Arbeit ohne Ende

Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn, über die Zukunft der alternden Gesellschaft und die kollektive Weigerung, sich den daraus entstehenden Problemen zu stellen.




McK: Professor Miegel, ist den Vertretern der Wirtschaft bewusst, was auf sie zukommt, wenn die demografischen Veränderungen, die wir zurzeit beobachten, in vollem Ausmaß zu wirken beginnen?

Meinhard Miegel: Sie versuchen so lange wie möglich weiterzumachen wie bisher. Erst jetzt beginnen einzelne Unternehmen, sich Gedanken darüber zu machen, was die demografische Entwicklung für ihre Produktions- und Absatzbedingungen bedeuten wird. Spreche ich beispielsweise mit Repräsentanten der Bauindustrie, fragen sie sofort, wann es denn mit dem Wohnungsbau wieder losgehen wird. Wenn ich dann sage: Die hohen Wachstumsraten wird es nicht mehr geben, benötigt werden im Wesentlichen nur noch Ersatzbauten, dann trifft es viele wie ein Keulenschlag.

Und die Regierung? Hat sie den Ernst der Lage begriffen?

Sie erahnt ihn. Aber sie versucht ihn zu verdrängen. Noch immer rechnet sie sich die Zukunft schön. Das gilt sowohl für die Wachstumsannahmen als auch für die Beschäftigungsentwicklung oder die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme. Die schlichte Wahrheit ist, dass beispielsweise bei der Alterssicherung das Rentenniveau trotz steigender Beitragssätze erheblich absinken wird. Die Bundesregierung möchte diesen Befund verschleiern. Würde sie der Bevölkerung ein ungeschminktes Zahlenwerk vorlegen, müsste sie mit einer massiven Bewegung raus aus der gesetzlichen Rentenversicherung rechnen.

Die Strategie wird auf Dauer nicht aufgehen.

Natürlich nicht, aber dieses Verdrängen ist Teil der menschlichen Natur. Wir sind darauf konditioniert, den Tag zu meistern oder allenfalls den kommenden Winter. Ein prominenter Unternehmer, dessen Unternehmen gerade in Konkurs gegangen war, gestand mir einmal: „Sie wissen doch, wie das ist: Solange es läuft, unternimmt man nichts, und wenn es nicht mehr läuft, ist es zu spät.“

Seit wann hätten wir der Entwicklung gegensteuern müssen?

Der letzte Jahrgang, der sich in Deutschland in der Zahl seiner Kinder noch voll ersetzte, war der Geburtsjahrgang 1881. Seitdem war die Zahl der Kinder stets kleiner als die der Eltern. Bis 1970 wurden immerhin noch 90 Prozent der Kinder geboren, die zur Erhaltung des Bevölkerungsbestandes notwendig waren. Seitdem liegt die Geburtenrate bei nur noch 67 Prozent. Anders ausgedrückt: Seit 1970 treten an die Stelle von drei Erwachsenen im zeugungs- und gebärfähigen Alter nur noch zwei Kinder. Die Kindergeneration ist ein Drittel kleiner als die Elterngeneration.

Wo liegt das Problem? Etwas weniger Gedränge wäre doch nicht schlecht.

Sie haben Recht. An sich ist der Bevölkerungsrückgang kein Problem, vorausgesetzt, wir stellen uns rechtzeitig darauf ein. Das aber geschieht nicht. Parallel zum Rückgang der Kinderzahl hätte die Sparquote erhöht werden müssen. Denn nicht gebildetes Humankapital kann in gewissem Umfang durch Realkapital ersetzt werden. Doch statt mehr zu sparen, haben die Menschen mehr Geld ausgegeben. Sie konnten ja argumentieren: Wenn wir keine Kinder haben, müssen wir auch nicht sparen.

Wann werden die Auswirkungen des demografischen Wandels so stark zu spüren sein, dass sie niemand mehr verdrängen kann?

In etwa zehn bis fünfzehn Jahren. Bis 2010 verändert sich der Anteil der Erwerbsfähigen an der Bevölkerung praktisch nicht.

Kommt der Einbruch dann plötzlich oder eher schleichend?

Nicht plötzlich, aber zügig. Gegenwärtig ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 43 Jahre. Eine Generation später wird die Hälfte der Bevölkerung nur noch jünger als 50 sein. Sehr rasch wächst vor allem der Anteil der so genannten Hochaltrigen, der über 85-Jährigen. Bis 2045 werden die 20- bis 60-Jährigen zu einer Minderheit werden. Einige Unternehmen haben einmal überschlagen, welche Konsequenzen das für sie hat. Das Ergebnis: Um 2012 oder 2015 wird rund die Hälfte ihrer Mitarbeiter 50 Jahre und älter sein.

Warum ist das schlecht? 50-Jährige können doch auch arbeiten.

Durchaus. Aber viele Betriebe haben keine Erfahrung im Umgang mit älteren Mitarbeitern. Zurzeit gibt es in mehr als der Hälfte der deutschen Unternehmen keine über 50-Jährigen mehr. Viele meinen, es lohne sich nicht, in einen 50-Jährigen zu investieren. Wie falsch das ist, zeigt die Tatsache, dass die Nutzungsdauer vieler Erkenntnisse heute ohnehin nicht länger als ein halbes Jahrzehnt währt.

Wird der Bevölkerungsrückgang wenigstens das Problem der Arbeitslosigkeit lösen?

Nein. Die Beschäftigung ist vor allem eine Frage der Qualifikationen – hoch oder niedrig. Eine Bevölkerung, die nicht das passende Qualifikationsprofil aufweist, wird auch künftig Beschäftigungsprobleme haben.

Jüngere Menschen gelten als innovationsfreudiger und wagemutiger als ältere, denen wiederum nachgesagt wird, erfahrener und besonnener zu sein. Was meinen Sie: Wird es angesichts der Alterung in Unternehmen und Gesellschaft zu einer Verschiebung zu Gunsten der Beharrungskräfte kommen?

Das ist zumindest sehr wahrscheinlich. Allerdings sollte man das Problem der Beharrungskräfte auch nicht übertreiben. Die Alten der Zukunft werden nicht nur physisch, sondern auch psychisch jünger sein als heute. Ich teile auch nicht die Sorge, dass es künftig zu wenige junge Menschen und deshalb zu wenig Innovationsfreudigkeit geben wird. In Zukunft werden die jungen, innovativen Leute nämlich international vernetzt sein. Sie werden sich nicht mehr nur in einem deutschen Ideenpool tummeln, sondern in einem Welt-Ideenpool. Worauf es ankommt, ist die Fähigkeit, diesen internationalen Pool zu nutzen.

Die Hoffnungen auf die „globalen Nomaden“ haben sich bisher nicht erfüllt, nicht einmal unter den Spitzenkräften.

Ich rede nicht von globalen Nomaden. Vernetzung heißt nicht, dass die Menschen von Ort zu Ort ziehen, sondern dass sie stationär mit anderen intensiv kommunizieren. Das werden immer nur sehr wenige sein. Neue Ideen werden in der Regel von Einzelnen, allenfalls noch von kleinen Bevölkerungsgruppen entwickelt. Daran wird sich auch künftig kaum etwas ändern.

Was können Unternehmen tun, um sich den Bedingungen anzupassen?

Arbeitskarrieren müssen vom Lebensalter unabhängiger werden. Das Anciennitätsprinzip hat ausgedient. Es ist nicht einsichtig, warum das Einkommen mit jedem Lebensjahr steigen soll. Vernünftiger wäre es, völlig unabhängig vom Alter nach Leistung zu bezahlen. Das würde den Älteren ermöglichen, bei der Arbeit etwas kürzer zu treten und dafür Abstriche beim Einkommen hinzunehmen. Das ist durchaus möglich, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das Eigenheim abbezahlt ist.

Aber psychologisch wäre es vielleicht bedenklich. Betriebliche Hierarchien basieren auf der Wertschätzung des Alters. Was, wenn dieses Wertesystem nicht mehr gilt?

Ältere Menschen sollen ja nicht an gesellschaftlichem Ansehen verlieren. Aber es muss sowohl individuell als auch gesellschaftlich bewusst werden, dass das Einkommen mit zunehmendem Alter nicht immer nur bergauf, sondern auch bergab gehen kann.

Wie können in der Arbeitswelt die individuellen Möglichkeiten des Einzelnen stärker berücksichtigt werden?

Auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird: In Wirklichkeit wird noch immer in uniformen Kolonnen gedacht. Das Arbeitsleben ist gerade in Deutschland sehr stark von den Kategorien des Militärs geprägt worden – wir arbeiten in hierarchischen Strukturen. Diese Organisationsform war sinnvoll, solange die Arbeitswelt vom Takt der Maschinen bestimmt wurde. Das aber ist lange her. Jene Taktmaschinen brauchen heute keine menschliche Bedienung mehr. Nun gilt es, Menschen in ihrer ganzen Individualität in die Wertschöpfung einzubeziehen. Hier wurden große Fortschritte gemacht. Aber dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Von jedem wird künftig viel mehr Selbstständigkeit verlangt. Dazu sind aber doch nicht alle fähig?

Nicht alle, aber doch viele. Sie bauen Häuser, steuern ihre Autos durch den dichtesten Verkehr und planen abenteuerliche Urlaubsreisen. Nur wenn sie soziale Verantwortung für sich und andere übernehmen sollen, verlässt sie der Mut. Das haben sie verlernt. In der agrarischen Gesellschaft war das ganz anders. Der Bauer musste für sich planen, entscheiden und vorsorgen. Fehler konnten verheerende Folgen haben. Hausvater und -mutter trugen eine große Verantwortung.

Es gab aber auch immer die Knechte ...

Richtig, aber die Hälfte der Erwerbsbevölkerung war früher einmal selbstständig. Davon sind wir heute weit entfernt. Die Gesellschaft wurde damals von den Selbstständigen, nicht von den Knechten geprägt. Insbesondere wusste die Bevölkerung: Zukunftsvorsorge ist unsere eigene Sache. Diese Zeiten sind vorüber. Aber etwas mehr Selbstständigkeit werden wir künftig wieder brauchen. Ich verkenne nicht, dass sich große Teile der Bevölkerung gegen Eigenverantwortung und Eigenvorsorge sträuben. Sie haben es sich unter den Fittichen des Staates bequem gemacht. Aber der Staat kann seine Versprechen nicht länger halten. Das wird ein unangenehmes Erwachen geben.

Wird sich der Kampf um die besten Köpfe mit den demografischen Problemen verschärfen?

Das wird nicht zu verhindern sein. Ich hielte es aber für unglücklich, wenn sich Deutschland oder die EU hieran an vorderster Front beteiligten. Wenn ein Land wie Sri Lanka jedes Jahr einen Gutteil seiner soeben mühsam qualifizierten Bevölkerung an das Ausland verliert, dann wird das Land größte Schwierigkeiten haben, den Anschluss an die entwickelte Welt zu finden.
Kein Volk hat einen Überschuss an Menschen, die mehr produzieren als konsumieren. Darauf muss Rücksicht genommen werden, wenn sich global die Lebensverhältnisse annähern sollen.

Könnte Zuwanderung die Lösung für demografische Probleme sein?

Das kommt darauf an, was unter „Lösung“ verstanden wird. Selbst bei einer Nettozuwanderung von jährlich 200.000 Menschen würde die Bevölkerung bis 2050 um voraussichtlich sieben Millionen abnehmen. Am Alterungsprozess würde sich kaum etwas ändern.

Und wenn eine Bevölkerung nicht einmal eine Zuwanderung in dieser Größenordnung wünscht?

Dann kann und sollte sie hierzu nicht gezwungen werden. Die derzeit verbreitete Abneigung gegen Zuwanderer hat aus meiner Sicht allerdings viel damit zu tun, dass diese in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten nicht integriert wurden. Viele sprechen bis heute kein Deutsch, ihre Kinder erhalten keinen Schulabschluss und keine berufliche Ausbildung, ihr Anteil an den Sozialhilfeempfängern ist weit überproportional, und das Gleiche gilt für die Kriminalitätsstatistik.
Deshalb sollten alle wissen: Zuwanderer sind nur dann eine demografische Stütze, wenn sie mit hohem Aufwand in die Gesellschaft integriert werden. Was in der Vergangenheit durch nicht geborene Kinder gespart wurde, werden wir wohl in Zukunft für die Integration von Zuwanderern aufwenden müssen.

Was muss die politische Führung aus Ihrer Sicht jetzt tun, um auf die demografischen Veränderungen zu reagieren?

Die wichtigste Aufgabe der Politik ist es, ein Bewusstsein für diese Veränderungen zu schaffen. Dieses Bewusstsein fehlt der Bevölkerung weithin. Eine weitere Maßnahme ist die Überwindung von Altersbarrieren. In einer Bevölkerung, die fast geschlossen das achtzigste und in starken Divisionen das neunzigste Lebensjahr erreicht, ist es offensichtlich abwegig, bei 60-Jährigen und selbst bei 70-Jährigen von Alten zu sprechen. Wirklich alt ist erst, wer nichts mehr zu seinem Lebensunterhalt beitragen kann. Das heißt nicht, dass alle arbeiten sollen, bis sie tot umfallen. Aber Menschen mit 55 oder 60 Jahren aufs Altenteil zu schieben ist weder human noch wirtschaftlich sinnvoll, noch gesellschaftlich wünschenswert.

Aber die Menschen haben jahrzehntelang in die Rentenversicherung eingezahlt und damit Anwartschaften erworben. Außerdem gilt in unserer Gesellschaft die Altersruhe als wichtiger Teil der Lebensqualität, der nicht einfach abgeschafft werden kann.

Die Menschen haben mit ihren Beitragszahlungen für die jeweils Alten gesorgt. Die haben diese Leistungen mit ins Grab genommen. Was ich im eigenen Alter erhalte, hängt einzig und allein davon ab, ob es genügend Nachwuchs gibt, der nunmehr mich ebenso versorgt, wie ich damals die Alten versorgt habe. Wenn dem so ist, ist alles in Ordnung. Gibt es aber nicht genügend Nachwuchs oder ist dieser nicht produktiv genug, dann sind meine angeblichen Anwartschaften Schall und Rauch. Wer also großen Wert auf seine Altersruhe legt, der muss dafür Vorsorge treffen. Im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung geschieht das nicht. Das ist das derzeitige Problem: Die in die Altenphase Eintretenden haben im Durchschnitt für etwa 12 bis 13 Jahre vorgesorgt, erwarten aber, 17 bis 18 Jahre lang versorgt zu werden.

Was macht Sie eigentlich so sicher, dass der heutige Trend der Alterung der Gesellschaft in den kommenden 20, 30 Jahren anhält? Schon oft haben sich demografische Prognosen als falsch erwiesen, denken Sie an Thomas Robert Malthus, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts glaubte, dass der Bevölkerungszuwachs geradewegs in Armut und Hunger führt.

Der Trend hält an, weil die Menschen möglichst lange leben wollen und weil die Möglichkeiten der Medizin noch nicht ausgeschöpft zu sein scheinen. Zugleich sinken die Geburtenraten fast überall auf der Welt. Deutschland und Europa schwimmen also nicht gegen, sondern mit dem Strom. Natürlich, diese Entwicklung könnte sich eines Tages tatsächlich umkehren, aber ich glaube nicht, dass dies in den kommenden 20 bis 30 Jahren der Fall sein wird.

Professor Meinhard Miegel,

Jahrgang 1939, studierte in Frankfurt, Freiburg und Washington Philosophie, Soziologie und Jura. 1970 wurde er Assistent der Geschäftsführung bei Henkel. Ab 1975 leitete er die Hauptabteilung Politik, Information und Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU in Bonn. Seit 1997 steht er an der Spitze des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Sein Buch „Die deformierte Gesellschaft“ führte zu heftigen öffentlichen Debatten über die Zukunft des Sozialstaats. Miegel ist Mitglied in mehreren Beiräten und Kuratorien, unter anderem in der Global Aging Commission, Center for Strategic & International Studies in Washington. Im vergangenen Jahr gründete er den BürgerKonvent, der helfen will, den deutschen Reformstau zu überwinden.

Literatur

Meinhard Miegel: Die deformierte Gesellschaft – Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen. Ullstein Taschenbuch, 2003; 304 Seiten; 8,95 Euro

Meinhard Miegel/Stefanie Wahl: Solidarische Grundsicherung, Private Vorsorge – Der Weg aus der Rentenkrise. Schriften des IWG Bonn, Olzog Verlag, München, 1999; 188 Seiten; 8,90 Euro

Meinhard Miegel/Stefanie Wahl: Das Ende des Individualismus – Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. Olzog Verlag, München, 2004; 220 Seiten; 24,50 Euro