Krabbeln, brabbeln, entdecken

Verstecken, entwerfen, verwerfen, aufbauen, draufhauen, drüberspringen, verkleiden, vermeiden, enthüllen, verzücken, verbinden, vertragen, jagen, weinen, meinen, verwöhnen, versöhnen, alles sagen und fragen:
Das tolle Leben beginnt im Kindergarten.
Pisa auch.




„Ich bin ein kleiner Hampelmann, der Arm und Bein bewegen kann. Mal rechts hm-hm, mal links hm-hm ...“ Fünf hohe Stimmen, fünf passende Hampelmannbewegungen in einer allen offensichtlich bekannten Choreografie und fünf Babys, die bis vor ein paar Sekunden noch friedlich an der Flasche nuckelten oder mit ihren weichen Fingern an einem der bunten Polsterkissen knibbelten, die Erzieherin Gaby gerade frisch bei Ikea gekauft hat. Nun aber biegen sie staunend ihre Rücken durch, schauen mit offenen, teilweise noch zahnlosen Mündern nach oben, wo sie ein Kreis fröhlicher Mütter umtanzt. Das macht wohl gerade für die Kleinen nicht viel Sinn, denkt man, aber hey: Die Mütter scheinen Spaß zu haben.

Ein paar Minuten später, die Frauen haben inzwischen „Es tanzt ein Bi Ba Butzemann“, „Zehn kleine Zappelfinger“ und „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ gesungen, folgt der Höhepunkt des Morgens. Die Kleinen sitzen jetzt auf den Knien ihrer Mütter, die singen: „Ich bin ein kleines Pony, mein Reiter, der heißt Johnny. Und bin ich richtig schlapp, dann werf’ ich Johnny ab!“ Hoppe, hoppe, Reiter (das Lied mit dem Graben und den Kinder fressenden Raben) ist wohl aus heutiger Sicht zu brutal, aber in den Gesichtern der Kleinen explodiert nun ein Thrill, an den man sich auch erinnert, wenn man seit 34 Jahren keinen Kindergarten mehr von innen gesehen hat, ein Nervenkitzel, der sich um den drohenden Absturz von einem galoppierenden Wildpferd dreht und im sicheren Schoß der Mutter endet, auf den es nur eine Antwort gibt: „Noch mal!“

Kids-Club in der Kindertagesstätte Schillerstraße, im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Einer von vielen Programmpunkten in einer von vielen Kindertagesstätten in Deutschland, in der einem vieles bekannt vorkommt. Das Gebäude ist ein zweigeschossiger, nicht gerade einladender Zweckbau. Innen: Linoleumböden, lange Gänge mit bunten Bildern und Garderobenhaken auf Brusthöhe, Geländern auf Oberschenkelhöhe, Handtuchhalterreihen auf Bauchnabelhöhe. Kleine Tische, kleine Stühle, kleine Zahnputzbecher, sogar eine Mini-Toilette gibt es hier. Eine Mini-Welt für Mini-Menschen.

Es ist wie ein Besuch in der alten Schule. Die Hülle ist alt, aber die Inhalte sind neu. An der Pinnwand hängt das Wochenprogramm. Es gibt „Tai-Chi mit Mr. Wang“, „Babymassage“, es gibt den „Kids-Club“, Entspannungskurse, Englisch- und Spanischkurse, Kochen-für-Kinder-Kurse, Rechtsberatung, Spiele- und Bücherverleih, und es gibt sogar ein Konflikt-Training für Eltern. „Struktur und Werte sind heute die großen Probleme“, erzählte Anne Burgthaler am Telefon, eine Trainerin, die hier „Triple P“, eines der Erziehungsprogramme, anbietet: „Jede Familie hat ihre eigene Kultur, die sie aus sich selbst heraus entwickelt. Und viele Eltern sind verunsichert, was richtig ist und was nicht.“

Die Kindertagesstätte in der Schillerstraße ist eine typische Großstadt-Kita, die Funktionen für Kernfamilien übernimmt, die außer sich selbst kaum noch etwas drum herum besitzen. Wo Großeltern fehlen, wo sich Werte schneller wandeln als Auto-Marken, wo immer mehr Mütter allein erziehen, wo Doppelverdiener ranmüssen oder -wollen, wird der Kindergarten zum Lern-Center Kindheit. Für Kids und Eltern gleichermaßen. Und so muss eine Kindertagesstätte heute eben auch Eltern in ihren neuen Lebensabschnitt Elternsein einführen.

Im Abenteuerland

Den Kindern scheint das gut zu tun. Die stromern hier auffällig locker durch die Gänge. Da gibt es große, mittlere, kleine und ganz kleine Kinder, die gelegentlich verschlafen, bewindelt und sich die Augen reibend aus einem verdunkelten Zimmer kommen, bevor sie ein Erwachsener auf den Arm nimmt und wachstreichelt. Überall hängen Zeichnungen. Und Fotos. Frühreife Ahnengalerien der Helden von morgen. Kinder neben selbst gebauten Türmen, Kinder beim Kindergeburtstag, Kinder allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, stolz, vertieft, verkleidet, beim Essen, beim Spielen, beim Träumen oder einfach nur so. Überhaupt, es gibt hier eigentlich alles, was irgendwie Spaß machen könnte. Nicht schlecht, denkt man, während gerade ein „Ich bin ein Haifisch“ flüsternder Haifisch vorbeischwimmt, in Deutschlands Kindergärten hat sich richtig was getan.

Falsch gedacht. „Das machen nur wir in der Schillerstraße so“, sagt Martina Guse-Schnabel. Die Erzieherin ist 44 Jahre alt, 24 davon arbeitet sie in der Schillerstraße. „Hallo, ich bin Martina“, hatte sie sich vorgestellt und strahlte dabei diese glückliche, leicht überarbeitete Gelassenheit junger Eltern aus, die ständig zu wenig Schlaf kriegen. Zum Beweis führt sie den Gast erst einmal durch die Räume. Erklärt die Inneneinrichtung des Abenteuerlandes, so heißt die Abteilung, die wie eine Wohnung aussieht, würde man sie von einem fünfjährigen Inneneinrichter gestalten lassen. Die überdachte Kuschelecke, die Theaterecke mit Plüsch- und Samtkostümen, die sehr gut ausgestattete Bau-Ecke mit raffiniert geformten Bauklötzen und Formen.

Auch die roten Fotoalben, die hinter Martina im Regal stehen, gibt es anderswo nicht. Jedes dokumentiert die Entwicklung eines Kindes, das zu Martinas Gruppe gehört. Wer das alles ist, sieht man an den Porträtfotos, die wie Blütenblätter um einen roten Kreis geklebt sind. Zieht man also all diese netten Innovationen ab, bliebe dann derselbe Kindergarten übrig, den man selbst vielleicht vor 30, 40 Jahren besucht hat? Erzieherin Martina kommentiert die Frage mit einem Blick, der sagt: „Endlich aufgewacht?“

Bis auf die Kinder ist hier nichts normal. Die Kita Schillerstraße gehört zu den modernsten Einrichtungen Deutschlands. Sicher, es gibt Ähnliches und Vergleichbares im bunten Garten der Frühpädagogik. Doch die Masse hat den Anschluss verpasst. Das schlechte Pisa-Ergebnis Deutschlands im Jahr 2001 wird von Erziehungsexperten übereinstimmend auf die Situation deutscher Kindergärten zurückgeführt. Im Kindergartenalter werden die Weichen gestellt für die Art und Weise, wie wir lernen, wie wir uns weiterbilden und wie wir auf Veränderung reagieren. Hier zu Lande jedoch wächst dichtes Gras über diese Weichen, denn in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die deutsche Kindergarten- und Vorschulpädagogik von der europäischen Forschung und Entwicklung abgekoppelt. Innovationen sind Randerscheinungen, fast überall beruhen sie auf privater Initiative.

Auch in der Schillerstraße war so viel Einsatz gefragt, dass vier von zwölf Kolleginnen es vorzogen, sich versetzen zu lassen, als sie hier vor drei Jahren die Tagespläne abschafften, Wände einrissen und Beobachtungsprotokolle einführten. Mit dem Schreibkram kommt Martina Guse-Schnabel auf mehr Arbeit. „Ein Drittel an Stunden sind dazugekommen“, sagt sie und sieht jetzt wirklich müde aus. Mehr Geld bekommt sie nicht. Stressiger ist das neue System auch. Sie blickt sich um. „Maja, musst du pullern?“, fragt sie ein kleines Mädchen im roten Kleid, „ich merke doch, die zappelt die ganze Zeit.“ Aber zurück ins alte System will sie nie wieder, sagt Martina, und dann muss sie mal mit Maja aufs Klo.

Hello, hello, how are you?

Early Excellence Center heißt das, was sie hier machen. Das Original kommt aus England, aus einer kleinen Kindertagesstätte namens Pen Green Center (PGC) im ehemaligen Stahlarbeiterstädtchen Corby. Die Kleinstadt war jahrzehntelang von Arbeitslosigkeit und einer der höchsten Schulabbrecherquoten Englands geprägt. Als Anfang der achtziger Jahre die Stahlwerke schlossen, drohte Corby vollends abzurutschen.

Jeder Sozialarbeiter kennt dieses Phänomen, wenn Familien oder Bezirke innerhalb von ein, zwei Generationen in die Isolation abdriften. Soziale Verlierer meiden Institutionen. Sie schicken ihre Kinder ungern in Kindergärten, kümmern sich weniger um schulische Leistungen, denn die Konfrontation mit den Institutionen spiegelt für viele Mütter und Väter das eigene Versagen. In Corby kombinierte man in einem staatlichen Testprojekt (neben anderen Maßnahmen) einen Kindergarten mit einem Familienzentrum. Man sprach die Aussteiger über Kurse, Weiterbildungs- und Beratungsangebote an und integrierte nach und nach die Eltern, die vorher durch das Raster gefallen waren. Viele der allein erziehenden Frauen bekamen einen Job als Teilzeit-Erzieherinnen. Ihren Kindern verschaffte das PGC einen messbaren Vorsprung gegenüber Kindern in anderen Einrichtungen.

Denn gleichzeitig wurde die Kita neuesten pädagogischen Erkenntnissen angepasst. Sie führte offene Aktivitätszonen ein, wie sie aus der Reggio- und Montessori-Pädagogik bekannt sind, sie stellte neue Erzieher ein, ohne die Zahl der Kinder zu erhöhen. Und sie gewöhnte die von ihrer eigenen Schulerfahrung traumatisierten Eltern langsam daran, dass Leistung oder Erfolg etwas Schönes sein kann. „A Celebration Of My Achievements“, zur Feier meiner Errungenschaften, steht auf den Einbänden der Entwicklungsbücher ihrer Kinder. Mit diesen Büchern hängt die wichtigste Veränderung zusammen: die strukturierte Beobachtung der Kids. Und das Protokollieren dessen, woran sie gerade werkeln. „Wir nennen das Schema“, sagt Martina. Schemata sind Verhaltensmuster, die bei einem Kind zu bestimmten Zeiten wiederholt auftauchen und darauf hindeuten, dass es gerade spezifische Lernerfahrungen macht. Schon Jean Piaget, der berühmte Entwicklungspsychologe, beobachtete das Vorhandensein kognitiver Fahrpläne, die individuelle Lernfenster des jungen Menschen öffnen und schließen. „Ein Kind beschäftigt sich zum Beispiel mit Schnüren und Klebeband und wickelt alles Mögliche ein. Ein anderes schüttet gern Wasser von einem Glas ins andere, weil es sich gerade mit Rauminhalten auseinander setzt.“ Vom Zähneputzen bis zum Balancieren auf der Bordsteinkante: Für Kinder gibt es keine leeren Beschäftigungen. Alles ist Lernen.

Jedes Kind wird alle vier bis sechs Monate vier Tage hintereinander von allen Erzieherinnen einer Abteilung beobachtet. Danach entscheiden sich die Pädagogen für einen Spielaufbau, der genau diese Tätigkeiten stärkt. Und sie melden das Schema den Eltern, das auf diese Weise zum Thema wird. Es wird Thema für Gespräche, es wird Anlass für Beobachtungen. Und es belässt das Kind ganz bewusst dort, wo es sich gerade befindet: im Mittelpunkt seiner eigenen Entwicklung (siehe Interview Seite 52).

Am nächsten Morgen ist die Stimmung im Turnraum des Abenteuerlandes andächtig, es ist „Story Time“. Martina sitzt mit acht Kindern ihrer Gruppe im Kreis, alle singen das Begrüßungslied: „Hello, hello, how are you? How are you today?“ Ein Kinder-Mantra, das sich für jeden wiederholt, jeder bekommt eine eigene Strophe. „It’s good to see you, Niklas“, singen sie, bevor das Lied von vorn losgeht und bei Sarah endet, dann bei Finnegan, einer nach dem anderen, am Ende kommt das Lied zu Lukas. Heute ist ein bisschen sein Tag, denn diese Woche wurde er beobachtet. „Lukas’ Schema ist Transport“, erzählte Martina gestern. Der Dreieinhalbjährige ist einer der Kleinsten in der Gruppe, die sich nun hinter ihm aufstellt. Dann folgt ein Geschicklichkeits-Spiel. Nach und nach legen Lukas, Niklas, Sarah, Finnegan und die anderen Kinder Holzschienen aus. Sie bauen damit einen Parcours, über den sie erst mit einem, dann mit zwei, dann mit drei Bällen balancieren. Das ist erstens nicht so einfach für kleine Menschen. Zweitens macht es Spaß. Wie soll man auch um die Kurve kommen, die der listige Finnegan gelegt hat, wenn man seine eigenen Füße nicht mehr sieht, weil man zwei gelbe Schaumstoffbälle zwischen den Armen und einen zwischen Kinn und Brust geklemmt hat?

Irrational und reformbedürftig

Später wird geturnt. Sie springen von der Sprossenwand auf die große Schaumstoffmatte. Ein paar von ganz oben, auch Lukas, zum ersten Mal. Dann gehen sie weiteren Tätigkeiten nach, die Erwachsene gern als spielen bezeichnen, weil dabei das Spaßprinzip regiert. Abends wird Ute Sturmhobel, Lukas Mutter, aufhorchen, als Martina erzählt, welches Schema sie bei ihrem Sohn gerade sehen. „Das ist lustig“, sagt die Fernseh-Redakteurin und zählt Dinge auf, die ihr Sohn zu Hause macht. Ein paar davon ähneln denen, die er morgens mit den Stoffbällen unternommen hat. „Er räumt gerne Geschirr ein. Sachen ordnen ist auch toll. Knöpfe drücken, Dinge an- und ausschalten. Ein totaler U-Bahn und S-Bahn-Freak! Mein Mann sagt immer, Lukas sei Verfahrenstechniker.“ Kein schlechtes Wort. Es dürfte auch Piaget gefallen haben.

Die Umstellungen in der Kita in Corby auf die individuellen verfahrenstechnischen Bedürfnisse der kleinen Forscher und Weltentdecker waren so durchschlagend, dass die Blair-Regierung das Modell 2001 zur Benchmark erklärte, unter dem Titel „Early Excellence Center“ fördert und bis heute auf 100 Kindergärten in Großbritannien erweitert hat. 11,6 Milliarden Euro hat die britische Labour-Regierung in den vergangenen drei Jahren in frühkindliche Erziehung investiert. Großbritannien, Belgien, Frankreich, Italien, Griechenland, Finnland: Kaum ein europäisches Land, das nicht irgendeine Art von Erziehungsprogramm für Kleinkinder oder eine Novellierung der Erzieherausbildung verabschiedet hätte. In Deutschland reichen Hauptschulabschluss und eine zweijährige Berufsfachschule zur Kinderpflegerin. Seit Jahren werden Einrichtungen wie das Pen Green Center evaluiert. Piaget, kognitive Lernfenster, der Zusammenhang von Aktivität und Lernen: All das ist längst bekannt, seit 20 Jahren sogar neurologisch nachgewiesen. In Deutschland fällt das Interesse der Pädagogikprofis für die Frage, wie eine strukturelle Antwort auf die entwicklungsphysiologischen Tatsachen aussehen könnte, lau aus. „Gehen Sie mal auf eine internationale Konferenz zum Thema Vorschulpädagogik“, sagt Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH), dem Träger der Kita Schillerstraße, „da finden Sie 20 Australier, 16 Japaner und fünf Deutsche.“ 2001 gab es eine OECD-Vergleichsstudie, eine Art Pisa-Studie zur frühkindlichen Erziehung. „Wer fehlte? Deutschland. Der Projektleiter hat auf Bundesebene keinen Ansprechpartner für den Elementarbereich gefunden. Es gab keinen“, erzählt Sabine Hebenstreit-Müller.

Sabine Hebenstreit-Müller kommt aus Witten, sie spricht diesen lustvollen Ruhrgebietsdialekt, der jedes Wort mit der Pinzette greift. Am Telefon meldet sie sich mit Hebenstreit, so wie sich die Leiterin des Familienzentrums in der Kita Schillerstraße, Jutta Burdorf-Schulz, nur mit Burdorf meldet. Sabine Hebenstreit-Müllers Büro liegt in der Karl-Schrader Straße, dort ist die Hauptverwaltung des PFH. Neben ihrer Tür steht eine Büste von Karl Schrader, sie weiß noch nicht, wohin damit. Nach dem Industriellen ist zwar die Straße benannt, das PFH gegründet hat aber seine Frau, eine Großnichte des Pädagogen Friedrich Fröbel: Henriette Schrader-Breymann.

Es ist nur ein Detail am Rande, doch es fällt auf, wie sehr diese holprigen Doppelnamen in der Pädagogik-Szene grassieren. Das Detail passt, denn genauso irrational und reformbedürftig wie die Gesetze, die bis in die neunziger Jahre dafür verantwortlich waren, dass sich Frauen mit diesen zickigen Namenskolonnen herumplagen müssen, gestaltet sich die Gesetzeslage der Branche, in der sie agieren.

Der so genannte Bildungsauftrag, den deutsche Kindergärten seit 1991 per Gesetz haben, ist weder mit Inhalten gefüllt, noch jemals mit irgendeiner Art von Vorgabe versehen worden. Frühkindliche Pädagogik wird zwar auch von Familienministerin Renate Schmidt mit „höchster Priorität“ eingestuft, jedoch fehlt ihr jegliche Macht, einen Strukturwandel in der Frühpädagogik einzuleiten.

„Frühkindliche Pädagogik ist in Deutschland den Sozial- und Jugendämtern zugeordnet“, sagt Sabine Hebenstreit-Müller. Die hängen an den Kommunen, und denen geht das Geld aus. Gerade muss sie den von Ver.di und dem Berliner Senat ausgehandelten Tarifvertrag umsetzen. „Geld gegen Freizeit“ heißt das Konzept: zehn Prozent weniger Verdienst gegen zehn Prozent weniger Arbeitszeit. „Ich bekomme auf einmal lauter Nebentätigkeitsanträge auf den Tisch“, sagt Hebenstreit-Müller. Was macht eine Erzieherin als Nebenjob? „Viele gehen putzen.“

Entwicklungsphysiologisch ausgedrückt sind Kindergärten Orte, an denen über 25 Prozent der Fähigkeit entschieden wird, die eigene Sprache zu beherrschen. Fiskalisch betrachtet sind sie Sozialstationen. Kostenstellen. Das mag vielleicht hysterisch klingen. Im Land der Chancengleichheit, mag man einwenden, gibt es keinen Bedarf für Sozialmodelle wie Early Excellence Center. Doch das Gegenteil ist richtig. Das deutsche Bildungssystem ist nicht nur eines der schlechtesten. Es ist auch das ungerechteste in Europa.

Wie kein zweites grenzt es allein erziehende Mütter aus. Wie in keinem anderen Land grenzt unser Bildungssystem sozial Schwache von Aufstiegschancen aus. Das deutsche Bildungssystem ist nachweislich nicht in der Lage, die „von der Herkunft bedingte Chancenungleichheit der Kinder auszugleichen“, schreibt Sabine Hebenstreit-Müller in einem Bericht in der Fachpresse. Und das ist nicht ihre Meinung, sondern ein Ergebnis der Pisa-Studie. Hebenstreit-Müllers Fazit: „Der spätestens seit den Entdeckungen der Psychoanalyse eigentlich selbstverständliche Gedanke, die ersten sechs Lebensjahre seien die entscheidendsten Bildungsjahre, ist im deutschen Bildungswesen nicht verankert.“

Weniger Regeln, mehr Spiel, mehr Personal – und damit mehr Bildung

4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gehen in Deutschland in den Bildungssektor. Der EU-Durchschnitt liegt bei 4,9 Prozent. Spitzenreiter sind hier die skandinavischen Länder Schweden (7,4) und Dänemark (8,4). In Deutschland werden jährlich 4855 Euro pro Kleinkind ausgegeben, 5845 für Schüler und 11.106 für Studenten. Der erste Betrag ist nur offensichtlich zu gering, tatsächlich ist er dank falscher Strukturen und schlecht ausgebildetem Personal so fehlinvestiert, dass er die Zahl späterer Sozialhilfeempfänger nicht verringert, sondern sie festigt.

Kindergarten und Schule müssen zusammenkommen. Beide müssen mehr vom anderen haben. Die Kita braucht Bildung. Die Grundschule braucht Spiel. Und beide brauchen weniger Regeln. Der Bruch zwischen den Institutionen rührt aus einer romantischen Annahme in den zwanziger Jahren, wie der Begabtenforscher Franz Emanuel Weinert anmerkt, nämlich der vom „Schonraum“ Kindheit, im Gegensatz zum Schulungsraum. Diese Trennung deckt sich jedoch mit nichts, was wir heute über Kinder wissen. Immer wieder kommt es zu Disziplin- und Bildungsschocks zwischen Kindergarten und Schule.

Seit der neurophysiologischen Bestätigung der Beobachtungen Piagets werden die Strukturen der Vorschulpädagogik heftig diskutiert. Wissenschaftlich betrachtet steht fest: Aus dem Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen lassen sich Strukturen wie Tagespläne, Klassenverbände und Stundenpläne nicht ableiten. Stundenpläne und Zeitschienen für Spielgruppen fördern höchstens die Ausbildung kreativer Dropout-Strategien. Stundenpläne strukturieren Wissensvermittlung. Das tun sie, aber ohne die Vermittlung von Wissen zu unterstützen. Stundenpläne strukturieren den Apparat Schule. Sie produzieren Vergleichbarkeit: vergleichbares Wissen, vergleichbaren Erfolg und vergleichbares Scheitern. Sie behindern jedoch die individuelle Förderung junger Menschen. Stundenpläne behindern, Achtung, gleich kommt ein schönes Wort: Bildung.

„Niemand in England käme auf die Idee, die Kinder in der Grundschule plötzlich an Pulte zu setzen, und sich anschließend darüber zu beschweren, sie wären zu unruhig“, sagt Sabine Hebenstreit-Müller.

Irgendwo zwischen Schule und Kita wird auch in Deutschland etwas Neues entstehen müssen. Bislang gilt: Wer etwas verändern will, muss Überstunden einlegen. Wer umbauen will, braucht Spenden. So auch die Kindertagesstätte in der Schillerstraße. Die Erweiterung zum Familienzentrum, die anderthalb Planstellen, die es dafür braucht, und die Studienreisen der Erzieherinnen ins englische Pen Green Center werden finanziert von einer Spende der Heinz und Heidi Dürr Stiftung.

Das deutsche Early Excellence Center in der Schillerstraße könnte ein Vorbild sein für einen bundesweiten Neustart nach englischem Vorbild. In Berlin haben sie bereits eigene Vorstellungen von der Adaption, denn alles wollen sie in der Schillerstraße nicht übernehmen. Kerstin Brußig, eine Erzieherin, kommt gerade von einem Besuch aus England zurück. „Das Erste, was einem auffällt, ist die Ruhe“, sagt sie und: „Kein Wunder, in Corby kommen acht Erzieherinnen auf zwölf Kinder.“

Das klingt toll, aber dadurch spielen sie dort auch weniger frei und in Gruppen. Und was sie garantiert nicht übernehmen werden: „Die Kinder müssen dort nicht aufräumen. Das machen die Erzieherinnen, wenn die Kleinen abgeholt wurden.“ In Deutschland nicht wirklich vorstellbar, schon gar nicht in der Berliner Schillerstraße, wo im Schnitt sieben Kinder auf eine Erzieherin kommen.

In dem neuesten Import aus England stecken gerade sechs Kinderhände, die ihre Finger in eine rote Wanne tauchen und durch eine grüne Matsche ziehen: „Das ist Slime“, sagt Kerstin Brußig stolz, nach einem Rezept aus Corby, aus Kartoffelstärke, Wasser und Lebensmittelfarbe. Es kommt auch Gegenbesuch aus England in die Schillerstraße. „Die Kolleginnen redeten immer von ‚well-being‘ und meinten, wir sollten darauf achten, dass das nicht zu kurz käme“, erzählt Kerstin Brußig. Es dauerte eine Weile, bis die deutschen Erzieherinnen verstanden, dass die englischen Kolleginnen von Wohlgefühl, Entspannung und guter Laune redeten.

Es dauerte noch viel länger, bis sie verstanden, wen die Besucher aus England adressierten. „Die redeten gar nicht von den Kindern“, sagt die Erzieherin, „die meinten uns.“

Literatur

Jürgen Kluge: Schluss mit der Bildungsmisere – Ein Sanierungskonzept. Campus Verlag, 2003; 220 Seiten; 24,90 Euro

Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen – Wie Kinder die Welt entdecken können. Goldmann Verlag, 2002; 288 Seiten; 9,90 Euro