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Luxus auf dem Lande

Huaxi ist ein Dorf aus dem Bilderbuch des Kapitalismus. Seine 2000 Einwohner sind Mitbesitzer einer Holding mit 58 Unternehmen, die sich um das Dorf scharen. 20.000 Gastarbeiter arbeiten dort – zum Wohl der Dorfbewohner und für das Ansehen des Landes.




Der ganze Raum atmet Wohlstand. Ein mächtiges, weiches Ledersofa dient als Beobachtungsstand für den 40-Zoll-Flachbildfernseher. Porzellanfiguren schmücken die auf Hochglanz polierten Massivholzmöbel. An den Wänden Vitrinen mit einer Sammlung alter Uhren. Inmitten der bürgerlichen Pracht steht der alte, wettergegerbte Mann im abgetragenen blauen Arbeiteranzug, mit marodem Gebiss, wie ein Gast aus einer fremden Welt. Aber Zhou Fuquan ist nicht der Gärtner. Oder ein Einbrecher. Er steht in seinem eigenen Wohnzimmer.

An die fragenden Blicke hat sich Zhou schon gewöhnt, auch an die Kameras. Seine Gäste empfängt er neben einer Urkunde im goldenen Rahmen, mit der er für seine treue Arbeit im Dorf ausgezeichnet wurde. Es soll kein Zweifel daran aufkommen, dass er die Villa mit harter, ehrlicher Arbeit verdient hat. „Wir sind gekommen, um von euren Erfahrungen zu lernen“, schmeichelt Kang Baoyin, der eine Touristengruppe aus der Nachbarprovinz Zhejiang durch Zhous Haus führt. „Ihr könnt es genauso gut haben“, spielt Zhou den Ball routiniert zurück.

Huaxi ist ein real existierender Mythos. Er soll beweisen, dass der Wirtschafts-Boom nicht nur den großen Städten Wohlstand bringt. Und das wird überall demonstrativ sichtbar gemacht. Im Dorfzentrum haben die Einwohner als eine Art Siegessäule eine 25-stöckige Pagode errichten lassen. Drum herum, gezirkelt wie auf einem gigantischen Schachbrett, stehen 350 Villen mit jeweils 400 Quadratmetern Wohnfläche – ein geradezu unglaublicher Luxus in einem chinesischen Dorf. Die Häuser gleichen sich wie ein Ei dem anderen, bis auf die zwölf Luxusvillen der örtlichen Kader. Eine davon bewohnt Zhou Fuquan mit seiner Familie.

Rund 2000 Menschen leben in Huaxi. Sie verdienen jährlich 50.000 Yuan (5000 Euro) pro Kopf, die Dorfverwaltung stellt ihnen außerdem ein Auto – Citroën oder VW für das einfache Volk, Audi für die Elite – vors Haus. Strom, Treibstoff und Arztbesuche sind umsonst. Auch die Schulausbildung, die in China sonst überall Geld kostet, ist in Huaxi kostenlos. An ihren freien Tagen können sich die Dörfler in einem eigens für sie errichteten Naherholungsgebiet in den Bergen vergnügen. Dort steht – Walt Disney lässt grüßen – ein Miniatur-Peking, komplett mit Platz des Himmlischen Friedens, Kaiserpalast-Attrappen und der Großen Mauer. Kein Wunder, dass 780 Millionen chinesische Bauern, die im Schnitt 260 Euro im Jahr verdienen, gern von Huaxi lernen wollen. Doch das heißt, das rasche Rad der Geschichte zurückzudrehen zur Stunde null vor 30 Jahren, als die von Mao Zedong gegründeten Volkskommunen aufgelöst wurden und Privatbesitz wieder möglich war.

Sogar in den Volkskommunen gab es schon, von Mao gefordert und gefördert, kleine Produktionsbetriebe mit Leichtindustrie, die den Dörflern einen Nebenerwerb sichern und damit die Abhängigkeit vom Ernteerfolg verringern sollten. Vieles ging unter in den Wirren des Umbruchs. Aber es gab in den Dörfern gut ausgebildete Kader, die zu Ingenieuren oder Verwaltungsmanagern ausgebildet waren und ihr Wissen anwenden wollten.

Ein besonders guter Draht nach Peking

Glaubt man der offiziellen Version, dann war es Huaxis Parteisekretär Wu Renbao, der die Zeichen der Zeit erkannte und beschloss, eine Produktion von Sprühflaschen für Düngemittel aufzubauen. Die Dorfverwaltung brachte die Mittel für die bescheidene Fabrik auf, die Bauern stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung, und ab ging es in die freie Marktwirtschaft. Durchaus auf Linie der Partei. Die sorgte für zinsgünstige Kredite, Aufträge von Staatsbetrieben, half bei der Beschaffung von Rohmaterialien und gab Pachtland für wenig Geld.

Hunderte von Dorfunternehmen entstanden zu jener Zeit auf diese Weise, und so ging der Plan der Partei auf, die Kleinindustrie anzukurbeln, um die Abhängigkeit der Bauern von staatlichen Subventionen langfristig zu mindern. Mit Glück, Weitsicht, Talent und einem besonders guten Draht nach Peking gelang es Huaxis Dorfchef Wu, sein Dorf erfolgreicher als alle anderen werden zu lassen. Und so sieht das heute aus: Aus der Luft betrachtet wirkt Huaxi wie der Appendix eines großen Gewerbegebietes, auf dem sich 57 Fabriken und Industrieunternehmen ausbreiten. Firmen aus Huaxi beliefern die Bauunternehmen im Schanghaier Hinterland mit Stahl- und Kupferrohren sowie Kabeln und Aluminium-Fensterrahmen. Andere Betriebe stellen Chemikalien und Polyesterstoffe, Kleidung, Zigaretten und Schnaps her. Zusammen setzen die Unternehmen im Jahr knapp eine Milliarde Euro um. Nach eigenen Angaben besitzt der Konzern umgerechnet 206 Millionen Euro in Anlagewerten und ist der zweitgrößte dorfeigene Betrieb in China. Heute ist Huaxi eine Unternehmensgruppe mit 57 Töchtern. Die Huaxi Village Company, eines der Unternehmen innerhalb der Holding, ist seit 1999 an der Börse in Shenzhen notiert.

Gestern arm, heute reich – was will man mehr?

Hauptanteilseigner der Holding sind die Dorfbewohner. Entsprechend einem vor vielen Jahren gefassten Beschluss wird nur die Hälfte der 50.000 Yuan Jahresverdienst an die Dörfler ausbezahlt, während der Rest in einen Fond fließt. Verläuft das Jahr gut, werden 40 Prozent des Zuwachses am Ende des Jahres als Boni ausgeschüttet. Aus den einbehaltenen Beträgen finanziert das Dorf Sachleistungen wie die Autos und das Schulgeld. Der Rest wird in neue Fabriken, eine neue Pagode oder in Aktien investiert. Über all das wird in einer jährlichen Vollversammlung entschieden, auf der die Oberen zumindest der Form nach der Dorfbevölkerung Rede und Antwort stehen.

Ein Verlangen nach mehr demokratischer Kontrolle kam bei den Dorfbewohnern bis jetzt noch nicht auf. Schon seit einigen Jahren ist es möglich, Dorfvorsteher zu wählen, die nicht Parteimitglieder sind. Hunderte Dörfer in China haben von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, nicht so Huaxi. Ortsverwaltung und Parteiführung sind nach wie vor in einer Hand. „Jeder kann sagen, was er meint, und am Ende wird über neue Projekte abgestimmt“, erklärt Herr Chen, der Bewohner einer einfachen Villa. „Konflikte gibt es kaum, denn die Ortsvorsteher verstehen am meisten vom Geschäft, und wir sind mit ihren Empfehlungen gut gefahren. In den siebziger Jahren waren wir arm, heute sind wir reich – was wollen wir mehr?“

Klar, dass sich die Neureichen nach schlichter Arbeit nicht mehr drängen. Die Bewohner von Huaxi sind Fabrikmanager, Vertriebsverantwortliche, Vorarbeiter oder Kontrolleure. Wer zu solchen Arbeiten nicht in der Lage ist, bekommt einen Job ohne besondere Verantwortung zugewiesen, in dem er keinen Schaden anrichten kann. Fürs Grobe halten sich die Dorf-Kapitalisten an die 20.000 Gastarbeiter, denen es, Vergangenheit verpflichtet, vergleichsweise gut geht.

Eine von ihnen ist Sun Xiaojun. „Ich bin froh, hier arbeiten zu können“, sagt die 24-jährige Näherin in Huaxis Schneiderei. Fünf Millionen Anzüge werden hier jährlich von tausend Mitarbeitern hergestellt. Der Jahresumsatz der Anzug-Fabrik beträgt 50 Millionen Euro. Nur die Führungsriege stammt aus Huaxi. Aber Neid empfindet Sun nicht. „Das ist für uns eine große Chance, selbst zu Wohlstand zu kommen. Wir werden gut behandelt und verdienen hier fünfmal so viel wie zu Hause.“

Das Geld ist hart verdient: Gearbeitet wird zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Hundert Euro verdient Sun im Monat. Wenn sie besonders fleißig ist, gibt es dazu eine Prämie. Das Geld kann sie aber fast vollständig sparen und an ihre Familie schicken, denn Kost und Logis stellt die Fabrik. Die Arbeiter schlafen in Wohnheimen, vier Leute in einem Zimmer mit zwei Etagenbetten. „Die Fabrikbesitzer in Huaxi haben natürlich ein viel besseres Leben als wir“, sagt Sun. „Aber in unserem Dorf lebt niemand in einem so bequemen Gebäude wie unserem Wohnheim.“ Bad und Toilette im gleichen Haus und fließend heißes Wasser zum Duschen sind in ihrer armen Heimatprovinz Gansu ein unerschwinglicher Luxus. Und weil Sun zusammen mit mehreren anderen aus ihrem Dorf gekommen ist, hat die Kantine ihres Wohnheims sogar extra einen Koch aus Gansu angestellt.

Der Weg des Dorfes Huaxi mit dem geschäftstüchtigen Ortsvorsteher Wu Renbao von der ersten Plastiksprühflasche bis zur Industrieholding, die im Sozialbereich Maßstäbe setzen kann, war natürlich lang und steinig, aber er führte stetig nach oben. Innerhalb weniger Jahre waren in Huaxi zwei Millionen Yuan an Gewinnen zusammengekommen. Viel Geld in einer Umbruchswirtschaft ohne richtig funktionierendes Bankensystem. Wu ahnte, dass man damit einiges ins Rollen bringen könnte, und beschloss, dass das Geld in neue Fabriken investiert werden soll.

Fortschrittsmodell mit feudalistischem Führungsstil

Er traf eine zweite weitsichtige Entscheidung: Kaum zeichnete sich die Baukonjunktur in der Wachstumsregion Schanghai ab, waren die Unternehmen von Huaxi dabei – mit Baustoffen, Rohren, Kabeln und allem, was die ehrgeizigen Industrie- und Bauprojekte im Schanghaier Hinterland brauchten. Je prestigeträchtiger die Projekte Wus wurden, umso einfacher war es, staatliches Geld für neue Investitionen zu bekommen. Wu hatte Talent dafür, höhere Partei-Instanzen für sich zu gewinnen. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg kam die politische Aufmerksamkeit. Immer häufiger bekam Wu Renbao Besuch von Kadern aus der Region, die lernen wollten, wie ein Dorf eigene Industrien aufbauen kann.

Und dann traf Wu seine dritte bedeutende wirtschaftliche Entscheidung, vielleicht die wichtigste von allen: Er erkannte, dass sich Huaxi perfekt dazu eignete, als Fortschrittsmodell vermarktet zu werden. Die verantwortlichen Partei-Kader verstanden die Idee sofort, schließlich knüpfte sie an wohlbekannte Ideen an: Huaxi sollte zu einem Musterdorf ausgebaut werden, das den anderen als Vorbild und Inspiration für das ländliche Unternehmertum dienen konnte. So kam es, dass Ende der achtziger Jahre das Innen- und das Landwirtschaftsministerium begannen, von Huaxi als „Dorf Nummer eins“ zu sprechen. Bilder in der Pagode zeigen Wu Renbao zusammen mit Chinas Großen. Eine Kalligrafie hält den Besuch des ehemaligen Präsidenten Jiang Zemin fest, der beim Anblick Huaxis ausgerufen haben soll: „Die Bewohner von Huaxi haben es gut. Wirklich gut!“ „Wir haben nichts geschenkt bekommen. Unsere Fabriken sind profitabel, und wir haben uns alles selbst erarbeitet“, entrüstet sich Dorfbewohner Chen über Vorwürfe, dass es bei Huaxis Erfolg nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. „Die Partei hat uns den Weg bereitet, aber gegangen sind wir ihn allein.“

„Huaxis Erfolg ist ausschließlich das Ergebnis von Fleiß, Ehrgeiz und den großartigen Führungsqualitäten des Wu Renbao“, erklärt Reiseführer Zhang Youxia voller Überzeugung.

Diese Qualitäten weisen für heutige Verhältnisse allerdings einige Besonderheiten auf. Ganz wie zu Zeiten der Volkskommunen können die Bauern von Huaxi nicht frei über ihren Wohlstand verfügen, der Eigentümer des ganzen Reichtums ist weiterhin der Staat. „Die Dorfbewohner haben keine Kontrolle über ihr Geld und Eigentum. Wenn sie das Dorf verlassen wollen, wird ihnen alles genommen“, berichtete kürzlich ein Fernsehreporter. „Jeder hört auf den allmächtigen und allgegenwärtigen Gott“ – gemeint ist Wu. Li Jiangtao, Parteiabgeordneter in Guangzhou und Professor für marxistische Philosophie an der Akademie der Sozialwissenschaften, geht in seiner Kritik noch weiter: „Was die Bewohner von Huaxi erleben, ist der Führungsstil des Feudalismus.“

Dazu kommt ein Personenkult wie zu den besten Zeiten Mao Zedongs. Auf großen Bannern prangen die Weisheiten Wus im ganzen Dorf. Eine seiner Parolen lautet: „Gebt dem Volk Wohlstand!“ Jeden Morgen sollen die Dorfbewohner seine Anweisungen studieren, wie einst die des Großen Vorsitzenden. Dazu gehört Wus Sieben-Stufen-Plan zur Erlangung von Reichtum, wobei die Erziehung des Volkes, der Aufbau des Dorfes und die ständige Verbesserung der Produkte ganz oben stehen.

Die Erziehung des Volkes treibt in Huaxi mitunter seltsame Blüten: Bars, Internetcafés und Karaokebars sind verboten, weil sie Wu suspekt sind. Stattdessen lehrt er die „drei Dinge, die man nie vergessen soll“: die Familie, die Nachbarn und das Kollektiv. Und er hat es sich auch nicht verkneifen können, seine Lebensweisheiten wie Mao in einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Die Aussprüche des Wu Renbao“ zusammentragen zu lassen. Selbst als Modeschöpfer eiferte Wu dem großen Vorbild nach: Eine ortseigene Fabrik näht „Renbao-Anzüge“.

Ein Kandidat – hundert Prozent der Stimmen

Auf Huaxi kommen schwierige Jahre zu. Je freier die Marktwirtschaft in China wird, desto weniger wird die Regierung die dorfeigenen staatlichen Unternehmen fördern. Auf staatliche Abnahmegarantien kann Huaxi schon heute nicht mehr hoffen. Statt auf munter wuchernde Kleinbetriebe, setzen die Wirtschaftsplaner deshalb jetzt auf große Fabriken und anspruchsvolle Zulieferketten in den Ballungszentren. Ob Huaxis bisheriger Erfolg wirklich auf der Nutzung der marktwirtschaftlichen Möglichkeiten beruhte, wird sich erst in Zukunft zeigen.

Auch die in Huaxi praktizierte Rundum-Versorgung passt nicht mehr zur aktuellen Linie der Partei. Sie will die Menschen, wenn schon nicht politisch, so zumindest wirtschaftlich zu Freiheit und Eigenverantwortung erziehen. Das Volk soll sich selbst um sein Wohlergehen kümmern und nicht mehr auf Unterstützung des Staates hoffen. Wu, der ehemalige Pionier, ist plötzlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

Ende vergangenen Jahres beugte sich der 76-Jährige schließlich dem größer gewordenen Druck und räumte seinen Posten als Parteisekretär, den er seit 1961 innehatte. Doch ob damit die Wende in Huaxi eingeleitet wurde? Zu seinem Nachfolger wurde mit hundert Prozent der abgegebenen Stimmen Wu Xie’en gewählt, der Sohn des alten Wu. Der studierte Betriebswirt war der einzige Kandidat.