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Ganz schön krank, oder?

Immer dieselbe Leier: Kliniken, Ärzte und Krankenkassen sollen sparen. Und was ist mit dem Patient? Er könnte es vielleicht mit dem abgewandelten Satz von John F. Kennedy versuchen: Frage nicht, was dein Gesundheitssystem für dich tun kann – frage, was du für dein Gesundheitssystem tun kannst!


Der ständige medizinische Fortschritt rettet und verlängert Leben. Aber er kostet auch eine Menge Geld, das unser Gesundheitssystem belastet. Die Bereitschaft von Bürgern und Politik, mehr für die Gesundheit auszugeben, ist begrenzt, also wird überall nach Sparpotenzial gesucht. Bei den üblichen Verdächtigen – Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen – ist nicht mehr sehr viel zu holen. Den stärksten Hebel bildet ohnehin der Patient: Er profitiert von klinischen Innovationen, leistet zumeist aber nur einen kleinen Beitrag zur Gesundung des Gesamtsystems.

Vorsehen? Vorbeugen? Verantwortung? Die Kosten für ambulante oder stationäre Behandlungen, die der Einzelne verursacht, trägt schließlich die Gemeinschaft. Ein unerfreulicher Streifzug durch die Statistiken.

DIE DEUTSCHEN SIND ZU DICK UND BEWEGEN SICH ZU WENIG.

Laut Statistischem Bundesamt sind 58 Prozent der erwachsenen Männer und 42 Prozent der erwachsenen Frauen in Deutschland übergewichtig (2005). Das Problem betrifft Junge wie Alte: Unter den 20- bis 24-Jährigen sind 26 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen zu dick, bei den 65- bis 69-jährigen Männern sind es sogar 74 Prozent, bei den 70- bis 74- jährigen Frauen 64 Prozent. Der Nachwuchs steht auch nicht besser da. Das Robert-Koch-Institut beziffert 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren als zu dick. Zum Vergleich: In Japan und Südkorea haben nur 3,2 Prozent der Bevölkerung Übergewicht.

Adipositas – so die wissenschaftliche Bezeichnung für Übergewicht – lässt sich in erster Linie durch richtige Ernährung und Bewegung vermeiden. Die Deutschen essen zu viel und zu fett, außerdem sind sie träge. Zwar stieg der Anteil der Bevölkerung, der regelmäßig ins Fitness-Studio geht, zwischen 1975 und 2001 von 0,25 auf rund sechs Prozent. Doch nur 13 Prozent der Bundesbürger bewegen sich genug: Nach Expertenmeinung sollte ein Erwachsener mindestens dreimal in der Woche, am besten jedoch täglich eine halbe Stunde lang körperlich aktiv sein.

Leider birgt auch der Sport körperliche Risiken. Im Jahr 2000 haben Forscher der Ruhr-Universität Bochum 1,3 Millionen Sportverletzungen in Deutschland gezählt, ihre Behandlung kostete das Gesundheitssystem 1,65 Milliarden Euro. Mit weniger als einem Prozent der Gesamtkosten ist das jedoch vergleichsweise wenig: Ernährungsbedingte Krankheiten und deren Folgen verursachen etwa drei bis fünfeinhalb Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen.

Übergewicht kann unter anderem Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfälle und Gelenkerkrankungen verursachen oder zumindest begünstigen. Die direkten und indirekten Krankheitskosten der Adipositas liegen je nach Berechnungsmodell zwischen 7,75 und 13,55 Milliarden Euro pro Jahr.

DIE DEUTSCHEN RAUCHEN ZU VIEL.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2005 rauchen 23 Prozent der Bevölkerung regelmäßig (28 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen), vier Prozent gelegentlich. Im Vergleich zu Studien aus den achtziger Jahren ist das zwar ein deutlicher Rückgang. Aber noch immer sterben jährlich 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg macht den Tabakkonsum für rund ein Drittel aller Krebserkrankungen verantwortlich.

Das Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg hat ausgerechnet, dass durch die gesundheitlichen Folgen des Rauchens ein volkswirtschaftlicher Schaden von fast 20 Milliarden Euro pro Jahr entsteht – allein sieben Milliarden Euro fließen in die medizinische Behandlung der Patienten. Die restlichen 12,4 Milliarden Euro entstehen durch den Ausfall bezahlter Arbeit.

DIE DEUTSCHEN TRINKEN ZU VIEL.

Im Jahr 2003 konsumierte jeder Deutsche 10,2 Liter reinen Alkohol. Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es in Deutschland rund 1,6 Millionen behandlungsbedürftige Alkoholiker.

Als Patienten nehmen sie in der Statistik der deutschen Krankenhausgesellschaft aus dem Jahr 2004 einen Spitzenplatz ein: 290.863 Menschen, die drittgrößte Patientengruppe überhaupt, mussten vollstationär behandelt werden – die medizinische Hauptdiagnose: „psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“. Mit Blick auf die Zahl der vollstationär behandelten Menschen sind nur die Gruppe der Neugeborenen (444.302) und die der Angina-Pectoris-Patienten (320.152) größer. Vor ihrer Entlassung haben die Alkoholpatienten im Durchschnitt 9,2 Tage in der Klinik verbracht, Angina-Pectoris-Patienten dagegen nur 5,6 Tage. Die Behandlungskosten im Krankenhaus infolge von Alkoholmissbrauch liegen nach einer Studie der Freien Universität Berlin bei 1,9 Milliarden Euro jährlich. Dazu addieren sich Kosten für ambulante medizinische und psychosoziale Behandlungen, aber auch Kosten für Frühberentung oder Arbeitsunfähigkeit. Alles in allem beziffern die Wissenschaftler die volkswirtschaftlichen Schäden durch Alkoholmissbrauch auf mindestens 20 Milliarden Euro.

DIE DEUTSCHEN SPAREN AN IHRER GESUNDHEIT.

Nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes hat jeder Deutsche im Jahr 2005 durchschnittlich 16.000 Euro für privaten Konsum ausgegeben – nur 4,7 Prozent davon flossen in die private Gesundheitsvorsorge. Zwölf Prozent dagegen investiert der Bundesbürger in Kleidung, rund 3,6 Prozent lässt er sich Alkohol und Zigaretten kosten. 14 Prozent der Ausgaben werden fällig für „Verkehr“ – also überwiegend für Kosten, die das eigene Auto verursacht.

Übrigens: Die verschreibungspflichtigen Medikamente, die der Patient zur Verbesserung seiner Gesundheit kauft, verfehlen häufig die gewünschte Wirkung. Laut Schätzungen der Krankenkassen landen jedes Jahr Medikamente im Wert von vier Milliarden Euro im Hausmüll – vor allem, weil die Patienten die Medizin entgegen der ärztlichen Verordnung einfach nicht einnehmen.

DIE DEUTSCHEN GEHEN OFT ZUM ARZT.

Der Krankenstand in Deutschland ist im Jahr 2005 auf ein historisches Tief gesunken: Jeder Arbeitnehmer fehlt im Schnitt 11,5 Tage pro Jahr. Trotzdem fühlen sich die Menschen hierzulande kränker als in fast allen anderen Ländern der EU. Das legt das Europäische Haushaltspanel (ECHP) nahe, das auf der Befragung von 60.000 Haushalten innerhalb der Union beruht. Darin geben mehr als zehn Prozent der Deutschen an, unter chronischen Beschwerden zu leiden, die sie zu einem regelmäßigen Arztbesuch zwingen. Nur in Frankreich gibt es noch mehr Dauerpatienten.

Auch wer nicht chronisch krank ist, sucht hierzulande gern den Doktor auf. In einer Untersuchung des Kölner Marktforschungsinstituts psychonomics geben 34 Prozent aller Deutschen an, sofort zum Arzt zu gehen, wenn sie sich unwohl fühlen. Das schlägt sich in der Statistik nieder: Mit durchschnittlich sieben Arztbesuchen pro Jahr liegen die Bundesbürger im internationalen Vergleich der OECD weit vorn. Die Bürger in Österreich (6,7 Besuche), England (5,3), Finnland (4,2), Luxemburg (6,1), den Niederlanden (5,3) oder den USA (3,9) treibt es seltener in die Praxen. Nicht einmal die Franzosen, die sich subjektiv doch so schlecht fühlen, besuchen so oft einen Arzt wie die Deutschen – sie tun es durchschnittlich 6,7-mal pro Jahr.

Die Kosten der ambulanten medizinischen Versorgung summierten sich hierzulande im Jahr 2004 auf knapp 113 Milliarden Euro, einer der größten Posten im Gesundheitssystem.