Partner von
Partner von

Vom Zauber des Entfernten

Seefahrer und Kaufleute brachten seit dem 16. Jahrhundert das China des Luxus und der Moden den Europäern intensiv nahe. Chinoiserien überfluteten erst königliche, bald auch bürgerliche Wohnwelten. Selbst der englische Garten: eine Erfindung der Chinesen. Eine Zeitreise von Professor Hans Stumpfeldt




Als die „König von Preußen“ am 6. Juli 1753 in den Hafen von Emden einlief, hatte sie auch 2067 Pfund Rhabarber an Bord. Sie war 16 Monate und sieben Tage unterwegs gewesen, nach Kanton und zurück. Ihre Besatzung: 120 Mann, zwölf Grenadiere und 30 Kanonen, fast zwei Dutzend Seeleute waren unterwegs gestorben. Den Hauptteil der Fracht bildeten 500.000 Pfund Tee und mehr als 100.000 Stück Porzellan, außerdem 227 komplette Tafelservices. Vier Monate und 18 Tage hatte die „König von Preußen“ in Kanton, dem chinesischen Überseehafen jener Zeit, gelegen. Die Ostasienschifffahrt war von den Monsunwinden abhängig, die nur zu bestimmten Zeiten günstig wehten, und in Kanton waren Geschäfte abzuschließen und neue anzubahnen: Chinesische Zwischenhändler waren unerlässlich, und sie verdienten kräftig mit. Trotzdem erbrachte eine Ladung wie die der „König von Preußen“, die dem Brauch nach öffentlich versteigert wurde, in der Regel das Dreifache des eingesetzten Kapitals.

Friedrich II., König von Preußen, hatte im Jahre 1751 die „Königlich Preußische Asiatische Compagnie in Emden nach Canton und China“ gegründet. Er wollte an dem glänzenden Ostasiengeschäft jener Tage teilhaben, und da er sich gerade Ostfriesland angeeignet hatte, verfügte er endlich über einen Hafen dafür. Das nach ihm benannte Schiff war das erste von vier Schiffen dieser Compagnie, die nach Kanton aufbrachen, zwei davon sogar zweimal.

Preußen – und Deutschland insgesamt – war ein Nachzügler in diesem Handel. Die Portugiesen hatten 1514 den Anfang gemacht, die Spanier folgten ihnen wenig später. Die holländischen Mijnheers gründeten am 20. März 1602 die Vereenigde Oost-Indische Compagnie. Über die Rückkehr eines ihrer Schiffe schrieb ein Zeitgenosse: „Die Luft im weiten Umkreis war voll ihres köstlichen Duftes.“ Er meinte Gewürze wie Nelken, Muskat und Zimt.

Am 26. August 1624 landeten die Holländer auf Taiwan, das die Portugiesen „Ilha Formosa“, die Wunderbare, genannt hatten. Ihre Niederlassung bestand nur bis 1661, doch noch heute kommt in manchen Ortsnamen Taiwans der Ausdruck „hung-mao“ vor, die Rothaarigen. Nachdem die Briten 1588 die spanische Armada besiegt hatten, drängten auch sie in das lukrative Geschäft. Heiß umkämpft war es, und mancher Kapitän von eines Königs Gnade verhielt sich wie ein Pirat.

Was war nicht alles an bisher unvorstellbaren Luxusgütern aus China in das eher karge Europa gelangt! Neben Seide, Tee, Porzellan, Lackwaren kam die Sänfte nach Europa, und schon bald wurde in Wien verordnet, „weder Kranke noch Lakaien und Livree-Personen, am allerwenigsten aber Juden hineinzunehmen“. Der Kaiser und die Damen begaben sich in Sänften in die Kirche und ins Theater. Noch vor 40 Jahren ließen sich die Päpste in Sänften tragen.

Absonderliche Porzellankrüge und nackende Bilder

Reiche Porzellansammlungen entstanden an den Höfen. Im Inventar von Rudolf II. von Habsburg (1552–1612) werden aufgeführt: „absonderlich siebenzehn große und kleyne porzellankrüge ... ungeschätzt“, daneben „nackende Bilder“. Auch in die Bürgerhäuser zog das Porzellan ein, wie holländische Gemälde dokumentieren. Doch bald wurde man des ewigen „china blue“ überdrüssig und orderte zur Verwunderung der chinesischen Porzellanmaler eigene Motive: Kriegsschiffe, Stadtansichten, Christus am Kreuz, sogar blanke Brüste.

Die Mitbringsel veränderten den Alltag: Die Damen lernten den Fächer anmutig zu handhaben, die Herren den Spazierstock zu schwingen, und in England führte die Herzogin von Bedford den Five o’Clock Tea ein. Mancher träumte sich wie ein Dichter „an Sinas reichen Strand, das Porcellanen schickt,/ und auch Geschütze hat, und auch die Bücher drückt“. China war ein Traumland, und es war damals tatsächlich reich, denn seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts prosperierte es unter einer neuen Herrscherdynastie, bis ungefähr um 1800.

Die China-Begeisterung Europas wurde von den Handelsgesellschaften gezielt gefördert. Sie ließen auf den Ostindienseglern Künstler mitreisen, um neue Bilder nach Europa zu bringen. Der bekannteste war der Holländer Johan Nieuhof, der von 1655 bis 1657 auf eine „Gesandtschaftsreise“

nach China mitgenommen wurde, bei der Handelserleichterungen ausgehandelt werden sollten. Daraus wurde nichts. Doch Nieuhof zeichnete in China fleißig: Stadtansichten, Flora und Fauna, Tempel, Alltagsszenen. In Kupferstiche umgesetzt, wurden die damit illustrierten Werke Bestseller. Jetzt war China genauer wahrnehmbar, und Nieuhofs Darstellungen prägten auch in Deutschland die Bilder von China, bis ungefähr 1800.

Ein ununterbrochener Strom von Luxusgütern floss von China nach Europa und unterstrich den Eindruck, den auch Nieuhofs Bilder weckten: China war ein Paradies. Dieser Eindruck wurde von ganz unerwarteter Seite genährt, von den katholischen Missionaren, vor allem den Jesuiten. Der Italiener Matteo Ricci (1552–1610) und der Deutsche Adam Schall von Bell (1591–1666) zählen zu den bekanntesten.

Die in religiösen Angelegenheiten zunächst sehr offenen und toleranten chinesischen Kaiser hatten sie und viele weitere Patres missionieren lassen, nachdem sie deren überlegenes mathematisches und astronomisches Wissen kennen gelernt hatten. Die Aufsicht über den Kalender gehörte zu den wichtigsten Obliegenheiten eines Kaisers, und so gaben sie Missionaren öfter ein Hofamt. „Mir wurde klar“, räumte der große Kaiser K’ang-hsi (1662–1722) eher widerstrebend ein, „dass westliche Mathematik von Nutzen sein kann.“

In Briefen berichteten die Patres fleißig, was sie über den Zustand von Staat und Gesellschaft in China erfuhren. Sie schrieben nicht nur christliche Traktate für Chinesen, sie übersetzten auch aus der klassischen chinesischen Philosophie. Vor allem dem chinesischen Weisen Konfuzius (551–479 v. Chr.) galt ihr Interesse, sie machten ihn zu einem Weltweisen.

Die Gelehrten jener Zeit stürzten sich auf die Missionarsbriefe, und neue China-Bestseller kamen auf einen aufnahmefreudigen Markt – einen anderen als den für Porzellan und Tee. „China Illustrata“ (1667) von dem deutschen Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680) und „Confucius Sinarum Philosophus“ (1687), von einer Jesuitengruppe verfasst, prägten ein neues Chinabild, bei dem es vor allem auf die Ordnung von Staat und Gesellschaft ankam.

„Es ist nämlich mit Worten nicht zu beschreiben“, rühmte der große Gottfried Wilhelm Leibniz, „wie bei den Chinesen alles angelegt ist auf den öffentlichen Frieden hin und auf die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen.“ Er dachte auch daran, dass deren Kaiser, der erwähnte K’ang-hsi, seinem Volk in heiligen Dekreten Moral predigte, ohne dafür einen Gott zu bemühen, und plädierte dafür, das Chinesische zur Einheitsschrift der Welt zu machen.

Einflussreichen Gelehrten wie Leibniz oder Christian Wolf, der wegen seiner Rede „Über die praktische Philosophie der Chinesen“ von 1721 seinen Lehrstuhl verlor, erschien der chinesische Kaiser wie ein Philosophenkönig in der Tradition des Griechen Plato. Leibniz rühmte den Kaiser K’ang-hsi als „nahezu beispiellos hervorragenden“ Fürsten und fuhr fort: „Wäre ein weiser Mann zum Schiedsrichter nicht über die Schönheit von Göttinnen, sondern über die Vortrefflichkeit von Völkern gewählt worden, würde er den goldenen Apfel den Chinesen geben.“

Der französische Aufklärer Voltaire (1694–1778), der am Hofe Friedrichs II. diente, brachte die Sache auf den Punkt: „Was sollen unsere europäischen Fürsten tun, wenn sie von solchen Beispielen hören? Bewundern und erröten, aber vor allen Dingen nachahmen.“

Den Aufklärern diente China als Spiegel für Politik und Moral, den sie ihren absolutistischen Herrschern vorhielten. Das war ein anderes Chinabild als das der Kaufleute, die ihre chinesischen Geschäftspartner schon einmal als „geborene Lumpen und Betrüger“ verunglimpften, weil sie sich als gewiefte Geschäftsleute erwiesen. Doch die Fürsten zeigten sich zurückhaltend im Hinblick auf chinesische Kaiser. Friedrich II. schrieb 1760 sechs satirische Briefe als „Übersetzung aus dem Chinesischen“, und als er, zehn Jahre später, einige Gedichte des gerade regierenden chinesischen Kaisers in französischer Übersetzung las, lästerte er, damit könne man allenfalls in Peking Staat machen. Immerhin, er richtete nach chinesischem Vorbild die Rechnungshöfe ein, die französischen Könige übernahmen die zentralen staatlichen Examina. Beides wirkt bis heute fort.

Die gelehrte China-Begeisterung färbte auf die geringeren Literaten ab. „In China, wo Respect vor grauen Haaren/und auch die Cur des Stocks noch üblich sind“, reimte ein gewisser Gottlieb Konrad Pfeffel einer alten chinesischen moralischen Erzählung nach. Diese berichtet, dass eine 80-Jährige ihre 60-jährige Tochter wegen einer Unart verprügelte, doch die Hiebe fielen nicht mehr kräftig aus, und so schluchzt die Tochter: „Und eben das thut meinem Herzen wehe/ (...) denn ach! ich sehe,/ wie sehr das Alter deinen Arm geschwächt.“ Ein anderer reimte sogar schon chinesisch „Se se ju se sheng“, Gedenke des Todes wie du des Lebens gedenkst, und erfand eine ferne Geliebte, die er sinnig Tsin-na nannte.

„Staats- und Liebesromane“, die angeblich in China spielen, kamen auf den Markt. Ein chinesischer Kaiser heißt in ihnen schon mal Hamilcar, eine hübsche Banise ist bloß eine verdrehte Sabine, und manche Schilderung deutet eine weitere Facette der Chinalust an: „Den Fluß Claro hatte man so künstlich geleitet, daß er über eine sehr anmutige Klippe, woran das Schlos gelegen, herüber flos, und mit einem sehr klahren Wasser ein sanftes Geräusch verursachete, welches einen Menschen zu grosser Ergetzlichkeit diente.“ Das Gold und der Marmor der Barockschlösser, nicht selten nur bemalter Gips, wurden auf solche Weise nach China transportiert, auch die eigene parfümierte Geziertheit.

Uhren, welche die Zeit anzeigen

In Wirklichkeit hatte Europa China wenig zu bieten, jedenfalls nicht im Handel. Da erwies sich als ein Glücksfall, dass die Jesuiten die chinesischen Kaiser, vor allem K’ang-hsi, für astronomisches Gerät interessierten. Schon Matteo Ricci hatte dem Kaiser Shen-tsung (1573–1619) zwei Uhren überreicht, „welche die Zeit anzeigen“, wie ein chinesischer Bericht rühmt. Kaiser K’ang-hsi war ein ausgesprochener Liebhaber von aufwendig gestalteten Spiel- und Taschenuhren. Aus Frankreich und aus der Schweiz belieferten die Werkstätten fleißig den chinesischen Markt, obwohl in China kaiserliche und private Werkstätten entstanden. Eine kaiserliche Verordnung an das Zollamt in Kanton erklärte jedoch: „Uhren für den kaiserlichen Palast müssen aus dem Westen kommen.“ Die chinesischen Uhren konnten es an Feinheit nicht mit ihnen aufnehmen.

Marktorientiert legten sich die europäischen Uhrmacher Warenzeichen nach chinesischem Geschmack zu und schrieben auch den Firmennamen mit chinesischen Schriftzeichen. Sehr schnell fanden sie heraus, dass solche Uhren gern hohen Würdenträgern als Bestechungs-„Geschenke“ übermittelt wurden, und diese mussten stets zweiteilig sein. Also stellten sie für den chinesischen Markt künftig Zwillingsuhren her, und die damit bedachten Würdenträger hängten sie als Zierrat an die Wände ihrer Studios. Gar zu viel Zeitgenauigkeit erschien ihnen als überflüssig.

Manch weiterer Auftrag erreichte europäische Firmen aus China. So orderte der chinesische Kaiser Ch’ien-lung in den Jahren 1766/67 bei französischen Druckern 200 Sätze von sechzehn Kupferstichen, die seine siegreichen Feldzüge gegen angrenzende Völker verherrlichten. Die Druckvorlagen waren in Peking angefertigt worden, und die französischen Drucker ließen für diesen Großauftrag sogar ein besonderes Papier schöpfen, das Grand Louvois.

Erst 1775 war der Auftrag ausgeführt, und die Riesensumme von 204.000 Pfund Sterling traf bei der französischen Compagnie des Indes, die ihn abgewickelt hatte, ein. Nur das Beste vom Besten interessierte die Chinesen an Europa. Die Anfänge der industriellen Technologie übersahen sie allerdings. Die Jesuiten waren hellwache und aufmerksame Beobachter. Nicht nur für Geist und Moral hatten sie einen Sinn, einer beschrieb sogar ausführlich die Sojasoße. Ihr Vorteil war, dass sie, anders als die Kaufleute, auch im Land reisten. Beider Wahrnehmungen ergänzten sich auf manchmal verblüffende Weise.

Eine Küche „in Sinesischem Geschmack“

Die Kaufleute brachten auch die zauberhaft bemalten Papiertapeten nach Europa. In jedem Fürstenschloss gab es ein damit ausgestattetes kleines chinesisches Kabinett, das meist auch einen Lackwandschirm und einige chinesische Möbel zeigte und die fürstliche Porzellansammlung aufnahm. Die auf Porzellanen und Wandschirmen dargestellten Szenen entsprachen zwar nie chinesischer Wirklichkeit, doch sie bezauberten durch ihre Anmut und Heiterkeit. Passten sie doch in die Stimmung der Fürstlichkeiten und ihres Hofstaats, die in Schäferspielen und beim Anblick „chinesischer“ Feuerwerke ihr heiter-frivoles Ergötzen suchten.

Die Jesuiten hingegen berichteten über die Landschaftsgärten, die chinesische Kaiser sich angelegt hatten und die ihre Sommerpaläste, gewaltige Areale, umgaben. Dieses neue Gartenkonzept, das zunächst in England wirkte, regte allerorten zu Nachbildungen an, und zu einem Landschaftsgarten gehörte neben einer zierlich geschwungenen Bogenbrücke auch ein chinesischer Pavillon – sogar in Bad Doberan und in Neustrelitz. Als Friedrich II. Schloss Sanssouci errichtete, orderte er ein chinesisches Teehaus, für das „Affen und Japonesen recht natürlich zu verfertigen“ seien. Chinesen und Japaner waren damals fast gleich, und ein Chinese war von einem Türken oft nur dadurch zu unterscheiden, dass er einen Zopf und einen Sonnenschirm trug. Auch Sonnenschirme hatte Europa bis dahin nicht gekannt, und die höfischen Damen legten Wert auf eine weiße Haut.

Friedrich II. interessierte sich sehr für diese Arbeiten, „und da bey dieser Gelegenheit der König oft die Arbeiter besuchte, so beschloß Er zuweilen im Sommer, in diesem hause zu speisen“. Eine Küche „in Sinesischem Geschmack“ musste her, mit fünf scheppernden Blechpagoden auf der Attika und nahebei eine richtige Pagode – heute ein Ausflugslokal. Auch August II., „der Starke“, von Sachsen erholte sich gern bei derlei „Sinesischem“, das Wissenschaftler unter dem Begriff „Chinoiserie“ zusammenfassen. In seinem Sommersitz Pillnitz, nahe Dresden, und in den Elbauen ließ er nach 1718 zwei „indianische Palais“ errichten; „indisch/indianisch“ war alles Östliche. Umlaufende Friese an den Außenseiten beider zeigen eine unendliche Folge heiterster Lebenslust: böllerschießende, lustwandelnde, Liebesbriefe versendende Chinesinnen und Chinesen. Da pinselt auch schon einmal ein würdiger chinesischer Gelehrter vor einer Staffelei, die in China gar nicht gebräuchlich war.

Ein Sehnsuchtsland war auch dieses China den Fürstlichkeiten in ganz Europa, ein Spiegel ihrer Neigungen. Indes, Sehnsucht strebt manchmal nach Verwirklichungen. So wurde bald nach 1780 bei Schloss Pillnitz eine Kamelie gepflanzt. Die europäischen Gartenlandschaften sahen noch eher karg aus, es fehlte an Blütengewächsen. Die Pillnitzer Kamelie, die heute zu einer Höhe von neun Metern emporgeschossen ist, hatte ein schwedischer Botaniker aus Japan mitgebracht, doch sie stammte aus China. Im 19. Jahrhundert brachen „Pflanzenjäger“ nach China auf, und bürgerten abertausende Blütengewächse in die hiesige Gartenwelt ein. Der Rhabarber, den die „König von Preußen“ im Juli 1753 nach Emden mitbrachte, war noch nicht dieses erfrischende Gartengemüse. Das züchteten englische Gärtner erst im 18. Jahrhundert aus der chinesischen Wildform, die als Medizinal-Rhabarber bekannt ist und deren Wurzel gegen alle möglichen Leiden wirkte. Er blieb auch im 19. Jahrhundert ein wichtiges Handelsgut. Bald nach dem Jahre 1800 verging die europäische Chinalust. Mehrere Interessengruppen – Kaufleute, Intellektuelle, Fürsten – hatten sich zwei Jahrhunderte lang der Vorstellung und der Wirklichkeit Chinas in je eigener Weise bemächtigt, und sie nahmen China auch nur in ihren eigenen Ausschnitten wahr. Der wirtschaftliche und politische Niedergang Chinas nach 1800 verkehrte vor allem das deutsche Chinabild radikal.

1850 erklärte der sozialistische Schriftsteller und Handelsmann Georg Weerth: „Jedenfalls sind die Chinesen die ekelhafteste Menschenrasse.“ Andere deutsche Dichter und Denker, von Georg Wilhelm Friedrich Hegel bis Karl May, wetteiferten mit ihm in derlei Herabsetzungen. Zwischen Begeisterung und Ablehnung, in ihren ausschnitthaften Wahrnehmungen und Aneignungen, bewegen sich auch die jüngeren deutschen Chinabilder. Achtung: Viel mehr ist hier zu Lande chinesisch als allgemein bewusst.