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Schöne neue Welt der Tagträumer

Wohnparks sind die neuesten Produkte vom Fließband der Traumfabrik USA. Aus Furcht vor der zunehmenden Gewalt in den Metropolen flüchten die Amerikaner scharenweise in die Wohnsiedlungen vor den Toren der Stadt. Summerlin bei Las Vegas ist eine boomende, am Reißbrett entworfene Idealstadt: ein autonomer Kleinstaat hinter Mauern, mit Schulen, Kirchen und Supermärkten, mit strengen Regeln und Gesetzen, mit identischen Häusern verschiedener Wohnkategorien. Eine Idylle, konstruiert, von Stadtplanern gemacht. Wer hier lebt, sucht die Gemeinschaft – um in der Masse unterzugehen und sich ganz in sich zurückzuziehen. Die Stadt hätte alle Chancen, pulsierender Lebensraum zu sein. Und ist doch nur ein Fleck, an dem tausende von Menschen zufällig und berührungslos nebeneinander leben. Kein Cluster. Eher ein Ghetto.




15 Meilen westlich von Las Vegas steht an der Autobahn ein riesiger Marmorklotz, flankiert von 22 Palmen. Es ist die Pforte zu einer schöneren Welt. Ihr Name steht in goldenen Lettern auf rotem Marmor: Summerlin. Vor zehn Jahren gab es hier nichts als Sand, Gestrüpp und ein paar Klapperschlangen.

Heute sind hier die besten Straßen von ganz Amerika: so breit, als seien sie für eine Massenevakuierung gebaut worden, so leer, als habe sie schon stattgefunden, so glatt, dass man beim Fahren nichts hört als das Rauschen der Klimaanlage. Mit jeder Kurve sackt die laute und hässliche echte Welt tiefer in die Erinnerung.

Städte wie Summerlin sind in den USA Trend. Für viele Amerikaner lässt sich der vermeintliche gesellschaftliche Verfall nicht mehr stoppen und spätestens seit dem 11. September vergangenen Jahres herrscht vielerorts Angst. Wer kann, rettet sich deshalb in Inselwelten, die Idylle suggerieren und Sicherheit versprechen und in denen ein Entwicklungschef den Ton angibt.

Diese Master Planned Communities machen mittlerweile den größten Teil neuer Wohnsiedlungen in den USA aus. Es sind die neuesten Produkte vom Fließband der Traumfabrik. Summerlin, mit derzeit rund 60.000 Einwohnern, wächst am schnellsten. Bis 2015 sollen in der Stadt insgesamt 160.000 Menschen leben.

Als Howard R. Hughes jr., der Flugpionier, Casino-Mogul und Filmproduzent im Jahr 1954 nordwestlich der damals winzigen Oase Las Vegas 36 Quadratmeilen wertloses Land kaufte, träumte er von einem futuristischen Luft- und Raumfahrtzentrum. Der Plan blieb ein Traum. 40 Jahre später wurde aus dem Staub dennoch Gold: Summerlin – benannt nach Hughes’ Mutter.

Mondlandschaft Mojave-Wüste

Keine Stadt der USA wächst schneller als Las Vegas. Zwischen 1990 und 2000 hat sich die Zahl der Einwohner nahezu verdoppelt: 478.434 Menschen hat das U.S. Census Bureau jüngst gezählt. Die Jobs im boomenden Casinogeschäft ziehen junge Immigranten an, Rentner lieben Las Vegas als Florida des Westens. Und auch die Angst ist ein Motor für Emigration. Schon die Rodney-King-Krawalle 1992 und das Erdbeben in Los Angeles 1994 setzten einen Treck verschreckter Familien nach Osten in Marsch. Seit Anfang des Jahres rechnen die Planer mit Neuzugängen vor allem aus den Städten, die sich in der Mondlandschaft der Mojave-Wüste ansiedeln werden.

Großsiedlungen und Idealstädte gab es in den USA schon früher, beispielsweise die 1885 gebaute Luxus-Enklave Tuxedo Park bei New York oder die Nachkriegskolonie Levittown auf Long Island mit ihren 17.000 identischen Häusern. Der Boom der New Towns setzte mit der Krise der Suburbs ein. Ursprünglich zog man dorthin, um Ruhe vor den Nachbarn zu haben und sie dennoch in der Nähe zu wissen. Die Siedler der ersten Idealstädte wollten dem Horror der Innenstädte entfliehen, ohne sich dem Horror der Natur auszuliefern. Das Suburb-Leben wurde zur dominierenden Existenzform der USA. Heute leben dort mehr Menschen als in Städten und auf dem Land zusammen.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Das Grauen machte an der Stadtgrenze nicht halt, schwappte in die Vorstadtgürtel. In Littleton/ Colorado marschierten im April 1999 zwei jugendliche Amokschützen in die Columbine High School und erschossen 13 Menschen. Nur ein trauriges Beispiel unter vielen. Plötzlich zeigte sich, was den Wohnmetastasen fehlte: Sicherheit, Identität und emotionale Grundausstattung.

In Summerlin gehört das Gesamtpaket genauso zur Grundausstattung wie der perfekte Rasen. Die größten Teile der Stadt liegen hinter Mauern. Bewaffnete Sheriffs weisen unangemeldete Besucher ab. Doch es gibt auch subtilere Methoden. Wer sich nicht im Home Finding Center den Stadtplan geholt hat, irrt orientierungslos durch das Straßenlabyrinth. Selbst die Hügelkette im Westen bietet den Schein von Sicherheit. In einer Nation, deren seit Jahren sinkende Verbrechensraten in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur aufschießenden Angst stehen, sind dies die besten Verkaufsargumente.

Bedeutsamer ist allerdings das innenpolitische Programm. Die Summerlin-Planer sorgen im großen Ganzen für unabhängige Einheiten und verteilen die Bewohner auf einzelne Dörfer innerhalb der Stadt. So wohnen etwa in „The Canyons“ reiche Golfspieler, in „Siena“ aktive Erwachsene über 55 und in „The Pueblo“ Familien.

Gemeinsame Merkmale, aber keine Gemeinsamkeiten: Die Summerlin-Bewohner wollen möglichst wenig mit ihrem Nachbarn zu tun haben. Und je größer die Ähnlichkeit, desto näher kommen die Bewohner paradoxerweise dem in der Stadt geltenden Ideal der Ungestörtheit. Wo sich alle einig sind, gibt es keine Notwendigkeit zu lästigem Austausch.

Mit seinem Haus kauft sich jeder Bürger ein Rundum-Sorglos-Paket aller Sicherheits-, Versorgungs-, Disziplinierungs- und Unterhaltungsleistungen. Die Howard Hughes Corporation baut Straßen und unterhält Schwimmbäder, sie organisiert die Müllabfuhr und die Stromversorgung. Sie betreibt Schulen und Krankenhäuser, vergibt Restaurantlizenzen und stattet Bibliotheken aus. Vor allem aber setzt sie die Covenants, Conditions and Restrictions durch, das Regelwerk, das jeder beim Einzug unterschreiben muss. Für Morde und Einbrüche ist das Las Vegas Police Department zuständig. Doch die falsche Farbe des Garagentors, Autos, die nicht in der Garage geparkt sind, oder Müll, der länger vor dem Haus steht, das sind Vergehen, die die Ordnungstruppe von Summerlin selbst verfolgt. Es drohen Bußgelder oder der Ausschluss aus der Community.

Nachbarn sind zur Meldung verpflichtet

Im Vorgarten sind nur Wüstenpflanzen oder 14-tägig zu schneidender Rasen erlaubt. Nächtlicher Lärm, größere Haustiere oder Grillen im eigenen Garten sind verboten. Und wer den Nachbarn beim Übertreten dieser und 100 anderer Regeln erwischt, ist zur Meldung verpflichtet.

Die Howard Hughes Corporation vereint in sich, demokratisch verbrämt durch kaum genutzte Mitspracherechte, Legislative, Judikative, Exekutive, Kultur- und Geschmackshoheit. Und genau deshalb sind hier alle so zufrieden.

„Summerlin, das ist Kapitalismus, geheilt mit Kapitalismus“, erklärt Chuck Kubat, Vizepräsident für Planung und Design. „Die Spontaneität ist weg, aber dafür sind Sie sicher vor Leuten, die sich mies benehmen, und Sie haben die Garantie, dass neben Ihrem Haus nicht plötzlich Schreckliches gebaut wird.“ Wo sich alles vermischt, garantiert Summerlin Ordnung. Wo sich alles beschleunigt, garantiert es Stillstand. Billboards oder Wahlplakate sind verboten. Nicht Neon, sondern Teppiche von Blumen sorgen für Farbe. Ob Fernweh, Nostalgie oder Abenteuerlust, jeder Tagtraum hat hier sein Abbild aus Sperrholz und Fertigputz. Es gibt Dörfer wie Musicalkulissen, mit weißen Bänken und Pavillons, idealisierte Versionen des ewigen amerikanischen Ideals der verträumten Kleinstadt. „Queensridge II“ stellt ein Klein-England im Tudorstil dar, mit Bronzepferden und Butzenscheiben. In den Mauern des kleinen Pueblos herrsche „eine Atmosphäre, die den Geist befreit und die Seele erfrischt“, verspricht der Katalog. Dem Schrecken gesichtsloser Vororte setzt Summerlin die Corporate Identities seiner Dörfer entgegen.

Es ist wieder 37 Grad heiß, wolkenlos. Mit einem gellenden Schrei meldet sich John im Kreißsaal des Summerlin Hospital Medical Center, ein neuer Bürger der schönen neuen Stadt. Bald wird er in einer der über zwölf Kirchen getauft, später werden ihn die Eltern in die Lit’l Scholar Academy schicken, den größten Kindergarten westlich des Mississippis, und dann in eine der 15 Schulen. John findet gute Jobs in Summerlins Einkaufs- und Gewerbezentren. Er gründet eine Familie, kauft ein Haus, kauft ein größeres und entwickelt irgendwann nach dem Umzug ins Rentnerparadies „Sun City“ eine späte Leidenschaft für Golf. Erst als Toter muss John Summerlin verlassen: Einen Friedhof gibt es hier nicht.