Gut essen, besser produzieren

Für den Wirtschaftswissenschaftler Robert W. Fogel ist der Mensch die interessanteste Maschine. Der 78-jährige Nobelpreisträger hat nachgerechnet: Ohne genügend Kalorien und bessere Ernährung hätte die industrielle Revolution nie stattgefunden.




Ursprünglich studierte Robert Fogel Physik und Chemie. Während seines Studiums an verschiedenen amerikanischen Elitehochschulen stieg er auf Wirtschaft und Geschichte um, bevor er 1964 als Professor für Volkswirtschaft zur University of Chicago wechselte.

Die ungewohnte Sichtweise vermeintlich vertrauter Themen, bei denen die menschliche Produktionskraft im Mittelpunkt steht, ist Fogels Spezialgebiet. Für drei seiner Arbeiten erntete er 1993 den Nobelpreis: ein Buch zur Rolle der ersten Eisenbahnen (als alleinige Wachstumslokomotiven stark überbewertet, eher ein Faktor von vielen, rechnete Fogel 1964 vor); zweitens sein Aufsehen erregendes Buch „Time on the Cross“ zur wirtschaftlichen Bedeutung der Sklaverei in den Südstaaten (rein ökonomisch betrachtet durchaus lohnend, aber politisch unhaltbar, argumentierte Fogel 1974 und widersprach damit der gängigen Meinung, das System sei an seiner Ineffizienz gescheitert); und schließlich seine anhaltenden Forschungsarbeiten zum Thema ökonomische Demografie.

Sein jüngstes Buch „The Escape from Hunger and Premature Death“ beschäftigt sich mit der Bedeutung von besserer Ernährung für Wohlstand und technologischen Fortschritt.

McK: Professor Fogel, Ihr Buch blickt zurück auf 300 Jahre Menschheitsgeschichte. Was ist für einen Ökonomen so spannend an der Ernährung?

Robert Fogel: Der Mensch gehorcht wie jede andere Maschine dem Ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Um einen Output in Form von Arbeit zu erhalten, braucht er zuvor Energie als Input – also Kalorien, die der Körper verdauen oder metabolisieren kann.

Ja und, was ist daran neu?

Neu ist die Erkenntnis, dass die wichtigste Form von Kapital längst nicht mehr Fabriken oder Kraftwerke sind, sondern der Mensch. Und dass sich das reale Pro-Kopf-Einkommen in Amerika im vergangenen Jahrhundert um das 34-fache erhöht hätte, wenn man die Verbesserungen der menschlichen Produktionskraft richtig gemessen hätte – und nicht um das Sechsfache, wie es konventionelle volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen behaupten.

Wie kommen Sie denn zu dieser Rechnung?

Ich habe mir beispielsweise die Statistiken für England im 18. oder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angesehen und festgestellt, dass die Menschen um 1850 genauso wenig Nahrung zur Verfügung hatten wie ein Inder heutzutage. Oder um einen anderen Vergleich aufzumachen: Der Energiegehalt der Nahrung im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts war mit rund 1650 Kilokalorien am Tag genauso gering wie der in Ruanda 1965. Im Schnitt stand den Menschen pro Kopf nur ein Drittel der Kalorien für Arbeit zur Verfügung, die wir heute haben.

Und sie konnten deswegen nicht so viel leisten?

Das ist genau der Punkt. Mit 500 oder 600 überschüssigen Kilokalorien kommt man nicht weit. Ein Fünftel der europäischen Bevölkerung des 18. Jahrhunderts war so unterernährt, dass die Menschen gerade noch die nötige Energie aufbringen konnten, um ein bis zwei Stunden am Tag durch die Gegend zu taumeln. Ansonsten lungerten sie vor Entkräftung herum und bettelten. Wer Arbeit hatte, hatte seine Energievorräte schnell aufgebraucht. Und wer einfach so herumsaß, dachte nicht an Philosophie oder andere große Dinge, denn Energiemangel aus Unterernährung beeinträchtigt nicht nur die Muskelleistung, sondern auch das zentrale Nervensystem. Wer mehr Energie zu sich nimmt, kann besser lernen und sich mehr merken – das zeigen Studien aus den vergangenen paar Jahrzehnten. Wir sind heute nicht aus genetischen Gründen schlauer, sondern weil unsere Umweltbedingungen eine bessere Entwicklung unseres Nervensystems ermöglichen.

In Ihrem Buch behaupten Sie, dass in England mindestens die Hälfte des Wirtschaftswachstums seit dem Ende des 18. Jahrhunderts allein besserer Nahrung und effizienterem Einsatz der menschlichen Arbeitskraft zu verdanken sind. Wie können Sie das belegen?

Das lässt sich tatsächlich berechnen: Dieser so genannte thermodynamische Faktor – also die Auswirkungen besserer Ernährung und verbesserter physiologischer Bedingungen – hatte drei Folgen. Zum einen hatten selbst die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung nun genug zu essen, um am Arbeitsmarkt teilzunehmen, statt lediglich ein paar Stunden am Tag herumzuwanken. Zweitens hatten jene, die bereits arbeiteten, rund 50 Prozent mehr Kalorien zur Verfügung und konnten länger und intensiver arbeiten. Zusammengenommen erklärt der Energieschub 30 Prozent des britischen Wirtschaftswachstums seit 1790.
Drittens – und das ist noch härter zu quantifizieren – stieg die Qualität der geleisteten Arbeit. Je gesünder ich mich ernähre und lebe, desto effizienter kann die Energie umgesetzt werden. Ich habe den Kopf frei zum Nachdenken, Innovationen werden leichter möglich. Das erklärt noch einmal 20 Prozent des Produktivitätszuwachses der industriellen Revolution. Auch wenn wir den genauen Einfluss der Innovation nicht kennen, lässt sich mit besserer Ernährung mindestens die Hälfte des Produktionszuwachses der vergangenen 200 Jahre erklären.

Sie tun so, als wenn es Dampfmaschinen und andere mechanische Geräte, die im 19. Jahrhundert verstärkt eingesetzt wurden, nie gegeben hätte.

Ganz und gar nicht. Aber ich behaupte, dass Maschinen, die Muskelkraft ersetzen oder ergänzen, auch eine Folge der gestiegenen Innovationskraft aufgrund besserer Ernährung und gesünderer Lebensumstände sind. Maschinen schonen das Humankapital. Eine wichtige Kennziffer, um Produktivität zu messen, ist der Prozentsatz an Kalorien, den ein schlecht ernährter Körper nicht metabolisieren, also in Energie umwandeln kann, sondern ungenutzt wieder ausscheidet – wie bei Durchfall oder bei einem schlecht funktionierenden Verbrennungsmotor. Im 19. Jahrhundert lag dieser Wert für Westeuropa, ähnlich wie in Indien heute, bei 15 Prozent, in den USA oder Deutschland liegt er mittlerweile bei sechs bis sieben Prozent. Auch das steht in direktem Zusammenhang mit technischem Fortschritt: Wir hatten plötzlich mehr Energie, um intelligenter zu werden.

... und größer und älter. Sie haben festgestellt, dass der Mensch in den vergangenen zwei bis drei Jahrhunderten seine Körpergröße um fast fünf Prozent gesteigert, seine Lebenserwartung sogar mehr als verdoppelt hat.

So ist es. Ein Engländer, der 1725 geboren wurde, konnte damit rechnen, 32 Jahre alt zu werden. Wer 1990 auf die Welt kam, kann auf 76 Jahre hoffen. Auch die Körpermaße sind gestiegen: Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wog der durchschnittliche Arbeiter oder Rekrut in England 61,5 Kilogramm und war 1,68 Meter groß. Heute wiegt ein Amerikaner zwischen 30 und 40 Jahren ungefähr 78 Kilogramm und misst 1,77 Meter. Zudem hat sich die Zeit vor dem Tod grundlegend verändert. Wer um das Jahr 1900 seinen 60. Geburtstag feierte, musste mindestens zehn Jahre früher mit dem Einsetzen chronischer Erkrankungen rechnen als meine Generation. Heute wird jeder zweite Rentner bis zum Tod mehr oder weniger gesund und einsatzfähig bleiben.

Lässt sich diese Entwicklung auch mit besserer Ernährung erklären?

Ein Grund ist sicherlich, dass Energie in Form von Kalorien mit der Zeit immer billiger geworden ist. Im Jahr 1890 musste ein Haushalt mit einem Arbeitnehmer 60 Prozent seines Einkommens für Nahrung ausgeben. 1995 lag dieser Anteil bei gerade noch zwölf Prozent. Heute lassen wir uns stattdessen die Weiterverarbeitung oder Veredlung von Nahrung mehr kosten. In den USA wird jeder zweite Dollar für Ernährung in Restaurants ausgegeben.

Was werden wir in Zukunft mit der ganzen billigen Energie machen?

Eine Menge. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich nicht nur die Art und Weise ändern wird, wie wir uns ernähren. Auch das Wesen der Arbeit wird sich wandeln. Reine Zweckarbeit, um Geld für neue Kalorien heranzuschaffen, wird zunehmend durch freiwillige Arbeit abgelöst – also Tätigkeiten, die mehr Spaß machen und die Chance zur Selbstverwirklichung bieten. Wir sollten uns über die Abwanderung von Fertigungsjobs in Billiglohnländer nicht allzu viele Sorgen machen. Denn andererseits wachsen die Jobs, für die wir vor allem unseren Kopf einsetzen, Wissenstätigkeiten also, beispielsweise im Gesundheits- oder Bildungswesen.

Sind es nicht genau diese Sektoren, deren Entwicklung Ihrer Meinung nach bei der Berechnung des Wirtschaftswachstums unterbewertet wird?

Rund 80 Prozent der Güter und Dienstleistungen, die wir heute in den USA in Anspruch nehmen, liegen außerhalb der statistisch festgehaltenen Wirtschaft. Die gängige volkswirtschaftliche Rechnung misst das Wissenskapital nicht. Das moderne Gesundheitswesen wird am Input gemessen und nicht am Output. Eine Stunde Arbeitszeit eines Arztes ist heute genauso viel wert wie vor 50 Jahren – obwohl sie dank des medizinischen Fortschritts viel mehr bringt. Meine Arbeitsleistung 2005 ist auf dem Papier so viel wert wie 1964, als ich in Chicago zu lehren anfing. Was ich damals an der Universiät unterrichtete, lernt man heute an der High School. Und das, obwohl das Gesundheitswesen heute 15 Prozent und der Bildungsbereich neun Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen – fast doppelt so viel wie das verarbeitende Gewerbe.

Trotz wachsendem Wissenskapital kommt die Entwicklungshilfe nicht wirklich voran. Unterernährung ist bis heute ein massives Problem.

Das ist ein schwieriges Thema. Einerseits ist die Anzahl der pro Kopf verfügbaren Kalorien auf diesem Planeten zwischen 1965 und 1989 um ungefähr 400 Kilokalorien gestiegen. Andererseits leidet noch immer mehr als ein Achtel der Menschheit an chronischer Unterernährung. Doch auch bei diesen Problemen zeichnen sich Lösungen ab: Chinas Fortschritt in der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beispielsweise ist bemerkenswert. Das Land hat es nicht nur geschafft, die eigene Bevölkerung zu ernähren, obwohl sie sich verdoppelt hat. China hat außerdem den durchschnittlichen täglichen Kalorienverbrauch zwischen 1962 und 2000 um 73 Prozent gesteigert. In ganz Südostasien ist die Energiezufuhr zwischen 12 und 68 Prozent gestiegen – gleichzeitig hat der Anteil an tierischem Protein deutlich zugenommen, die Qualität der Nahrung ist also besser geworden. Das ist eine der Voraussetzungen für anhaltend hohes Wachstum in der Region für mindestens eine weitere Generation.

Verbesserte Ernährung führt aber auch zu höherer Lebenserwartung. Viele Beobachter halten es für ein Problem, dass die Bevölkerung der Industrieländer immer älter wird.

Aus meiner Sicht ist das schiere Panikmache. Es spricht nichts dagegen, dass die Lebenserwartung im 21. Jahrhundert weiter steigen wird. Und ebenso die Lebensqualität alter Menschen. In Rente zu gehen heißt nicht, dass man lethargisch auf dem Sofa sitzt. Bis vor kurzem konnte kaum ein Arbeitnehmer sein Altenteil erleben, geschweige denn genießen. Die meisten Pensionäre heute führen ein aktives Leben. Sie sind produktiv in einer Art und Weise, die in unserer veralteten BIP-Rechnung gar nicht auftaucht.
Als das Konzept zur Errechnung des Bruttoinlandsprodukts in den dreißiger Jahren eingeführt wurde, konnten und wollten wir den Wert von im Haushalt erzeugten Gütern und Dienstleistungen nicht messen. In 20 bis 30 Jahren werden wir das ändern, denn wir können es uns nicht mehr leisten, diesen Teil der Volkswirtschaft zu ignorieren. Zudem gehen die Menschen aus den obersten zehn Prozent der Einkommensskala gar nicht früher in den Ruhestand, obwohl das durchschnittliche Rentenalter heute in den USA bei 60 bis 61, in Frankreich und Deutschland um etwa zwei Jahre niedriger liegt. Dieser Bevölkerungsschicht macht Arbeiten Spaß.

Ihnen offenbar auch.

Ich selbst werde im Juli 79 Jahre alt und sage meinen Studenten immer: Ich werde so lange lehren, bis sie mich aus dem Raum tragen. Fernsehen ist langweilig, ich will arbeiten! Ich reise auch noch häufig: Zwei Chinareisen und ein Trip nach Schweden stehen in den nächsten drei Monaten auf dem Programm. Ich habe ein bisschen Arthritis, aber das lässt sich mit Medikamenten gut behandeln. Mein Herz und meine Lungen sehen gut aus. Ich habe nie viel getrunken, Krebs ist in meiner Familie selten. Meine Chancen stehen also gut, in höherem Alter an etwas Angenehmerem zu sterben.

Literatur

Robert W. Fogel: The Escape from Hunger and Premature Death, 1700–2100 – Europe, America, and the Third World. Cambridge University Press, Cambridge, 2004; 191 Seiten; 20 Euro

Robert W. Fogel: High Performing Asian Economies. NBER Working Paper 10752, National Bureau of Economic Research, 2004

Robert W. Fogel: Economic Growth, Population Theory, and Physiology – The Bearing of Long-Term Processes on the Making of Economic Policy. In: The American Economic Review, 1994, 84(3), S. 369–395

Robert W. Fogel: Railroads and American Economic Growth – Essays in Econometric History. Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1964; Paperback gebraucht, ca. 6 Euro