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Das Wohl des Golfstaats Bahrain hängt seit Jahrzehnten am Öl. Das schwarze Gold spülte Reichtum und Wohlstand in die Region. Jetzt ist absehbar, dass die Quellen versiegen. In rund 15 Jahren geht Bahrain das Öl aus. Eine Reise in ein Land, das sich neu erfindet.




Abdulaziz Fakhr sitzt vor seinem Häuschen und redet von seiner Angst. Angst vor der Zukunft. Nachts schwirren ihm Fragen durch den Kopf. Was werden wir morgen essen? Was wird aus meinen Kindern? Werden sie Arbeit finden? Werden sie es besser haben als ich? Abdulaziz Fakhr wohnt in einem heruntergekommenen Viertel von Manama, der Hauptstadt des Golfstaates Bahrain. Am Horizont kann der 60-Jährige die gläsernen Hochhäuser der Metropole sehen. In seiner Nachbarschaft glitzert nichts. Einige der Steinhäuser sind verfallen, die Fenster mit Brettern verbarrikadiert. Abgemagerte Katzen huschen über die mit Schlaglöchern durchsetzten Straßen oder suchen in Mülltonnen nach etwas Fressbarem. Endstation Sehnsucht.

Die Quellen des jahrzehntelangen Reichtums werden versiegen

Vor zehn Jahren hatte Abdulaziz Fakhr einen Unfall. Sein rechtes Bein ist seitdem steif, er kann nur noch mit dem Stock gehen. Er verlor seinen Job als Maler und fand nie wieder einen neuen. Sein ältester Sohn ist 21 Jahre alt. Er verdient als Bote einen kargen Lohn von 130 Bahraini Dinar, rund 260 Euro pro Monat. Das Geld muss für die ganze Familie reichen.

Zu sechst leben sie in zwei Zimmern, teilen sich zwei Betten, das Ehepaar und seine vier Kinder. Die Räume haben keine Fenster, der Boden ist aus Waschbeton, kahl und kühl. Wenn es regnet, tropft Wasser durch das Wellblechdach. Das Geld, das der älteste Sohn nach Hause bringt, reicht meist nur zehn Tage eines langen Monats. Dann ist die Familie darauf angewiesen, dass die Nachbarn etwas zum Essen bringen. Ein wenig Reis, ein bisschen Gemüse. Es ist nicht viel. „Die meisten haben selbst kaum genug zum Leben.“ Viele sind arbeitslos. „Früher“, sagt Abdulaziz Fakhr und seufzt, „früher war alles besser.“

Die Reise zur Quelle der besseren Vergangenheit führt auf einer sechsspurigen Autobahn aus der Hauptstadt hinaus, mitten in die Wüste des kleinen Inselstaates. Bahrain ist mit rund 700 Quadratkilometern nicht einmal so groß wie der Stadtstaat Hamburg. Am Rand der Schnellstraße stehen hin und wieder Ampeln, kurz davor große Warnschilder: „Camel Crossing“ – Kamele kreuzen. Etwa 30 Kilometer hinter Manama wird der Asphalt zur Schotterpiste. Staub wirbelt im Rückspiegel hoch und legt sich auf die Landarbeiter, die in langen Röcken und mit vermummten Gesichtern am Wegrand auf einen Bus warten. Verrostete Pipelines durchziehen die flache Wüste, manchmal weht ein beißender Geruch in die Nase: Öl. Angekommen.

Auf einem kupferfarbenen Schild ist der 1. Juni 1932 eingraviert. Vor knapp 73 Jahren stießen sie genau hier auf Öl. Der erste Fund in den Golfstaaten überhaupt. Und ein erster Bote für den Reichtum, der kommen und jahrzehntelang in Bahrain bleiben sollte. Heute ist die Quelle lange versiegt. Ein paar andere sprudeln noch: Der stechende Geruch kommt von Türmen, die einige hundert Meter entfernt das schwarze Gold aus dem Boden pumpen. Geblieben ist das kupferfarbene Schild. Darüber flattert die Fahne Bahrains, der kleinen konstitutionellen Monarchie zwischen den Ölgroßmächten Saudi-Arabien und Iran.

Nebenan steht ein kleines Ölmuseum. Es ist meist geschlossen, seine guten Zeiten scheinen vorbei. Genau wie der Öl-Boom. Mitte der siebziger Jahre förderte Bahrain 75.000 Barrel am Tag, heute sind es noch 36.000 Barrel. Tendenz fallend. Zehn bis 15 Jahre, maximal 20 Jahre wird das Öl noch fließen. Dann ist Schluss.

Schlechte Nachrichten für ein Land, dessen Wohlstand sich fast ausschließlich auf den wertvollen Rohstoff begründete. Für die Ansiedlung von Industrien hat sich die Regierung in der Vergangenheit kaum interessiert. Warum auch? Mehr als 70 Prozent seiner Einnahmen bezog der Staat traditionell aus dem Geschäft mit Öl und Gas – und er ließ die Bevölkerung am Reichtum teilhaben. Bahrain leistete sich einen Staat, von dem die meisten Länder nur träumen können: Bahrainis müssen keinen Dinar Steuern zahlen, medizinische Versorgung und eine gute Ausbildung sind kostenlos, Elektrizität und Wasserversorgung werden subventioniert. Wer bedürftig ist, bekommt großzügige Darlehen für den Bau von Häusern. Manche erhalten kostenlos Land. Und ein Großteil der Bürger fand ein bequemes Auskommen in sehr gut bezahlten, sicheren Jobs im öffentlichen Sektor.

Mit dem Reichtum des Landes wuchs auch der Staatsapparat. Ineffizienz war kein Thema, ließen sich die Gehälter der Staatsdiener doch problemlos mit den reichlich fließenden Öldollars finanzieren, während Gastarbeiter für wenig Geld den Aufbau des Landes sicherten. Jetzt sinken die Einnahmen, die Zahl der Arbeitssuchenden steigt. Und Bahrain hat außer Öl und Verwaltung wenig zu bieten.

Gesucht: rund 100.000 neue Arbeitsplätze

Schon heute weist die Statistik im Land rund 15 Prozent Erwerbslose aus. Vorsichtig geschätzt: Weil der Staat seinen arbeitslosen Bürgern lediglich einen Vermittlungsservice und erst seit kurzem eine zeitlich begrenzte minimale finanzielle Unterstützung bietet, melden sich viele erst gar nicht bei den Behörden und tauchen in der Statistik deshalb nicht auf. Die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen dürfte also deutlich über der offiziellen Quote liegen, meinen Experten.

Ausamah Abdulla Al Absi hält in seiner linken Hand eine Zigarette, durch die Finger seiner rechten lässt er die 33 orangefarbenen Perlen seiner Gebetskette gleiten. „Ich habe den unbeliebtesten Job im Land“, sagt der Arbeitsamt-Direktor. Und einen der schwersten: Schon für die heute Arbeit Suchenden gibt es viel zu wenig Beschäftigung, und der Bedarf wird steigen. Der mit dem Öl-Boom einhergehende Wohlstand und eine immer bessere Gesundheitsversorgung ließen die Geburtenraten in der Vergangenheit klettern, während die Kindersterblichkeit sank. Heute sind rund 36 Prozent der Bevölkerung jünger als 14 Jahre, zudem drängen immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt. Es wächst ein Heer von Arbeitskräften heran.

Rund 100.000 Bahrainis werden in den kommenden zehn Jahren eine Beschäftigung suchen – das bedeutet eine Verdoppelung der Erwerbstätigen im Land. „Wenn wir nichts ändern, wird die Arbeitslosenrate bis 2013 auf 35 Prozent klettern“, prophezeit Al Absi.

Bislang fand ein Großteil der einheimischen Bevölkerung Arbeit im öffentlichen Sektor. Nachdem das schwarze Gold erstmals sprudelte, flossen Millionen des Ölvermögens in den Aufbau einer Verwaltung und die Streitkräfte des Landes. Der Staat wurde zum Hauptarbeitgeber. Zwar realisierte die Regierung bereits in den späten sechziger Jahren, dass der Öl-Boom nicht ewig dauern würde; sie versuchte, die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren, beteiligte sich an Industriekonzernen und gründete Staatsunternehmen. „Gewinne waren jedoch nicht die erste Priorität“, sagt Zakaria Hejres, Chief Executive Officer des Economic Development Boards (EDB), „es ging vor allem darum, Jobs zu schaffen.“

Angenehme Jobs. Öffentliche Verwaltung und Staatsunternehmen boten deutlich bequemere Arbeitsbedingungen als der private Sektor: kurze Arbeitszeiten, längeren Urlaub, höhere Gehälter, weniger Leistungsdruck und mehr Jobsicherheit. Die Konsequenz: Rund 46 Prozent der bahrainischen Erwerbstätigen arbeiten heute im öffentlichen Sektor. Dagegen nimmt sich die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Deutschland, der bekanntlich als zu üppig besetzt gilt, mit gut zehn Prozent der Erwerbstätigen vergleichsweise bescheiden aus.

Wollte Bahrain seinen Anteil der Staatsdiener an der Beschäftigtenzahl halten, müsste der Sektor in Zukunft um knapp acht Prozent jährlich wachsen. Ausgeschlossen, sind sich Regierung und Kritiker einig. Die Verwaltung gilt nach einer durchschnittlichen Expansion von zwei Prozent zwischen 1992 und 2002 bereits heute als aufgeblasen. Zudem kann sich der Staat seinen aufwendigen Apparat bald nicht mehr leisten. Rund 480 Millionen Dinar (rund 960 Millionen Euro) trug das Öl 2003 zu Bahrains Staatseinnahmen bei. Diese Einnahmen werden zwar nicht gleichzeitig mit dem letzten Tropfen Öl auf bahrainischem Boden versickern – eine Offshore-Ölquelle, deren Besitzrechte sich das Land mit Saudi-Arabien teilt und deren Output Bahrain überlassen wird, sprudelt voraussichtlich noch 70 Jahre. Doch spätestens wenn das schwarze Gold noch weniger abwirft als im Moment, wird die Rundum-Versorgung enden. Schon heute kann Bahrain seine Rechnungen nur mit Hilfe von Krediten zahlen. Die Staatsverschuldung ist mit gut 37 Prozent am Bruttosozialprodukt (Stand 2003) zwar immer noch ein Traum für jeden deutschen Politiker. Doch die Notwendigkeit zur Kreditaufnahme ist ein relativ neues Phänomen. „Wir nähern uns wahnsinnig schnell dem Tag, an dem wir uns unseren Wohlfahrtsstaat nicht mehr erlauben können“, meint EDB-Mann Hejres. „Der private Sektor muss zum Motor unseres Wohlstandes werden.“

Tatsächlich trägt die Privatwirtschaft heute zwar bereits den Großteil zum Bruttosozialprodukt des Landes bei – für den bahrainischen Arbeitsmarkt hat sie bislang jedoch nur die Zugkraft eines Mofas. In den vergangenen Jahrzehnten entstanden kaum Industrien, die lukrative Arbeitsplätze bieten können. Die einzige Ausnahme bildet der Finanzsektor. Nachdem im Libanon Mitte der siebziger Jahre der Bürgerkrieg ausbrach, übernahm Bahrain früh die Rolle des Finanzzentrums der arabischen Welt. Wie schon davor hatte der Sektor auch 2003 mit Zuwachsraten von knapp 30 Prozent den größten Anteil am ölunabhängigen Wachstum des Landes. Als Jobmaschine jedoch reüssierte die Industrie nicht, Arbeitsplätze sind auch in der Finanzwirtschaft knapp – und immer mehr gut ausgebildete Bahrainis vergeblich auf Jobsuche. Rund 16 Prozent aller arbeitslos gemeldeten Bürger haben studiert, schätzt Arbeitsamt-Direktor Al Absi.

Zu wenig Jobs für die Einheimischen

„Die Suche ist hoffnungslos“, sagt Sattar Hammad, der im Gang des Arbeitsamtes auf ein Gespräch mit seinem Berater wartet. Sein graues Hemd ist frisch gebügelt, die bunte Krawatte perfekt gebunden. Eine Gewohnheit. Jeden Morgen geht der Diplom-Versicherungskaufmann so aus dem Haus, obwohl er schon seit mehr als einem Jahr keinen Job hat. Rund 50 Bewerbungen hat er verschickt. Ohne Erfolg. Mehrmals in der Woche stellt er sich spontan bei Firmen vor, für Aufgaben weit unter seiner Qualifikation: Er versucht es als Verkäufer in Autohäusern, als Kellner in Restaurants. Ein paar Gelegenheitsaufträge halten ihn und seine Familie über Wasser.

Suad Omran Saeed geht es ähnlich. Die 23-Jährige hat vor einem Jahr ihr Informatikstudium beendet. Sie kann in acht Computersprachen programmieren, Web-Seiten designen und spricht neben Arabisch fließend Englisch und Französisch. Einen Arbeitsplatz findet sie trotzdem nicht. Nur eine ihrer fünf Freundinnen, mit denen sie ihren Abschluss gemacht hat, arbeitet – als Assistentin an der Universität.

Stellen in der Privatwirtschaft gibt es bislang vor allem in der Baubranche und in Fabriken. Schlecht bezahlte, körperlich anstrengende Jobs, die in den vergangenen Jahrzehnten für niedrige Löhne von Gastarbeitern erledigt wurden. Fast 60 Prozent der rund 310.000 in Bahrain lebenden Erwerbstätigen sind Arbeiter aus dem Ausland.

Überall sieht man die Männer aus Indien, Pakistan und den Philippinen. Sie bauen Straßen, ziehen Hochhäuser hoch und pflanzen Palmen an. „Und trotzdem gelten wir als Leute zweiter Klasse“, sagt Raiji und streicht mit seiner Schaufel frisch gemischten Beton glatt. Der 38-jährige Inder bessert in einem Vorort Manamas Schlaglöcher aus. Morgens um sechs ist er mit 20 seiner Landsmänner auf die Ladefläche eines Trucks geklettert, mit dem man sie jeden Morgen zur Arbeit bringt. Eigentlich endet ihre Schicht um zwei Uhr nachmittags. Doch in der Regel machen sie für 500 Fils pro Stunde, etwa ein Euro, weiter, bis um fünf Uhr abends die Sonne untergeht. Dann klettern sie wieder auf die Ladefläche und werden zurück in ihre kleine indische Enklave gefahren. Sieben Tage in der Woche. Kann man sie dort besuchen? Klar, kommt vorbei.

Die Arbeit ist hart, aber besser bezahlt als zuhause

Raiji und seine Kollegen leben in einem Camp, das ihr Arbeitgeber stellt. Platz für 300 Leute. In einer Küche kochen sie gemeinsam, auf der Feuerstelle köcheln Gemüsecurry und Reis. Wie zu Hause. Raiji ist seit 19 Jahren in Bahrain. Sein regulärer Monatslohn liegt bei 110 Dinar, das sind rund 220 Euro. Mit Überstunden kommt er auf umgerechnet 300 bis 320 Euro, etwas mehr als die Hälfte schickt er Monat für Monat seiner Familie. Mehr, als er in Indien verdienen könnte.

Seine Firma hat Raiji in Indien über eine Agentur gefunden. Wechseln darf er den Arbeitgeber nicht, sonst muss er das Land verlassen. Alle zwei Jahre bezahlt ihm seine Firma einen Flug nach Hause. Ob Raiji sich in Bahrain heimisch fühlt? Da lächelt er, zeigt in die Richtung seines Schlafsaals und sagt: „Ich bekomme von Bahrain nichts mit. Da drin ist im Moment mein Zuhause.“ In dem rund 60 Quadratmeter großen Raum wohnt Raiji mit 24 anderen Indern. Ihre Stahlrahmenbetten stehen dicht nebeneinander. Manche haben sich einen kleinen Schrein mit Bildern indischer Götter neben ihr Bett gehängt. Es riecht nach Räucherstäbchen. An gespannten Leinen hängen Kleider zum Trocknen. In der Mitte des Raums steht ein Fernseher. Eine Inderin verliest auf Hindi Nachrichten aus der Heimat. Stundenlang lassen die Männer abends Bilder aus Indien an sich vorbeiziehen. Bis zur Nachtruhe um 22 Uhr. Am nächsten Morgen werden sie wieder auf die Ladefläche steigen.

Die Arbeiter aus dem Ausland sind zum Problem geworden. Die Einheimischen, sagt Arbeitsamt-Direktor Al Absi, fragen sich: „Wieso haben wir so viele Arbeitslose und gleichzeitig immer mehr Gastarbeiter in Bahrain?“ Auch der Kronprinz des Landes, Scheich Salman bin Hamad Al Khalifa, hat sich die Frage gestellt – und ein Berater-Team von McKinsey mit der Suche nach Antworten beauftragt.

Von der Aussicht auf sinkende Öleinnahmen und steigende Arbeitslosenzahlen alarmiert, plant der Scheich die „Revolution“ des Arbeitsmarktes: das Ende des für die Industrie günstigen Systems der billigen Arbeitskräfte. Künftig sollen Bahrainis, die bislang im öffentlichen Sektor unterkamen, mit den Gastarbeitern um die Jobs in der Wirtschaft konkurrieren können. Allerdings nicht zu den heutigen Konditionen: Um die Arbeitskraft der Einheimischen attraktiver zu machen, sollen ausländische Mitarbeiter teurer werden. Geht es nach dem Willen des Kronprinzen, zahlen Arbeitgeber in Zukunft für Gastarbeiter hohe Abgaben.

Die Arbeitsmarktreform

Die Industrie Bahrains hat bislang kaum Anreize, einheimische Arbeitskräfte zu beschäftigen. Gastarbeiter kosten die Arbeitgeber rund 56 Prozent weniger als einheimische Arbeiter, so das Ergebnis einer Studie von McKinsey & Company, die mit der Reformierung des bahrainischen Arbeitsmarktes beauftragt ist. Eine von der Regierung auferlegte Quote, die helfen sollte,

offene Stellen mit Bahrainis zu besetzen, hat in der Vergangenheit vor allem für Korruption und Scheinarbeiter gesorgt, die lediglich auf der Gehaltsliste geführt werden. Die Arbeitsgesetze verstärken das Problem: Einheimische Mitarbeiter sind nahezu unkündbar. Verlieren sie ihre Stelle, können sie – auch ohne triftigen Grund – Beschwerde gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber beim Arbeitsministerium erheben, das den Fall vor Gericht bringen muss. Zwar werden die Klagen häufig verworfen, der für den Arbeitgeber bis zur Entscheidung entstehende Aufwand ist jedoch in der Regel beträchtlich.

Um den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und die Kostenunterschiede zwischen Einheimischen und Gastarbeitern auszugleichen, verfolgen die Unternehmensberater eine zweigleisige Strategie: Zum einen soll das Kündigungsgesetz harmonisiert werden.

Auch Gastarbeiter sollen jederzeit den Arbeitsplatz wechseln dürfen. Vor allem aber sollen Arbeitgeber in Zukunft eine Abgabe für jeden ausländischen Mitarbeiter zahlen. Der Vorschlag sieht 600 Bahraini Dinar, rund 1200 Euro, pro Arbeiter für eine alle zwei Jahre zu erneuernde Arbeitsgenehmigung vor, außerdem eine monatliche Abgabe von 75 Dinar (rund 150 Euro). Zudem, so die Empfehlung der Berater, solle die Zahl der Ausländer, die in Bahrain eine Arbeitsgenehmigung erhalten, limitiert werden.

Vor allem die Baubranche rebelliert gegen die Pläne. Die Abgaben würden die Arbeitskosten in dieser Industrie je nach Unternehmen um 50 bis 70 Prozent steigen lassen, argumentieren Unternehmen. Die Befürworter der Reform halten dagegen, dass der Großteil der Kosten von Baumaterialien, nicht von Arbeitskräften verursacht würde. Die Gesamtkosten stiegen also nur um 10 bis 13 Prozent. Zudem erhöhe die Reform den Anreiz, die Produktivität der Branche zu steigern. Eine Weitergabe eines Teils der Kosten an die Konsumenten könne den finanziellen Mehraufwand außerdem ausgleichen helfen.

Daneben sollen nicht zuletzt jene von den Abgaben profitieren, die sie zahlen. Das Geld, so der Plan, fließt in einen Spezialfonds, der unabhängig vom restlichen Staatsbudget verwaltet und zweckgebunden ausgegeben werden muss: Daraus soll ein Teil der höheren Löhne einheimischer Arbeitskräfte finanziert werden, was der Wirtschaft mehr Anreize für ihre Anstellung verschafft. Zum anderen soll das Geld Trainingsprogramme ermöglichen, um einheimische Arbeiter besser für die Bedürfnisse der Industrie zu qualifizieren.

Das Ergebnis einer zweiten Studie zeigt, dass die gewollte Änderung der wirtschaftlichen Strukturen durch die geplante Arbeitsmarktreform langfristig nicht beeinträchtigt würde: Nur 14 Prozent der Investoren haben Bahrain aufgrund der niedrigen Arbeitskosten als Standort ausgewählt. Der Großteil der ausländischen Investitionen entfällt auf den Finanzsektor, für den billige, aber schlecht ausgebildete ausländische Arbeitskräfte keine Rolle spielen.

Kurzfristig allerdings wird sich die vorgeschlagene Reform negativ auf das Wirtschaftswachstum der Region auswirken, so die Prognose von McKinsey. In den zehn Jahren nach Einführung der neuen Regeln rechnen die Berater mit einem rund ein Prozent niedrigeren Wachstum – bei gleichzeitig um fünf bis neun Prozent steigenden Verbraucherpreisen innerhalb der avisierten dreijährigen Einführungsperiode.

Um den Übergang zum neuen System, das laut Plan Anfang 2006 wirksam wird, sozialverträglich zu gestalten, soll, die Monatsabgabe in drei Jahren schrittweise von 25 auf 75 Dinar erhöht werden. Die Bahrainisierungs-Quoten werden phasenweise abgeschafft. Arbeitgeber dürfen die absolute Zahl ihrer einheimischen Mitarbeiter jedoch bis 2009 nicht reduzieren.

Noch ist das Konzept nicht vom Parlament beschlossen. Viel Zeit zum Überlegen bleibt den Politikern jedoch nicht mehr. Erfahrungsgemäß dauert es Jahre, bis die Ergebnisse einer Reform sichtbar werden. Um 2020 geht Bahrain das Öl aus.

Arbeitsmarkt, Privatwirtschaft, Bildung – alles neu

Der Plan hat unter den lokalen Unternehmen für Unruhe gesorgt. Doch die Zahl der Befürworter wächst. „Die nächsten 10 bis 15 Jahre sind entscheidend, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu entwickeln“, sagt Mohammed bin Essa Al Khalifa, der Stabschef des Kronprinzen. Die Reform des Arbeitsmarktes sei nur der Anfang. Auch die Struktur der privaten Wirtschaft müsse sich komplett ändern, das Bildungssystem reformiert werden. Alles neu. „Wir wollen weniger personalintensive Industrien mit niedriger Produktivität, stattdessen jene mit hoher Wertschöpfung, die gut qualifiziertes Personal brauchen.“ Mehr Tourismus heiße das Ziel, Ausbau der führenden Rolle als Finanzzentrum der Region und Entwicklung völlig neuer Dienstleistungen, etwa im Gesundheitsbereich.

„Das Öl war zugleich Segen und Fluch für unser Land“, sagt Scheich Mohammed bin Essa Al Khalifa. Der Ölreichtum habe geholfen, Bahrain zu entwickeln, aber kein kapitalistisches Wirtschaftssystem entstehen lassen. Ausländische Investoren seien nach wie vor zurückhaltend. Und das, obwohl Bahrain auch nach Ansicht der liberalen amerikanischen Think Tank Heritage Foundation die offenste Wirtschaft der Region ist. So dürfen ausländische Unternehmen in Bahrain beispielsweise ohne einheimische Teilhaber investieren, Körperschaftssteuern gibt es nicht. Aber um für Investoren attraktiv zu werden, gelte es dennoch, etliche Barrieren zu überwinden, meint er – und die Bekanntheit zu erhöhen: „Wir müssen Bahrain ins internationale Bewusstsein bringen.“

Magnet für Touristen und Anleger aus der Region

Ein Ziel, das die Königsfamilie mitunter mit spektakulären Maßnahmen erreichen will. Der Bau eines Formel-1-Parcours ist eine davon, und er hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Die Rennstrecke, die im vergangenen Jahr eingeweiht wurde, liegt nur ein paar Kilometer vom ersten Ölfund des Landes entfernt. Ab und zu fegen Wüstenstürme eine dünne Sandschicht auf die Fahrbahn. „Aber das passiert zur Zeit des Formel-1-Rennens im Frühjahr so gut wie nie“, versichert die Pressedame Eman Al Alawi, während sie durch die Anlage führt. Mit 150 Millionen Dollar Baukosten ist sie die teuerste der Welt. Für den Fahrbahnbelag ließ der Kronprinz mitten in der arabischen Wüste englischen Sand verbauen – weil der am besten für Rennstrecken geeignet ist.

Am 3. April dieses Jahres wird sich der Formel-1-Jet-Set zum zweiten Mal an der Rennstrecke einfinden. Der Kartenvorverkauf läuft gut, sagt Pressefrau Al Alawi. Das billigste Ticket kostet rund 80 Euro, das teuerste knapp 270 Euro. Für den Kartenkauf der besten Plätze seien einige Saudis unlängst persönlich angereist.

Auf die Gäste aus Saudi-Arabien haben es die Bahrainis besonders abgesehen. Das Land will sich neben Dubai als Tourismusziel der Region in Szene setzen. Und dabei – anders als der Konkurrent – nicht den internationalen Jet-Set an seine Strände und in Einkaufs-Malls locken, sondern vor allem Besucher aus den angrenzenden Ländern.

Bahrain gilt unter den Golfstaaten als tolerant. Schon heute kommen an den Wochenenden hunderte Saudis über die 25 Kilometer lange Brücke, die beide Länder verbindet, um in den Bars von Manama ungestört Hochprozentiges zu konsumieren. Fast alle internationalen Hotels haben eine Alkohol-Lizenz. Ein zweiter Damm zum Nachbarn Katar soll Bahrain bald noch attraktiver machen. Immer neue Tourismusressorts entstehen, ein durch die Liberalisierung der Gesetze zum Immobilienbesitz ausgelöster Bau-Boom führte 2003 gar zu einem Engpass bei Zement.

Auch entlang der Uferpromenade in der Hauptstadt reihen sich die Baukräne aneinander. Mittendrin wächst der Bahrain Financial Harbour, ein rund 1,3 Milliarden Dollar teures Gemeinschaftsprojekt von Regierung und Privatwirtschaft: Auf mehr als 500.000 Quadratmetern sollen sich bald Banken, Finanz- und Versicherungsgesellschaften niederlassen, aber auch Einzelhändler, Restaurants und die Freizeitindustrie. Die Stadt in der Stadt wird auch über privaten Wohnraum verfügen. Mehr als 35 Prozent der Büros des ersten Bauabschnitts, der Ende 2006 fertig sein soll, sind bereits vermietet.

Beim Ausbau des Finanzsektors will Bahrain vor allem das Angebot von Dienstleistungen fördern, die für Kunden der Region interessant sind. Eine Marktlücke. Der Islam lehnt jede Form von Zinsen oder Zinsgeschäften strikt ab, Geld darf deshalb zwar investiert, aber nicht zinsbringend verliehen werden. Spekulationsgewinne allerdings dürfen Muslime einstecken, solange ihre Intention die langfristige Geldanlage ist und nicht Day- oder Papertrading – sie gelten nicht als Zins, sondern als Erlös aus einem Handel. Strenggläubige Muslime legen ihr Geld deshalb in Beteiligungen an, und die Banken der Region entwickeln seit einigen Jahren Finanzinstrumente, die es muslimischen Anlegern erlauben, sich am Kapitalmarkt zu beteiligen.

Dazu zählen beispielsweise Investmentfonds, die das islamische Recht berücksichtigen, indem sie sich nicht an Firmen beteiligen, die ihr Geschäft mit Alkohol, Schweinefleisch oder Erotik machen. Die Fondseigner werden nicht mit jährlichen Ausschüttungen bedacht, sie erzielen erst Gewinn, wenn sie Anteile verkaufen – die Rendite gilt deshalb nicht als Zins. Die kreative Auslegung der Scharia steht in Bahrain noch am Anfang, auch die bislang kaum entwickelten Märkte für Hypotheken und Risikokapital gelten als zukunftsträchtige Angebote. „Aber Bahrain ist beim Islamic Banking einer der Vorreiter mit weltweiten Kunden“, sagt Khaled Abdulla, Assistant General Manager der Business Development Division der Bank of Bahrain and Kuwait. Heute hat die Nische einen Anteil von 4,1 Prozent am Finanzsektor – bei einer vielversprechenden Wachstumsrate: 15 Prozent. Experten halten 30 Prozent in den nächsten zehn Jahren für durchaus realistisch.

Zukunftsmusik. Doch nicht mehr lange, wenn man den optimistischen Bahrainis glaubt. Erste Reform-Erfolge sind schon sichtbar. Im vergangenen Frühjahr hat Bahrain ein Freihandelsabkommen mit den USA unterschrieben, als erstes Land der Golfregion. Auch die Privatisierung staatseigener Betriebe macht Fortschritte, ein bislang staatliches Elektrizitätswerk wird inzwischen privat betrieben. Das Königreich hat den ersten komplett liberalisierten Telekommarkt des Golfs. Vier internationale Konzerne stehen in der engeren Auswahl, um einen existierenden und einen neuen Hafen im Rahmen einer über 25 Jahre laufenden Konzession zu betreiben.

Die behäbige Bürokratie gewinnt an Tempo. Potenzielle Investoren können ihr Unternehmen beispielsweise seit vergangenem August im „Bahrain Investors Centre“ registrieren lassen: ein vor Hightech strotzendes Büro mitten in einer riesigen Shopping Mall. Hier sitzen Mitarbeiter verschiedener Behörden zusammen – vom Handels- über das Landwirtschafts- bis zum Gesundheitsministerium. Anträge, die früher Zeit raubend von Abteilung zu Abteilung verschoben wurden, können neuerdings zügig bearbeitet werden. So dauert die Registrierung eines Unternehmens nicht mehr einen Monat, in 80 Prozent der Fälle ist der Prozess heute binnen eines Tages erledigt.

Bahrain ist wegweisendes Experiment für die arabische Welt

Nicht nur der Westen, auch die Nachbarn Bahrains beobachten aufmerksam, wie sich das Land auf die ölfreie Zeit vorbereitet. Denn auch jene Golfstaaten, in denen der Rohstoff noch jahrzehntelang sprudeln wird, kämpfen mit steigenden Arbeitslosenquoten, aufgeblasenen Verwaltungen und einem unterentwickelten privatwirtschaftlichen Sektor.

Mustafa Nabli, Chefvolkswirt der Weltbank für die Regionen Mittlerer Osten und Nordafrika, hält die steigende Arbeitslosigkeit für das Hauptproblem der arabischen Welt in den kommenden 20 Jahren. Um die Einheimischen zu ernähren, müssten 90 Millionen zusätzliche Jobs geschaffen werden, hat er errechnet – mehr, als die gesamte Bevölkerung Ägyptens zählt, das einwohnerstärkste Land der Region.

Die Zahl beunruhigt nicht nur die Regierungen der betroffenen arabischen Länder. Im vergangenen Dezember diskutierten Vertreter des Gulf Cooperation Council (GCC) das Problem auf einer zweitägigen Konferenz. Westliche Geheimdienste fürchten, dass militante Islamisten und Terror-Organisationen aus der Frustration Millionen Arbeitsloser Kapital schlagen könnten. Auch das mögliche Auflodern ethnischer Konflikte bereitet den Beobachtern Sorge. In Bahrain hat der Reichtum aus der Ölförderung bislang geholfen, Spannungen zwischen Schiiten – mit rund 70 Prozent die große Mehrheit der bahrainischen Bevölkerung – und den herrschenden Sunniten zu kitten.

Reform für Wirtschaft und Politik

Aber Bahrain hat auch erkannt, dass sich wirtschaftliche und politische Reformen ergänzen müssen. So brach das Königshaus im Jahr 2002 mit der autoritären Tradition und etablierte eine konstitutionelle Monarchie mit demokratischen Institutionen, für die das Volk bereits im Jahr 2001 in einem Referendum gestimmt hatte. Heute hat das Land fast freie Medien und eine friedliche, recht stabile Gesellschaft. Unter den 177 Kandidaten, die 2002 erstmals zur Parlamentswahl antraten, waren auch acht Frauen – zum ersten Mal in der Geschichte der Golfregion durften sie wählen und sich zur Wahl stellen. Auch wenn keiner Kandidatin der Einzug ins Unterhaus gelang, spricht Bahia Al Jishi von einem „riesigen Forschritt“.

Die promovierte Medienwissenschaftlerin ist Mitglied des 40-köpfigen, vom König ernannten Schura-Rats – dem Oberhaus Bahrains, das genau wie die gewählte Kammer ein Veto-Recht bei eingebrachten Gesetzen hat und selbst Gesetzesentwürfe vorlegen kann.

Bahia Al Jishi hat nichts mit dem Klischee der verschleierten arabischen Frau gemein: Sie trägt ein modisches Kostüm, eine randlose Brille und Lippenstift zum kurzen Haar. Anfang der sechziger Jahre hat sie in Kairo, London und Boston studiert, danach sowohl in Politikwissenschaften als auch in Geschichte einen MBA gemacht. „Ein Studium im Ausland war damals noch die Ausnahme“, sagt sie, „heute ist es selbstverständlich.“

Mehr als die Hälfte der Studenten an der Universität von Bahrain sind Frauen. Für Bahia Al Jishi ist das erst der Anfang. „Frauen werden bald noch mehr Rechte haben“, prophezeit sie, und ihre Hoffnung scheint nicht unbegründet. Natürlich kennt sie die Probleme, die Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit. Aber der dynamische Reformprozess von Gesellschaft und Wirtschaft, der dem Land und damit auch den Frauen auf Dauer Fortschritt bringen soll, brauchte eine Initialzündung. Und die lieferte ausgerechnet die Aussicht auf das Ausbleiben des Öls. „Man hat erkannt, dass sich etwas ändern muss, will man eine sichere Gesellschaft wahren“, sagt Bahia Al Jishi. Und schon allein deshalb, da ist sie sicher, ist ein Leben ohne Öl „nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine große Chance.“