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Das Konzert der Container

Was hat der Auftritt einer Jazzband mit der Organisation einer Logistikkette zu tun? Eine Menge, glaubt Knut Alicke. Der Berater und Hochschuldozent hat musikalische und logistische Strukturen verglichen und festgestellt, dass Komponisten einen ähnlichen Job haben wie Supply-Chain-Manager. Und nebenbei hat er Containern das Musizieren beigebracht.




Muss ein Mensch ein wenig versponnen sein, wenn er sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, wie wohl das Konzert der Kräne im Hafen von Rotterdam klänge, würde man das Umschlagen der Container eines Frachtschiffes vertonen? Ist er dem grassierenden Mozart-Fieber erlegen, wenn er Kompositionen der Wiener Klassik analysiert und versucht, aus dem Resultat Muster für den Aufbau einer Supply Chain zu generieren? Oder ist da am Ende jemand auf einen fantastischen Gedanken gekommen, der seiner Zeit weit voraus ist?

Knut Alicke ist über jeden Verdacht der Verschrobenheit erhaben. Die Vita des Ingenieurs liest sich nicht gerade wie die eines verkannten Genies: Maschinenbaustudium in Karlsruhe und Berkeley, Promotion am Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme, langjähriger Lehrbeauftragter an der Fakultät für Maschinenbau der Universität Karlsruhe, seit August 2005 Fachexperte und Berater bei McKinsey.

Ungewöhnlich jedoch ist das Thema seines Habilitationsvortrags – eine vergleichende Darstellung musikalischer und logistischer Reihenfolgeprobleme. Alickes Ansatz: Sowohl in Musikstücken als auch in logistischen Ketten spielt das zentrale Element der Reihenfolge eine entscheidende Rolle für die Qualität des Endergebnisses. Für beide Disziplinen gibt es bewährte Analyseverfahren – also müsste es doch möglich sein, die gewonnenen Erkenntnisse miteinander zu verknüpfen und auf die jeweils verwandte Disziplin zu übertragen. Oder etwa nicht?

Die Ergebnisse von Alickes Untersuchung lassen jedenfalls aufhorchen. Aus seiner Sicht legen sie den Schluss nahe, dass die Logistik von den Prinzipien der Musik lernen kann, dass Ästhetik und Funktionalität Hand in Hand gehen können. Und Grenzgänger Alicke hat eine Wunschvorstellung: Eines Tages sollen logistische Reihenfolgen so vertont werden können, dass Menschen bereits anhand dieses Klanges in der Lage sind, die Qualität der Folge zu beurteilen.

Ein erstrebenswertes Ziel, denn eine gute Reihenfolge der einzelnen Schritte sorgt in der Logistik dafür, dass Prozesse geringe Kosten verursachen und so reibungslos und schnell wie möglich ablaufen, ohne dass darunter die Qualität der Lieferung leidet. Ein Zulieferer beispielsweise plant die Tour seiner Lastwagen zu den Kunden so, dass die Fahrzeuge keine Umwege nehmen oder eine Strecke zweimal zurücklegen müssen. In der Musik entspricht die Aneinanderreihung von Tönen, die eine Melodie, ein Lied oder eine komplette Symphonie bilden, diesen geordneten Prozessschritten. Während jedoch in der Logistik mathematische Verfahren angewandt werden, um die Güte einer Reihenfolge zu beurteilen, funktioniert diese Methode in der Musik offensichtlich nicht. Bachs Opus „Die Kunst der Fuge“ beispielsweise, das strengen Kompositionsregeln folgt, haben schon Generationen von Musikwissenschaftlern in allen Details analysiert und versucht, seine Schönheit zu erklären. Doch letztlich entscheidet auch bei einem allgemein als Meisterwerk eingestuften Stück allein der Zuhörer, ob es ihm gefällt. Und dabei spielen seine persönlichen Vorlieben ebenso eine Rolle wie der gängige Geschmack seiner Epoche.

Auf der Suche nach dem Baukasten für die Hitproduktion

Dennoch hat auch Alicke in seiner Untersuchung zum Sezierbesteck gegriffen und sich ein populäres Stück vorgenommen, um zu ergründen, warum es so erfolgreich ist. Seine Motivation ist die Suche nach der Vergleichbarkeit: Gute logistische Folgen lassen sich zerlegen in kleinere, charakteristische Einheiten, so genannte Patterns. Diese Muster dienen bei der Planung von Reihenfolgen für andere Anwendungen als Blaupause. Also stellte sich der Logistikexperte die Frage, ob man analog dazu aus den Patterns eines erfolgreichen, populären Musikstücks nicht ein ebenso gutes neues Stück komponieren kann.

„Als Beispiel habe ich das Thema von ,Satin Doll‘ ausgesucht, einem sehr beliebten Swing-Klassiker von Duke Ellington“, sagt Alicke. Für ihn lag die Wahl nahe: Alicke ist nicht nur ein etablierter Wissenschaftler, sondern zudem passionierter Saxofonspieler und Jazz-Fan.

Über vier Takte tänzelt das Thema von ,Satin Doll‘ unbeschwert dahin. In ein nüchternes Diagramm gebannt, besteht es dagegen aus sieben verschiedenen Tönen und fünf rhythmischen Elementen – den unterschiedlichen Notenlängen und Pausen. Außerdem zeigt das Schema, mit welcher Wahrscheinlichkeit auf den Ton X Ton Y folgt. Das sollte doch wohl die Grundlage für eine Hitproduktion sein.

Aber so einfach funktioniert es natürlich nicht: „Wenn ich ein neues Thema komponiere, das exakt den Verteilungen von ,Satin Doll‘ entspricht, klingt das Ergebnis schlecht“, konstatiert Alicke. Selbstverständlich ist das keine Überraschung für ihn, dieses Resultat hatte er erwartet. Doch als Wissenschaftler muss er experimentieren. Und als Musiker weiß er, dass ein Komponist mit übergeordneten Spannungsbögen arbeitet und einzelne Motive abwechslungsreich anordnet, damit aus einer Menge potenziell angenehmer Tonfolgen tatsächlich ein Ohrwurm entsteht.

Was erfahrene Logistiker und Komponisten verbindet

„Und genau wie ein Komponist muss auch der Experte, der einen komplexen logistischen Prozess plant, immer das große Ganze im Blick behalten. Wenn er einzelne Reihenfolgen verkettet, deren hohe Qualität fest steht, muss er übergreifende Zusammenhänge, wenn man so will: die Metasequenzen, erkennen“, sagt Alicke. Tatsächlich gewinne die bereichs- und unternehmensübergreifende Sicht auf die Prozessketten in der Logistik immer mehr an Bedeutung. So erweitere beispielsweise die Automobilindustrie ihre Just-in-sequence-Vorgänge, also die taktgenaue Anlieferung von Systemkomponenten wie etwa Autositzen oder Katalysatoren für die Endmontage, teilweise über den direkten Zulieferer hinaus.

Alicke hat noch eine weitere Parallele zwischen der Arbeit eines Komponisten und der eines Logistik-Planers identifiziert: Bei beiden sei die Erfahrung ein wertvolles Instrument. „Der Komponist weiß aus Erfahrung, welche Kombination von Tonreihenfolgen beim Hörer einen harmonischen Eindruck erzeugt. Ähnlich ist es in der Logistik, wenn erfahrene Planer die Qualität einer Reihenfolge auf den ersten Blick erkennen.“

Wäre es nicht fantastisch, wenn auch der Hörsinn an diesem Urteil beteiligt wäre? Genau dieser Frage ist Alicke nachgegangen. „Ich wollte wissen, ob harmonische logistische Reihenfolgen auch harmonisch klingen.“ Also hat er einen Teil der Umschlagsreihenfolge eines Containerterminals in einem so genannten Gantt-Diagramm dargestellt, das die zeitliche Abfolge von Aktivitäten und die Zuordnung zu Ressourcen veranschaulicht. In diesem Fall zeigt es, in welcher Reihenfolge zwei Kräne Container aus einem Sortierspeicher entladen und wie lange das Umschlagen jedes einzelnen Containers dauert.

Der Sphärenklang des Containerterminals

Die Daten hat Alicke in Notenschrift transformiert. Jedem Container entspricht ein Ton, der Dauer des Umschlagvorgangs die Länge der Note. Den musikalischen Reihenfolgen werden Musikinstrumente zugeordnet: Kran 1 eine Flöte, Kran 2 ein Kontrabass, dem Sortierspeicher ein Klavier – voilà, fertig ist ein spielbarer dreistimmiger Satz. Er klingt ein bisschen, na ja, abstrakt. Nach Sphärenmusik. Der Klang entzieht sich üblichen Kategorisierungen wie „harmonisch“ oder „dissonant“. Das ist aber nicht weiter verwunderlich, schließlich basiert das Stück nicht auf einer Harmonielehre mit Dur- und Molltonarten oder Konzepten wie Tonika, Dominante und Subdominante, an die westeuropäische Ohren gewöhnt sind.

„Die Vertonung logistischer Reihenfolgen ist momentan noch eine reine Spielerei“, räumt Alicke denn auch ein, „konkrete Anwendungsmöglichkeiten gibt es noch nicht – wohlgemerkt: noch nicht. Denn der Ansatz ließe sich ja verbessern, indem die Vertonung unseren Hörgewohnheiten angepasst wird. Es ist nur eine Frage der Komplexität der Transformationsregeln. Außerdem würde auch die Erfahrung wieder eine Rolle spielen: Wer viele Vertonungen von Reihenfolgen hört, entwickelt ein Gefühl für ihre Qualität, so wie beim Musikhören.“

Alickes Vision reicht noch weiter: „Der Verkehr an Kreuzungen oder auf der Autobahn könnte in Echtzeit in Musik übersetzt werden, und ihr Klang gäbe den Mitarbeitern in der Leitzentrale Auskunft über die Situation. Gleichmäßiger Verkehrsfluss klänge beispielsweise harmonisch, ein Ritardando würde Stau anzeigen, Fortissimo einen Unfall. Ebenso könnten Logistiker alle Beteiligten einer Zulieferkette als vielstimmiges Orchester hören, das den gesamten Verlauf des Prozesses als Konzert spielt. “

Das Zusammenspiel vieler Faktoren in der Musik und in der Logistik ist für Alicke ohnehin eine der interessantesten vergleichbaren Ebenen: „Stellen Sie sich eine Jazz-Combo vor, die improvisiert. Die Musik klingt nur dann gut, wenn zum einen alle Bandmitglieder auf denselben Grundregeln aufbauen, einer Funktionsharmonik, die Regeln über Akkorde und Tonfolgen definiert. Zum anderen müssen sie während des Auftritts in jedem Moment darauf achten, was die anderen Musiker spielen und darauf reagieren. In der Logistik gilt genau das Gleiche: Wer an einer Prozesskette mitwirkt, muss zu jedem Zeitpunkt Informationen über die einzelnen Schritte der Beteiligten haben, um darauf reagieren zu können.“

Alickes Utopie der klingenden Container mag noch in weiter Ferne liegen, dennoch ist er sich sicher, dass seine ersten wissenschaftlichen Gehversuche in dieser Richtung sinnvoll sind: „Der Vergleich mit der Musik und ihren Strukturen kann Logistik-Experten auf jeden Fall dabei helfen, den Blick auf ihre Arbeit zu verändern – und nicht nur auf den funktionierenden Ausschnitt, sondern auf das harmonische Ganze zu achten.“ Wer weiß, vielleicht gibt es künftig den einen oder anderen Logistiker, der im Unternehmen Jam-Sessions organisiert.