes, seinen Arm weit nach vorn gestreckt. Dorrance sang mit hoher Stimme: „Soommhsoojaaruuhiigsoojaammhruuhiig.“ Die Fingerspitzen des Mannes streiften das Fell. Das Pferd sprang, trat mit der linken Hinterhand nach dem Mann; er stolperte rückwärts. Dorrance klatschte in die Hände und rief: „Dein Glück! Es hat dich nicht erwischt. Diesmal lass es nicht zu lange warten, geh zu ihm. Jetzt!“ Das Pferd schlug nach jeder Berührung aus, einen Tag lang; dann stand es unter den Händen des Mannes still. Am zweiten Tag ritt er es. Tom lachte. „Schau, wenn du langsam gehst, erreichst du oft schneller dein Ziel.“

Tom sprach in sein Mikrofon: „Ihr lernt nicht in dieser Arena; hier bekommt ihr nur Hinweise. Lernen müsst ihr zu Hause, von euren Pferden und aus euren Fehlern.“ Er erzählte die Geschichte des alten Mannes, der immer die richtigen Entscheidungen traf, und wie der junge Mann den alten fragte: „Wie kommt es, dass du dich immer richtig entscheidest?“ Das mache seine Erfahrung, habe der Alte gesagt. Der Junge wartete, aber der Alte schwieg. „Und woher nimmst du deine Erfahrung?“, fragte der junge Mann schließlich ungeduldig. Der Alte antwortete ruhig: „Aus den vielen falschen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.“

Tom ging zum Kamin und warf den „Pferdeflüsterer“ ins Feuer

„Die Menschen haben es eilig, ihr Ziel zu erreichen“, sagte Tom. „Sie wollen die Antwort auf ihre Frage sofort; eine oberflächliche Antwort wäre ihnen genug. Aber ich kann ihre Frage nicht beantworten, ohne über die kleinen Dinge zu reden, die ihre Frage bedingen.“ Die 300 Dollar, die sie ihm für jeden Kurs gaben, verschärften sein Gefühl, den Menschen sei gleichgültig, was er sagte. Ein Pferd, sagte er oft, ist ein so wundervolles Tier. „Ich wünschte, ihr könntet das erkennen: diese ihm eigene Großartigkeit. Ihr müsst euer Pferd spüren, um es begreifen zu können. Nicht nur seinen Körper. Spürt seine Seele.“ – „Was meinst du damit: seine Seele?“, hatte eine Frau bei einem seiner Kurse gefragt. „Ich wünschte, ich wüsste dafür ein anderes Wort“, sagte Tom. „Schon wegen des ganzen Mülls, mit dem die Leute das Wort beladen. Aber ich habe kein besseres gefunden.“

Tom lehrte keine Techniken. Er sprach nicht viel über den richtigen Sitz oder das korrekte Halten der Zügel. Bat ihn jemand um Rat, pflegte er zu antworten: „Es kommt darauf an.“ Und: „Noch habe ich dein Pferd nicht dazu gehört, ich kenne bislang nur deine Seite.“ Die Menschen kamen dennoch zu ihm mit einer Regelmäßigkeit, mit der man einen Therapeuten aufsucht. Wenn der Alltag ihren Enthusiasmus aufgefressen hatte, mit dem sie vom letzten Kurs heimgekehrt waren, standen sie wieder vor ihm. Tom hätte seine Gebühr verdoppeln und 40 Kurse im Jahr geben können. Seine Einnahmen reichten zum Leben. Mehr wollte er nicht. Er ließ lange keine Lehrvideos aufnehmen, die sich teuer hätten verkaufen lassen. Erst als die Verlegerin Milly Hunt Porter, die Frau seines besten Freundes Ray Hunt, ihn bat, ein Buch zu schreiben – „für meine Kinder, Tom“ –, ließ er sich erweichen. Das Buch heißt „Wahre Einheit. Die willige Verständigung zwischen Pferd und Mensch – Tom Dorrance spricht über Pferde“.

Er fürchtete, die Menschen könnten weniger herauslesen, als er hineingeschrieben hatte. Eine Dame aus der Schweiz bat, das Buch übersetzen zu dürfen. Der Autor sagte: „Unmöglich.“ Diesmal blieb er dabei. „Es geht nicht. In einer anderen Sprache wird es nicht mehr das sein, was ich gesagt habe.“ Jemand machte ihm den Vorwurf, er sei nicht daran interessiert, sein Wissen und seine Erfahrung weiterzugeben. Tom antwortete: „Ich bin einfach hier und lebe. Wenn irgendjemand daraus einen Nutzen ziehen kann, ist das wunderbar. Aber ich werde es niemandem aufzwingen. So arbeite ich nicht mit Pferden. Und so werde ich nicht mit Menschen arbeiten.“

Tom kannte den Begriff „Pferdeflüsterer“ nicht, bis ein Mann ihn besuchte, der sagte, er plane ein Buch über ein Mädchen und dessen Pferd. Nur habe er keine Ahnung von Pferden. Ob Dorrance sie ihm erklären könne? Tom hoffte, seine Erzählungen würden dem Autor helfen, den Menschen die Pferde nahe zu bringen. Als Nicolas Evans ihm ein Exemplar seines Buches „Der Pferdeflüsterer“ geschickt und er es gelesen hatte, stand er aus seinem Sessel auf, ging die wenigen Schritte zum Kamin und warf es ins Feuer.

Tom Dorrance, der Menschen und Pferde, mit denen er einmal gearbeitet hatte, über lange Zeit nicht vergaß, konnte sich an den Bestsellerautor nicht mehr erinnern. Nur seine Frau Margaret muss sich noch manchmal ärgern. Dass Evans seinen Roman Tom Dorrance gewidmet hat, sagte sie, sei eine Beleidigung. „Hätte er Tom nur eine Minute zugehört, er hätte nicht all diesen Unfug geschrieben.“ Gott sei Dank sei nach der Veröffentlichung des Buches etwas Wunderbares geschehen. „Unten im Tal wollte plötzlich jeder, der irgendwann einmal etwas mit Pferden zu tun gehabt hatte, dieser Pferdeflüsterer sein; es gibt einen Haufen Leute, die sagen, das Buch sei über sie geschrieben worden.“ Sie lachte. „Gut für uns. Es hält Tom dieses Flüsterergequatsche vom Hals.“

Wenn einer fragte, was er sei, antwortete er: „Nichts. Ich ziehe es vor, gar nichts zu sein.“ Er sagte es entspannt.

Am 11. Juni dieses Jahres ist Tom Dorrance gestorben.