Radio aktiv

Radios zum Aufziehen? Was nach einer Produktidee von vor hundert Jahren klingt, bedeutete für den Südafrikaner Rory Stear die Verwirklichung eines ambitionierten humanitären Projektes – und eine florierende Geschäftsidee.




Schon vor der Geburt hat das Baby einen Namen: „Die nächste Taschenlampe wird Jonta heißen“, sagt Rory Stear. „Unsere Produkte werden künftig die Namen afrikanischer Kinder tragen.“

Jonta ist ein Junge aus Ruanda, dessen Eltern voriges Jahr an Aids gestorben sind. Der 13-Jährige zieht fünf Geschwisterkinder groß, von denen das jüngste gerade mal laufen kann. „In die Packung legen wir einen Zettel“, erklärt Rory Stear. „Auf dem steht dann, wer Jonta ist, was er macht und was unsere Produkte mit ihm zu tun haben.“

Stears Unternehmen, die 1994 gegründete Freeplay Energy Group mit Sitz in London, entwickelt und produziert robuste Elektrogeräte ohne Schnickschnack; Radios, Taschenlampen oder Handy-Aufladestationen. Und alle funktionieren unabhängig von der Steckdose und auch ohne Batterien – dank Solarzellen oder einer guten alten Aufziehkurbel. Camper, Trekkingfans und Bergsteiger in aller Welt schätzen die zuverlässige Technik aus dem Hause Freeplay. Mehr als drei Millionen Geräte konnte Stear bisher mit auskömmlichen Gewinnspannen verkaufen.

Ein Teil der Radios kommt allerdings nie in den Verkauf. Der 45-jährige Vorstandsvorsitzende lässt sie über die Freeplay Foundation, mit etlichen Millionen Pfund aus Stears Privatbesitz ausgestattet und geführt von seiner Ehefrau Kristine, in entlegenen Dörfern und Flüchtlings-Camps der Dritten Welt verteilen. An Menschen wie Jonta, deren Behausungen an kein Stromnetz angeschlossen sind, denen das Geld für Batterien fehlt und die folglich auch kein Rundfunkprogramm empfangen können. Rory Stear möchte sie an die Welt anschließen, und seine Radios sind dafür wie geschaffen.

Information statt Isolation

Der Engländer Trevor Baylis hatte das Aufzieh-Radio Anfang der neunziger Jahre erfunden und patentieren lassen, also lange vor der Gründung von Freeplay. Den Anstoß hatte ihm eine Fernsehreportage über die Ausbreitung von Aids in Afrika gegeben. In der Sendung hatte es geheißen, dass die Seuche eingedämmt werden könnte, wenn die Menschen nur wüssten, wie sie sich schützen können. 15 Millionen Aids-Waisen in Afrika haben keinerlei Zugang zu Information und Bildung. Nur 22 Prozent des afrikanischen Territoriums sind ans Stromnetz angeschlossen. Mit seinem Kurbel-Radio wollte Baylis Aids-Aufklärung selbst im tiefsten Busch ermöglichen. So ließen sich auch diejenigen erreichen, die durch geografische Unwegsamkeiten, Krieg oder Armut isoliert sind. Das Radio könnte zur Aidsprävention beitragen, Hinweise zum Ackerbau geben, zur Hygiene und zum Wetter. Was nützen die besten Sendungen, wenn sie nicht empfangen werden können?

Alle Verheißungen der modernen Welt

Der Erfinder klopfte bei Kapitalgebern an, doch die Geschäftswelt amüsierte sich nur über das vorsintflutlich anmutende Gerät. Die Ablehnungsschreiben tapezieren heute eine Wand in Baylis’ Büro. Einzig Rory Stear witterte geschäftliches Potenzial – und er verfügte über das nötige Kapital. Geboren im südafrikanischen Port Elizabeth, hatte er schon als Schüler erstes Geld mit einer mobilen Diskothek verdient und sich später mit Südafrikas erstem Pizza-Lieferservice ein kleines Vermögen erarbeitet. 1994 gründen Baylis und Stear gemeinsam die Freeplay Energy Group.

Ihr erstes Freeplay-Radio, genannt FPR1, arbeitete noch mit einer Stahlfeder. Nach 20 Sekunden Aufziehen spielte es bei gemäßigter Lautstärke rund eine halbe Stunde. Bei den neueren, deutlich kleineren und leichteren Modellen treibt die Kurbel einen internen Generator an. Der produziert elektrische Energie, die in einem Akku gesammelt wird. Die eingesetzte menschliche Energie kann also gespeichert und später beliebig eingesetzt werden.

Die Fabrikation kam in Gang, doch Trevor Baylis’ ursprüngliche Produktphilosophie geriet zunehmend aus dem Blick. „Unsere Firma war auf Anhieb erfolgreich“, sagt Rory Stear, „aber nach einiger Zeit merkten wir, dass die Menschen, die unsere Produkte am dringendsten benötigten, sie sich nicht leisten konnten.“ Nach vierjährigem Bestehen der Freeplay Energy Group gründete Stear deshalb die Freeplay Foundation. Seine Frau, Kristine Pearson, wurde zur Geschäftsführerin der Stiftung ernannt. „Deine Radios sind noch viel zu kompliziert und empfindlich“, berichtete sie ihrem Ehemann, nachdem sie weitere vier Jahre beobachtet hatte, wie etwa Kinder mit den Geräten umgingen. Mal ging die Feder kaputt, weil sie überdreht worden war, mal brach die Antenne ab. „Du musst sie viel simpler machen.“

Stear ließ das Lifeline-Modell entwickeln: ein blauer Henkelmann aus Hartplastik. So robust, dass er selbst einen Aufprall aus fünf Metern Höhe aushalten würde. Als Antenne genügt irgendein Stück Draht. Im Boden sind sechs kleine Löcher, damit Sand oder Wasser einfach unten herauslaufen können. Das Radio lässt sich wie eine Tasche mit aufs Feld tragen und spielt, wie die ersten Geräte manuell aufgezogen, etwa eine halbe Stunde lang. So laut, dass bis zu 40 Leute zuhören können.

Allein in diesem Jahr sollen über Hilfsorganisationen wie Care, Unicef und das Internationale Rote Kreuz 100.000 Lifeline-Radios verteilt werden – zum Beispiel im bürgerkriegsgequälten Niger. Dort erhält jeder, der bei den Behörden ein Gewehr abgibt, ein Freeplay-Radio; 12.000 Waffen wurden schon eingetauscht. Oder in Ruanda, dem Staat, in dem besonders viele elternlose Kinder leben; kaum eines von ihnen wird jemals schulischen oder sonstigen Unterricht erhalten. Ein Teil der Radios geht auch nach Südasien, wo durch die Flutkatastrophe nach Schätzungen von Hilfsorganisationen 100.000 Kinder von ihren Eltern getrennt wurden; tausende von ihnen leben seit Wochen allein oder in Lagern ohne Zugang zu elektrischem Strom.

„Es war, als trüge ich all die Verheißungen der modernen Welt hinaus“, sagte der Schauspieler Tom Hanks, mittlerweile Botschafter der Freeplay Foundation, nachdem er zum ersten Mal ein Lifeline-Radio in Händen gehalten hatte. „Die Stimme der Freiheit verschafft sich Gehör, unbedrängt von Despoten und Tyrannen. Musik kommt vom Himmel herab, ohne dass anschließend jemand leere Batterien in die Landschaft wirft. Und das alles, indem jemand eine kleine Kurbel betätigt.“ Inzwischen haben mehrere Unternehmen versucht, die Freeplay-Idee zu kopieren. Doch sie scheiterten alle an der Effizienzhürde. „Wenn Sie so ein Radio aufkurbeln, sind das 100 Prozent Energie“, erklärt Stear. „Die entscheidende Frage ist, wie viel Prozent Sie am anderen Ende wieder rauskriegen.“ Die Aufgabe besteht darin, mechanische Energie so schnell wie möglich zu speichern – und so langsam wie möglich in Form von elektrischer Energie wieder abzugeben. „Genau da verbirgt sich das technische Know-how. Unsere Radios bringen es auf 70 Prozent. Das hat noch kein Konkurrent geschafft.“

Auf Getränkewagen in abgelegene Regionen

Die Freeplay-Produktpalette soll künftig erweitert werden. Mitte des Jahres wird ein fußbetriebener Generator vorgestellt, mit dem man liegen gebliebene Autos starten kann. Landminendetektoren, Computer, Fernseher und Trinkwasseraufbereitungsanlagen zum Ankurbeln sind geplant. „In den Entwicklungsländern können viele medizinische Instrumente nicht genutzt werden, weil sie auf Netzstrom angewiesen sind“, sagt Rory Stear. „Ein Wehenschreiber etwa wird meist nur ein paar Minuten lang genutzt. Da reicht es aus, ihn vorher kurz mit der Kurbel aufzuziehen.“

Mit großem Engagement widmet sich Stear der Aufgabe, Geld und Know-how für die Stiftung zu sammeln. Die Produktion des Lifeline-Radios wird beispielsweise von Vodafone gesponsert, der Pensionsfonds von General Electric gehört ebenso zu den Unterstützern wie Coca-Cola. „Die haben ihre Lieferwagen auch im tiefsten Afrika“, sagt er. „Ich habe sie einfach gebeten, unsere Radios in abgelegenen Regionen zu verteilen. Und die machen das.“

Aber das reicht nicht immer. Ende der neunziger Jahre musste Rory Stear Fabriken schließen und hunderte von Mitarbeitern entlassen. Nach fünf Jahren rasanten Wachstums war Freeplay Energy in eine Falle gelaufen. „Wir machten alles selbst, von der Schraube bis zum Vertrieb“, sagt der Firmenchef, „das war auf Dauer viel zu teuer.“ Von damals 560 Beschäftigten sind nur 40 übrig geblieben, in Forschung und Entwicklung sowie im Vertrieb. Die gesamte Produktion verlagerte Stear nach China. „Meine Fabrik in Südafrika zu schließen war das Härteste, was ich in meinem Leben gemacht habe“, sagt er. „Aber die Alternative hätte den Konkurs bedeutet.“ Und vielleicht das Ende einer guten Idee.