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So fern und doch so nah

Um das kulturelle Verständnis zwischen Asien und Europa zu fördern, hat McKinsey & Company ein neues Büro eröffnet: das europäische Asia House in Frankfurt.




Es ist wirklich wahr. „Ordnung muss sein.“ Das ist der erste deutsche Satz, den Yue Guo gelernt hat. Die Chinesin sagt ihn noch etwas holprig auf und lacht. Erzählt den Witz von einem britischen General, der meinte, wenn man deutsche Truppen aufhalten wolle, müsse man nur die Ampeln an den Straßen auf Rot stellen. Das ist entspannend, dass die 28-Jährige ein bisschen die Deutschen verulkt, bevor sie sich wieder dem Ernst der Verständigung zwischen Asiaten und Europäern zuwendet. Davon spricht, was für eine Herausforderung diese Aufgabe sei. Im Übrigen, sagt sie dann noch, fühle sie sich in Deutschland schon deshalb wohl, weil sie weniger auffalle als in der Heimat. Dort sei sie mit ihrer Länge von fast 1,70 ein Riese, hier überrage sie kaum jemanden. Wieder lacht sie.

Yue Guo ist eine von rund 40 Beratern, die im neuen Asia House von McKinsey in Frankfurt arbeiten. Zwei Drittel kommen aus Asien, ein Drittel sind Europäer. Nicht nur für Yue Guo, die ihr Büro seit Ende Juli in der Gründerzeitvilla an der Schumannstraße hat und direkt nebenan im Boarding House wohnt, ist das ein aufregend neues Projekt. Auch für die Unternehmensberatung selbst. „Was wir hier machen, ist ohne Vorbild“, sagt Sönke Bästlein, Initiator des Projektes und Direktor des Asia House.

Ein gemeinsames Büro für Asiaten und Europäer und eben doch viel mehr. Das Asia House soll eine Brücke sein zwischen Ost und West. Das riecht ein bisschen nach Sonntagsrede und Völkerverständigung. Und es klingt akademisch. Europäer und Asiaten erklären sich gegenseitig ihre Welten? Eben nicht, sagt Bästlein und beugt sich über den Schreibtisch nach vorn. „Gegenseitig“, das sei schon falsch. „Nicht gegenseitig erklären, sondern miteinander arbeiten und miteinander leben.“ Eben nicht akademisch, gerade nicht theoretisch, sondern praktisch und gern auch mit der Prise Humor, die Yue Guo an den Tag legt. Der nötige Ernst kommt dann von ganz allein in die Sache.

Ein Büro zwischen zwei Kontinenten

Schließlich geht es hier um die derzeit spannendsten Märkte. Das Asia House ist zugleich Think Tank und Knotenpunkt des McKinsey-Netzwerkes zwischen Asien und Europa, im täglichen Kontakt mit 13 asiatischen Büros, zum Beispiel in Peking, Schanghai, Hongkong, Tokio und Seoul. Obwohl es in Frankfurt liegt, ist das Asia House quasi das erste McKinsey-Büro auf zwei Kontinenten. Oder vielmehr zwischen ihnen. Denn die Zahl der Aufgaben für die Beratung steigt, in denen genau dieses Dazwischen verlangt wird. Aufgaben, die sich am besten mit gemischten Teams und Beratern mit beruflicher Erfahrung aus beiden Teilen der Welt lösen lassen, so Bästlein. Das Asia House soll diese Mischung institutionalisieren.

Die Idee ist simpel, doch durchdekliniert bis zum Schluss. Je weiter die Welten auseinander liegen, desto enger müssen die Verbindungen sein. Und desto fruchtbarer die Zusammenarbeit. Deshalb wohnen die asiatischen Berater direkt neben dem Asia House. Auch wenn sie für Projekte überall in Europa verstreut arbeiten können, ihr Lebensmittelpunkt wird das Frankfurter Westend mit den Kollegen bleiben. Durch diese Nähe, so hofft Bästlein, entsteht zwischen den Welten eine dritte eigene, mit eigenen Werten. Und gebaut auf gegenseitigem Respekt. „Ich muss nicht lernen, so zu reden wie ein Chinese“, sagt der McKinsey-Director. „Ich muss lernen, seine Indirektheit zu interpretieren, und er muss lernen, mit meiner Direktheit umzugehen.“

Verschiedene Kulturen, verschiedene Welten, das ist für multinationale Konzerne immer noch eine große Herausforderung. Schwierig genug schon zwischen den USA und Europa. Oft genug unüberwindbar zwischen Ost und West. Etwas gemeinsames Neues zu bauen, in dem keiner den anderen dominiert, ist schwer. Es geht nur, wenn man miteinander lebt, meint Bästlein. Deshalb versuchen die Berater das Paradox: Wer größere Entfernungen überwinden will, muss erst einmal ganz nah zusammenrücken.

Vor allem muss er nicht lange reden, sondern machen. Im Februar dieses Jahres, erzählt Bästlein, hatte er die Idee. Zwei Wochen später war das Asia House beschlossene Sache. Im April wurde die Villa angemietet, Ende Juni zogen bereits die ersten Gäste ein. So rasant werden Projekte in Europa selten in die Tat umgesetzt – in Asien schon eher: „Während wir Europäer noch die dritte Konferenz abhalten, haben die Chinesen die Fabrik nicht selten schon gebaut“, sagt Bästlein.

Immerhin blieb noch Zeit für eine leichte architektonische Ironie. Das Frankfurter McKinsey-Büro hat seinen Sitz hinter der fernöstlichen Fassade des Japan-Tower. Das Asia House hingegen ist in einer gekonnt restaurierten Villa des altehrwürdigen Europa untergekommen. Viel dunkles Holz, Kassettendecken, herrschaftliches Treppenhaus, pompöse Leuchter und, was den Asiaten als Erstes auffällt: hohe Decken.

Der chinesische Berater Julian Dai reckt den Kopf. „Sehr hoch, aber schön, sehr schön“, versichert er. Der 26-Jährige hat erst vor zwei Monaten geheiratet. Das Hochzeitsbild ist auf dem Laptop als Hintergrund montiert. Oft wird er seine Frau wohl nicht sehen in den nächsten Monaten. Dai war bei Unilever China als Marketing Brand Manager, bevor er ins Asia House nach Deutschland wechselte, vor allem, weil er multinational arbeiten möchte. Ihm bedeute es viel, hier zu sein, sagt er. „Jeder hier hat einen beeindruckenden Hintergrund“, sagt Bästlein. Und jeder bringt neben Mandarin als Muttersprache hervorragende Kenntnisse der ostasiatischen Wirtschaft und Kultur mit nach Frankfurt.

Yue Guo war bei Accenture und Hewlett-Packard in China. Andere haben als Manager bei DaimlerChrysler oder Morgan Stanley gearbeitet. Sönke Bästlein ist vor allem begeistert, wie „hungrig und aufgeschlossen“ die asiatischen Berater seien. Und wie erfrischend pragmatisch. Beispielsweise als es darum ging, am Wochenende Firmenfahrzeuge für private Ausflüge zu nutzen. „Als ich anfing zu erklären, das müsse alles als geldwerter Vorteil versteuert werden, hat niemand wirklich verstanden, was das eigentlich soll.“ Sönke Bästlein lächelt ironisch. Und Yue Guo lernte ihren ersten deutschen Satz: „Ordnung muss sein.“