Partner von
Partner von

Etwas für China tun

Er gab eine erfolgreiche Wall-Street-Karriere auf, um Professor in Peking zu werden. Im Interview erklärt John Thornton, warum das eine der besten Entscheidungen in seinem Leben war und wie er den chinesischen Führungsnachwuchs auf seine schwierigen Aufgaben vorbereitet.




Ein Pionier war John Thornton schon immer. Für die Investmentbank Goldman Sachs erschloss er in den achtziger Jahren den europäischen und in den Neunzigern den asiatischen Markt. 1999 stieg Thornton mit nur 45 Jahren zum President und Joint Chief Operating Officer auf. An der Wall Street stellte man sich darauf ein, noch viel von ihm zu hören.
Genauso kam es – und doch ganz anders. Im Juli 2003 kündigte Thornton bei Goldman Sachs und ging als Professor nach China. An der renommierten Pekinger Tsinghua Universität unterrichtet er jährlich 50 handverlesene Studenten in Global Leadership. Damit erhielt Thornton als erster Ausländer seit der Gründung der Volksrepublik 1949 einen Lehrstuhl an der berühmten Elite-Hochschule, die traditionell nicht nur Chinas beste Ingenieure und Naturwissenschaftler ausbildet, sondern auch mehr Top-Politiker hervorgebracht hat als jede andere chinesische Universität.
Neben seiner Professur an der Tsinghua sitzt John Thornton im Beraterstab der chinesischen Börsenaufsicht, China Securities Regulatory Commission. In den USA ist er Verwaltungsratsvorsitzender der renommierten Brookings Institution, Washingtons wichtigstem außenpolitischen Think Tank. Außerdem ist er Chinaberater der Yale University und Mitglied der Aufsichtsräte von Ford, Intel, British Sky Broadcasting und der Pacific Century Gruppe. Auch Goldman Sachs blieb er zumindest als Berater erhalten.

McK: Professor Thornton, an der Wall Street haben Sie ein Jahresgehalt von rund zehn Millionen US-Dollar bezogen; jetzt unterrichten Sie in China ohne Gehalt. Von den immateriellen Vergütungen müssen Sie sich ja einiges versprochen haben.

John Thornton: Ich habe mich darauf gefreut, eine Menge zu lernen: über China und über die junge Generation, die das Land einmal führen wird. Ich wollte herausfinden, welche Gedanken sie sich über China und seine zukünftige Rolle in der Welt machen, und ihnen bei diesem Prozess ein wenig helfen.

Würden Sie die Entscheidung heute wieder treffen?

Ganz gewiss. Nach China zu kommen war zweifellos eine der besseren Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.
Meine Erwartungen sind weit übertroffen worden: Ich habe großartige Studenten; ich lebe in einer Kultur, von deren Tiefe, Komplexität und Denkstrukturen man unendlich viel lernen kann, und ich trage etwas dazu bei, dass China sich in eine gute Richtung entwickelt. Das alles ist ungeheuer erfüllend.

Die Tsinghua ist beileibe nicht Ihr erster Kontakt mit China. Als Sie für Goldman Sachs das China-Geschäft aufgebaut haben, hatten Sie mit zahlreichen chinesischen Politikern und Spitzenmanagern zu tun. Dass Sie sich heute dazu berufen fühlen, in China Global Leadership zu unterrichten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Sie hatten offenbar den Eindruck, dass Chinas künftige Führungselite noch viel dazulernen muss.

Aber das müssen wir doch alle. Und Chinas Führungsgeneration von morgen steht vor Problemen, deren Größe und Komplexität man unmöglich unterschätzen kann. Sie muss dafür Lösungen finden, die nicht über den Frieden und Wohlstand in China entscheiden, sondern die ganze Welt beeinflussen. Je besser die künftigen Entscheidungsträger auf ihre Aufgaben vorbereitet werden, je differenzierter sie zu denken lernen und je bedachter sie vorgehen, umso besser.

Wie unterscheiden sich die jungen Eliten von den alten?

Die Jungen sind natürlich vor einem ganz anderen Hintergrund sozialisiert worden und denken dementsprechend auch anders. Meine Studenten sind sehr vielseitig und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Die meisten von ihnen haben Wirtschafts- oder Verwaltungswissenschaften studiert, viele kommen aber auch von anderen Fachrichtungen.
Was die alte und die junge Führungsgeneration gemein haben, ist ein durchweg hohes Bildungsniveau, eine wahnsinnige Lernbereitschaft und der Wunsch, zu Chinas Entwicklung etwas Positives beizutragen.

Der Nationalstolz spielt also eine große Rolle?

Die Chinesen empfinden sehr viel für ihr Land, und der Wunsch, „etwas für China zu tun“, ist ihre wichtigste Antriebskraft. Was das Volk und seine Führer vereint, ist die Hoffnung auf ein friedliches, wohlhabendes China – und das Bewusstsein, dass jeder mit dafür verantwortlich ist, dieses Ziel zu erreichen. Denn das ist die entscheidende Leistung der Volksrepublik: Sie hat China den Chinesen zurückgegeben.

Über die Chinesen und ihre vermeintlich typisch chinesischen Denkstrukturen wird häufig debattiert. Man sagt, Chinesen könnten zwar hervorragend lernen, seien aber keine originellen Denker; sie könnten bestens kopieren, aber nichts selbst erfinden; sie könnten ausgezeichnet verhandeln, aber nur schlecht Unternehmen führen. Erkennen Sie Ihre Studenten in diesen Kategorien wieder?

Meine Studenten sind alle ausgesprochen scharfsinnig und kritisch, offen für neue Ideen und dankbar für Methoden, mit denen sie effektiver und effizienter werden können. In meinem Kurs stelle ich ihnen die unterschiedlichsten chinesischen und westlichen Führungspersönlichkeiten vor. Sie lassen sich auf jeden ein und finden überall etwas, wovon sie profitieren können.

Dieser Lernehrgeiz hat in China Tradition. Seit Jahrtausenden ist das Lernen ein zentraler Wert der chinesischen Kultur. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Reformer nach der Kulturrevolution gleich anfingen, das Bildungssystem zu einem Stützpfeiler der Modernisierungspolitik zu machen. Wie weit sind sie damit gekommen?

Die Fortschritte sind beachtlich. Regierung und Universitäten unternehmen derzeit gewaltige Anstrengungen, um China zu einem Weltklassestandort für technologische Forschung und Entwicklung zu machen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gibt derzeit eine Initiative für die Entwicklung einer völlig neuartigen Wissenschafts-Software. Ich bin mir sicher, dass das ein großer Erfolg wird, und das ist nur ein Projekt von vielen.
Natürlich ist das alles ein langwieriger Prozess, aber Chinas Politiker sind geduldig und denken weit voraus. Denn sie wissen, wie wichtig Bildung für die Zukunft des Landes ist – sowohl in der Breite als auch in der Qualität. Ich habe mit vielen Entscheidungsträgern im chinesischen Bildungssystem gesprochen, sowohl auf politischer Ebene als auch in den Universitäten und Schulen. Sie sind sehr innovativ und ständig auf der Suche nach Ideen, um ihr System weiter zu verbessern.

Kooperationen mit internationalen Unternehmen und Universitäten sind dabei eine gute Möglichkeit, an Know-how und Kapital zu gelangen. Sie selbst haben Ende der Neunziger zusammen mit McKinsey die Restrukturierung der Tsinghua School of Economics & Management geleitet, deren Dekan zu der Zeit kein geringerer als der damalige Premierminister Zhu Rongji war.

Die Idee entstand in einem Gespräch zwischen Premier Zhu, Hank Paulson (CEO von Goldman Sachs) und mir. Wir wollten ein Weiterbildungsprogramm für chinesische Führungskräfte ins Leben rufen, und innerhalb kürzester Zeit ist daraus ein richtig umfassendes Ausbildungsprogramm geworden. McKinsey hat ein strategisches Konzept ausgearbeitet, und die Harvard Business School hat die Fakultät und ihren Dekan, Zhao Chunjun, bei der Gestaltung der Kursinhalte beraten. Außerdem haben wir ein sehr kompetentes Beratergremium gegründet, dem derzeit Lord John Browne, der CEO von BP vorsitzt.

Lässt sie sich denn schon mit den Universitäten vergleichen, die Sie seinerzeit besucht haben – Harvard, Oxford und Yale?

Die Studenten der Tsinghua brauchen sich vor ihren Kommilitonen an anderen Spitzenuniversitäten der Welt überhaupt nicht zu verstecken. Ein großer Unterschied besteht allerdings darin, dass die Konzentration künftiger Top-Führungskräfte an der Tsinghua weitaus höher ist als an den meisten westlichen Hochschulen. In dieser Hinsicht ist das chinesische System am ehesten mit dem französischen vergleichbar.

Gut für China – aber auch für den Rest der Welt? In den USA und Europa sehen viele in China eine Bedrohung des eigenen Lebensstandards. Um sich vom Niedriglohnland China abzusetzen, hofft man bei uns auf die „Wissensgesellschaft“, wobei wir frech davon ausgehen, den Chinesen in Sachen Know-how haushoch überlegen zu sein. Überschätzen wir uns? Oder unterschätzen wir die Chinesen?

Betrachten wir die Sache doch lieber so: Die Weltwirtschaft ist gesünder, nachhaltiger und effizienter, wenn China voll integriert ist.
Keine Frage: China wird sich entwickeln und mit der Zeit zu einem großen, diversifizierten Markt heranwachsen, der in vielfacher Hinsicht zum weltweiten Wachstum und zum Wohlstand beitragen kann. Das ist gut für China, den Westen und alle anderen Länder, denn es sichert die globale Stabilität und den Weltfrieden.

Aber könnte es nicht doch sein, dass die Chinesen auf die Herausforderungen der Globalisierung besser eingestellt sind als wir? Immerhin haben sie viel mehr Übung darin, sich auf Veränderungen einzustellen. Die Umwälzungen und Unsicherheiten der vergangenen Jahrzehnte sind doch eine viel bessere Schule für Flexibilität, Rationalität und marktwirtschaftliches Denken als unsere komfortablen Sozialstaaten.

In der Tat ist es ungeheuer eindrucksvoll, wie geschickt die Chinesen in den vergangenen 25 Jahren ihre Wirtschaft gemanagt haben. Flexibilität, Pragmatismus und langfristiges Denken sind Qualitäten, die sowohl die alte als auch die junge Führungsgeneration auszeichnen. Sie haben gelernt, sehr realistisch einzuschätzen, was ihr Land braucht, um voranzukommen.
Und sie haben ein tiefes Bedürfnis, das Leben des Volkes zu verbessern. Dafür sind sie bereit, jedes Mittel auszuprobieren.

Wäre es – angesichts Chinas gewaltiger Bereitschaft, Ideen vom Westen zu übernehmen – nicht langsam an der Zeit, dass auch wir von China lernen?

Das ist für mich das Allerwichtigste überhaupt: Westliche Führungskräfte, aber auch jeder Einzelne sollten so viel als möglich über China lernen. Ein durchschnittlich gebildeter Chinese weiß heute viel mehr über den Westen als ein vergleichsweise gebildeter Europäer oder Amerikaner über China. Das muss sich ändern. Denn dieses Ungleichgewicht des Wissens führt auch zu einem Ungleichgewicht des gegenseitigen Verständnisses, und das ist keine gute Voraussetzung für ein konstruktives Verhältnis.

Was sollen wir also tun, um in Zukunft erfolgreich mit China kooperieren und konkurrieren zu können?

Das Offensichtliche: Investieren Sie Verstand und Herzblut, um China, seine Menschen und seine Kultur verstehen zu lernen. Ich denke, dass viele Menschen sich dieser Notwendigkeit durchaus bewusst sind. Aber noch bringen viel zu wenige die nötige Zeit, den Willen und die Bereitschaft auf, sich die Welt auch einmal mit chinesischen Augen anzusehen.

Internationalen Unternehmensführern, die Sie als Gastdozenten zu sich nach Peking einladen, versprechen Sie, dass sie schon einmal einen Blick in die Zukunft tun können. Was gibt es da zu sehen?

Unbändige Lernbereitschaft, unersättlichen Wissenshunger, das Bedürfnis, China voranzubringen, und eine große Dankbarkeit gegenüber allen, die dabei helfen.