Was wirklich zählt

Nichts bleibt. Wer das erkennt, ist reif für Marken




Florian heißt zwar Florian, aber eigentlich ist er ganz in Ordnung. Er macht es sich auf seiner Antonio-Citterio-Sitzgruppe bequem, sein Sohn liegt seit einer halben Stunde im Bett, seine Frau ist auf einer Tagung, auf den Schuhen hat er Wassertropfen vom Gang durch den Garten. Er schenkt Rotwein nach. Die Zigarettenmarke sucht er nach der Farbe der Packung aus. Er weiß, dass die Bretz Brothers mit ihren Plüschsofas zu den Bäh-Marken gehören, so wie Helly Hansen, die ihre Jacken bei Wal-Mart neben Bierkästen verkaufen. „Marken müssen ehrlich sein“, er murmelt etwas vom Burberry-Overkill und zupft die Manschette seines Van-Laack-Hemdes über die günstig gekaufte Rolex Milgauss aus den Sechzigern.

Natürlich muss Florian einiges einstecken, wenn er sich als Markophiler outet. Konsumkritik ist schick. Was bleibt, außer den Konsum zu kritisieren, heute, wo doch jeder alles darf? Mit Naomi Klein und Frédéric Beigbeder im Rücken führen sie ihm vor Augen, was für ein willenloser Wicht im Konsumgetriebe er ist, die Familie ist doch wichtig und die Freunde – politisch korrekt und ökologisch logisch und sterbenslangweilig. Wofür arbeitet er denn, den ganzen Tag in seiner Agentur, pflegt die Geschäftspartner, manchmal sind die Tage wie Gummi, und abends ist er völlig benommen im Kopf und braucht die halbe Stunde im Garten, um wieder zu sich zu kommen. Wenn er sich dann umsieht in seinem Zuhause, wenn er einen Blick wirft auf seine Jil-Sander-Frau und die SDR-Wand und die Gropius-Drücker, dann weiß er, dass sich alles lohnt – die Stunden auf Flughäfen und in schmutzigen Zügen, trostlose Nächte in trostlosen Hotels, und aus dem Konferenzraum erscheint die fahle Sonne am Himmel nur wie auf Folie gemalt.

Die Marken bringen Farbe in sein Leben. Natürlich weiß Florian, dass die neulinken Galionsfiguren zu Recht beklagen, dass die Villa-Riba-Villa-Bajo-Generation durch Marken den Sinn im Dasein finde, dass Marken heutzutage Ersatzreligionen seien und Unternehmen gleichzeitig die Dritte Welt ausbeuteten und die Natur zerstörten, weil sie irgendwo die Gelder einsparen müssten, die sie für den Aufbau der Marke ausgeben – und dass all dies, genau betrachtet, der Tod sei. Aber das ganze Leben ist ein Kampf gegen den Tod, von der Geburt an verfallen die Körper, kämpfen wir uns durch Krankheiten und Siechtum. Der Tod gewinnt immer, das Leben selbst ist sinnlos, nichts bleibt, und wer das einmal erkannt hat, der bringt sich entweder um oder genießt seine Zeit.

Was wäre das für ein armseliges Leben ohne Marken, sagt er, was bliebe da an Vergnügungen? Wir würden lange schlafen, ausgiebig frühstücken, ein wenig am Strand spazieren gehen und uns lieben bis in die Abenddämmerung, wir würden zuschauen, wie die Sonne im Meer versinkt und noch irgendwo ein paar Cocktails trinken, in einer kleinen Bar am Hafen, in der nur Einheimische sind, wir würden durch die laue Nacht zurückgehen in unser Haus und ineinander verschlungen einschlafen, den Sternenhimmel über uns.

Leben ist Vergeuden – oder eben Konsum

Doch Hand aufs Herz, wann würde uns das spätestens auf die Nerven gehen? Das Paradies, seufzen wir, aber keiner will es wirklich, für zwei Wochen vielleicht, all inclusive, aber dann? So sind wir halt, wir Menschen, wir sehen das Glück, zucken mit den Achseln und drehen uns um. Lebe sinnlos, flüstert die Stimme, zerstöre dich selbst. Das ist der Urtrieb, Thanatos, die Sehnsucht nach dem Tode, das ist der Grund, warum Künstler, die sich zu Tode gesoffen, gefixt, gehurt haben, gerade deswegen verehrt werden, die Jim Morrisons, van Goghs und Elvis. Das Leben leben, heißt es vergeuden – das ist die Währung, in der du zahlst. Vermeide alles Sinnvolle, flüstert es. Uns Normalmenschen bleibt da nur der Konsum, irgendwie müssen wir ja die Zeit totschlagen, die ganzen Jahre, bevor sie uns endlich totschlägt.

In das Markenleben sind wir hineingeboren, da können wir nichts machen. Denn weißt du noch, der Caramac-Riegel zum Beispiel, er versprach alles, schimmerte golden im Regal, schmolz im Mund, in kurzen Hosen auf dem Bürgersteig, und das war das Glück. Sunkist, Tipp-Kick und Yps, jeder Name bringt Erinnerungen, gelebtes Leben, ganz real.

Im Kinderzimmer war die Carrera-Bahn der Gipfel der Träume, die Stecker rutschten immer aus dem Trafo, und wenn der Wagen sich festfuhr, roch es nach verbranntem Gummi, und die Leitplanken ließen sich kaum einklinken. Auf der realen Straße war der Bonanza-Rad-Fahrer der King, und das Schönste war nicht der Bananensattel oder der hohe Lenker, sondern die Gangschaltung in der Mitte des Rahmens, mit einem leichten Klacken rasteten die Gänge ein, und der Knauf lag so gut in der Hand.

Schon damals ließ sich an der Marke die Persönlichkeit ablesen. Fischertechnik oder Metallbaukästen von Märklin, das war schon eine Grundsatzfrage. Die einen bevorzugten glatten Kunststoff mit Steckverbindungen, sie verdienen heute als IT-Techniker ihr Geld. Die anderen schraubten grün und rot lackierte Metallplatten zusammen – das waren die, die sich bis zuletzt gegen Computer und CDs sträubten. Der Kampf Puma gegen Adidas, mehr Sportschuh-Marken gab es damals nicht, das war Günter Netzer gegen Franz Beckenbauer, Rebell gegen Klassensprecher. Bei Geha gegen Pelikan stand der blaue Füller für offene Charaktere, den grünen Geha besaßen nur verschlagene Linkshänder. Die Cleveren hielten sich raus und schrieben mit dem coolen Newcomer Lamy.

Oberfläche ist alles, der Rest ist Illusion

So war das damals, Velosolex gegen Herkules, Ente gegen Ford Capri, und so ist es heute noch viel mehr. Marken trennen, Marken vereinen – jeder definiert sich über Marken, in allen Schichten. Marken vermitteln Gewissheit, nicht wie beim Arzt, es könnte dieses oder jenes sein, oder in der Beziehung, wie soll das nur werden, und was ist mit den Kindern, mein Gott? Marken bürgen für ein überraschungsfreies Leben, in jedem Geschäft, in jeder Stadt gleich, am besten weltweit, mit MTV und Hollywood als globalem Katalog. Diese Sehnsucht, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst, ist gewaltig.

Beim ewigen Kampf Oberfläche gegen Tiefe gewinnt mit den Marken immer die Oberfläche, aber das ist nicht schlimm, denn das ganze Leben ist Oberfläche, alles andere ist Illusion, der man sich ausliefern kann oder nicht, das heißt dann Esoterik oder Naturliebe, und es ist schön, wenn man dazugehört, da kann man sich regelmäßig mit Gleichgesinnten treffen und Lieder singen, aber es ist immer eine Flucht. Wir sind Konsumenten, was sonst, unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod. Je eher wir das akzeptieren, desto eher können wir anfangen zu genießen.

Heutzutage liefern die Marken sogar das gute Gewissen gleich mit. Ganz unzynisch spielen sie mit Ehrlichkeit, Verwurzelung und Idyll, konzentrieren sich aufs Wesentliche. Benetton kämpft für mehr Toleranz, die Autoindustrie verkauft religiöse Offenbarungen, und mit jedem Kasten Krombacher rette ich ein Stück Regenwald. Überzeugung allein bringt nichts, wenn man nicht auch aktiv wird, fordert Diesel in seiner Action!-Kampagne, versuch die Welt ein bisschen besser zu machen. Natürlich trage ich mit meinen Turnschuhen nicht zur Toleranz bei, aber vielleicht rettet Krombacher mehr Bäume als die protestierenden Aktivisten, wer weiß das schon, ich jedenfalls nicht.

So kriegen sie uns nach und nach alle. Die Hardcore-Verweigerer sind spätestens bei ihren Kindern dran, süßes, unschuldiges Leben, das sie mit Wonne dem Markenuniversum zuführen. Brio-Bahn, Bobby-Car, Tripp Trapp und Puky-Räder, da sparen sie an nichts, schließlich geht es um die Sicherheit. Und die Markenfetischisten können beim Nachwuchs die Fehler der Eltern ausbügeln, die auch schon mal was Gebrauchtes kauften: Ist ja nur für den Übergang. Florian hat sich neulich einen Hesba-Kinderwagen zugelegt, ohne lustige Bärchen und Muster, der hat 517 Euro gekostet. Aber das war es ihm wert. Er wollte nicht sparen und sich dann an jeder Ampel für sein klappriges Teil schämen. Denn ist ja nur für den Übergang stimmt nicht, den Übergang gibt es nicht, den gibt es nie, das ist das Leben.