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Mustererkennung

Der Science-Fiction-Autor William Gibson gilt als eine Art Guru der digitalen Welt. McK Wissen druckt Auszüge aus seinem im Herbst erscheinenden Buch „Mustererkennung“. Und stellt dem Meister dazu per E-Mail einige Fragen.




Der Kanadier William Gibson wird als „führender Visionär der Science Fiction“ (Publishers Weekly) gepriesen. Er erfand den Begriff Cyberspace und formulierte die Vision eines weltumspannenden Datenkommunikationsnetzes. Sein Debütroman „Neuromancer“, ein rasant erzählter Zukunftskrimi, gewann 1984/85 als erstes Buch alle vier großen amerikanischen Science-Fiction-Preise in der Kategorie „bester Roman“. Dass das Buch auch außerhalb des Genres großes Aufsehen erregte, lag nicht nur an Gibsons ungewöhnlichen Visionen, sondern auch an der Sinnlichkeit seiner Sprache und den detailliert beschriebenen exotischen Schauplätzen, zu denen Slums und Underground-Bars genauso gehören wie luxuriöse Hotels, Hightech-Bürotürme und stilisierte Freizeitwelten.

Gibsons Mischung aus IT-Visionen und Underground-Sprache bekam einen Namen: Cyberpunk. Der Autor avancierte zum Mittelpunkt einer regelrechten Cyberpunk-Bewegung, obwohl er seine Bücher bis in die neunziger Jahre auf einer alten elektrischen Schreibmaschine schrieb und dem Internet eher skeptisch gegenüberstand.

Die Inspiration zur Idee des Cyberspace lieferte ein Werbeplakat für einen frühen portablen Apple-Computer Anfang der achtziger Jahre: „Ich wusste nichts über die Technik, ich dachte nur, wenn die Geräte jetzt so klein und so toll designt sind, ändert sich alles.“

In Gibsons Prosa finden sich die unterschiedlichsten Strömungen: moderne Philosophie, Chaostheorie, Künstliche Intelligenz, Popmusik, Videokunst, Computerspiele, Street Fashion – nichts scheint ihm zu entgehen. Seine wichtigste Informationsquelle bleibt die Straße: „Was ich tue, ist: herumwandern. Die Dinge, über die ich schreibe, sind für jedermann offen sichtbar. Es geht nur darum, sie nicht zu ignorieren. Aufmerksam zu sein.“

Genau das ist der Job der Hauptfigur seines neuen Romans „Pattern Recognition“, der Ende Juli als „Mustererkennung“ bei Klett-Cotta auf Deutsch erscheint: Cayce Pollard arbeitet als Cool Hunter, sie spürt im Auftrag von Werbeagenturen Trends auf, bevor sie Trend geworden sind, und beurteilt, ob Kampagnen, Design-Ideen und Logos Erfolg haben werden. Die Sensibilität, die sie befähigt, einzelne Phänomene zu größeren Mustern zusammenzusetzen, ist gleichzeitig ein Fluch: Gegenüber einigen Marken hat sie eine Allergie entwickelt. Cayce gehört auch zu einer wachsenden Zahl von Fans eines neuen Internet-Phänomens: Videosequenzen unbekannter Herkunft, die ins Netz gelangen und auf ihre Betrachter eine magische Anziehungskraft ausüben. Ihre Freizeit verbringt Cayce damit, im F:F:F:, einem Internetforum, mit anderen Anhängern dieser Clips zu diskutieren ...

„Mustererkennung“ ist das erste Gibson-Buch, das in der Gegenwart spielt. Die Chicago Tribune feierte es als „meisterliche Arbeit eines großen Romanschriftstellers“, Washington Post und Los Angeles Times haben es in die Liste der besten Bücher 2003 aufgenommen.

Kapitel 6, DIE ZÜNDHOLZFABRIK

Es ist eigentlich nicht ihre Art, sich Feinde zu machen, obwohl der stillere Teil ihrer Tätigkeit, die Sorte Ja-Nein-Gutachten, für die Blue Ant sie momentan bezahlt, schon problematisch sein kann. Ein Nein kann eine Firma den Auftrag oder einen Beschäftigten die Stelle kosten. (Einmal war es sogar eine ganze Abteilung.) Der Rest ihres Jobs, das eigentliche Aufspüren von Street-Fashion-Trends, die gelegentlichen Vorträge vor eifrigen Managerabordnungen, ruft bemerkenswert wenig Ressentiments hervor. Anfangs konnte sie die Vorträge gar nicht leiden, aber inzwischen machen sie ihr regelrecht Spaß. Je unbeleckter die Firma, desto besser. Sie genießt es, plötzlich Funken des Verstehens in den Augen der Leute zu sehen, wenn sie ihnen Dias von Hiphoppern in gürtellosen Baggy-Pants gezeigt, die Warum-Frage gestellt, ein paar lahme Antworten beiseite gewischt und dann erklärt hat, daß im Gefängnis Gürtel verboten sind und daß diejenigen Gefangenen, die in der Haft besonders viel für ihre Fitness getan haben, gern mit ihrer viel zu weit gewordenen Gefängniskluft protzen. Alles, so hat sie ihnen erklärt, kommt irgendwoher, und die Looks, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten und oft auch am längsten halten, kommen nur selten vom Skizzenblock oder Computerbildschirm eines Designers. Ein roter Doppeldeckerbus, der sich an ihnen vorbeimühlt, erscheint ihr nicht wie ein Stück Spiegelwelt, sondern eher wie Staffage für ein Disney-Londonland. An einer Mauer erspäht sie frisch aufgehängte Ausdrucke eines Stills aus dem neuen Clip. Der Kuß. Schon. Als sie einmal während der Anthrax-Hysterie in New York in der überfüllten U-Bahn saß und im stillen das Entenmantra vor sich hin sprach, entdeckte sie plötzlich ein Frame-Grab von der Größe einer Geschäftskarte am Polyester-Uniformblazer einer erschöpft aussehenden Schwarzen, mit einer Sicherheitsnadel befestigt. Mit dem Mantra versuchte Cayce damals eine immer wiederkehrende Phantasie zu verscheuchen: daß sie mit reinstem Anthrax-Pulver gefüllte Glühbirnen auf die U-Bahngleise werfen würden, wo das Zeug, wie ihr Win einmal erklärt hatte, binnen weniger Stunden von der Fourteenth bis zur Fifty-Ninth Street driften würde – das hatte die Army offenbar in den sechziger Jahren experimentell nachgewiesen. Die Schwarze, die ihren Blick bemerkt und sie als Mit-Cliphead identifiziert hatte, nickte ihr zu, und dieses Indiz dafür, wie viele Menschen die Clips verfolgten und was für ein seltsam unsichtbares Phänomen das war, erlöste Cayce aus ihrem inneren Dunkel. Inzwischen sind es noch viel mehr Menschen, trotz des – in Cayces Augen nur begrüßenswerten – Schweigens der etablierten Medien. Wenn doch einmal Medienleute das Phänomen aufzuspießen versuchen, flutscht es ihnen weg wie eine einzelne Nudel. Es ist wie eine Motte unter einem zum Aufspüren massiver Flugobjekte entwickelten Radar: eine Art Geist oder „Schwarzer Gast“ (wie laut Damien Hacker und ihre autonomeren Kreationen in China genannt werden). Formate, die sich um Lifestyle, Pop-Kultur und aufgeblasene Mini-Mysterien drehen, haben die Story gebracht, unterlegt mit fragwürdigen Clip-Sequenzen. Was jedoch keinerlei Zuschauerreaktion auslöste (außer natürlich im F:F:F, wo die Sequenzen zerrupft wurden und lange, leidenschaftliche Darlegungen provozierten, warum es von totaler Ignoranz zeuge, etwa #23 vor #58 zu setzen). Clipheads rekrutieren sich offenbar hauptsächlich durch Mundpropaganda oder aber, wie in Cayces Fall, durch die Zufallsbegegnung mit einem Clip oder einem einzelnen Frame. Cayce stieß erstmals auf ein Fragment, als sie bei einer Party in der NoLiTa-Galerie aus der völlig überfluteten Unisex-Toilette kam, in jenem seltsamen November. Während sie sich noch fragte, wie sie ihre Schuhsohlen sterilisieren könnte, und sich ermahnte, sie nie wieder zu berühren, bemerkte sie zwei Personen, die sich um eine dritte drängten, einen Mann im Rollkragenpullover, der, in der Pose der Heiligen Drei Könige an der Krippe, einen tragbaren DVD-Spieler vor sich hielt. Und im Vorbeigehen sah sie dort auf dem Schirm dieses heiligen Gefäßes ein Gesicht. Sie vergaß augenblicklich alle Angst vor Anthrax, HIV und Ebola, blieb automatisch stehen und versuchte durch ein albernes Ententänzchen, Netzhaut und Pixel optimal aufeinander auszurichten. „Was ist das?“, fragte sie. Seitenblick eines Mädchens mit Hängelidern, scharfer Raubvogelnase und einem funkelnden Edelstahlstecker unter der Unterlippe. „Clip“, sagte das Mädchen, und damit fing für Cayce alles an.

Kapitel 9, TRANS

„Sie sind in der Werbung? Was machen Sie?“ „Cool aussehen, in Clubs oder Bars gehen und Leute anquatschen. Dabei erwähne ich dann ein bestimmtes Produkt, positiv natürlich. Bei alldem versuche ich aufzufallen, die Leute positiv zu beeindrucken. Ich mache das noch nicht lange, und es gefällt mir nicht besonders.“ Magda spricht wirklich gut Englisch, viel besser als Voytek, was Cayce wundert. Sie sagt aber nichts. Magda lacht. „Ich bin wirklich seine Schwester“, sagt sie, „aber unsere Mutter hat mich hierher gebracht, als ich fünf war, Gott sei Dank.“ Sie packt den letzten Hut weg, macht den Karton zu und übergibt ihn Voytek. „Sie werden dafür bezahlt, daß Sie in Clubs gehen und Produkte erwähnen?“ „Die Firma heißt Trans.“ Sie buchstabiert es. „Läuft anscheinend sehr gut. Ich studiere Modedesign, muß mich irgendwie über Wasser halten, aber das wird mir wohl doch ein bißchen zu viel.“ Sie läßt eine ramponierte Plastikfolie herunter, zum Zeichen, daß ihr improvisierter Stand geschlossen ist. „Aber gerade habe ich zwanzig Hüte verkauft! Darauf müssen wir was trinken!“ „Du bist in einer Bar, was trinken“, sagt Magda, als sie alle drei, jeder mit einem Glas Lager vor sich auf dem Tisch, in der dunkel lackierten Ecke eines Pubs sitzen, in dem es schon ziemlich lautstark zugeht. „Ich weiß“, sagt Voytek defensiv. „Nein! Ich meine, du bist in einer Bar, was trinken, und jemand neben dir fängt ein Gespräch an. Jemand, der dir gefallen könnte. Alles total nett, ihr unterhaltet euch, und die- oder derjenige, wir haben auch Männer, erwähnt dieses tolle neue Streetwear-Label oder diesen genialen Film, den sie oder er gerade gesehen hat. Nur eine kurze, positive Erwähnung, verstehst du? Und weißt du, was du dann tust? Das ist das, was ich daran nicht ausstehen kann: Weißt du, was du dann tust? „Nein“, sagt Cayce. „Du sagst, du findest das Label oder den Film auch toll! Du lügst! Zuerst dachte ich, das machen nur die Männer, aber die Frauen tun es auch! Sie lügen!“ Cayce hat bereits von dieser Art Werbung gehört, in New York, aber sie ist noch nie jemandem begegnet, der tatsächlich damit zu tun hatte. Sie war schon soweit gewesen, das Ganze für ein Gerücht zu halten. „Und dann nehmen sie das mit“, spinnt sie den Faden fort, „diese positive Erwähnung, assoziiert mit einem attraktiven Angehörigen des anderen Geschlechts. Jemandem, der sich irgendwie für sie interessiert hat, den sie angelogen haben, um einen guten Eindruck zu machen.“ „Aber sie kaufen Jeans?“, fragt Voytek skeptisch. „Gucken Film? Nein!“ „Stimmt“, sagt Cayce, „aber es funktioniert trotzdem. Sie kaufen nicht das Produkt: Sie geben die Information weiter. Sie benutzen sie, um den nächsten Menschen, den sie treffen, zu beeindrucken.“ „Das ist eine wirksame Art, Information zu verbreiten? Ich glaube nicht.“ „Doch“, sagt Cayce. „Es ist eine Art Virus-Modell. ‚Deep Niche‘. Die Lokale werden sorgfältig ausgesucht ...“ „Verdammt gut! Das ist ja der Reiz, ich bin jeden Abend in diesen total angesagten Läden, kriege Geld fürs Taxi, für Essen und Trinken.“ Sie nimmt einen großen Schluck Bier. „Aber es macht etwas Komisches mit mir. Sagen wir mal, ich bin privat aus, mit Freunden oder so, außerhalb der Arbeit, und ich lerne jemanden kennen, und wir reden, und derjenige erwähnt irgendwas.“ „Und?“ „Etwas, was er toll findet. Einen Film. Einen Designer. Und irgendwas in mir macht einfach zu.“ Sie sieht Cayce an. „Verstehst du, was ich meine?“ „Ich glaube schon.“ „Ich entwerte etwas. Bei anderen. Bei mir selbst. Und so langsam traue ich nicht mal mehr der harmlosesten Unterhaltung.“ Magda sieht düster drein. „Und welche Art Werbung machst du?“ „Ich berate in Design-Fragen.“ Und dann, weil das nicht gerade der animierendste Gesprächsstoff ist: „Und ich bin ‚Coolhunter‘, obwohl ich es ungern so nenne. Hersteller benutzen mich, um auf dem laufenden zu bleiben, was auf der Straße als ‚cool‘ gilt.“ Magdas Augenbrauen heben sich. „Und dir gefallen meine Hüte?“ „Sie gefallen mir wirklich, Magda. Ich würde sie tragen, wenn ich Hüte tragen würde.“ Magda nickt, jetzt freudig erregt. „Aber ‚Coolsein‘ – ich weiß übrigens auch nicht, weshalb sich gerade dieses altmodische Wort dafür eingebürgert hat – ist keine inhärente Eigenschaft. Es ist, wie wenn ein Baum umstürzt, im Wald.“ „Es ist morsch“, erklärt Voytek ernst. „Was ich meine, ist: keine Kunden, kein Cool-Status. Es geht um ein Verhaltensmuster einer bestimmten Gruppe in bezug auf bestimmte Dinge. Was ich mache, ist Mustererkennung. Ich versuche, ein Muster zu erkennen, ehe jemand anders es tut.“ „Und dann?“ „Weise ich einen Vermarkter darauf hin.“ „Und?“ „Dann wird es zum Produkt gemacht. Zu verkäuflichen Einheiten. Vermarktet.“ Sie trinkt einen Schluck Lager. Sieht sich im Pub um. Das Völkchen hier drin ist nicht vom Kinderkreuzzug. Vermutlich Leute, die in der Nähe wohnen, in dem Viertel auf dieser Seite der Straße, das nicht so durchsaniert ist wie Damiens Gegend. Das Holz der Bar ist abgewetzt wie bei alten Booten, besteht praktisch nur noch aus Splittern, die von tausend Schichten sargfarbenen Lacks zusammengehalten werden. „Das heißt“, sagt Magda, „sie benutzen mich, um ein Muster zu etablieren? Um das künstlich herbeizuführen? Einen Teil des Prozesses zu überspringen?“ „Ja“, sagt Cayce. „Warum versuchen sie das dann mit diesen verflixten Videoclips aus dem Internet? Dieses Paar, das sich in einem Eingang küßt. Ist das ein Produkt? Sie sagen es uns nicht mal.“ Und da kann Cayce sie nur noch anstarren.

Kapitel 11, BOONE CHU

Schließlich sitzen sie in diesem panasiatischen Restaurant am Parkway, Naturholz und Raku-Schälchen, und essen Nudeln, und er doziert jetzt über dieses Auflösungsding. Für die F:F:F-Veteranin ein alter Hut, aber seine Herangehensweise ist erfrischend klar. „Sämtliche Segmente haben die gleiche Auflösung, ausreichend für die Kino-Projektion. Die visuelle Information, die nötige Körnung, alles da. Bildmaterial mit einer geringeren Auflösung wäre bei einer solchen Vergrößerung nicht mehr scharf. Wenn es also computergeneriert ist, muß jemand es entsprechend bearbeitet haben.“ Er führt die Stäbchen zum Mund. „Rendering-Farms. Schon mal eine gesehen?“ Er schiebt sich die Nudeln in den Mund und kaut. „Nein.“ Er schluckt, legt die Stäbchen hin. „Riesiger Raum, jede Menge Computerarbeitsplätze, Leute, die das Bildmaterial Frame für Frame bearbeiten. Irrsinnig aufwendig. Wie die berühmten Affen mit den Shakespeare-Sonetten, nur daß sie in diesem Fall nach Plan arbeiten. Rendering ist teuer, personalintensiv, da sind eine Menge Leute involviert, und so was ließe sich wohl nicht lange geheimhalten. Irgendwer würde was ausplaudern, außer, es herrschten ungewöhnliche Sicherheitsbedingungen. Diese Leute sitzen da und nehmen sich Pixel für Pixel vor. Erhöhen die Bildschärfe. Fügen Details hinzu. Haare. Haare können ein Albtraum sein. Und sie kriegen ja kaum was dafür.“ „Dann ist also die Keller-Kubrick-Hypothese nur ein Traum?“ „Es sei denn, der Filmemacher hätte Zugang zu technologischen Mitteln, die es unseres Wissens noch gar nicht gibt. Wenn das Material ausschließlich computergeneriert wäre, müsste der Filmemacher entweder über eine außerirdische Form von CGI oder aber über eine hundertprozentig sichere Rendering-Farm verfügen. Außerirdische Technologie mal ausgeklammert – wer könnte so was haben?“ „Hollywood.“ „Ja, aber möglicherweise in einem globalisierteren Sinne. Wenn jemand in Hollywood mit CGI arbeitet, wird das Rendering vielleicht in Neuseeland gemacht. Oder in Nordirland. Oder vielleicht auch in Hollywood selbst. Aber der Punkt ist, wir sprechen hier vom Filmbusiness. Da wird geredet. Bei dem Interesse, daß diese Clips inzwischen geweckt haben, müßte man schon eine geradezu pathologische Geheimhaltungskultur haben, damit nichts durchsickert.“ „Also nicht ‚Keller-Kubrick‘“, sagt sie, „sondern ‚Spielbergs stilles Kämmerlein‘, die Theorie, daß die Clips von jemandem stammen, der bereits über die avanciertesten technischen Mittel verfügt. Von jemandem, der aus irgendeinem Grund beschlossen hat, höchst unkonventionelles Material auf höchst unkonventionelle Art zu produzieren und zu veröffentlichen. Und der die Macht hat, den Deckel drauf zu halten.“ „Glauben Sie das im Ernst?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Wieviel Zeit haben Sie damit verbracht, sich die Clips selber anzusehen?“ „Nicht viel.“ „Was fühlen Sie, wenn Sie sie sehen?“ Er guckt auf seine Nudeln, dann in ihre Augen. „Einsamkeit?“ „Die meisten Leuten stellen fest, daß das noch intensiver wird. Irgendwie polyphon. Dann ist da das Gefühl, daß das Ganze irgendwohin steuert, daß etwas passieren wird, daß sich etwas verändern wird.“ Sie zuckt die Achseln. „Das kann man nicht beschreiben, aber wenn man eine Weile damit lebt, dann kommt es von ganz alleine. Eine dermaßen starke Wirkung, ausgelöst durch so wenig Filmmaterial. Ich glaube einfach nicht, daß es einen etablierten Filmemacher gibt, der das kann, obwohl bestimmte Regisseure auf den Cliphead-Boards immer wieder ins Feld geführt werden.“ „Aber vielleicht ist es ja auch die Wiederholung. Vielleicht haben Sie dieses Zeug ja so lange geguckt, daß Sie das alles nur hineininterpretiert haben. Und vielleicht reden Sie ja nur noch mit Leuten, denen es genauso geht.“ „Das habe ich mir auch schon einzureden versucht. Ich würde es ja so gern glauben, schon um loslassen zu können. Aber dann gehe ich hin und gucke mir die Clips noch mal an, und da ist wieder dieses Gefühl ... Ich weiß nicht. Daß es sich irgendwohin öffnen wird. Ins Universum? In eine Erzählhandlung?“ „Essen Sie auf. Dann können wir reden.“ Und das tun sie schließlich auch, während sie einen Spaziergang machen. Die High Street, von der jetzt alle Wochenendkreuzzügler verschwunden sind, hinauf bis zum Camden Lock, vorbei an den Schaufenstern des Designers, von dem Damiens Küchenschränke sind. Boone streift kurz seine Kindheit in Oklahoma, die Höhen und Tiefen seiner Start-up-Zeit, die Unwägbarkeiten, mit denen es die Computerindustrie und die Wirtschaft im allgemeinen seit dem elften September zu tun haben. Er bemüht sich offensichtlich, ihr mitzuteilen, wer er ist. Cayce ihrerseits erzählt ihm ein wenig von ihrer Arbeit und nichts von den besonderen Empfindlichkeiten, auf denen sie basiert. Bis sie auf dem alten Treidelpfad am Kanal sind, unter einem Himmel, der aussieht wie ein zu grell von hinten beleuchtetes Graustufen-Cibachrom von einem Turner-Druck. Diese Stelle erinnert sie an einen Disneyland-Besuch mit Win und ihrer Mutter, als sie zwölf war. Die Karibik-Piratenbahn war stehengeblieben, und Angestellte mit hüfthohen Anglerstiefeln über dem Piratenkostüm retteten sie und führten sie durch eine Tür in ein schäbiges unterirdisches Reich aus Betonwänden, Öllachen, Maschinen und Kabeln, bewohnt von düster dreinblickenden Mechanikern, die Cayce an die Morlocks in der Zeitmaschine erinnerten. Für sie war dieser Disneyland-Trip schwierig, weil sie ihren Eltern nicht sagen konnte, daß sie Mickey schon seit einer ganzen Weile mied, und am vierten und letzten Tag bekam sie Ausschlag. Mickey entwickelte sich zwar in der Folgezeit nicht weiter zum Problem, aber sie ging ihm trotzdem aus dem Weg, weil sie das Gefühl hatte, gerade noch mal davongekommen zu sein. Boone entschuldigt sich: Er müsse kurz seine Mails checken, vielleicht sei ja etwas gekommen, das er ihr gern zeigen würde. Er setzt sich auf eine Bank und nimmt seinen Laptop heraus. Sie geht an den Rand des Kanals und guckt hinab. Ein graues Kondom, das dahindriftet wie eine Qualle, eine halb aus dem Wasser guckende Bierdose und tiefer unten etwas Unidentifizierbares in einer fahlen, wabernden Haube aus zerfetzter Abdeckfolie. Schaudernd wendet sie sich ab. „Hier, gucken Sie mal“, sagt er und schaut her, den aufgeklappten Laptop auf den Knien. Sie überquert den Treidelpfad und setzt sich neben ihn. Er reicht ihr den Laptop. Sie sieht eine geöffnete Mail, verwaschen im Nachmittagslicht: Irgendwas Verschlüsseltes enthält jede dieser Dateien, aber mehr kann ich dir auch nicht sagen. Es ist auf jeden Fall keine große Datenmenge, und die ist von Segment zu Segment konstant. Wenn es mehr wäre, vielleicht – aber so ist das leider alles, was ich für dich tun kann: definitiv eine Nadel in deinem Heuhaufen. „Von wem ist das?“ „Von einem Freund an der Rice University. Ich habe ihn gebeten, sich die gesamten hundertfünfunddreißig Segmente anzugucken.“ „Was macht er?“ „Mathe. Hab’s nie auch nur annähernd kapiert. Job-Interviews mit Engeln für Positionen auf Stecknadelköpfen. Bei dem Start-up war er auch mit an Bord. Für alles, was mit Verschlüsselung zusammenhing, aber das ist nur ein Abfallprodukt seiner theoretischen Arbeit. Er findet es irgendwie urkomisch, daß es dafür überhaupt praktische Anwendungsmöglichkeiten gibt.“ Und sie hört sich sagen: „Es ist ein Wasserzeichen.“ Jetzt sieht er sie an. Diesen Blick kann sie überhaupt nicht deuten. „Woher wissen Sie das?“ „Es gibt da jemanden in Tokio, der behauptet, im Besitz einer Zahl zu sein, die jemand anders aus Segment achtundsiebzig herausgezogen hat.“ „Wer hat sie da herausgezogen?“ „Clipheads. Otaku-Typen.“ „Haben Sie die Zahl?“ „Nein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es sie wirklich gibt. Vielleicht hat er das ja nur erfunden.“  „Warum?“ „Um bei einem Mädchen Eindruck zu schinden. Aber dieses Mädchen existiert auch nicht.“ Er starrt sie an. „Was würde man brauchen, um herauszukriegen, ob es stimmt?“ „Einen Flughafen“, sagt sie und muß sich jetzt eingestehen, daß sie das alles schon gründlichst durchdacht hat, „ein Flugticket. Und eine Lügengeschichte.“ Er nimmt ihr den Laptop wieder ab, fährt ihn runter, klappt ihn zu und läßt die gefalteten Hände auf dem neutral-grauen Metall ruhen. Wie er so dasitzt und auf seine Hände guckt, könnte man glatt meinen, er betet. Dann sieht er sie an. „Ihre Entscheidung. Wenn es stimmt und Sie an diese Zahl kommen könnten, brächte uns das vielleicht irgendwohin.“ „Ich weiß“, sagt sie, und das ist auch alles, was sie sagen kann, also sitzt sie einfach nur da und fragt sich, was sie da in Gang gesetzt hat, wohin es sie wohl führen mag und warum.

Eine Metapher für das Göttliche

Während er an einem Buch arbeitet, gibt er normalerweise keine Interviews. Für McK Wissen machte William Gibson eine Ausnahme und stellte sich für eine kurze Befragung per E-Mail zur Verfügung.

McK: In Ihrem Roman „Neuromancer“ haben Sie schon 1984 ein weltweites Datennetz beschrieben und einen Teil der späteren Internet-Terminologie geprägt. Zugleich haben Sie oft erklärt, dass Sie es selbst nie besonders nützlich fanden. Kürzlich wiederum sagten Sie: „Das Netz ist die bedeutendste Entwicklung in der Menschheitsgeschichte seit dem Entstehen der Städte.“ Wie passt das zusammen?

William Gibson: Das Internet hatte zunächst keine Ähnlichkeit mit dem Cyberspace, wie ich ihn in „Neuromancer“ beschrieben habe – bis das World Wide Web geschaffen wurde. Niemand hat in „Neuromancer“ E-Mails verschickt. Ich selbst habe das Internet nicht genutzt, bevor es das WWW gab. Aber das hat nichts damit zu tun, welche Bedeutung die Entstehung des Internets tatsächlich hat.

Haben Sie inzwischen Ihren Frieden mit dem Netz gemacht? Nutzen Sie es für Ihre Arbeit?

Seit sieben Jahren nutze ich es jeden Tag. Ich wollte so lange nichts damit zu tun haben, wie man ständig neue Fertigkeiten hinzulernen musste, um es nutzen zu können.

Sie haben häufig den Abstand zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern des Internets beklagt. Machen Sie sich weiterhin Sorgen um die digitale Kluft?

Die Kluft wird kleiner. Mittlerweile ist es offenkundig, dass mit jenen Dienstleistungen, die die Nutzung des Internets demokratisieren, gutes Geld zu verdienen ist. Auch an den Schulen ist die Netzkultur mittlerweile allgegenwärtig. Insofern mache ich mir keine Sorgen mehr darum.

Eine Schaufensterauslage mit Naomi Kleins Buch „No Logo“ gab Ihnen die Inspiration, „Mustererkennung“ zu schreiben. Was halten Sie von dem Buch?

Ich habe es immer noch nicht gelesen, obwohl ich Naomi Klein mittlerweile kennen und schätzen gelernt habe. Für die Idee zu „Mustererkennung“ war allein der Titel ausschlaggebend.

In einer Diskussion sagten Sie kürzlich, die USA seien dabei, aus einer Gesellschaft von Herstellern zu einer Gesellschaft von „Brandern“ zu werden. Was ist damit gemeint, und welche Konsequenzen befürchten Sie?

Brander, also Entwickler neuer Marken, hat es immer nur wenige gegeben, sie bildeten eine kleine Minderheit. Das ist auch heute noch so. Was sich aber geändert hat, ist, dass in den USA kaum noch jemand mit der Herstellung physischer Produkte beschäftigt ist, während das Branding für die Wirtschaft immer wichtiger wird. Die nun nicht mehr benötigten Arbeitskräfte können aber schlecht alle Brander werden. Es bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als auf die so genannte Dienstleistungsindustrie auszuweichen. Aber wem sollen sie Dienste leisten? Einander? (Übrigens basieren diese Überlegungen auf der Annahme, dass es eine friedliche globale Zukunft geben würde. In dieser Hinsicht gibt es Grund zur Sorge.)

Die Videoclips, die in „Mustererkennung“ eine zentrale Rolle spielen, haben eine derart emotionalisierende Qualität, dass sie dem Leben tausender von Menschen auf der ganzen Welt einen neuen Sinn geben. Worin könnte eine solche Qualität bestehen?

Jeder Zuschauer projiziert sein eigenes Idealkino in die Clips. Könnten sie nicht eine Metapher für das Göttliche sein?

Was ist die Botschaft – ist das Massenmedium Internet dazu geeignet, Kunstwerke von einer vergleichbar hohen intellektuellen und emotionalen Qualität zu schaffen?

Ich vergleiche die Entwicklung des Internet gern mit der Entstehung von Städten. Städte haben ihre eigenen Kunstrichtungen hervorgebracht, und es gibt keinen Grund, warum es das Netz nicht auch können sollte. Schließlich ist es genauso vielfältig und im übertragenen Sinne des Wortes so unerschlossen wie jede große Stadt.

Parkaboy, einer der Helden im Roman „Mustererkennung“, sagt, die Fähigkeit zur Mustererkennung mache den Homo sapiens aus. Droht diese Fähigkeit angesichts des Stroms von Informationen und Bildern, mit denen uns das Netz täglich überflutet, nicht verloren zu gehen?

Die Fähigkeit zur Mustererkennung brachte uns zunächst zum geschriebenen, dann zum gedruckten Wort und jetzt weiter zu Google. Ich halte das Netz für viel weniger gefährlich als das durchformatierte Fernsehen des 20. Jahrhunderts, denn verglichen mit dem Fernsehen ist es ein Medium von erstaunlicher Vielfalt und vieler Wahlmöglichkeiten.

In „Mustererkennung“ spürt ein undurchsichtiger Ex-Geheimdienstler eine Person über seinen Kontakt zu dem US-Abhördienst Echelon auf. Glauben Sie, dass tatsächlich jede Netzkommunikation irgendwo mitgehört, mitgelesen und aufgezeichnet wird?

In dieser perfekten Art gewiss nicht. Es fällt mir schwer, an die Existenz eines digitalen allsehenden Auges zu glauben, so etwas wird es nicht mal in den geheimsten Katakomben des finstersten Staatesgeben. Es wird aber in dem Buch an einer Stelle angedeutet, dass die besagten Videoclips zu einem großen Teil aus unendlich vielen Stunden Material zusammengekocht wurden, das aus Überwachungskameras stammt.

„Mustererkennung“ ist Ihr erstes Buch, das in der Gegenwart spielt. „Neuromancer“ 1984 war noch Science Fiction. Dabei wirken beide Romane gleichermaßen futuristisch. Hat die Realität Ihre Fantasie eingeholt?

Bei „Neuromancer“ war ich sehr darauf bedacht, keine Jahreszahl zu nennen, aber während ich es schrieb, ging ich von einer Zeit um das Jahr 2035 aus. Die Welt von „Neuromancer“ war eine Fortschreibung der Reagan-Ära der achtziger Jahre – ebenso wie leider auch die Zeit, in der wir heute leben.

„Mustererkennung“ soll die Welt nach dem 11. September beschreiben und geht dabei unerwartet positiv zu Ende. Hatten Sie Mitleid mit Ihren literarischen Schöpfungen, oder ist Ihre Sicht der Dinge tatsächlich so optimistisch?

Diese Interpretation des Schlusses verblüfft mich immer wieder aufs Neue. Ja, es stimmt, Cayce, die Hauptheldin, scheint für den Moment glücklich zu sein. Doch ihre Beziehung zu Parkaboy muss nicht zwingend glücklich bis ans Ende ihrer Tage verlaufen.
Bigend, der Marketing-Profi, hat sich mit Wolkow, dem russischen Oligarchen, verbunden, der sich wiederum mit der Regierung der Vereinigten Staaten verbunden hat. Ist das tatsächlich optimistisch? Wohl kaum. Man sollte die Ironie nicht übersehen.

Neuromancers zentraler Charakter hieß Case, in „Mustererkennung“ heißt die Hauptfigur Cayce, ausgesprochen Case. Ist das eine beabsichtigte Parallele, hat sich für Sie ein Kreis geschlossen?

Um ehrlich zu sein: Die Ähnlichkeit der beiden Namen war zunächst rein zufällig. Ich hatte mich für Cayce entschieden, ohne mich an Case zu erinnern. Dann aber dachte ich, dass die Hypothesen der Leser helfen könnten, das Thema der Apophänie zu vertiefen, der ehlerhaften Mustererkennung, das in dem Buch angesprochen wird.

Sie arbeiten bereits an Ihrem nächsten Buch. Wovon handelt es? Wird es einige Themen von „Mustererkennung“ erneut aufgreifen?

Es wird „Warchalker“ heißen und sich mit der Art und Weise auseinander setzen, wie die neuen Medien das Thema Krieg behandeln. Und es wird ein Versuch sein, herauszufinden, was Krieg heutzutage überhaupt bedeutet.

Literatur

William Gibson: Mustererkennung. Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke. Klett-Cotta, Stuttgart 2004; 460 Seiten; 24,50 Euro
Der Roman ist ab 28. Juli 2004 im Buchhandel erhältlich.