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Under Control

Auch was gut ist, kann noch besser werden, dachten die Bildungsexperten in den Niederlanden und haben ihren Schulen ein strenges Qualitätsprogramm verordnet. Eine kleine Armee von Inspektoren überprüft die Leistung der Pädagogen in regelmäßigen Abständen. Die Gegenleistung: Autonomie.




Gestatten, mein Name ist Haandrikman, Jans Haandrikman. Der Mann ist mächtig auf sein Outfit bedacht. Dunkler Anzug mit kaum wahrnehmbaren feinen Nadelstreifen, schwarze blank geputzte Schuhe, gegeltes graues Haar, dunkle Sonnenbrille, kleiner Alukoffer. Von Beruf: Agent? Nein, Schulinspektor. Hat irgendwie auch etwas mit Ermitteln und Kombinieren zu tun. „Eigentlich weiß ich schon, mit was für einer Schule ich es zu tun habe, sobald ich die Begrüßung durch den Hausmeister hinter mir habe“, sagt Haandrikman: Falle sie zu freundlich aus, habe die Schulleitung wahrscheinlich etwas zu verbergen, und selbst der Hausmeister wisse, dass etwas auf dem Spiel steht. Schlimmer sei es allerdings, wenn der ihn feindselig empfange. „Das deutet auf Ärger hin und – anders als bei der freundlichen Variante – auf wenig Bereitschaft zur Kooperation.“ Selbst die gleichgültige Variante lasse viele Schlüsse zu: In solchen Schulen, sagt Haandrikman, habe man nichts zu verstecken, signalisiere jedoch auch kein großes Interesse an der Meinung des Besuchers. „Das sind die Besserwisser mit relativ wenig Einsicht bei Kritik.“

Schwache Schulen müssen sich bessern – oder schließen

Und Kritik gibt es immer, wenn in den Niederlanden der Inspektor kommt. Konstruktive Kritik. Im niederländischen Schulsystem wird schon seit 1998 praktiziert, was neuerdings auch einige deutsche Bundesländer testen. Staatliche Inspektoren prüfen regelmäßig nach einem festen Kriterienkatalog die Qualität sämtlicher Schulen. Wenigstens einmal pro Jahr besuchen die Prüfer jede Einrichtung, alle drei bis vier Jahre bleiben sie gleich mehrere Tage vor Ort, untersuchen die Schulkultur, das Schulmanagement, die Professionalität der Lehrer und die Qualitätsentwicklung. Dazu sprechen die Inspektoren mit Lehrern, Eltern und Schülern, verteilen Fragebögen, besuchen unangemeldet den Unterricht und sehen Konferenzprotokolle ein. Fallen Schwächen auf, müssen die Schulen an ihrer Qualität arbeiten. Und sollte sich eine Schule dauerhaft als unverbesserlich erweisen, droht ihr sogar die Schließung.

Die Ergebnisse der Inspektoren-Besuche sind öffentlich, jeder kann sie auf der Web-Seite des Inspektorats nachlesen. Dort finden Eltern und Schüler auch so genannte Qualitätskarten, Kurzprofile über jede Schule mit Prüfungsergebnissen, dem Notendurchschnitt in ausgewählten Fächern und aktuellen Abbrecherquoten. Das System garantiert größtmögliche Transparenz.

Und wertvolle Informationen für Eltern. In den Niederlanden kann jeder wählen, welche Schule seine Kinder besuchen. Jeder kann eine Schule gründen. Die Einrichtungen konkurrieren offensiv um den Nachwuchs. Denn der Staat zahlt allen anerkannten Schulen – mehr als 70 Prozent von ihnen haben inzwischen private Träger – jährlich eine feste Summe pro Kind. Wie die Schulen das Geld verwenden, steht ihnen weitgehend frei. Auch im Alltag sind sie automom. Die Schulleitung darf selbst Lehrer einstellen und die Lehrmittel aussuchen, das Kollegium hat freie Hand bei Form und Inhalt des Unterrichts. Der Staat legt nur die Rahmenbedingungen fest: die Anzahl der Unterrichtsstunden, die zu erreichenden Lernziele, die notwendige Qualifikation der Lehrer. Im Gegenzug müssen sich die niederländischen Schulen kontrollieren lassen.

Zum einen setzen die Niederländer dabei auf zentral gesteuerte Prüfungen. Nach der Grundschule müssen sich die Schüler einem genormten Leistungstest stellen. Am Ende der Schulzeit gibt es zentrale Abschlussexamen durch das Cito – das nationale Institut für Bildungsstandards, Schulvergleiche und landesweite Prüfungen. Zudem erhebt das Cito alle fünf Jahre den Leistungsstand der niederländischen Grundschüler in verschiedenen Fächern – eine Art nationales Dauer-Pisa. Ausgewertet mit einem speziellen Computerprogramm, zeigen bunte Grafiken, wie sich einzelne Schüler entwickeln und ob sie über oder unter dem Klassenniveau liegen. Mit denselben Daten lassen sich auch die Leistungen von Klassen oder ganzen Schülerjahrgängen analysieren.

Diese Leistungskontrolle wird durch die Besuche der Inspektoren ergänzt. Sie vergleichen Statistiken, begutachten den Schulalltag, führen Interviews mit Schülern, Eltern und Lehrern und beobachten den Unterricht. Kein Lehrer weiß im Voraus, wann es an seiner Klassentür klopft. Die staatlichen Prüfer wollen keine perfekt vorbereitete Schaustunde erleben, sondern alltäglichen Unterricht. Selbst wenn ihnen nicht gefällt, was sie dort sehen, droht den Lehrern keine Gefahr. Schulinspektoren können keine Verweise oder Beförderungen aussprechen. Wer direkte Sanktionen fürchtet, davon sind die Niederländer überzeugt, lässt sich ungern in die Karten schauen. Bei der Inspektion bekommt deshalb die Lehrerschaft als Team ein Zeugnis, nicht der einzelne Pädagoge.

Prügelnde Schüler? Minuspunkte!

Die Zensuren, die die staatlichen Prüfer für verschiedene Indikatoren vergeben, reichen von vier bis eins und stehen für „gut“, „ausreichend“, „ungenügend“ und „sehr schlecht“. Neben den Ergebnissen der Schüler stehen vor allem die Schülerbetreuung, das Schulmanagement und die Lehr- und Lernprozesse auf dem Prüfstand: Was wird angeboten? Wie gehen die Lehrer pädagogisch vor? Lernen die Schüler durch aktive Beteiligung?

Den Grad der Schülerbetreuung bewerten die Gutachter unter anderem anhand der Betreuung von Problemschülern. Wie fühlen sie sich von ihren Lehrern behandelt? Sind sie mit der Schule zufrieden? Und wie steht es um das Management: Kann das Kollegium gemeinsam Probleme lösen? Initiiert und fördert die Schulleitung Teamentwicklung? Wie gut sind die externen Kontakte, zum Beispiel zu den Eltern? Fühlen sie sich gut über den Leistungsstand ihrer Kinder informiert? Hat ihr Kind Angst, in die Schule zu gehen?

Selbst die Informationen des Hausmeisters zum Schulklima fließen in die Notenvergabe ein. Wie häufig prügeln sich die Schüler? Gibt es Vandalismus? Jedes Detail interessiert. „An solchen Kleinigkeiten kann man viel ablesen“, sagt Inspektor Haandrikman und schwingt sein Aluköfferchen.

Es ist ein Mittwochmorgen in Amsterdam, und der Inspektor marschiert entlang der Amstel zur Arbeit. Am Ufer des schmalen Kanals stehen alle paar hundert Meter Metallbehälter, auf denen Aufkleber mit eindeutiger Zeichensprache Hundebesitzer auffordern, die eingesammelten Exkremente ihrer Vierbeiner genau hier und nirgendwo anders abzulegen. Alles ist geregelt. Ein ordentliches Viertel. Mit einer ordentlichen Schule. „Keine Graffiti von außen, auch so ein Indikator“, sagt Haandrikman und deutet auf sein Ziel, das Fons Vitae Lyceum, idyllisch am Wasser gelegen. Auch drinnen geht es gesittet zu, ein paar Schüler plaudern in kleinen Grüppchen auf dem Gang (Haandrikman: „Lautes Geschrei und Gerempel sind ein sicherer Hinweis auf Aggressionen“), auf dem Innenhof reihen sich die Fahrräder aneinander (Haandrikman: „Schulen mit einer hohen Immigrantenquote erkenne ich meist schon daran, dass auf dem Schulhof kaum Räder stehen“).

Auch die Statistiken, die das Fons Vitae Lyceum zur Vorbereitung des Besuchs liefern musste, sprechen für die Schule: Die ausgefallenen Stunden halten sich in Grenzen, der Ausländeranteil liegt mit 35 Prozent weit unter dem Amsterdamer Durchschnitt, die Leistungen der rund 960 Schüler sind besser als an vielen Schulen.

Im Dezember 2002 waren zwei Kollegen von Haandrikman das letzte Mal zu einer großen Qualitätskontrolle in der Oberschule, seitdem ist einmal im Jahr ein Inspektor vorbeigekommen, um mit der Schulleitung zu diskutieren, welche Fortschritte bei der Lösung damals festgestellter Schwächen gemacht wurden. So hatten die Prüfer etwa beanstandet, dass auf dem Fons Vitae Lyceum ungewöhnlich viele Schüler nach dem ersten Gymnasialjahr auf andere Schulen wechselten. „Mal sehen, was sich da getan hat“, sagt Haandrikman und schaut auf die Uhr. Der Hausmeister lässt ihn schon ein paar Minuten warten.

Im Zimmer der Direktorin Petra Verhoeckx steht auf dem Besprechungstisch bereits dampfender Kaffee. Fünf Minuten Smalltalk zum Einstieg, dann ruft sie den stellvertretenden Direktor an ihre Seite, „denn der hat die Zufriedenheit der Eltern nach dem ersten Gymnasialjahr ihrer Kinder untersucht“. Es gab fast keine Beschwerden, verkündet der Vizeleiter sichtlich stolz.

„Und was hat die Schulleitung dabei über die Gründe für den Schulwechsel erfahren?“, fragt der Inspektor.

Die Direktorin und ihr Stellvertreter, die bisher jede Frage exakt beantwortet haben, geraten zum ersten Mal ins Stocken. Es gebe eine zusätzliche Untersuchung unter den Schulwechslern, aber die sei noch nicht abgeschlossen, sagt die Leiterin und redet davon, dass die Kinder wahrscheinlich „einfach nicht gut genug waren, um die hohen Anforderungen zu erfüllen“.

Ihr Stellvertreter mutmaßt, es gäbe sicherlich „Gründe in den Familien, die wir nicht beeinflussen können“.

Inspektor Haandrikman macht sich Notizen. Dann will er wissen: „Was ist das größte Problem, an dem Sie im Moment arbeiten?“

Schulleiterin: „Die Schüler zu halten und sie zu motivieren. Deshalb haben wir unsere Lehrer kürzlich befragt und gebeten, Ziele für einen attraktiveren Unterricht zu formulieren.“

Unschlüssig schiebt sie die Ergebnisse der Befragung über den Tisch. Der Inspektor wirft einen Blick in den Ordner, dann deutet er auf ein Blatt. Dort steht: Was bedeutet es, Unterrichtsstunden attraktiver zu gestalten?

Lehrer-Antwort: von dem Schüler mehr zu verlangen, als er kann, dem Schüler mehr als nötig zu bieten, den Schüler zur Selbstverantwortung anzuspornen.

Was haben Sie von diesem Ziel erreicht? Lehrer-Antwort: nichts.

Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Lehrer-Antwort: nein.

„Haben Sie da mal nachgefasst?“, fragt der Inspektor. Die Direktorin verneint.

Haandrikman kennt solche Situationen aus der eigenen Praxis. Bevor er vor vier Jahren Inspektor wurde, war er sieben Jahre Schulleiter einer Oberschule mit 1500 Schülern und 130 Lehrern. Er kennt Elternumfragen, die den Schulen eher der Bestätigung des eigenen Rufs dienen als der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten. Und er kennt die Schwierigkeiten bei der Definition von Zielen. Die werden häufig abstrakt benannt, sind jedoch nur sinnvoll, wenn sie so konkret wie möglich formuliert sind. Damit Lehrer sich an ihnen messen lassen können und sich verpflichtet fühlen, ihren Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen.

Nach zwei Stunden verabschiedet sich der Inspektor. Er weiß jetzt, dass das Fons Vitae Lyceum nach einem Umbau des Gebäudes einige neue Klassenzimmer haben wird. Er hat Details über eine Lehrer-Gruppe erfahren, die regelmäßig freigestellt wird, um Stunden an anderen Schulen zu besuchen, immer auf der Suche nach Ideen zur Verbesserung des eigenen Unterrichts. Und er hat mit der Schulleitung über die Verbesserung ihrer Selbstbewertung diskutiert. Als der Inspektor geht, scheinen beide Seiten zufrieden.

Die Kritik ist öffentlich – und ein Anreiz zur Verbesserung

„Wir wollen nicht nur die vorhandene Qualität messen, sondern sie zur Basis ihrer Weiterentwicklung machen“, sagt Haandrikman. Rund sieben kleine Schulinspektionen macht der 52-Jährige im Monat, dazu kommen zwei bis drei große mehrtägige Qualitäts-Checks, die er in der Regel gemeinsam mit einem Kollegen erledigt.

Haandrikman ist einer von rund 170 Inspektoren, die in den Niederlanden unterwegs sind. Viele von ihnen waren früher wie Haandrikman Schulleiter oder haben als Lehrer gearbeitet, bevor das Inspektorat sie in einem sechsmonatigen Lehrgang auf ihre neue Aufgabe vorbereitet hat. Rund 2000 ausführliche Berichte über Primarschulen und etwa 320 über Sekundarschulen veröffentlichten sie im vergangenen Jahr.

Nach einer kurzen Inspektion haben die staatlichen Prüfer eine Woche Zeit, ihren Bericht zu schreiben, nach einer mehrtägigen muss er der Schule nach vier bis sechs Wochen vorliegen. Veröffentlicht wird das Gutachten rund vier Wochen später. Stimmt der Schulträger der Kritik nicht zu, kann er seine abweichende Meinung in einer Anlage zum Bericht auf der Web-Seite des Inspektorats veröffentlichen lassen. In der Regel publiziert die Schulleitung die Resultate des Besuchs oder Teile davon auch selbst, häufig ergänzt um Konsequenzen der Inspektion, etwa geplante Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung.

Denn die Kritik der Gutachter nicht ernst zu nehmen, kann sich kaum ein Schulträger erlauben. Dafür sorgt zum einen das öffentliche Interesse: Rund 30 Prozent der Eltern lesen heute die Inspektionsberichte, bevor sie sich für eine Schule entscheiden. Zum anderen drohen einer Schule, deren Qualität über einen längeren Zeitraum unter den Anforderungen bleibt, Sanktionen. Verstößt sie etwa gegen Korrekturen, die der staatliche Prüfer ihr auferlegt, und zeigt keinen Kooperationswillen, kann das Inspektorat der niederländischen Bildungsministerin Maria van der Hoeven Konsequenzen empfehlen. Die können so weit reichen, der Schule die Prüfungsrechte zu entziehen oder die öffentlichen Gelder komplett zu streichen, was einer Schließung der Schule gleichkommt. Ein Fall, der jedoch noch nie vorgekommen ist. Eher entlässt die Ministerin die Direktion und setzt ein Interimsteam ein.

Staatliche Kontrolle ist gut – aber mehr Selbstevaluation ist besser

„Doch auch diese Sanktion wird selten verhängt“, sagt Vic van den Broek d’Obrenan. Schon die Konkurrenz sorge dafür, dass 90 Prozent der Schulen sich redlich mühten, Mängel zu beheben, schätzt die Inspektorin, „sonst bleiben die Schüler weg“. Van den Broek d’Obrenan arbeitet in der Zentrale des Inspektorats, ein schmuckloser Flachdachbau in einem Randbezirk von Utrecht. Ihr Team unterstützt die Untersuchung besonders schwacher Schulen.

In der Regel arbeitet ein Trio an einem mehrtägigen Schulbesuch: Ein Inspektor in einem der sieben Regionalbüros wertet die Informationen aus, die die Schule im Vorfeld des Qualitäts-Checks schickt, zwei Inspektoren besuchen sie anschließend. Ist die geprüfte Schule als besonders schwach bekannt, arbeiten bis zu sechs Inspektoren an ihrer Prüfung. In beiden Fällen ist das Verfahren aufwändig – und der niederländische Staat angesichts klammer Staatskassen bemüht, es zu vereinfachen, ohne seine Effizienz zu mindern.

In Zukunft soll das Inspektorat nach dem Prinzip der proportionellen Aufsicht arbeiten, sagt van den Broek d’Obrenan: „Je mehr Selbstevaluation die Schule macht und je aktueller und zuverlässiger sie dabei ist, desto geringer fällt die externe Evaluation aus.“ Die Inspektoren kämen dann seltener vorbei und blieben weniger lang.

Beide Bewertungsansätze haben Stärken und Schwächen. Die externe Evaluation ist objektiver und macht die Schulen miteinander vergleichbar. Allerdings ist sie nur eine Momentaufnahme, die weder Einzelfälle noch Entwicklungstendenzen angemessen berücksichtigt. Das kann die Selbstevaluierung, die hingegen die Gefahr der Parteilichkeit und Selbstrechtfertigung birgt. „Die Kombination beider Instrumente gleicht jeweils die Schwäche des anderen aus“, sagt van den Broek d’Obrenan.

Autonomie braucht Vertrauen

Welche Art der Qualitätssicherung die Schulen wählen, bleibt ihnen überlassen, ganz im Sinne des Grundsatzes, ihre Autonomie so wenig wie möglich zu beschneiden. „Auch wenn wir deshalb jedes Mal neu nachvollziehen müssen, was sie getan haben“, so van den Broek d’Obrenan. Dass die Schulen versucht sein könnten, bei der eigenen Bewertung zu schummeln, befürchtet die Inspektorin nicht: „Die Selbstevaluation wird natürlich in Stichproben kontrolliert.“

Auch die Art ihrer Prüfung will das Inspektorat in Zukunft stärker vom Einzelfall abhängig machen. Nachdem die staatlichen Gutachter etliche Schulen bereits zum zweiten Mal in einem mehrtägigen Besuch rundum evaluiert haben, soll ihr Kriterienkatalog von den anfangs üblichen gut 100 Indikatoren jetzt auf weniger als 30 Basiskriterien schrumpfen. Die sollen allerdings – je nach Situation der Schule – um spezifische Kriterienmodule ergänzt werden.

Welche Inspektion angemessen ist, will die Behörde anhand eines Risikoprofils der Schule festlegen. Öffentliche Informationsquellen für die Erstellung des Profils gibt es reichlich. Schon heute muss jeder Träger vorausblickend einen allgemeinen Lehrplan schreiben, in dem er darstellt, wie er arbeitet, welche Ergebnisse die Schule erzielen möchte, wie sie diese evaluieren wird und was sie tun will, wenn sie die geplanten Ziele nicht erreicht. Und er muss darstellen, welches Qualitätsmanagement die Schulleitung für den Unterricht, das Personal und die Materialien vorsieht. Rückblickend sind die Schulen verpflichtet, einen finanziellen Jahresbericht zu veröffentlichen.

In Zukunft müssen die Einrichtungen zusätzlich einmal jährlich einen detaillierten Fragebogen des Inspektorats beantworten, der Auskunft über Veränderungen in der Schule und die professionelle Entwicklung des Kollegiums gibt. Daneben werden die staatlichen Gutachter bald auch externe Informationsquellen anzapfen, um die Situation der Bildungseinrichtungen besser vom Schreibtisch aus beurteilen zu können: von Presseartikeln, über Berichte von Elternausschüssen bis zu Gutachten der Behörde, die die Finanzierung der Träger überprüft.

In einigen Schulen hat das Inspektorat die neue Arbeitsweise bereits getestet. Mit Erfolg, sagt van den Broek d’Obrenan: „Die Schulen sind nach etlichen Jahren der externen Evaluation so weit, die Verantwortung für eine gute Qualitätskontrolle zu übernehmen.“

Mehr Kontrolle – aber kaum mehr Autonomie

Bislang trat der Schulrat hier zu Lande vor allem bei der Verbeamtung des Lehrers in Erscheinung. Daneben erließ das Kultusministerium unzählige Verordnungen und Vorschriften, allerdings ohne deren Einhaltung zu prüfen. Externe Kontrollen waren in Deutschland lange verpönt. Inzwischen denken die Behörden um. In Schleswig-Holstein erhalten die Schulen bereits seit Beginn vergangenen Jahres Besuch von staatlichen Prüfern. Bremen hat den Qualitäts-Check in seinen Grundschulen ausprobiert, Brandenburg und Berlin wollen regelmäßige Rundum-Begutachtungen einführen. Die Bildungspolitiker in Thüringen und Sachsen planen nachzuziehen.

Am stärksten am Vorbild der Niederländer hat sich bislang das Land Niedersachsen bei der Einführung seines Schul-TÜV orientiert. Kultusminister Bernd Busemann (CDU) macht die Inspektion seit zwei Jahren zu einem Schwerpunkt seiner Schulreform. Rund 25 Inspektoren sollen noch in diesem Jahr ausgebildet werden und Ende 2005 mit der Inspektion der rund 3000 niedersächsischen Schulen beginnen. Erste Tests des Schul-TÜV verliefen positiv. Rund 40 Schulen – von der Mini-Grundschule auf der Insel Langeoog bis zur berufsbildenden Schule mit mehr als 1000 Schülern – haben den staatlichen Prüfern bereits freiwillig den Besuch erlaubt. Darunter war zum Beispiel die Halepaghen-Schule, ein Gymnasium im niedersächsischen 37.000-Einwohner-Städtchen Buxtehude, im Speckgürtel Hamburgs. Anfang des Jahres haben drei Inspektoren hier den Unterricht von mehr als der Hälfte des Lehrerkollegiums angeschaut, im 20-Minuten-Takt und ohne vorher bekannt zu geben, in welchen Stunden sie anwesend sein würden. Sie führten zwei Gespräche mit Elternvertretern, befragten Schüler und inspizierten das Gebäude. Ganz wie die Niederländer. Für den Buxtehuder Schulleiter Hans-Jürgen von Maercker war die Inspektion „eine positive Erfahrung“. Die Bilanz der staatlichen Gutachter war gut, die Reaktion der Öffentlichkeit positiv. Und trotzdem sieht von Maercker Schwächen des niedersächsischen Inspektionsmodells im Vergleich zur Situation in den Niederlanden. In Deutschland erhielten schwache Schulen bei der Behebung der Probleme kaum Unterstützung. „In den Niederlanden hat jeder Schulleiter ein üppiges Weiterbildungsbudget, hier zu Lande fehlt es an zusätzlichen Mitteln.“ Zudem mangle es in deutschen Schulen an der nötigen Freiheit, um aus Fehlern zu lernen – egal, ob es um die Entlassung von Lehrern gehe, um die Verwendung des Budgets oder um die Gestaltung des Lehrplans.

Kritik wie die des Schulleiters von Maercker trifft im niedersächsischen Kultusministerium auf offene Ohren. Bildungsexperten aus etlichen Lagern meinten unlängst, dass die Inpektion nur dann Sinn mache, wenn die deutschen Schulbehörden die Detailsteuerung stärker den Schulen selbst überlassen. In Niedersachsen soll die Einführung des Inspektionsmodells deshalb mit einer Stärkung der Schulleitung einhergehen. Künftig sollen Schulleiter Planstellen selbst besetzen dürfen, für Fortbildung soll es mehr Geld geben, und auch an einem System der besseren Beratung und Unterstützung wird gearbeitet.

An die Autonomie der Niederlande wird die Freiheit niedersächsischer Schulen dennoch bei weitem nicht heranreichen. Entlassene Lehrer, Freiheit in der Schulgründung und Schulwahl, öffentliche Gelder, die sich an der Zahl der Schüler bemessen, derartige Reformschritte bleiben in Deutschland wohl tabu. Selbst die in den Niederlanden inzwischen selbstverständliche Veröffentlichung der Inspektoren-Urteile im Internet ist im niedersächsischen Kultusministerium vorläufig nicht vorstellbar.