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Gemeinsam heilsam

Am Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus steht eines der größten Projekte der Integrierten Versorgung (IV) in den Startlöchern. Die Beteiligten: Ärzte, Krankenhaus, Angestellten-Krankenkasse und rund 100.000 Versicherte in der Region. Das gemeinsame Ziel: gesündere Menschen und geringere Kosten. Die Bedingung für den Erfolg: eine Abkehr von fast allem, was im Gesundheitswesen bislang als gut und richtig galt.




I. KREISLAUFBESCHWERDEN

Die Erkenntnis ist nicht neu, inzwischen jedoch gefährlich: Das deutsche Gesundheitswesen hat ein Strukturproblem. Alle Sektoren operieren getrennt voneinander. Niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, Arzneimittelsektor, Rehabilitation und Pflege, jeder Bereich hat seine eigenen Anreiz- und Vergütungssysteme für die Patientenversorgung – und jeder einzelne Spieler im Gesundheitssystem hat das in der Vergangenheit weidlich genutzt. Inzwischen summieren sich die separat erbrachten und mit den Kassen jeweils isoliert abgerechneten Einzelleistungen zu Unsummen. Zum Schaden des Gesamtsystems – und aller Beteiligten.

Der niedergelassene Arzt kämpft um Patienten und klagt über immer mehr Arbeit für weniger Geld. Das Krankenhaus stöhnt unter sinkenden Einnahmen bei steigendem Wettbewerbsdruck. Der Patient soll einen immer höheren Beitrag zu seiner Versorgung leisten und nährt dabei das Gefühl einer sich zunehmend verschlechternden medizinischen Qualität. Würden alle Spieler im System kooperieren, ließen sich Milliarden einsparen, darin besteht Konsens. In der Praxis lässt sich die Idee der Integrierten Versorgung, bei der sich die unterschiedlichen Leistungserbringer im Medizinsektor zum Wohle des Patienten zusammentun, allerdings nur schwer realisieren.

Warum soll der Einzelne auf lukrative Einnahmequellen verzichten? Wer entscheidet, was medizinisch notwendig ist? Wer definiert Qualität? Wer rechnet was ab? Und überhaupt: Wenn der Kuchen kleiner und neu aufgeteilt werden soll – wer wird gewinnen, wer verliert? Berechtigte Fragen – auf die es längst gute Antworten gibt.

Die wichtigste lautet: Der Weg zu einem funktionierenden Modell Integrierter Versorgung ist lang und hürdenreich. Integration bedeutet den Abschied von Traditionen, Kooperation statt Konkurrenz, Kompromisse statt Autonomie. Integration, das wissen zumindest die Pioniere längst, bedeutet aber auch Arbeitserleichterung und wirtschaftliche Verbesserung für die einzelnen Akteure – bei sinkenden Kosten und steigender medizinischer Qualität und Patientenzufriedenheit. Ob im Schwarzwälder Kinzigtal, in Nürnberg Nord oder bei Prosper, dem Verbundprojekt der Bundesknappschaft, bei dem unter Leitung des Eigentümers in vier Regionen knapp 1000 niedergelassene Mediziner mit sieben Krankenhäusern kooperieren: Wer sich erst einmal auf die gemeinsame Sache eingelassen hat, will so leicht nicht mehr zurück.

I. FRUSTRATIONEN – UND EINE IDEE

Herdecke, ein idyllischer Ort im Ruhr-Tal mit 26.000 Einwohnern, liegt am östlichen Rand des Ruhrgebiets im Städtedreieck Bochum, Dortmund, Hagen. In Herdecke gibt es ein Gemeinschaftskrankenhaus (GKH) mit 471 Betten und 32 niedergelassene Ärzte, von denen sich 30 in der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Modell Herdecke (MQMH) zusammengeschlossen haben. Angesichts der diversen Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre sorgten sich die Mediziner um ihr eigenes Wohl, vor allem aber um das ihrer Patienten.

Gemeinsam wollten sie ein alternatives Versorgungs- und Anreizsystem für medizinische Leistungen in ihrer Region errichten. Ein System, von dem nur noch die Ärzte profitieren sollten, die gemeinsam fach- und sektorübergreifend für Gesundheit und Lebenserhaltung ihrer Patienten eintreten. Die niedergelassenen Mediziner und das GKH brachten in den vergangenen sieben Jahren diverse Modelle auf den Weg. Eine Reihe ihrer indikationsbezogenen integrierten Versorgungsideen sind bereits umgesetzt und erstaunlich erfolgreich. Inzwischen wird gut ein Drittel des Gesamtbudgets der Krankenkassen für die Region in eigenverantwortlicher Selbstverwaltung abgerechnet.

Ein guter Anfang, befanden die Mediziner, auf Dauer aber zu wenig. Zusammen mit dem MQMH plant die Klinikleitung des Herdecker Gemeinschaftskrankenhauses deshalb eine ambulant-stationäre Kooperation – das größte populationsgestützte integrative Versorgungsmodell bislang unabhängiger medizinischer Leistungserbringer in Deutschland.

Für den Verband der Angestellten-Krankenkassen/Arbeiter-Ersatzkassen-Verband (VdAK/AEV), mit dem bereits indikationsbezogene Versorgungsverträge und eine Vereinbarung zum Aufbau der regionalen Vollversorgung geschlossen wurde, ist das Modell Experimentierfeld und Hoffnungsträger zugleich. „Herdecke+“ soll eine konzeptionelle Blaupause für die optimale Krankenversorgung in Deutschland werden.

III. GRENZEN AUFLÖSEN

Ein veränderter Paragraf machte es offiziell möglich. Im Zuge der Reform des Sozialgesetzbuchs V im Jahr 2004 hat die Bundesregierung mit Paragraf 63 SGB V weitere Modellversuche zugelassen und mit Paragraf 140 a-d SGB V (Integrierte Versorgung, kurz: IV) beschlossen, die flächendeckende Planwirtschaft des regulierten Gesundheitssystems für eigenverantwortliche integrative Versorgungsmodelle partiell zu öffnen.

In innovativen Projekten, so die Idee, sollte die herrschende Abschottung der Versorgungsbereiche Ambulant, Stationär, Rehabilitation, Pharmazie, Sanitätshaus und Pflege aufgehoben, anschubfinanziert und die Versorgung der Patienten sinnvoll miteinander verbunden werden. Anders formuliert: Es geht darum, zusammenzubringen, was bisher nicht zusammengehörte, um qualitativ und finanziell besser zu werden. Herdecke scheint als Modellstandort bestens geeignet. Aus Sicht von Krankenkassen, niedergelassenen Ärzten, Krankenhaus und Wissenschaft.

Professor Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK:

„Die Voraussetzungen vor Ort waren ideal, weil die Art und Weise, wie in der Herdecker Klinik ganzheitlich Medizin betrieben wird, dazu geführt hat, dass sich viele Ärzte im niedergelassenen Bereich diesem Ansatz der Medizin angeschlossen haben. Seither steht hier weniger die Konkurrenz zwischen Klinik und Niedergelassenen im Vordergrund, sondern vielmehr die Kooperation, die gemeinsame Fortbildung und die gemeinsame Sorge um den Patienten. Dieses Klima der Kooperation war die Geburtsbedingung des Herdecker Modells.“

Thomas Ballast, Leiter der Abteilung für Vertrags- und Versorgungsmanagement beim Verband der Angestellten-Krankenkassen:

„Für Krankenkassen ist die Integrierte Versorgung das einzige funktionsfähige Instrument, um sektorübergreifende und prozessverändernde Versorgungsverträge abzuschließen. Das Modell ,Herdecke+‘ wird getragen von einer Reihe engagierter Einzelpersonen, aber auch von einem über lange Jahre gewachsenen Geist des Vertrauens und dem Wunsch nach echter Versorgungsverbesserung. Regionale Vollversorgung im Stil einer Health Maintenance Organization (HMO) heißt das Ziel, über dessen Sinnhaftigkeit hierzulande noch gerätselt wird. ,Herdecke+‘ könnte zumindest für die Ersatzkassenwelt wichtige Antworten liefern.“

Hartmut Vehse, Kinderarzt, Mitgründer und Sprecher der MQMH:

„Wir wollten die medizinische Versorgung verändern. Es hat uns nicht gefallen, dass der Patient zwischen den niedergelassenen Ärzten und dem Krankenhaus oder zwischen den einzelnen Praxen hin- und hergeschoben wurde, letztlich mit seiner Krankheit aber allein gelassen war.

Wir trafen uns das erste Mal vor sieben Jahren und stellten fest: Wir kennen uns zu wenig. Der Niedergelassene kennt weder den Kliniker noch seine Kollegen. Wir waren Einzelkämpfer, begegneten uns bestenfalls zweimal im Jahr, um die Notdienste zu vereinbaren, daneben kümmerte sich jeder um seinen Bereich. Das bedeutete auch, dass jeder an jedem Patienten sein fachspezifisches Untersuchungsinstrumentarium anwandte, um auszuschließen, dass die Krankheitsursache im eigenen Spezialgebiet lag. Dadurch entstanden natürlich enorme Kosten. Es war halt so gewachsen. Man mag es kaum glauben, aber schon das Kennenlernen hat eine enorme Veränderung bewirkt.“

Markus Bazan, Vorstand des Trägervereins des GKH:

„Uns war schnell klar, dass ein Krankenhaus wie das GKH mit seinem Anspruch der ganzheitlichen Versorgung in der kompetitiven DRG-Zukunft kaum noch Chancen hat. Deshalb heißt unser Ziel: Die Menschen in der Region sollen gar nicht erst krank werden. Weil wir nicht immer mehr Patienten zu immer niedrigeren Kosten und mit geringerer Qualität behandeln wollen. Damit das gelingt, darf die Gesundheitsleistung nicht länger dem Geld folgen, es muss umgekehrt laufen: Das Geld folgt der guten und patientengerechten Leistung.“

Professor Matthias Schrappe, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Universität Witten/Herdecke, Mitglied im Rat der Gesundheitsweisen: „Wir müssen das Grunddefizit unseres Systems beheben, die hermetische Abriegelung von ambulantem und stationärem Sektor. Es ist nicht ausgeschlossen, ich rechne sogar damit, dass populationsgestützte Verträge auch Anreize zur Qualitätsverschlechterung bieten. Es wird sicher Versorger oder Versicherer geben, die vielleicht lange Wartezeiten oder eine Risikoselektion oder eine Altersrationierung für bestimmte Prozeduren einführen, das hat die amerikanische Entwicklung klar gezeigt. Ein modernes Gesundheitssystem muss sich dennoch mit derartigen Optionen auseinandersetzen und über Qualitätsindikatoren verhindern, dass es zu Verschlechterungen kommt. ,Herdecke+‘ wäre dafür die ideale Blaupause.“

IV. ANREIZE UMKEHREN

Der chinesische Landarzt stand Pate. Im alten China, erzählt Gunter von Leoprechting, Projektentwickler und Berater des Modells, bekam der Arzt Geld, solange seine Patienten gesund waren. Wurde der Umsorgte krank, stellte er seine Zahlung ein. Folglich hatte der Arzt ein hohes Interesse daran, den Patienten schnell zu heilen. Der Vorteil fürs Gesamtsystem: Versicherte, die nicht krank sind, verursachen keine Kosten. Leoprechting hat die alte Idee in die Neuzeit übertragen. „Wir wollen dafür sorgen, dass weniger Versicherte zu Patienten werden. Und dass sie, wenn sie krank werden, schnellstmöglich in kostengünstigen Prozessen sinnvoll und adäquat behandelt werden. Von diesem Ansatz der Krankheitsvermeidung und der qualitativen Patientenheilung sollen alle profitieren: Versicherte, Patienten, gleich welchen Alters oder welcher Herkunft, Ärzte, Kliniken und Kassen – und am Ende profitiert das Gesamtsystem.“ Eine schöne Idee, zudem plausibel. In Herdecke soll sie wahr werden. Um die geplante Anreizumkehrung zu ermöglichen, haben zunächst alle Vertragsärzte ihren Honorarumsatz der vergangenen beiden Jahre als Berechnungsgrundlage für das Modell offengelegt. Zudem trafen sie eine weitreichende Entscheidung: Sie verpflichteten sich auf ein gemeinsames Budget. In Abstimmung mit dem VdAK/AEV wurde der finanzielle Rahmen definiert, mit dem künftig besser und zugleich billiger behandelt werden soll. Folglich ist das Budget geschrumpft. Jeder Mediziner leistet dazu seinen Beitrag, in dem er auf rund zehn Prozent seines bisherigen Umsatzes verzichtet. Weil es dem Patienten trotz der Kürzungen nicht schlechter gehen soll, muss also gespart werden.

Wo lässt sich sinnvoll sparen? Vor allem bei Doppeluntersuchungen und Medikamentenverordnung, durch den Verzicht auf angebotsinduzierte Leistungen (also solche, die medizinisch eigentlich nicht nötig sind), die Abstimmung der Behandlungspfade und – wichtig – die Aktivierung der Patienten zur Eigenverantwortung für ihre Gesundung. Die Kooperation der ehemaligen Einzelkämpfer machte es möglich: Schon im zweiten Quartal der Zusammenarbeit wurde das Sparziel erreicht.

Das System funktioniert, und es kann so leicht nicht ins Wanken gebracht werden. Selbst wenn alle Menschen in der Region gesund wären und blieben, behielten die Ärzte ihre Einkommenssicherheit durch die Aufteilung des zuvor fixierten Gesamtbudgets. Einem Budget, das deutlich unter den früheren Gesundheitskosten der beteiligten Krankenkassen liegt. Konkret: Je weniger kranke Menschen in der Region und je besser die Gesundungsrate der Patienten, desto weniger Arbeit für die Ärzte, bei gegebener Einkommenssicherheit. Generiert das Modell durch effektive und effiziente Behandlungsmuster einen Budgetüberschuss, wird er in Form von Prämien an alle im Modell Beteiligten ausgezahlt oder reinvestiert.

Was sich im kleinen Kreis bewährt hat, soll ab 2007 im großen Rahmen funktionieren. Die Mediziner wollen das Konzept in ein Komplettsystem der Integrierten Versorgung inklusive Klinik und Arzneimittelversorgung überführen. Für die Endausbaustufe in Herdecke wird zurzeit ein Mischvergütungssystem konstruiert – aus einer Kopfpauschale, errechnet aus dem kumulierten Gesamtbudget, einer Fallpauschale und einer Überschussbeteiligung aus dem Gesamtergebnis des Systems. Einzelleistungen sind kaum noch einkommensrelevant, weil überwiegend in Fallpauschalen vergütet wird – jeder, der versucht, die Einzelleistungen zu erhöhen, reduziert die Überschussanteile im Gesamtsystem.

Das Modell „Herdecke+“ setzt ein Umdenken voraus – das System hat Priorität, nicht der Einzelne – und es erfordert Vertrauen, persönlichen Kontakt, Dialog, Transparenz und Controlling. Nur so kann bei allen Beteiligten die wesentliche Erkenntnis reifen: Anreizkonformes Verhalten lohnt sich. Die Gefahr des Missbrauchs durch einzelne Partner halten die Beteiligten für gering. Ein professionelles Controlling wird mögliche Abzocker schnell sichtbar machen. Und wozu überhaupt das Risiko eingehen? Letztlich verdienen alle gut am Modell.

Kritiker könnten einwenden, dass durch die Anreizkonstruktion eine Unterversorgung der Patienten droht. Dem wollen die Herdecker Betreiber durch eine aufwendige Qualitätskontrolle entgegenwirken. Für die Funktionsweise und den Arbeitsprozess des Modells werden Qualitätszirkel, Fallkonferenzen und Behandlungspläne im Sinne der Evidence-based-medicine in Verbindung mit jährlichen Gesundheitsstatus-Untersuchungen eingeführt. Daneben sollen gesonderte Disease-Management-Programme (DMP) für Chroniker, Second-Opinion-Programme, ein Kompetenzarzt-System, ärztliche Fortbildungen, ein Ombudsmannsystem und Strukturen für eine Patientenbeteiligung in den Kontrollgremien aufgebaut werden.

Für die wirksamste Qualitätskontrolle sorgt ohnehin der Patient. Er hat die Wahl, kann jederzeit aus dem Tarif aussteigen, die Krankenversicherung wechseln, einen anderen Arzt aufsuchen oder in ein anderes Krankenhaus gehen. Herdecke und Umgebung ist mit Ärzten und Kliniken eher über- als unterversorgt.

Das Modell ist erfolgreich, wenn die Versicherten der Versorgungsregion bezogen auf ihr Alter gesünder und sie weniger oft stationär, stattdessen häufiger ambulant behandelt werden. Gesündere Versicherte bedeuten für Krankenhäuser weniger Patienten. Im klassischen Mengenmodell würde sich die beteiligte Klinik also selbst das Wasser abdrehen. Das GKH zieht den Umkehrschluss: Als Anbieter stationärer Leistungen will das Krankenhaus seine Kapazitätsauslastung durch einen steigenden Marktanteil an der Integrierten Versorgung vor Ort sicherstellen.

V. ZUVERSICHT – AUS GUTEM GRUND

„Herdecke+“ wird erst ab 2007 an den Start gehen, am Erfolg des Modells zweifelt keiner der Beteiligten. Dazu hat es in den vergangenen Jahren zu viele Etappensiege gegeben.

Beispiel: Arzneimittelausgaben

„Rationale Pharmakotherapie“ heißt in Herdecke das Projekt, mit dem die Kosten für Medikamente reduziert werden sollen. Die sogenannte Rote Liste führt etwa 9000 Wirkstoffe auf, von denen im ambulanten Bereich bis zu 300 regelmäßig verschrieben werden. Immer noch deutlich zu viel, wie die Projektbeteiligten finden, schließlich kommen auch die Ärzte ohne Grenzen, die unter komplexen Morbiditätsverhältnissen arbeiten, mit etwa 100 Wirkstoffen aus. In Herdecke haben sich deshalb niedergelassene Ärzte und Klinikärzte mit Apothekern zusammengetan, um Qualität und Arzneimitteleinkauf zu optimieren. Inzwischen gibt es Versorgungsabsprachen zu zehn Indikationen – vom Schlaganfall über Diabetes bis zu Hypertonie. Ergebnis: In der Region werden nur noch 160 Wirkstoffe verschrieben. Die Zielvereinbarung mit dem VdAK/AEV – Reduktion der Arzneimittelkosten um vier Prozent – wird regelmäßig übertroffen. Ohne Qualitätseinbuße, wie ein unabhängiges Institut nachwies. „Pro Jahr spart das Projekt 90.000 bis 140.000 Euro ein“, sagt Peter Zimmermann, Vorstand des GKH. Die vereinbarten vier Prozent Einsparungen, 75.000 Euro, werden von den Kassen als Abschlagszahlung erstattet und fließen in die Entwicklung der indikationsbezogenen IV-Modelle. Über diesen Weg sicherte das Herdecker Modell schon vor der Reform des Paragrafen 140 SGB V seine Anschubfinanzierung – ohne auf staatliche Zuschüsse zurückzugreifen.

Beispiel: Versorgung chronisch Kranker

Üblicherweise werden moderne Wundmaterialien vom Hersteller über Umwege an Sanitätshäuser verkauft, die entweder am Weiterverkauf an Ärzte oder Patienten verdienen oder am Entsenden von Wundspezialisten an die Pflegedienste, die bestimmte Präparate empfehlen. In Herdecke sah man Einsparpotenzial, wenn die Materialien von der Krankenhausapotheke eingekauft und direkt an die Pflegedienste geliefert werden. Mit dem gesparten Geld wird seitdem ein „mobiler Wundspezialist“ finanziert, der die niedergelassenen Ärzte und Pflegedienste in der Patientenbetreuung unterstützt. Um die Qualität in der Versorgung zu verbessern, werden die Pflegedienste in der Region außerdem nicht mehr pro Einsatz bezahlt, sondern mit einer Pauschale – plus Bonus für das schnelle Abheilen von Wunden. Auch der Patient selbst trägt zur Qualitätsverbesserung bei: In Herdecke führen die Kranken in Abstimmung mit einem Vertrauensarzt ein Patientenbuch, in dem sie alle relevanten Informationen zu Befunden und Befindlichkeit sammeln. Es dient allen Behandlern als zusätzliche Diagnose- und Therapie-Grundlage.

Beispiel: stationäre Behandlung

Im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke sollen nur noch Patienten behandelt werden, die wirklich stationär behandelt werden müssen – so lautet die Vereinbarung mit den Krankenkassen. Das heißt: Die sogenannte primäre Fehlbelegungsrate muss gesenkt werden. Wann ein Kranker stationär behandlungsbedürftig ist, hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) nach den strengen Kriterien des Assessment-Evaluation-Protocol (AEP) definiert.

Tatsächlich ist die Rate der Einweisungen seit Einführung des Modells rückläufig. Die Fehlbelegungsrate in den vom MDK evaluierten Abteilungen Innere Medizin und Chirurgie sank bereits um 1,5 Prozent, während sie in vergleichbaren Häusern steigt. Gleichzeitig ist die Fallschwere gestiegen, weil die leichten Fälle inzwischen ambulant behandelt werden. Im GKH hat sich der Case-Mix-Index – Maß für den Schweregrad der Erkrankung stationärer Patienten – um zwei Prozent (von 0,926 auf 0,945) erhöht.

Beispiel: Zufriedenheit

Angesichts der zahlreichen Veränderungen in der Region hat das unabhängige AQUA-Institut in Göttingen die Stimmung bei den Patienten untersucht. Ergebnis der Befragung mithilfe des international anerkannten Picker-Fragebogens: Die Zahl der Probleme mit Blick auf Kommunikation zwischen Arzt und Patient, Kontinuität der vor- und nachstationären Behandlung und Koordination der medizinischen Maßnahmen, konnte um bis zu 17 Prozent gesenkt werden. Anders ausgedrückt: Die Zufriedenheit der Patienten angesichts der medizinischen Versorgung hat sich seit Gründung des IV-Modells deutlich verbessert.

VI. DAS ZIEL: RUNDUM VERNETZT UND VERSORGT

Anfang nächsten Jahres wird es ernst mit „Herdecke+“. Das bedeutet, wenn man so will, die Fortsetzung und Ausweitung aller bisherigen Projekte mit anderen Mitteln. Spätestens 2008 soll in Herdecke eine regionale Vollversorgung existieren. Dann wird eine Gemeinschaft aus Ärzten, Pflegeunternehmen und Krankenhaus gegen Zahlung einer Kopfpauschale pro Versicherten die ökonomische und medizinische Vollverantwortung für 100.000 Patienten in der Region übernehmen und selbst steuern.

Als Lotse wird TIV fungieren – Krankenhausträger und „Träger der Integrierten Versorgung“ –, der die Funktion einer Managementgesellschaft und Clearing-Stelle einnimmt. TIV ist Organisator und Generalunternehmer für das gesamte finanzielle Volumen der Gesundheitskosten in der Region in Höhe von rund 285 Millionen Euro. Der TIV übernimmt damit also auch das gesamte ambulante Arzneimittelbudget des VdAK/AEV für die beteiligten Ärzte in Höhe von etwa 50 Millionen Euro sowie das inzwischen aufgrund einer freiwilligen Vereinbarung auf 16 Prozent vom Gesamtbudget gedeckelte Honorar der niedergelassenen Ärzte in Höhe von 45,6 Millionen Euro. Für Pharmabetriebe bedeutet das: Sie können sich mit allen Angeboten nur noch an eine zentrale Kommissionsstelle wenden. Die Entscheidung über Kauf und Bereitstellung von Medikamenten trifft nicht mehr die einzelne Praxis, sondern ein Qualitätszirkel aus Ärzten und Apothekern. Er legt auch fest, welche Medikation für welche Indikation in der gesamten Region gilt. Das wird die Umsätze sinken lassen – macht umgekehrt aber auch den teuren Außendienst überflüssig.

Wenn „Herdecke+“ seine selbst gesteckten Ziele erreicht, werden alle Beteiligten profitieren. In der Region wird die medizinische Versorgung der Zukunft getestet, in der die Einzel-Praxis, das Einzel-Krankenhaus, der Einzel-Pflegedienst, der Einzel-Reha-Anbieter und der Einzel-Arzneimittel-Lieferant, der jeweils unabhängig von den anderen agieren will, keinen Platz mehr hat.

Dem Patienten, um den sich all das dreht, wird es ebenfalls besser gehen. Er darf auch künftig auf beste medizinische Leistung hoffen – und auf eine finanzielle Beteiligung am Gesamterfolg. Vorausgesetzt natürlich, auch er trägt seinen Teil zum Gelingen bei.