Der Heizer

Sergej Sobolewskij hat sein Leben lang mit Energie gearbeitet. Mit sehr viel Energie: Als Kommandant des Atom-U-Bootes K 411 hätte er mit einem Knopfdruck halb Westeuropa in Schutt und Asche legen können. Heute untersteht ihm eine Heizanlage in St. Petersburg – aber auch das ist eine verantwortungsvolle Position.




Acht Uhr abends, es ist kälter geworden, kleine silberweiße Schneeflocken fallen in einen schmutzig-beigen, graffitiverschmierten St. Petersburger Hinterhof. Eine schwere Stahltür: „Heizwerk. Unbefugten ist der Zutritt verboten.“ Die Ohren brennen vor Kälte, aber der Frost scheint zu leuchten, alles ist heller, klarer, auch im schmutzigen, festgetretenen Schnee am Boden glänzen winzige Sterne. Die Tür öffnet sich, Sergej Sobolewskij steht da, in Jeans und blauweißem Matrosenleibchen. „Komm rein und wärm dich auf.“

Von innen wirkt das Heizwerk größer als von außen: ein vier Meter hoher, lang gezogener Raum; Rohre, in trübem Gelb und Grün gestrichen, streben aufwärts, Neonröhren beleuchten waschmaschinengroße stählerne Mischtanks, plastikblaue Schaltpulte und blank geschrubbte Fliesen. Hier scheint es nichts Überflüssiges zu geben. Nur die Sitzecke, die sich Sobolewskij eingerichtet hat, ist ein wenig anders: Auf kleinen Glasregalen tanzen gusseiserne Jugendstilballerinen. An der Wand hängt ein Ölgemälde und verbreitet die nostalgische Gemütlichkeit eines Seemannsheims. Es zeigt ein auftauchendes U-Boot, Modell K 411. „Eine Erinnerung an meine Fahrt zum Nordpol“, sagt Sobolewskij und grinst. „Doch das ist eine lange Geschichte.“

Ein Heizwerk – so simpel wie ein Samowar

Sergej Jefimowitsch Sobolewskij, städtischer Heizer, niemand glaubt ihm seine 72 Jahre. Er ist klein, gedrungen, kräftig, eine Gestalt wie ein sibirischer Zobeljäger. Der Haarschopf silbrig angegraut, aber wild und lockig. 14 Jahre arbeitet Sobolewskij jetzt in seinem Hinterhofheizwerk. Er ist ein Handwerker mit goldenen Händen, Kunsttischler, Mechaniker, Schweißer. Aber auch ein Veteran des Kalten Krieges – 34 Jahre diente er in der sowjetischen Kriegsmarine. Er befehligte eine jener atomgetriebenen, vor Kernwaffen strotzenden Tauchröhren, die nach der sowjetischen Militärdoktrin jeden amerikanischen Erstschlag kontern sollten. Einer, der mit dem Schrecken lebte. „Gegen unser Arsenal, gegen unsere Raketen, gegen die Raketen der Nato“, sagt Sobolewskij, „war die Bombe von Hiroshima doch eine Winzigkeit.“

Auf den ersten Blick ist man versucht, Sobolewskijs Heizkraftwerk mit der Sektion eines zu groß geratenen U-Bootes zu vergleichen. Aber an U-Bootwänden winden sich viel mehr Rohre und Kabel, das technische Innenleben an Bord ist hundertmal komplizierter als dieses Gasheizwerk, das ein bisschen aussieht, als wäre es sein eigenes Museum. Immerhin, es rauscht auch hier, wie an Bord eines tauchenden U-Bootes. Das mögen Gasflammen in den Brennern sein oder das Wasser, das durch die Rohre strömt. Die Flammen erhitzen das Wasser, das durch Leitungen in zehn umliegende Wohnhäuser fließt und sie erwärmt. „Mein Heizwerk arbeitet so simpel wie ein Samowar“, sagt Sobolewskij.

Als U-Boot-Mann war Sobolewskij Kapitän ersten Ranges. Jetzt nennen ihn die anderen Veteranen scherzhaft „Heizer ersten Ranges“. Zwei sehr unterschiedliche Rollen. U-Bootfahrer waren und sind die Helden sowjetischer und russischer Spielfilme: opfermutige Patrioten, brillante Techniker, wachsam und fast immer nüchtern. Wenn Heizer dagegen irgendwo im russischen Kino auftauchen, dann meist als Antihelden. Im besten Fall sind es einfache Kerle, die mit ihren riesigen Pranken Kohle in rabenschwarze Öfen schaufeln. Ansonsten gilt der Heizkeller als zwielichtiger Ort. Viele mussten sich hier verdingen, weil sie in der Fabrik oder auf der Kolchose geklaut oder zu tief ins Glas geschaut haben. Hier finden auch nach Schnaps riechende Exhäftlinge Zuflucht. Und je stärker die Neigung zum Alkohol, umso größer die Gefahr, dass die Menschen in Dorfschulen, Fabrikhallen oder in ganzen Siedlungen jämmerlich frieren.

„Also, hör zu, damit du weißt, wie ich zu meiner Arbeit stehe“, sagt Sobolewskij und macht ein ernstes Gesicht. „Ein Mann muss jeden Tag zur Arbeit gehen. Ich kann doch nicht zu Hause auf dem Diwan sitzen bei meiner Frau, da gerate ich völlig unter ihr Kommando.“ In seinem Heizwerk finde er dagegen immer etwas zu reparieren, zu schrauben oder zu schweißen. Hier habe er seine Freiheit, sagt Sobolewskij; „Meine 9500 Rubel Pension (264 Euro) kriegt meine Frau, für den Haushalt. Aber die 5000 Rubel, die ich als Heizer verdiene, behalte ich.“ Sobolewskij lächelt, ein goldener Schneidezahn blitzt auf. „Wenn ich mich mit meinen alten Kameraden treffe, kann ich sie bewirten.“

Heute Abend will er zu seiner Frau nach Hause. Sobolewskij zieht eine schwere schwarze Lederjacke mit Pelzkragen und schwarzer Lammfellmütze an – die typische Kluft der Kommandanten, die im Nordmeer auf dem Turm ihres U-Bootes Wache halten. „Komm, wir gehen zu Fuß, es ist nicht weit.“

Der Wodka schmeckt weich, „Waltz Boston“, eine teure neurussische Marke. Dazu Vorspeisen: Lachs, roter Kaviar, marinierter Hering, Schinken, eingelegte Paprika. Wir sitzen im Wohnzimmer der Sobolewskijs, dreieinhalb Meter hohe Wände, vorrevolutionäre Innenarchitektur, auch die Kupferstiche, Aquarelle und Porzellanfiguren sind antik. Wie die Biedermeier-Bank, auf der Sergej sitzt, wie die Stühle, Mahagoni, aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, „selbst restauriert“, sagt er lakonisch. Ein aristokratisches Zimmer, hier könnte man sofort eine Szene aus „Krieg und Frieden“ drehen. „Trinken wir auf unser Treffen“, Sobolewskij lächelt. Und dann fängt er an zu reden, lebhaft, mit einer erstaunlich jungen Stimme. Und taucht ab in die Vergangenheit.

Es war der 31. August 1971, als Sobolewskijs K 411 nach fünftägiger Tauchfahrt unter dem arktischen Eis den Nordpol erreichte. Nie zuvor war ein russisches U-Boot mit strategischen Atomraketen am Nordpol gewesen. Der wurde an diesem Tag zum strategischen Bauchnabel des Kalten Krieges. Das Eis schützte vor den Aufklärungsflugzeugen und Satelliten des Gegners. Und vom Pol aus hätten Sobolewskijs 16 Atomraketen jedes Ziel in Kanada oder Nordeuropa treffen können. Mit einer nuklearen Salve: Toronto, London, Paris, Brüssel oder Hamburg. „Aber wir an Bord wussten nie, auf welche Ziele unsere Raketen programmiert waren.“ Die Energie eines Atom-U-Bootes, vernichtende Energie, Energie als Overkill.

Ein Glas Wein gegen die Strahlung

Hätte er im Ernstfall seine Raketen gestartet? Er seufzt: „Die Frage hat mir Mitte der siebziger Jahre auch ein Bekannter gestellt: ,Würdest du wirklich mitmachen bei der Vernichtung der menschlichen Zivilisation?‘“ Er antwortete damals wie heute: „Wenn ich im Ernstfall nicht feuern würde, dann hätte ich den Dienst quittieren müssen. Die amerikanischen Offiziere dachten ja genauso. Unsere U-Boote garantierten doch, dass der Gegner auf jeden Fall mit einem atomaren Gegenschlag rechnete. Diese Abschreckung hat funktioniert.“

Dreimal stößt er mit seinem Gast an, danach fehlen in der Waltz-Boston-Flasche etwa 200 Milliliter Wodka. An Bord bekam jedes Mannschaftsmitglied 50 Milliliter Wein täglich, eine Tradition, ansonsten waren die U-Bootfahrer die wohl nüchternste Waffengattung der Sowjetarmee. Die Dampfgeneratoren der ersten sowjetischen Atom-U-Boote leckten oft, die Matrosen beseitigten radioaktives Kühlwasser mit Wischlappen und Eimern, der trockene Wein sollte gegen die Strahlung helfen.

Sobolewskij und seine Mannschaft aber bekamen keine Radioaktivität zu spüren. Nur einmal, im Nordatlantik, mussten sie einen Reaktor wegen einer leckenden Kühlleitung abschalten. Der zweite Reaktor kam zum Einsatz, sie setzten ihre Patrouille fort.

Im offenen Meer machte K 411 an die 26 Knoten, aber unter dem Polareis hingen bis zu 25 Meter lange Eisstalaktiten über dem U-Boot, „wie die Zähne einer Stahlsäge“, sagt Sobolewskij. Das U-Boot tastete sich mit vier bis sechs Knoten durch pechschwarzes, minus zwei Grad kaltes Wasser. Ein klaustrophobischer Albtraum.

Allein mit den Messgeräten

Sobolewskij sagt, der Dienst auf einem U-Boot sei eine permanente Konzentrationsübung. Jeder Matrose hat sein Instrument, seine Funktion, alle sitzen aufmerksam vor Echoloten, Tiefen- und Druckmessern, jeder hier ist für alle anderen verantwortlich. Ein U-Boot-Kommandant ist praktisch rund um die Uhr im Dienst, lauscht auch im Schlaf auf das Rauschen und Summen der Bordwände, jede kleine Veränderung, jedes neue Geräusch kann tödliche Gefahr bedeuten.

Als Heizer arbeitet Sobolewskij in Zwölf-Stunden-Schichten, eine Tagschicht, eine Nachtschicht, dazwischen zwei Tage Pause. Auch im Heizwerk rauscht es, auch dort heißt es Zähler ablesen, Ventile regeln, auch dort heißt es aufmerksam sein. „In gewisser Weise ähnelt der Dienst im Heizwerk dem auf einem U-Boot.“

Aber es ist doch langweiliger dort als unter See. Statt mit 112 Mann Besatzung ist er allein mit seinen Messgeräten: Wie viele Kubikmeter Gas strömen in die Brenner? Stimmen die Ausgangs- und die Eingangstemperatur des Wassers? Lecken die Rohrleitungen? Ein Aufpasserjob, viel einfältiger als an Bord. Deswegen ist Sobolewskij ständig auf der Suche nach Beschäftigung. Er hat die Wände gemörtelt und gestrichen, Rohre lackiert, Fenstergitter geschmiedet. „Weil vor ein paar Jahren Ganoven anfingen, bei uns einzubrechen und bronzene Schalthebel wegzuschleppen.“ Als sie den Pol erreichten, schenkten sich die U-Boot-Fahrer Glückwunschkarten: „Dem Helden der Arktis, des Nordpols kühnem Bezwinger, gebe ich zur ewigen Erinnerung diese ehrenvolle Urkunde. Neptun, neunzigster Grad nördlicher Breite.“ Sobolewskij schickte die Mannschaft ins bootseigene Schwitzbad: „Wer kann denn außer uns noch behaupten, er hätte am Nordpol geschwitzt?“

Technisch gesehen waren die U-Boote der Sowjetflotte rostfreie Wunderwerke, hochsensibel, belastungsfähig, autonom. „Mein Heizwerk hat leider einen viel geringeren Nutzgrad.“ Sobolewskij schimpft über fehlende Abflussröhren, über schlampig geweißte Wände, über kleine technische Mängel der Brenner, für die sich keiner interessiert. „Zerbrechen Sie sich doch darüber nicht den Kopf“, hat ihm einmal ein Techniker gesagt. „Hauptsache, wir kriegen das Wasser irgendwie heiß.“

Sobolewskij versteht so etwas nicht. „Hier fehlt einfach der Geist der Flotte.“ Er wundert sich auch über die zentralen Temperaturvorgaben: „Heute, bei acht Grad minus muss das ausgehende Wasser 55 Grad heiß sein. Aber Anfang Januar, als wir sieben Grad plus in St. Petersburg hatten, waren höhere Wassertemperaturen vorgeschrieben.“

Strom und Heizung gelten als nationales Gemeingut

Was Effizienz angeht, ist die russische Energiewirtschaft das Gegenteil eines Atom-U-Bootes, ein riesiges, aber leckgeschlagenes Dampfschiff. Es herrscht noch immer sowjetische Tonnenmentalität. Russland ist der Welt größter Erdgasproduzent, förderte im Jahr 2.003.632 Milliarden Kubikmeter; Russland ist die Nummer zwei unter den Erdölproduzenten weltweit, 459 Millionen Tonnen pro Jahr. Russland ist mit 78 Millionen Tonnen Dritter, was die Förderung von Braunkohle angeht, und Sechster bei der Steinkohle mit 188 Millionen Tonnen jährlich. Außerdem ist Russland der viertgrößte Stromerzeuger weltweit, Heiz-, Wasser- und Atomkraftwerke produzieren jährlich 931 Milliarden Kilowattstunden und 1402 Hektokalorien Wärme.

Im Winter dampfen die russischen Millionenstädte, weil die Heizwerke auf Hochtouren Gas und Kohle verfeuern. Und weil es an den meisten Wohnungsheizkörpern kein Regelventil gibt. Millionen Großstadtrussen haben nur eine Möglichkeit, ihren überhitzten Wohnraum abzukühlen: die Fenster aufreißen. Und in Millionen Wohnungen gibt es noch immer keine Gas-, oft nicht mal Stromzähler. Die Behörden rechnen Gas, Strom und warmes Wasser pauschal ab. Ein Narr, wer da spart.

Zumal Energie für den Verbraucher bislang sehr billig war. Rund 3,3 Prozent der gesamten Konsumausgaben entfallen in einem durchschnittlichen Einpersonenhaushalt auf Heizung, Gas, Wasser und Strom. 2,2 Prozent geben Russen für alkoholische Getränke aus. Seit Lenin erklärte, Kommunismus sei „Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, betrachtet das Volk Strom und Heizung als nationales Gemeingut. Öffentliche Stromleitungen anzuzapfen gilt in sibirischen Dörfern und südrussischen Bergarbeitersiedlungen als Kavaliersdelikt.

Dieser Einstellung versucht der Staat seit einiger Zeit mit drastischen Methoden zu begegnen. Auch in diesem Winter hängen in den Provinzstädten zu hunderten Zettel an den Türen der Wohnblocks: „Verehrte Hausbewohner, in Ihrem Gebäude schuldet man den Energiewerken eine bedeutende Summe. Deshalb wurde das warme Wasser bis auf weiteres abgestellt. Bitte zahlen Sie Ihre Heizrechnungen. Davon hängt wesentlich mit ab, ob die Warmwasserversorgung wieder aufgenommen wird. Die größten Schulden haben ...“ Es folgt eine Liste mit Namen und Adressen sowie Summen zwischen umgerechnet 150 und 250 Euro.

Offenbar eine Ermunterung für die Bewohner, die Zahlungsverweigerer kollektiv unter Druck zu setzen. Winter für Winter schalten die Energieversorger mal Wohnhäusern, mal ganzen Stadtvierteln das warme Wasser ab. Oder auch den Strom. Manchmal für einen Tag, mitunter auch wochenlang, weil Bewohner, Betriebe oder Verwaltungen ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Bestraft werden dabei nicht nur die Schuldner, sondern alle, die das Pech haben, mit ihnen in einer Energieversorgungseinheit zu wohnen.

Konjunktur für Amateurelektriker

Immerhin, die Behörden wollen sparen, wollen reformieren. Immer mehr Gas-, Strom- und Wasserzähler wurden in jüngster Vergangenheit montiert. Das zahlt sich aus: „Wir haben fix für 45 Kilowattstunden im Monat gezahlt“, erzählt Sobolewskij. „Vergangenes Jahr installierten sie dann doch Stromzähler in unserem Haus. Ich gebe zu, wir hatten uns daran gewöhnt, überall das Licht brennen zu lassen. Aber als ich sah, mit welcher Geschwindigkeit unser Stromzähler rotierte, standen mir die Haare zu Berge. Seitdem sparen wir.“

Das ist die eine Möglichkeit, dem Problem zu begegnen. Auf der anderen Seite gibt es in Russland immer mehr Amateurelektriker, die mit viel Kreativität und jeder Menge technischer Raffinesse die Stromzähler so manipulieren, dass sich die Räder langsamer drehen. Eine Praktik, die sich ausweiten dürfte, denn auf längere Sicht will der russische Staat die Verbrauchspreise nicht mehr subventionieren, sondern an den Weltmarkt anpassen. Anfang 2005 wurden die Gas-, Strom- und Heizungskosten um 30 Prozent erhöht. Weitere Preissteigerungen sind bereits angekündigt.

Damals, im August 1971, kreuzte Sobolewskij 24 Stunden lang unter dem Pol und suchte nach einer Eisrinne, die lang genug war, um aufzutauchen. Auftauchen am Pol, das war für U-Bootfahrer eine Frage der Ehre, genauso wie das Hissen einer Flagge auf dem Mount Everest für Bergsteiger. Allerdings gab es im August 1971 keine Eislöcher am Pol, die länger waren als Sobolewskijs 132-Meter-Boot. „Wir fanden eine Stelle, an der man hätte auftauchen können, das Eis dort war dünn genug, aber wir hätten Schäden am Rumpf oder sogar an den Schiffsschrauben riskiert. Unser Boot sollte schon vier Wochen später wieder für drei Monate auf Gefechtspatrouille in den Nordatlantik“, sagt Sobolewskij. „Es wäre gefährlich gewesen, mit eilig behobenen Mängeln in See zu stechen.“

Kein „Held der Sowjetunion“

Es wäre aber auch der Stoff gewesen, aus dem Legenden sind. „Noch immer fragen mich die Leute: ,Warum bist du damals nicht aufgetaucht?‘“ Auftauchen, als Kommandant des ersten russischen U-Bootes mit strategischen Atomraketen am Pol – das hätte Ruhm bedeutet und eine sichere Karriere. „Dafür hätte er sogar den ‚Helden der Sowjetunion‘ bekommen“, sagt ein ehemaliger Kamerad. Der Orden „Held der Sowjetunion“ war seinerzeit die höchste Auszeichnung, die der Kreml zu vergeben hatte.

Jetzt verrotten die Atom-U-Boote des Kalten Krieges dutzendweise in den Nordmeerhäfen. Einige werden sogar mit amerikanischer Finanzhilfe zu Altmetall zersägt. Der Kalte Krieg gilt als verloren, Sobolewskijs Kameraden versenken sich Bücher schreibend in die Vergangenheit, handeln mit Computern oder erziehen ihre Enkel.

Sobolewskij aber ereifert sich weiter über Heizfragen. Die St. Petersburger Energiebehörde will die Heizwerke modernisieren. „Aber dann müssen sie auch die Wärmetrassen und Leitungen in den Wohnhäusern erneuern, das ganze System.“ Es wäre wirklich an der Zeit, die veralteten, leckenden Rohrleitungen, die überholten Gasbrenner und das grobe Regelsystems der Sowjetzeit auszuwechseln. Eine von der Ruhrgas AG erstellte Studie kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass Russland für sein marodes Heizsystem jährlich mehr Gas verschwende, als es exportiert. „Um etwas zu ändern, müssten wir aber zuerst Investoren finden und Hersteller, die moderne, preiswerte Technik liefern“, überlegt Sobolewskij. „Ich beneide unsere Energetiker nicht.“

1971 verzichtete Sobolewskij darauf, aufzutauchen. Er hat den Himmel über dem Pol nie gesehen. „Es wäre nur Angeberei gewesen“, sagt er. „Und militärisch völlig sinnlos.“ Sein K 411 gehörte damals zur modernsten Generation der Sowjet-U-Boote. Und die waren so konstruiert, dass sie ihre Atomraketen nur unter Wasser abschießen konnten, „aus einer Tiefe von mindestens 40 Metern“, erklärt Sobolewskij, „mit einer bestimmten Geschwindigkeit“. Aufgetaucht wäre das Drohpotenzial seines Gefährtes folglich auf null gesunken. Sobolewskij ließ abdrehen.

Zurück in ihrem Heimathafen Gadschijewa wurden er und seine Mannschaft dennoch gefeiert. Aber statt des Heldensternes wartete ein Spanferkel als Anerkennung. Auf den Fotos von damals lacht Sobolewskij trotzdem. Ehrgeiz und Lebensfreude sind zwei verschiedene Dinge.