Hightech am Horizont

Mit einer beispiellosen Bildungsoffensive möchte China zum internationalen Standort für Hightech und Forschung werden („Selber stark werden“, wirbt das Propaganda-Poster). Harte Konkurrenz für die Industrienationen: Wenn sie ihre technologische Dominanz aufrechterhalten wollen, müssen sie schneller, besser und billiger werden.




Überlesen Sie die auch meistens? Die Herren Zhuang, Qiao oder Xi, deren Namen Sie nicht behalten, geschweige denn aussprechen können? Dann wäre es vielleicht Zeit für einen Chinesisch-Kurs. Denn chinesische Naturwissenschaftler, Ingenieure, Programmierer und Manager werden unsere Konkurrenten und Kollegen von morgen sein. Und die will man doch beim Namen kennen, oder?

Chinas Boom verbreitet mulmige Stimmung an Stamm-, Konferenz- und Kabinettstischen. Wie dunkle Regenwolken türmen sich die Erfolgsmeldungen aus Fernost über Deutschland auf und drohen in einem gewaltigen Gewitter Arbeitsplätze und Wohlstand mit sich fortzuspülen. Das Riesenreich, das früher so unendlich fern schien, rückt immer näher.

Zuerst kamen nur Hemden, Schuhe und Sofakissen in die heimischen Läden, inzwischen sind auch Mikrowellen, Kühlschränke, Fernseher und DVD-Spieler immer häufiger „made in China“. Den Wettbewerb um einfache Produktionsjobs gibt selbst die Bundesregierung bereits verloren. „Wir können den Trend, dass einfachste Tätigkeiten ins Ausland verlagert werden, nicht aufhalten“, warnte Gerhard Schröder nach seiner Chinareise im vergangenen Dezember – und mahnte den Aufbau hoch qualifizierter Arbeitsplätze in Deutschland an.

Doch auch die geraten nun zunehmend unter Druck. Mit einer beispiellosen Bildungs- und Forschungsoffensive erhofft sich die Pekinger Regierung den Sprung vom Arbeiter- und Bauernstaat zu einer modernen Wissensgesellschaft. Im Kampf um die internationale Arbeitsverteilung will das Land künftig nicht nur Masse, sondern auch Klasse ins Feld führen. Hunderttausende gut ausgebildeter Naturwissenschaftler, Ingenieure, Programmierer und Manager werden die chinesischen Universitäten in den kommenden Jahren verlassen – preiswerte Arbeitskräfte für die wachsenden Industrien. Wird China damit auch in Hightech, Forschung und Entwicklung zur ernsten Konkurrenz? Werden Siemens, Bayer, Volkswagen und Co. dem Standort Deutschland noch die Treue halten, wenn es den Shareholder Value nach Fernost zieht, weil im Riesenreich buchstäblich alles billiger zu haben sein wird?

Schon heute lockt der gigantische Markt. Internationale Unternehmen investierten 2003 knapp 60 Milliarden US-Dollar in China, so viel wie nirgendwo sonst in der Welt. Das Wirtschaftswachstum betrug nach offiziellen Angaben sagenhafte 9,1 Prozent, China gilt bei Medien und Managern als Markt der Zukunft, als „Werkbank der Welt“.

Auch das Entwicklungstempo in der Ausbildung von Fachkräften ist atemberaubend. Ende kommenden Jahres wird das Land 520.000 Programmierer haben – ebenso viele wie die derzeitige Software-Hochburg Indien. Mehr als 20.000 erstklassige Biotechniker arbeiten an Chinas Universitäten und Forschungsinstituten. 10.000 Manager machen jährlich ihren MBA Abschluss. 580.000 Chinesen studieren derzeit, unterstützt von staatlichen Stipendien, an ausländischen Universitäten. Viele von ihnen werden – anders als noch vor ein paar Jahren – nach dem Abschluss in die Metropolen ihrer Heimat zurückkehren, wo sie inzwischen westlicher Lebensstandard und lukrative Jobs bei ausländischen oder chinesischen Unternehmen sowie im Staatsdienst oder an Universitäten erwarten.

Auch wenn die gut ausgebildeten Eliten, gemessen an der Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, nur eine hauchdünne Oberschicht bilden – in absoluten Zahlen sind sie groß genug, um die Industrie mit Arbeitskräften zu versorgen. Demografisch können die Chinesen derzeit ohnehin alle Trümpfe stechen: Sie sind nicht nur das größte Volk der Erde, sondern durchschnittlich auch rund 20 Jahre jünger als etwa die vergreisenden Deutschen.

Zahlen wie diese bleiben nicht ohne Wirkung. „Kapazitäten und Qualität steigen in China rasend schnell“, meint etwa Eric Baden, China-Präsident des deutschen Spezial-Chemieherstellers Degussa, der im April ein 14 Millionen Dollar teures Forschungs- und Entwicklungszentrum in Schanghai eröffnen wird. „Die Gemeinschaftsunternehmen haben viel Technologietransfer geleistet, zudem verlassen eine Menge junger Ingenieure und promovierter Wissenschaftler die Universitäten. Damit ist China nicht mehr auf Know-how von außen angewiesen, sondern kann es selbst entwickeln – sogar Know-how, das wir in Europa oder Nordamerika noch gar nicht haben.“

Um von der Entwicklung zu profitieren, bauen auch andere internationale Unternehmen in China zurzeit modernste Produktionsanlagen und Forschungslabors für die Technologien von morgen. Kaum ein Weltkonzern, der in Peking oder Schanghai noch kein eigenes Research and Development (R&D) betreibt: Procter & Gamble, Microsoft, Oracle, Sharp, General Electric, Philips, Delphi, DuPont – alle wollen die jungen chinesischen Forscher für sich nutzen. Allein im Industriepark der Hafenstadt Tianjin, 30 Kilometer von Peking entfernt, haben sich dutzende Forschungslabors angesiedelt, darunter die von Sanyo, Honeywell, Matsushita, Samsung und Motorola. In Schanghai sind derzeit mehr als 50 lokale und internationale Forschungszentren ansässig.

Wissenschaft zum Schleuderpreis

Auch deutsche Konzerne wie Bayer, SAP, Infineon oder ThyssenKrupp setzen auf technisches Know-how, entwickelt in Fernost. Die größten deutschen Forschungskapazitäten vor Ort hat Siemens aufgebaut. Allein in ihrem Schanghaier Mobilfunk-Joint-Venture beschäftigen die Münchner 500 Entwickler, die Medizinsparte hat ebenfalls Entwicklungskapazitäten aufgebaut. „Wir wollen unsere Anlagen in China nicht nur zu Produktionszentren für die ganze Gruppe machen, sondern auch zu Forschungs- und Entwicklungszentren für die Zukunft“, erklärte kürzlich Rolf Hupke, Präsident und CEO von Siemens Shanghai Medical Equipment Ltd.

Zwar wird aus Angst vor Technologieklau bisher kaum wirkliche Spitzentechnik nach China verlagert. Doch für weniger sensible Arbeiten, die ohnehin rund 95 Prozent des Produktions- und Entwicklungsbetriebs ausmachen, bietet das Land den internationalen Konzernen ausgezeichnete Bedingungen. Der Umzug von R & D lohnt sich vor allem für Branchen, deren Entwicklungsprozesse mit hohem Personalaufwand und langwierigen Testreihen verbunden sind – etwa Pharma, Biotech, Software, Netzwerktechnik oder Telekommunikation.

Für nur zehn bis 30 Prozent eines westlichen Gehalts erbringt ein chinesischer Techniker oder Wissenschaftler seine Leistung. Anfang des Jahres rechnete der Computerriese IBM vor: Während ein amerikanischer Programmierer pro Stunde 56 US-Dollar kostet, bekommt ein chinesischer Informatiker mit fünf Jahren Berufserfahrung lediglich 12,50 US-Dollar – 78 Prozent weniger. Zudem verzichten die chinesischen Hightech-Kräfte weitgehend auf Arbeitnehmerrechte und sind dabei trotzdem fleißig, engagiert und lerneifrig. Schließlich sorgt der Job bei einem internationalen Konzern nicht nur für ein überdurchschnittliches Einkommen, sondern auch für die motivierende Chance, zu Fortbildungen ins Ausland geschickt zu werden.

Pharma- und Biotech-Konzerne profitieren außerdem von der „forschungs-freundlichen“ Gesetzgebung. Zwar ist Menschenklonen inzwischen auch in China verboten, doch im Alltag kennt man kaum ein ethisches Tabu. Beim Testen neuer Medikamente sind in China Methoden erlaubt, die in Europa undenkbar wären. „China hat in mancher Hinsicht bessere Bedingungen für Forschung, vor allem bei Genforschung“, meint Zhang Shanwen, Mitglied des Pekinger Instituts für Krebsforschung. „Im Westen ist es in der Regel schwierig, Patienten zu finden, die an Testreihen teilnehmen. In China gibt es tausende Menschen, die geradezu um moderne Medizin betteln.“

Die Guten ins Töpfchen ...

Das ist die Kehrseite des neuen China. Die Kluft zwischen den reichen Boom-Regionen und dem armen Hinterland wächst beständig. Wirtschaftsentwicklung und Bildungsoffensive konzentrieren sich vor allem auf Städte der Küstenregionen im Osten. Während dort die Besten der Besten gesiebt werden, können die Eltern in den ärmeren Gebieten nicht einmal das Schulgeld von jährlich rund 30 Euro aufbringen.

Die neue Bildungselite ist in der alten chinesischen Tradition und der sozialistischen Moderne gleichermaßen verwurzelt. Lernen ist in China ein Kernbestandteil des kulturellen Wertesystems. Um für ihr Riesenreich fähige Beamte zu rekrutieren, entwickelten die Kaiser über zwei Jahrtausende ein rigides Prüfungssystem. Selbst die Reichen und Mächtigen mussten ihre Bildung unter Beweis stellen, und auch die unteren Bevölkerungsschichten hatten einst die Möglichkeit, durch Leistung aufzusteigen. Für Freigeister und Querdenker allerdings war wenig Platz – ein Umstand, der wesentlich dazu beitrug, dass das Reich der Mitte sich über die Jahrhunderte immer weiter isolierte, seinen ehemals gewaltigen Entwicklungsvorsprung einbüßte und Anfang des 20. Jahrhunderts in sich zusammenfiel.

Die alten Werte fügten sich gut in die Interessen der Kommunistischen Partei. Anfang der Achtziger, nach dem Chaos der Mao-Zeit und der Kulturrevolution, versuchten die Reformer um Deng Xiaoping eine neue, staatlich geförderte und kontrollierte Wissenschaftselite zu schaffen. Aus den sozialistischen Gleichheitsidealen wurde die gnadenlose Auslese der Besten.

Sie beginnt heute schon in der Grundschule. Jedes Jahr dürfen die besten Schüler in eine bessere Schule wechseln, die schlechtesten steigen ab. Am Ende der Schulzeit werden in einer dreitägigen, landesweit simultan durchgeführten Abschlussprüfung aus 20 Millionen Schülern die intelligentesten, fleißigsten und belastbarsten herausgefiltert. Den Sprung zur höheren Bildung schafft nur jeder siebte.

Auch die Universitäten unterliegen einer strengen Hierarchie. Eine Klasse für sich bilden die 100 so genannten Schwerpunkthochschulen, darunter die Peking Universität, die Pekinger Tsinghua Universität oder die Hochschulen Fudan und Tongji in Schanghai. Diese vom Staat üppig geförderten Eliteschmieden beschäftigen die landesweit besten Professoren und bieten ihren Studenten eine Ausbildung, die sich mit erstklassigen Hochschulen in den USA oder Europa messen kann – nicht ohne Grund sind chinesische Doktoranden an internationalen Lehrstühlen zu einem alltäglichen Anblick geworden.

Doch die Zulassung zu den Spitzeneinrichtungen hat ihren Preis. Zwar genießen die Studenten im Alltag weitgehende Freiheiten, dafür ist die politische Bildung fast vollständig aus dem Curriculum verschwunden. Zudem stehen die Studenten unter massivem Erfolgsdruck, sie werden regelmäßig daran erinnert, dass sie ihrem Vaterland viel verdanken und schulden – und dass auf ihren Schultern Chinas Zukunft lastet. Denn nicht freie Forschung im Sinne westlicher Humanisten ist das Ziel der Elite-Universitäten, sondern die gezielte Ausbildung von hoch qualifizierten Arbeitskräften für Staat und Wirtschaft.

Auch der leichthändige Umgang mit Patenten und geistigem Eigentum jedweder Art verhindert so manche Entwicklung. Aus Unternehmenssicht mag er Forschungswege abkürzen, aus Forschersicht stellt er eine Hürde dar. Aus Angst vor geistigem Diebstahl veröffentlichen viele chinesische Wissenschaftler ihre Entdeckungen nicht. Auch die Überwachung und Zensur der Medien, vor allem des Internets, behindern den freien Austausch von Meinungen und Forschungsergebnissen.

Wissenschaft wird fast ausschließlich im Dienste zentral geförderter, strategisch wichtiger Entwicklungsbereiche betrieben, in denen China im Hauruckverfahren den Anschluss an den Westen herstellen will. Das sind zum einen für die Nation überlebenswichtige Technologien wie Medizin, Energiegewinnung oder Biotechnologie, in denen China nicht in Abhängigkeit von internationalen Konzernen geraten will. Hier ist das Land inzwischen zu punktuellen Spitzenleistungen in der Lage: So beteiligte sich China mit Amerikanern, Briten, Franzosen, Deutschen und Japanern am Human-Genome-Projekt und stellte eines der Teams, die das Reis-Genom entschlüsselt haben.

Zum anderen fördert die Regierung Technologien, von denen sie sich kommerzielle Erfolge verspricht, etwa bei Telekommunikation, Elektronik, Informatik oder Satellitentechnik. Hilfe aus dem Ausland ist ausdrücklich erwünscht, denn der Nachholbedarf ist groß: „Zwei Drittel der Patente des vergangenen Jahres für Hightech-Güter und Erfindungen liegen bei ausländischen Firmen“, sagt Deng Nan, Vizeministerin für Wissenschaft und Technologie. „Unsere Unternehmen müssen selbst mehr Forschung betreiben.“ Damit die lokalen Firmen im Kampf um die besten Talente gegen die geldgewaltigen Ausländer eine Chance haben, werden sie von der Regierung mit Finanzspritzen, Förderprogrammen, Marktregulationen und öffentlichen Appellen an die Vaterlandsliebe unterstützt.

„National Champions“ nennt die staatliche Entwicklungs- und Reformkommission ihren Masterplan, mit dem sie den Aufbau chinesischer Großunternehmen vorantreiben will. Ein Name, der nicht zufällig an internationale Sportwettkämpfe erinnert: Wer in der Champions League mitspielen will, muss sein Können zunächst im eigenen Land unter Beweis stellen.

Dafür lassen die Marktregulatoren die aussichtsreichsten Unternehmen in China mit ihren Produkten und Geschäftsmodellen gegeneinander antreten – und sorgen mit Gesetzen und Lizenzverfahren dafür, dass ausländische Konkurrenten nur so weit Zutritt zum chinesischen Markt bekommen, dass sie den eigenen Konzernen als Vorbild oder Sparrings-Partner dienen, ohne dabei K.-o.-Schläge austeilen zu können. So gestählt werden die Landesmeister in den internationalen Wettbewerb geschickt, um Reichtum und Ehre zu erkämpfen.

Am Anfang war die Kopie

Der südchinesische Telekomausstatter Huawei Technologies gehört zu den erfolgreichsten der Liga. 3,83 Milliarden US-Dollar setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr um, wuchs damit um rund 42 Prozent und verkaufte fast ein Viertel seiner Netzwerktechnik im Ausland. „Wir sind in der Lage, Weltklasse-Qualität zu besseren Preisen zu bieten“, erklärt Huawei-Sprecher Fu Jun selbstbewusst. „Außerdem haben wir genügend Entwicklungskapazitäten, um individuelle Kundenwünsche zu befriedigen.“

Ren Zhengfei, ein ehemaliger Offizier der Volksbefreiungsarmee, gründete Huawei 1988 als Importeur für Telefonanlagen und merkte schnell, dass er mehr Geld verdienen konnte, wenn er die Geräte von lokalen Elektrotechnikern „nachentwickeln“ und an die Bedürfnisse des lokalen Marktes anpassen ließ. Dabei achtete Ren darauf, dass sich seine Ingenieure von den Produkten der Konkurrenz nur so viel „Inspiration“ holten, dass Huaweis Geschäft nicht durch patentrechtliche Klagen gefährdet wurde.

Knapp 700 eigene Patente kann das Unternehmen heute sein Eigen nennen, 3800 weitere werden noch geprüft; allein im vergangenen Jahr reichte Huawei 1000 neue Anträge ein. Die meisten Entwicklungen stammen aus dem Firmenhauptquartier in Hongkongs Nachbarstadt Shenzhen. 7000 Forscher arbeiten dort auf einem parkartig angelegten Campus mit moderner Stahl-Glas-Architektur und komfortablen Wohngebäuden. Damit durch alle Zeitzonen hindurch entwickelt werden kann, beschäftigt Huawei außerdem 1000 Programmierer in Peking, weitere 1000 im indischen Bangalore und noch einmal so viele in Moskau, Stockholm und Dallas.

Hundert Schlachten – hundert Siege

Auch andere chinesische Unternehmen wie der Elektronikkonzern TCL International Holdings Ltd., der Weißwarenhersteller Haier oder der Computerhersteller Legend Group sind inzwischen mit eigenen Entwicklungen erfolgreich. Legends Ende 2003 für Chinas nationales Computernetz entwickelter Superrechner Deepcomp 6800 belegt auf der Liste der weltweit leistungsfähigsten Computer Platz 14. Die Produktionskapazitäten belaufen sich inzwischen auf 1,5 Millionen PCs und 300.000 Notebooks; der Umsatz liegt bei knapp drei Milliarden US-Dollar. Im Hauptplatinen-Geschäft hält Legend inzwischen einen Weltmarktanteil von 20 Prozent. Zahlen, die das Unternehmen neben seiner Geschichte in den vergangenen Jahren zu Chinas beliebtester Erfolgsstory gemacht haben.

Legend entstand 1984 als Ausgründung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Gerade 80.000 US-Dollar standen Gründer Liu Chuanzhi und seinen acht Kollegen zur Verfügung. Heute genießt Liu in China den Status eines Bill Gates: „Der Ruhm unserer Marke ist eine Sache des chinesischen Nationalstolzes“, sagt der 60-Jährige und bedient sich geschickt der chinesischen Sentimentalitäten, die Legend zum Markenprodukt gemacht haben, „und diesen Stolz tragen wir jetzt in die Welt.“

Doch trotz aller Erfolge: Die ehrgeizige Aufholjagd mit den Weltmarktführern lohnt sich nur in Geschäftsfeldern, wo sich verhältnismäßig einfache Technologien in China preiswert produzieren lassen. Zwar mögen chinesische Konzerne mit Routern, Klimaanlagen, Fernsehern und DVD-Spielern viel Geld verdienen, auf absehbare Zeit werden ihre Wettbewerbsvorteile in den billigen Arbeitskräften liegen. Für bahnbrechende Innovationen, mit denen die größten Gewinne zu erwirtschaften sind, fehlt es den chinesischen Unternehmen an Kapital und Know-how. Konzerne wie Intel oder Cisco leisten sich jährlich Forschungsbudgets, die den gesamten Umsatz eines Unternehmens wie Huawei übersteigen.

Allerdings haben Chinas Wirtschaftslenker in 25 Jahren marktwirtschaftlicher Reformpolitik gelernt, ihre Schwächen mit Stärken zu kompensieren. „Kenne dich selbst und kenne den Feind, so erringst du in hundert Schlachten hundert Siege“, lautet eine alte Kriegstaktik des Strategen Sunzi, die sich auch im Kampf um die fortschrittlichste Technologie anwenden lässt. Denn die Regierung weiß, dass die internationalen Unternehmen auf Präsenz und Erfolg im chinesischen Markt ebenso angewiesen sind wie China auf deren Know-how. Eine Basis, auf der man ins Geschäft kommen kann.

Tausche Wissen gegen Markt

Weil die Konkurrenz unter den ausländischen Unternehmen hoch ist und China zurzeit der weltweit größte Wachstumsmarkt, treiben die Marktregulatoren ihren Preis in die Höhe. Und verkaufen ihre Standortvorteile – Absatzmarkt, Billigproduktion, Arbeitskraft und Forschungskompetenz – nicht einzeln, sondern nur im Paket. Lizenzen und Staatsaufträge bekommt nur, wer auch Forscher ausbildet, Entwicklung betreibt, zu Technologietransfer bereit ist und moderne Produktionsanlagen baut.

Wie das Tauschgeschäft „Wissen gegen Marktanteile“ funktioniert, zeigt der jüngste Großauftrag des staatlichen Telefonkonzerns China Mobile. Für 2,3 Milliarden US-Dollar bestellte der weltgrößte Mobilfunkanbieter modernste Netzwerktechnologie, die bislang noch kein chinesischer Hersteller anbieten kann. Motorola, Nortel, Intel, Cisco, Ericsson und Lucent wurden an dem Auftrag beteiligt, denn alle machen sich derzeit mit großen R & D-Investitionen um Chinas Zukunft verdient.

Allein Motorola baut in Peking für 90 Millionen US-Dollar ein Forschungszentrum für 1500 Mitarbeiter, für die kommenden fünf Jahre ist ein Forschungsbudget von 500 Millionen US-Dollar vorgesehen. Lucent Technologies eröffnete vergangenes Jahr für 50 Millionen US-Dollar ein neues Forschungszentrum in der Jangtse-Stadt Nanjing. Nortel Networks will in den nächsten drei Jahren 200 Millionen US-Dollar in Fernost-Forschung investieren. „China ist für Nortel Networks besonders wichtig – als Markt, aber auch als Quelle von technologischen Talenten“, versichert Nortel-Präsident und CEO Frank Dunn. „Research & Development ist für uns ein besonderer Schwerpunkt, und die hier entwickelten Technologien und Innovationen sollen natürlich auch weltweit genutzt werden.“

Am häufigsten wird der Technologietransfer über Kooperationen zwischen ausländischen und chinesischen Konzernen betrieben, in denen Produkte gemeinsam hergestellt und verkauft werden. So macht es beispielsweise Siemens. 170 Millionen Euro investierten die Münchner bereits, um mit dem chinesischen Partner Datang Mobile Telecommunications einen chinesischen Standard für Dritte-Generation-Mobilfunk (3G) auf den Markt zu bringen. „Wir werden in Zukunft noch mehr von unserer Forschung nach China verlegen – besonders im 3G-Bereich“, sagt Gao Yan, Senior Vice-President von Siemens (China) Mobile. Der chinesische Standard TD-SCDMA ist technisch eine Fortentwicklung des europäischen SCDMA-Protokolls, das speziell für Ballungszentren wie die südostasiatischen Millionenstädte angepasst wurde.

Dabei sein oder nicht dabei sein – das ist hier die Frage

Unternehmerisch ein kluger Schachzug: Siemens kann mit einigem Recht darauf hoffen, dass Chinas Ministerium für Informationstechnologie, das in diesem Jahr über die Vergabe von 3G-Lizenzen entscheiden will, eine „chinesische“ Technologie bevorzugen wird. Schon heute ist China mit 270 Millionen Handy-Benutzern und Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent bei weitem der größte Handymarkt der Welt. Allerdings wird Siemens nicht der einzige ausländische Nutznießer sein: Datang gründete inzwischen mit den Konkurrenten Philips und Samsung eigene Research-&-Development-Zentren, in denen TD-SCDMA-fähige 3G-Handys entwickelt werden sollen.

Die Arrangements, bei denen westliche Firmen Technologie an ihre Partner weitergeben und so Know-how und Unabhängigkeit der chinesischen Forscher erhöhen, machen ausländische, darunter auch deutsche Vorstände kaum glücklich. Aber China bietet zurzeit eben die selten gewordene Chance auf Wachstum. „Das Risiko, nicht dabei zu sein, ist höher als das, dabei zu sein“, bringt Siemens-Chef Heinrich von Pierer das Dilemma auf den Punkt.

Doch was betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, kann volkswirtschaftlich gravierende Folgen haben. Denn viele China-Engagements gehen weit über das klassische Offshoring hinaus. Ein Phänomen, dessen Chancen und Risiken das McKinsey Global Institute (MGI) Ende vergangenen Jahres in seiner Studie „Offshoring: Is it a Win-Win Game?“ untersucht hat. Seitdem Entwicklungen in Telekommunikation und Computerisierung es ermöglichen, arbeitsaufwändige und wenig begehrte Aufgaben in Bereichen wie Datenverarbeitung, Kundenbetreuung und Verwaltung, aber auch in Marktforschung und Entwicklung in Länder mit niedrigeren Löhnen zu verlagern, steigen in den Industrienationen die Sorgen um den Verlust von Arbeitsplätzen.

Nur nicht die Balance verlieren

Die Kosten-Nutzen-Analyse, die das MGI vor allem am Beispiel der USA und Indien durchgeführt hat, gibt Grund zur Entwarnung und geht davon aus, dass von derartigen Arbeitsteilungen alle Beteiligten profitieren: Jeder ausgelagerte Dollar bringt dem Unternehmen einen Nettogewinn von 12 bis 14 Prozent, der zu Hause in neue, bessere Jobs investiert werden kann und damit der heimischen Volkswirtschaft nützt. Der Auslagerungs-Standort profitiert von Investitionen und neu geschaffenen Arbeitsplätzen.

Nur leider, was für die USA und Indien gilt, verhält sich für Europa und China anders: Denn die internationalen Konzerne verlagern nicht nur einzelne, wenig begehrte Aufgaben, sondern zunehmend längere Wertschöpfungsketten, von Forschung über Produktion bis zum Verkauf nach China. Gewinne werden meist vor Ort reinvestiert. Nicht freiwillig: Selbst Weltkonzerne sind aufgrund von Gesetzen und Joint-Venture-Verträgen oft nicht in der Lage, in China erwirtschaftete Einnahmen in andere Länder zu überweisen.

An mittelständischen Unternehmen lassen sich die volkswirtschaftlichen Konsequenzen heute schon beobachten. „Je mehr die chinesischen Ingenieure und Wissenschaftler von uns lernen, desto unausweichlicher wird unser China-Engagement zum gefährlichen Drahtseilakt“, befürchtet der China-Chef eines deutschen Maschinenbau- Unternehmens, der seinen Namen aus gutem Grund nicht genannt wissen will. „Die wirtschaftlichen Bedingungen zwingen uns dazu, hier die eigene Konkurrenz heranzuzüchten.“

Die Erfahrungen des Deutschen sind typisch für viele Mittelständler. Vor sechs Jahren folgte das Unternehmen der Nachfrage und exportierte seine Maschinen nach China. Es dauerte nur wenige Monate, bis auf dem Markt Kopien auftauchten, die zwar nur halb so gut funktionierten, aber auch nur halb so viel kosteten. „Rechtlich war da wenig zu machen“, meint der frustrierte Manager, „also blieb uns nichts anderes übrig, als unseren eigenen Kopien Konkurrenz zu machen, indem wir billiger verkauften und ein besseres Vertriebsnetz aufbauten.“

Die einzige Möglichkeit: ein Joint-Venture mit einem chinesischen Partner, der sein Verkaufsnetzwerk zur Verfügung stellte – und darauf bestand, die Maschinen gemeinsam in China zu fertigen. Also schulten die Deutschen chinesische Ingenieure, verlegten zunächst einfache, später zunehmend kompliziertere Montageschritte nach China. Und eröffneten vor wenigen Monaten eine komplette Produktionsanlage vor Ort.

„Unternehmerisch ist das absolut sinnvoll, unser Chinamarkt macht inzwischen einen beachtlichen Teil unseres Umsatzes aus, zudem stellen die chinesischen Ingenieure die gleiche Qualität zu geringeren Kosten her“, erklärt der Manager.

Doch auch er stellt sich manchmal die bange Frage der deutschen Kollegen: Wann ersetzen die chinesischen Werke die deutschen? Für sein eigenes Unternehmen kennt er die Antwort bereits: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir eines Tages eine deutsche Firma sein werden, die in Deutschland nur noch ein paar Manager und Vertriebsleute hat, aber ihr Hauptgeschäft – inklusive Entwicklung – von China aus betreibt.“

Keine Angst vor großen Zahlen

Volkswirtschaftlich also ein verlorenes Spiel? Noch dazu, wo es hier zu Lande an genügend Hightech zum Export mangelt und der Arbeitsmarkt nicht besonders flexibel ist? Auch das gehört bei aller Fernost-Euphorie zur Realität: China wird gern überschätzt. Zurzeit besitzen die chinesischen Unternehmen weder wertvolle Patente, noch haben sie bedeutende technologische Entdeckungen hervorgebracht. Die Zahl der chinesischen Programmierer hat indische Maßstäbe erreicht, dennoch hat die chinesische Software-Industrie 2001 nur 850 Millionen US-Dollar Einkünfte generiert – die indische mehr als sechs Milliarden Dollar. Die gepäppelte chinesische Halbleiterindustrie hat Güter im Wert von 7,2 Milliarden Dollar produziert, die amerikanische im Wert von 71 Milliarden. Und gemessen an den westlichen Standards sind die chinesischen R & D-Ausgaben noch immer gering. China gibt pro Jahr etwa elf Milliarden Dollar aus, die USA lässt sich Forschung und Entwicklung 233 Milliarden Dollar kosten.

Der „große Sprung nach vorn“ bedeutet eine gewaltige Wegstrecke. Auch für China. Und die Entwicklung zu einer modernen Wissensgesellschaft braucht Zeit. Von der Werkbank der Welt zur globalen Denkfabrik ist es noch weit.

Wissen für Millionen – Bildung in China

_Schulpflicht: 9 Jahre (6 Jahre Grundschule + 3 Jahre Mittelschule)
_Universitäts-Aufnahmeprüfung (Gaokao) nach 12 Schuljahren
_Analphabetenrate: 7 Prozent
_Anzahl der Kinder, die heute eine Grundschulausbildung erhalten: 99 Prozent
_Anteil der Kinder, die einen Studienplatz bekommen: 15 Prozent
_Anzahl der Universitäten und Hochschulen: 2000
_Anzahl der Diplomabschlüsse pro Jahr (inklusive Bachelor und Master): 3 Millionen
_Anzahl der Promotionen pro Jahr: 360.000

Im Osten viel Neues:
Die 13 besten Universitäten in China

HARBIN
1 Harbin Engineering University
2 Harbin Institute of Technology PEKING
3 Beijing University
4 Tsinghua University
5 Renmin University of China
6 Northern Jiaotong University TIANJIN
7 Nankai University NANJING
8 Nanjing University SHANGHAI
9 Fudan University
10 Tongji University
11 Shanghai Jiaotong University CHENGDU
12 Southwest Jiaotong University GUANGZHOU
13 Zhongshan University