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Gemeinsame Sache

Jordaniens wichtigste Ressource sind gut ausgebildete Menschen. Und ein mächtiger Reformwille, der das Land zum Schauplatz einer bislang einzigartigen Public-Private-Partnership macht. Mehr als 45 internationale und jordanische Partner aus öffentlichem und privatem Sektor betreiben hier gemeinsam Entwicklungshilfe der modernen Art. Ihr Ziel: die Bildung des Landes auf einen modernen Standard heben. Ihr Instrument: E-Learning. Ihre Herausforderung: die nationale Einführung pädagogischer Ansätze und einer Technik, von der viele Lehrer noch nie zuvor gehört haben. Wie soll das gehen? Und was haben die verschiedenen Partner davon?




Im Januar 2003 setzt sich beim World Economic Forum in Davos auf Anregung des Cisco-CEO John Chambers eine Gruppe führender IT-Konzerne zusammen. Sie wollen gemeinsam in einem Entwicklungsland an einem Bildungsprojekt arbeiten. Wichtigste Voraussetzung: Die nationale Regierung ist bereit zur Kooperation.

Die Wahl fällt auf Jordanien. Elf internationale Geldgeber hatten dem Land für eine Bildungsreform bereits ein Darlehen von insgesamt 380 Millionen US-Dollar gewährt, darunter die Weltbank und die Europäische Investitionsbank. König Abdullah II. von Jordanien unterstützt das Projekt. Im Juni 2003 startet die Public-Private-Partnership (PPP) offiziell als Jordan Education Initiative (JEI) – jordanische Bildungs-Initiative. Ihr Ziel: die partnerschaftliche Entwicklung von Lehrplänen, die nicht auf Frontalunterricht, sondern auf aktives Lernen setzen. Und das immer verbunden mit dem Einsatz von Computern, die die traditionellen Formen des Lernens ergänzen sollen. In 100 Pilotschulen der jordanischen Hauptstadt Amman soll dieses gemischte Lernkonzept getestet werden. Bewährt es sich, will die jordanische Regierung es im nationalen Reformprozess berücksichtigen.

Die JEI wird zum Experimentierfeld für die nationale Bildungsreform. Ein Programm-Management-Büro (PMO) mit Sitz in Amman koordiniert den Prozess. Einige der Mitarbeiter werden von der jordanischen Regierung für diese Aufgabe freigestellt, andere von internationalen IT-Konzernen. Das Team organisiert die Zusammenarbeit der Partner und koordiniert die Einführung der E-Lehrpläne in den Schulen. Für den Mathematik-Unterricht ist er bereits in etlichen Pilotschulen, den Discovery Schools, eingeführt, für Arabisch, IT und Englisch als Fremdsprache werden die E-Lehrpläne im Moment getestet.

Hat sich die Kooperation gelohnt?

Der Bildungsminister
Khaled Toukan

Bildungsminister Toukan ist seit 2000 im Amt. Früher war er Dekan und Ingenieur-Professor an der Universität von Jordanien. Deutschland kennt er aus der Zeit, als er noch am Kernforschungszentrum Karlsruhe forschte.

„Bildung ist für Jordanien traditionell extrem wichtig. Wir haben kein Öl oder andere Bodenschätze. Unsere wichtigste Ressource sind gut ausgebildete Menschen. Angesichts der demografischen Entwicklung eine doppelte Herausforderung: Rund 23 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 14 Jahre, sie werden in den kommenden zehn Jahren auf den Arbeitsmarkt drängen.

Eine gute Ausbildung gilt den Menschen als Garantie für ein gutes Leben. Deshalb sind die meisten auch zum Verzicht bereit. Ein Studium kostet Eltern im Schnitt ein Drittel bis 40 Prozent ihres Einkommens. Die Ausbildung an privaten Universitäten oder im Ausland ist noch teurer. Nicht selten verkaufen Familien dafür ihr Land oder ihr Haus. Und die Kinder geben das zurück: Wer nach seiner Ausbildung etwa im Ausland arbeitet, unterstützt seine Familie hier finanziell. Jordanien ist ein Entwicklungsland, hat sich jedoch früh für westliche Bildungskonzepte geöffnet. Einen schnellen Fortschritt schaffen wir aber nur mithilfe strategischer Partnerschaften mit der Privatwirtschaft, sowohl mit jordanischen als auch mit internationalen Unternehmen. Davon profitieren alle. Wir vom Know-how der Partner. Sie von einer einzigartigen Testumgebung: Wir haben unser Schulsystem geöffnet und schaffen ein Umfeld, in dem fast alles möglich ist. 

Wer meint, einen guten E-Lehrplan entwickelt zu haben, oder wer eine Idee hat, wie man Lehrer für E-Learning weiterbilden sollte, kann sie in unseren 100 Pilotschulen, den Discovery Schools, mit ihren 50.000 Schülern und rund 2300 Lehrern umsetzen. Was hier klappt, funktioniert mit großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Entwicklungsländern.

Natürlich gab es gegen private Partnerschaften und den Reformprozess auch Widerstände – Lehrer, aber auch meine Mitarbeiter im Ministerium hatten Bedenken. Deshalb haben wir ein Anreizsystem etabliert, das Reformwillige belohnt. Jeder Lehrer muss zum Beispiel den internationalen Computer-Führerschein machen (ICDL), der in mehr als 140 Ländern als Standard für Computerkenntnisse gilt. Wer darüber hinaus Fortbildungen macht und bereit ist, in Positionen zu arbeiten, die im Zug der Reformen neu entstehen, wird befördert und besser bezahlt. Wir haben das System also von innen verändert – und gleichzeitig versucht, den Blick fürs Ganze zu behalten.

Die jordanische Bildungsinitiative unterstützt und ergänzt eine bereits laufende nationale Reform, die parallel zur Entwicklung der E-Lehrpläne die nötige Infrastruktur schaffen soll. Jede Schule hat heute bis zu vier Computerlabors, mit je rund 20 Rechnern. 2000 Schulen sind schon per ADSL-Technik vernetzt. Bis 2006 sollen alle öffentlichen Schulen und Universitäten per Breitband-Netzwerk miteinander verbunden sein.

Daneben müssen wir uns auch um ganz elementare Dinge kümmern. Wir renovieren Schulen und bauen neue Gebäude, um die Klassengröße von heute 50 Schülern auf unter 30 zu drücken. Auch frühkindliche Bildung ist uns wichtig. Öffentliche Kindergärten gab es bislang nur in den Städten. Bis 2008 soll es für gut 50 Prozent aller Kinder über drei Jahre einen Platz in einem öffentlichen Kindergarten geben. Das wird auch die Mütter entlasten. Im Moment sind nur 14 Prozent der Frauen berufstätig.

Aufgrund unserer guten Projekt-Erfahrungen finden wir bereits Nachahmer. Die palästinensische Autonomiebehörde hat schon ein ähnliches Programm eingeleitet, in Ägypten wird es diskutiert. Kürzlich habe ich auch den Bildungsminister des indischen Bundesstaats Rajasthan beraten.“

Die Programm-Manager
Majied Qasem, Andreas Cox

Majied Qasem und Andreas Cox leiten gemeinsam das Programm-Management-Büro in Amman. JEI-Programm-Direktor Qasem wurde von der Regierung Jordaniens berufen, JEI-Programm-Manager Cox von seinem Arbeitgeber Computer Associates für diese Aufgabe entsandt. In ihrem Team arbeiten jordanische Regierungsmitarbeiter gemeinsam mit Kollegen, die Cisco und Microsoft freigestellt oder deren Stellen die Konzerne finanziert haben.

Qasem: „In der ersten Phase des Projektes, also in den vergangenen zwei Jahren, haben wir die Zusammenarbeit der verschiedenen Partner koordiniert und sie bei der Entwicklung ihrer Konzepte unterstützt. Seit einigen Monaten sind wir in Phase zwei: Jetzt organisieren wir vor allem die Umsetzung der Konzepte in den Pilotschulen. Wir sind dafür verantwortlich, dass auf den verschiedenen Baustellen alles nach Plan läuft. Sind die Firmen bei der Entwicklung der E-Lehrpläne im Zeitplan? Wird die Technologie rechtzeitig installiert und getestet? Ist der Schulungstermin für die Lehrer richtig gewählt? Er darf nicht zu früh liegen, sonst haben sie ihr neues Wissen vergessen, wenn sie es das erste Mal anwenden sollen.“

Cox: „Daneben müssen wir ständig Lösungen für neue Probleme finden. Manche Schulen sind zum Beispiel mit tollen IT-Laboren ausgestattet, aber sobald das erste Mal alle Computer laufen, bricht die Elektrizitätsversorgung zusammen, weil das Stromnetz nur auf ein paar Deckenlampen ausgerichtet ist. Bis September 2006 werden die meisten E-Learning-Lehrpläne in allen Pilotschulen eingeführt sein. Dann wird das Bildungsministerium die Verantwortung übernehmen.“

Qasem: „Unsere Arbeit hat sich in den vergangenen zwei Jahren sehr verändert. Heute setzen wir viel um, am Anfang waren wir vor allem Anlaufstelle für potenzielle Partner aus der Wirtschaft, die sich beteiligen wollten. Die meisten haben natürlich handfeste Geschäftsinteressen. Völlig legitim, solange sie den Gesamtprozess vorantreiben und nicht nur auf eine kurzfristige Abzocke zielen. Das Projekt soll Partner zusammenführen, die in Kauf nehmen, dass sich ihr Einsatz eventuell erst in fünf bis zehn Jahren auszahlt. Jordanien ist mit einer Bevölkerung von 5,8 Millionen Einwohnern als Absatzmarkt eher unbedeutend für die großen internationalen Partner. Wenn die ihre Erfahrungen aus dem Land aber auf die Länder der Region übertragen können, sieht die Rechnung schon anders aus. Der Mittlere Osten stellt mit einer Bevölkerung von mehreren hundert Millionen Menschen ein riesiges Geschäftspotenzial dar. Wer sich in Jordanien engagiert, hat gute Chancen, sich und seine Marke rechtzeitig zu positionieren.“ 

Cox: „Wir schreiben den Partnern ihr Engagement nicht vor. Microsoft hat in die jordanische Firma Menhaj investiert, die E-Learning-Software entwickelt. Cisco Systems bringt sich dagegen über sein Cisco Learning Institute und dessen Kooperation mit der jordanischen Firma Rubicon stärker in die inhaltliche Entwicklung neuer Lehrpläne ein. Auf verschiedene Arten fließen also Geld und Know-how nach Jordanien.“ Qasem: „Wir haben auch gelernt, dass Reformen nur eine Chance haben, wenn es klare Verantwortungen gibt. Im Rahmen der JEI sollten ursprünglich nicht nur für Schulen, sondern auch für die Erwachsenenbildung E-Learning-Konzepte entwickelt werden, ebenfalls auf Basis von PPPs. Die Firmen waren durchaus interessiert, doch auf Regierungsseite gab es weder eine klar formulierte Politik dazu, noch war geregelt, wer zuständig sein sollte. Das Ergebnis: Die potenziellen Wirtschaftspartner konnten sich nicht zielgerichtet engagieren, und in zwei Jahren ist nichts passiert.“

Der amerikanische Geschäftspartner
David Alexander

Neben Hardware bietet Cisco Systems seit einigen Jahren auch E-Lernprogramme an, über die sich Schüler und Studenten IT-Kenntnisse aneignen können, für die es heute auch Standardzertifikate gibt. Das Cisco Learning Institute – ein gemeinnütziger Ableger des Konzerns – unterstützt das Cisco Networking Academy Program und macht dabei gewonnenes Wissen international nutzbar. Gemeinsam mit dem jordanischen Unternehmen Rubicon hat es den E-Mathematik-Lehrplan für die Klassen eins bis zwölf in Jordanien entwickelt. Alexander ist Chef des Cisco Learning Institute. 

„Die JEI ist ein einzigartiges Projekt. Anders als sonst üblich, ist in Jordanien der Einsatz von Computern im Lehrplan verankert. Für uns eine großartige Chance, Erfahrungen zu sammeln.

Das gilt auch für unsere Zusammenarbeit mit den jordanischen Partnern. Die Aufgabenteilung war sehr klar: Wir waren für das pädagogische Know-how zuständig und für einen Lehrplan, der internationale Best-practice widerspiegelt, mit Anleihen aus Singapur, Korea, Großbritannien, den USA und Kanada. Das jordanische Bildungsministerium hat mehr als 20 Pädagogen und eigene Mitarbeiter freigestellt, die dieses Know-how in praktische Arbeitsanweisungen für die Lehrer umwandeln sollten. Während des Projektes saßen alle mit im Büro unseres jordanischen Partners Rubicon, der für die technologische Umsetzung der E-Lehrpläne verantwortlich war. Ohne lokale Partner hätten wir das kaum geschafft. Rubicon kannte die Abläufe in und zwischen den Ministerien und wusste, was zu tun war, damit die an der Spitze ausgehandelten Verträge auch wirklich umgesetzt werden konnten.

Zudem kannte Rubicon natürlich das jordanische Schulsystem viel besser. Bisher haben die Schüler vor allem auswendig gelernt. Ihr Wissen anzuwenden fällt ihnen dagegen schwer. Der neue Lehrplan soll diese Schwäche ausgleichen. Statt zu pauken, sollen die Schüler mathematische Phänomene entdecken und in diesem Prozess entscheiden, welche Formeln sie dabei am besten benutzen. So wird Wissen verstanden und kann auch besser behalten und auf andere Situationen angewandt werden.

Damit muss sich auch die Rolle der Lehrer ändern. Wir verfolgen die konstruktivistische Methode: Der Lehrer soll das Vorwissen der Schüler aktivieren, erweitern und sie mit neuen Ideen konfrontieren. Die Schüler konstruieren darauf aufbauend das neue Wissen selbst. Plötzlich ergeben dann auch mathematische Konzepte für sie einen Sinn.

Am Anfang tun sich die Lehrer relativ schwer. Die Arbeit am Computer verstehen sie meist schnell. Es fällt ihnen aber nicht leicht, ihr neues Wissen in den Unterricht zu integrieren. Deshalb helfen wir mit detaillierten Vorgaben. Unser Material gibt vor, wie viele Unterrichtsstunden sie für bestimmte Lektionen einplanen sollten. Und ein Unterrichtsplan erklärt ihnen, welche interaktiven Medien sie daneben noch einsetzen können, um bestimmte Probleme zu veranschaulichen. Für schnelle Schüler gibt es Extraaufgaben.

Wir verfahren nach dem Prinzip ‚train the trainer‘. Wir bilden einige Lehrer also sehr intensiv in der Nutzung der neuen Technologie aus, sie geben ihr Wissen dann an Kollegen weiter. Zudem sollten sie aber auch im Selbststudium lernen, um das Tempo für sich bestimmen zu können. Ein Internetanschluss genügt.

Trotz aller Probleme sind unsere Erfahrungen super. Uns reizt natürlich auch, dass wir das Konzept relativ einfach exportieren können. Das Potenzial ist ja enorm. Wir haben die arabische Mathematik-Version für Jordanien entwickelt, aber die arabische Liga hat immerhin 21 weitere Mitglieder.“ 

Der jordanische Geschäftspartner
Isam Ayoubi

Die jordanische IT-Firma Rubicon, die E-Learning-Konzepte entwickelt, residiert mit ihren rund 200 Mitarbeitern in einem modernen Hochhaus. Drinnen arbeiten hippe junge Jordanier im Großraumbüro. In einem klimatisierten Einzelbüro sitzt Isam Ayoubi hinter einem schlichten Holzschreibtisch. Der ehemalige Mathematik-Professor ist Chief Technical Officer des Unternehmens.

„Wir haben eine aufregende Zeit hinter uns. Immerhin haben wir in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Cisco Learning Institute 1200 E-Mathematik-Unterrichtspläne konzipiert und programmiert, die rund 2200 jeweils 45-minütige Unterrichtseinheiten abdecken. Ein riesiges Projekt. Wir haben rund 70 neue Mitarbeiter eingestellt, brauchten dringend neue Büros, hatten aber keine Zeit umzuziehen, da wir das Projekt innerhalb eines Jahres beenden mussten. Also mieteten wir zusätzliche Flächen im gleichen Gebäude an. Bauarbeiter rissen Wände ein, während die Kollegen geschuftet haben. Chaos pur. Das Team hat oft 50 bis 70 Stunden pro Woche gearbeitet, anders war es nicht zu schaffen.

Es war das erste Mal seit unserer Firmengründung 1994, dass wir gleichzeitig mit der jordanischen Regierung und mit einem internationalen Unternehmen zusammengearbeitet haben. Das hat uns sehr geholfen, weil ein globaler Partner unsere Glaubwürdigkeit extrem gesteigert hat.

Das Projekt ist für uns eine große Chance, viel über den Markt zu lernen. Die 100 Pilotschulen liegen alle in Amman. In solchen Metropolen Hightech-Projekte zu implementieren ist inzwischen keine Kunst mehr. Wirklich spannend wird es erst, wenn E-Learning auch in den ländlichen Gegenden eingeführt wird. Da gibt es technologische, aber auch kulturelle Barrieren: Wie bringe ich Bauern, Beduinen oder Nomaden den Umgang mit und das Lernen an Computern bei? Da gilt es auch für alle beteiligten Partner noch viel zu lernen. Und Wettbewerbsvorteile zu sichern. In der arabischen Welt gibt es viele ländliche Regionen – in Palästina, Ägypten und etlichen anderen Ländern. Das sind große, bislang noch vollkommen unerschlossene Exportmärkte. Unsere Investitionen in die Entwicklung des E-Mathematik-Lehrplans für Jordanien werden sich erst rechnen, wenn wir ihn exportieren können. Zwei weitere Länder müssen das Konzept übernehmen, dann wird das Projekt für uns profitabel – vorausgesetzt, wir machen jeweils Umsätze von rund vier Millionen US-Dollar. Ich bin mir sicher, dass wir das schaffen. Aus meiner Sicht hat sich das Projekt auf jeden Fall gelohnt.“

Die NGO-Chefin
Tania Jordan

NetCorps organisiert ein einjähriges Praktikums-Programm für junge Jordanier, die an der Verbreitung von IT in ihrem Land mitwirken. Für Absolventen eines IT-Studiums ist es oft die erste Arbeitserfahrung. Die Organisation expandiert kräftig.

„Es wird viel über die digitale Kluft zwischen den Entwicklungsländern und der ersten Welt geredet. Die Unterschiede in den Entwicklungsländern selbst, die immer größer werden, vergessen viele dagegen. Auf dem Land haben die meisten Kinder noch nie in ihrem Leben einen Computer gesehen. Selbst in den Städten hängt viel davon ab, ob sie in öffentliche oder in gebührenpflichtige private Schulen gehen, die technisch wesentlich besser ausgestattet sind. Das ist einer der Gründe, warum wir die Initiative unterstützen. E-Learning muss in die öffentlichen Schulen. Daneben begrüßen wir, dass auch die jordanische IT-Industrie von der Bildungsinitiative profitiert. Wir brauchen mehr Arbeitsplätze im Land, um den Brain Drain zu stoppen.

Unser Beitrag im Rahmen der PPPs liegt in der Arbeitskraft unserer Praktikanten. Sie werden von uns bezahlt, arbeiten aber als Helfer in Projekten, die wir unterstützen wollen. Das Programm beginnt mit einer Schulung, die mehrere Monate dauern kann, je nachdem, für welche Aufgabe wir die Praktikanten eingeplant haben.

Lange bereiten wir sie etwa auf den Einsatz in ‚Wissens-Stationen‘ vor – öffentliche IT-Lernzentren, von denen es in Jordanien rund 100 gibt, vor allem auf dem Land. Sie sind so platziert, dass jeder Jordanier eine von ihnen innerhalb von 40 Minuten mit dem Auto erreichen kann. Sie stehen jedem offen und haben ein breites Angebot: Man kann mithilfe von IT Englisch lernen oder Fähigkeiten für eine Unternehmensgründung erwerben. In den Wissens-Stationen haben wir bislang mehr als 100 Praktikanten platziert.

In den Pilotschulen der JEI sind es jetzt 22. Jeder von ihnen soll für maximal fünf Schulen zuständig sein und den Lehrern helfen, sowohl technische als auch emotionale Barrieren bei der Anwendung der neuen Lehrmethoden zu überwinden. Veränderungen beginnen im Kopf. Wenn die Lehrer sich nicht auf die technischen Veränderungen einlassen, wird das Projekt misslingen.“ 

Der Praktikant
Mohammed Al-Zghoul

Mohammed Al-Zghoul arbeitet seit vier Monaten bei NetCorps. Die Arbeit in der JEI-Pilotschule, wo er Lehrer auf E-Learning vorbereitet, ist der erste praktische Einsatz des 24-Jährigen.

„Ich habe vier Jahre lang Computer Information Systems studiert, seit März bin ich fertig. Auf meine rund 40 Bewerbungen habe ich nur vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommen, aber das ist ein Anfang. Als Praktikant unterstütze ich jetzt die Einführung der E-Learning-Lehrpläne in den JEI-Pilotschulen. Ich helfe, dort die Technik zu installieren, berate Lehrer bei Problemen in der Bedienung. Und lerne dabei jede Menge, wozu ich wahrscheinlich in einer anderen Stellung Ewigkeiten bräuchte.

Ich bin das jüngste von fünf Kindern. Bis auf eine Schwester, die als Übersetzerin in der amerikanischen Botschaft in Amman arbeitet, sind alle Geschwister im Ausland. Mein ältester Bruder unterstützt die Familie finanziell. Das ist nötig, obwohl meine Eltern relativ gut verdienen. Mein Vater ist Ingenieur und arbeitet als Professor für Landwirtschaft in einer privaten Universität. Meine Mutter hat einen Job im Duty Free Shop im Flughafen von Amman. Meine Familie hat mir auch mein Studium bezahlt, das hat 14.000 Dinar (rund 16.000 Euro) gekostet. Es würde ewig dauern, das zurückzuzahlen. Im IT-Sektor verdient man als Anfänger so um die 300 Dinar (rund 340 Euro), nach ein paar Jahren steigt das Gehalt auf 500 bis 600 Dinar.

Zurzeit verdiene ich etwa 200 Dinar monatlich. Das ist ganz okay, ich wohne ja noch bei meinen Eltern und muss auch keine Miete zahlen. 

Natürlich könnte ich im Ausland viel mehr verdienen. Aber ich würde lieber hier bleiben. Ich glaube fest daran, dass ich einen gut bezahlten Job finde. Deshalb spare ich auch nicht. Warum auch? Jordanien hat bestimmt eine gute Zukunft vor sich. Vor zehn Jahren war alles viel schlechter, die Straßen hatten riesige Schlaglöcher, es gab kaum Brücken. Damals war ich zwar noch ein Kind, aber ich kann mich gut daran erinnern. Jetzt boomt das Land. Und ich stecke mitten in dieser Aufbruchstimmung.“

Die Lehrerin
Nowar Noreldeen Eftieha

Die Mädchenschule Iskan Al-Jam’a mit mehr als 1000 Schülerinnen liegt in einem gutbürgerlichen Bezirk von Amman. Sie ist eine der 100 Pilotschulen der jordanischen Bildungs-Initiative. Nowar Noreldeen Eftieha und ihre Kolleginnen testen seit einigen Monaten den neuen E-Mathematik-Lehrplan.

„Ich hatte immer Angst vor Computern, weil ich fürchtete, sie kaputtzumachen. Vor fünf Jahren habe ich dann aus Neugier einen Kurs belegt. Leicht fällt mir die Arbeit am Rechner immer noch nicht. Wir haben zwar Schulungen bekommen, aber als es dann Ernst wurde mit dem E-Mathe-Lehrplan und ich im Unterricht Probleme hatte, wusste ich nicht, wen ich fragen sollte. Inzwischen helfen mir die Mädchen, die kennen sich besser aus als ich. Am Anfang fand ich das komisch, jetzt habe ich mich daran gewöhnt.

Ich bin immer wieder erstaunt, was die Schülerinnen schon können. Aber sie haben auch Gelegenheit zu üben. Nur vier von 45 Mädchen müssen ihre Hausaufgaben in der Schule machen – bei allen anderen gibt es zu Hause einen Computer. Anhand einer Schule und ihres Schattens sowie des Schattens eines Holzstocks sollten sie kürzlich die Länge des Stocks berechnen. Einfacher Dreisatz also. In der Gestaltung waren sie frei. Wahnsinn, was sie alles fabrizierten. Manche kamen mit extrem aufwändigen grafischen Darstellungen. Faule Mädchen wurden plötzlich fleißig. Ich dagegen habe mitunter schon Schwierigkeiten, die Präsentationen zu öffnen.

Meine Schülerinnen finden E-Learning toll und sind immer ganz aufgeregt, wenn wir den Computer im Mathe-Unterricht benutzen. Für uns Lehrerinnen ist ihre Begeisterung auch eine Gefahr, und zwar immer dann, wenn wir keine Internetverbindung bekommen. Das passiert oft, am Anfang bei der Hälfte aller Versuche, inzwischen vielleicht bei 30 Prozent. Manchmal haben wir drei Wochen lang keine Verbindung. Das ist für viele eine große Enttäuschung. Und ich brauche immer lange, sie wieder zu motivieren – für den Unterricht mit dem alten Lehrbuch.

Klar, dass wir deshalb immer wieder versucht sind, den Unterricht auf die herkömmliche Art zu gestalten. Solange die Technik nicht wirklich funktioniert, habe ich keine große Lust, mir erfolglos die Zeit um die Ohren zu schlagen und dafür nicht einmal Anerkennung zu bekommen.

Der Lehrerberuf ist in Jordanien nicht besonders angesehen. Nach fast zehn Jahren Erfahrung verdiene ich 370 Dinar (rund 422 Euro). Ich habe sieben Jahre studiert, außerdem noch einen drei-ährigen Master-Studiengang gemacht. Der hat mich 5000 Dinar (rund 5700 Euro) gekostet, meine kompletten Ersparnisse. Das war nur möglich, weil ich meinen Eltern keine Miete zahle, nur manchmal einen Zuschuss für Strom. Mein Gehalt würde natürlich nicht reichen, um eine Familie zu ernähren. Eine Drei-Zimmer-Wohnung kostet in Amman 150 Dinar. Viele Frauen weigern sich deshalb auch, einen Lehrer zu heiraten. Die verdienen einfach zu wenig. Für uns ist es einfacher. Als Lehrerin hat man sogar recht gute Chancen auf dem Heiratsmarkt, weil man relativ viel zu Hause ist, während andere berufstätige Frauen den ganzen Tag weg sind. Der Beruf zählt halt nicht viel. Egal, ich liebe ihn trotzdem.“

Die Schülerinnen
Lena Abbad, Amani Muaz, Hayat Fuad

Amani trägt ein weit ausgeschnittenes, körperbetontes rotes T-Shirt und enge Jeans, Hayat ein braves Polohemd. Lena ist verschleiert. Alle drei sind 15 Jahre alt. Eben haben sie eine Unterrichtsstunde im Computer-Labor beendet. Wie ist es gelaufen?

Lena: „Geht so. Ich finde den Computer zwar interessant, aber nur, wenn man ihn richtig einsetzt. Das tun die Lehrerinnen nicht wirklich. Eigentlich werfen sie fast immer ein Schaubild an die Wand und ziehen den Unterricht so durch wie früher. Sie machen vor, wie man die Technologie benutzt. Das weiß ich aber schon lange und wahrscheinlich besser als meine Lehrerinnen.“

Hayat: „Ich sitze am Rechner, seit ich zehn bin. Inzwischen haben meine Eltern das Modell dreimal gewechselt. Ich habe viel von meinen Geschwistern gelernt, Photoshop zum Beispiel und die Computersprache HTML. Das Übliche kann ich sowieso schon lange: Powerpoint, Word und Excel. Manchmal bringe ich meiner Mutter ein paar Sachen bei, auch wie sie im Internet surfen und Computerspiele öffnen kann. Inzwischen ist sie von den Spielen schon fast besessen.

Hin und wieder macht der Unterricht auch Spaß. Neulich hat eine von uns eine Frage gestellt, für deren Antwort die Lehrerin zu einer früheren Stelle ihrer Stunde zurückmusste. Ein paar Mausklicks, und schon war sie wieder an dem Punkt, den sie an der Tafel längst weggewischt hätte. Das finde ich toll. Und wenn ich in Mathe eine Textaufgabe lösen muss, in der es zum Beispiel um Südafrika geht, und ich mich plötzlich frage, wie groß eigentlich Südafrika ist, schaue ich schnell im Internet nach. So lerne ich quasi nebenher viel mehr als früher.“

Lena: „Ich finde es jedes Mal super, am Computer Aufgaben zu lösen. Da kann ich Dinge ausprobieren, ohne mich zu blamieren. Wenn ich ein falsches Ergebnis einer Mathe-Aufgabe in die Maske eingegeben habe, versuche ich es noch mal. Zwar wertet der Computer das aus, aber es hat niemand mitbekommen. Der Druck ist nicht so groß, und ich traue mich mehr. Das motiviert mich. Irgendwann will ich am Computer arbeiten – und es auch umsetzen. Ich will Architektin werden.“

Amani: „Wir müssen sowieso heiraten und tolle Mütter werden. So will es unsere Kultur.“ Hayat: „Heirat und Kinder sind nichts für mich. Alle sagen, nur das geht. Aber meine Eltern sind ziemlich liberal. Zwar hat meine Mutter meiner älteren Schwester verboten, in Italien zu studieren, obwohl sie ein Stipendium bekommen hätte. Aber sie darf alleine leben. Ich will selbstständig sein. Am liebsten will ich Fotografin werden und Stars porträtieren, am besten in den USA. Über die lese ich ganz viel im Internet.“ 

Der Unternehmensberater
Conor Kehoe

McKinsey hat die JEI Anfang 2005 evaluiert. Ein Berater-Team interviewte mehr als 30 Partner, studierte interne Dokumente und analysierte den bisherigen Projektverlauf. Conor Kehoe, Direktor im Londoner McKinsey-Büro, hat das Team geleitet.

„Länder, die einen Reformprozess anstreben, können von den Erfahrungen der JEI profitieren, egal, ob es dabei um den Bildungssektor oder andere öffentliche Bereiche wie etwa den Gesundheitssektor geht.

Wichtig ist, eine derart komplexe Initiative strukturiert anzugehen. Welche Ziele sollen erreicht werden? Was ist der gesellschaftliche Nutzen? Welche Vision kann Partner davon überzeugen, mitzumachen, und wer kann diese Vision am besten artikulieren? Welche Ressourcen sind nötig? Wie sollten die Kompetenzen unter den Partnern verteilt sein? Wer hält die Initiative zusammen? Wie sind Input und Output zu messen und zu bewerten? Wer koordiniert die Aktivitäten der Partner und leitet die Initiative?

Die JEI hat zur Beantwortung dieser Fragen Schlüsselerfahrungen geliefert.

Jordanien erfüllt die Grundvoraussetzungen: Das Land hat eine relativ offene Gesellschaft und eine strategisch günstige Lage. Es hat einen privaten IT-Sektor mit ausreichend Erfahrungen, um die Programme der JEI gemeinsam mit globalen Partnern voranzutreiben. Das sichert regionale Beteiligungen und Verantwortlichkeit und vereinfacht den Transfer von Wissen nach Jordanien.

Eine Initiative wie die JEI braucht zunächst renommierte Partner aus dem privaten und dem öffentlichen Sektor, die dem Projekt eine Initialzündung geben. So hat die JEI sehr von der Unterstützung durch den jordanischen König sowie John Chambers, den Vorstandsvorsitzenden von Cisco, profitiert. Internationale Organisationen und Foren, wie in diesem Fall das World Economic Forum (WEF), bieten eine Plattform, um die Vision zu kommunizieren. Im Rahmen der JEI koordiniert das WEF inzwischen die Arbeit der internationalen Partner des privaten Sektors und unterstützt die Expansion der Initiative in andere Länder. Internationale Geldgeber und die nationale Regierung sollten Lücken schließen, in denen sich der private Sektor nicht engagiert.

Wichtig ist, dass die Initiative die Stärken von Partnern aus unterschiedlichen Bereichen anzapft. Dazu müssen aber auch die Anforderungen und der Nutzen einer Beteiligung klar kommuniziert werden. Von den gut 40 gelisteten Partnern der JEI haben sich etwa zehn bislang kaum oder gar nicht beteiligt. Passive Mitglieder sollte man nach Möglichkeit von der Liste streichen. Auch die Art und die Höhe jedes Beitrags sollten kommuniziert werden. Transparenz kann die Marke der Initiative stärken und rechtzeitig Lücken aufzeigen – Bereiche etwa, in denen sich bislang kein Partner aktiv engagiert. Bei der Identifikation von Engpässen können auch Leistungsindikatoren helfen, die den Output messen. Im Idealfall definieren die Projektleiter zu Beginn des Projektes einen Bewertungsrahmen zur langfristigen Analyse, der in die Programmentwicklung integriert wird. Dies passiert in Jordanien erst jetzt.

Ein Pluspunkt der JEI war hingegen die dezentrale Organisation. Das Program Management Office vermittelt als zentrales kleines Team zwischen den Beteiligten. Die Umsetzung des Programms ist Aufgabe der Partner. Eine flache Hierarchie – die JEI ist eine Art ‚Marktplatz für Ideen‘. 

Die JEI hat drei Steuerungsmechanismen. Das Komitee der Interessenvertreter, an dem alle Partner teilnehmen, legt die Richtlinien fest. Die Steuerungs-Gruppe bringt Vertreter von aktiven Partnern aller Sektoren zusammen. Sie entscheiden über wichtige Fragen des operativen Geschäftes. Das dritte und wichtigste Gremium ist das leitende Steuerungs-Komitee. Ihm gehören der Bildungs- und der ICT-Minister Jordaniens an, aber auch zwei der wichtigsten internationalen Partner, Cisco Systems und Computer Associates. Das Komitee ist für übergreifende Projekt-Management-Entscheidungen zuständig, muss ausreichend Ressourcen sicherstellen und die strategische Leitung der Initiative festlegen.

Diese Leitungsstruktur der JEI hat die schnelle Expansion der Initiative erleichtert, mit einem Minimum an Bürokratie und einem Maximum an Flexibilität. Und doch haben sich im Laufe der Zeit Lücken gezeigt: Je mehr Partner sich beteiligten, desto weniger repräsentativ war das leitende Steuerungs-Komitee. Zudem waren einige der Führungskräfte außerhalb Jordaniens mitunter schwer greifbar. Bislang hat sich das Komitee nur dreimal getroffen – zu selten, um in den einzelnen Sitzungen alle Entscheidungen zu treffen, die dringend und wichtig gewesen wären.

Ein Projekt dieses Ausmaßes braucht Vertreter, die ausreichend Diensterfahrung und Zeit haben. Die Aufgabe des leitenden Steuerungs-Komitees sollte klar definiert sein, zudem sollten die Treffen ein Schlüsselthema haben. Der Vorsitzende sollte zumindest vierteljährliche Treffen einberufen und daneben ein System des regelmäßigen Austauschs etablieren. Ohne klare Steuerung und regelmäßige Treffen bleibt das beste Reformvorhaben hinter seinen Möglichkeiten.“ 

JORDANIEN IN ZAHLEN

Bevölkerung: 5,8 Millionen (2005)
Größe: 91.900 Quadratkilometer
Bevölkerungsdichte: 63 Menschen pro Quadratkilometer
Bevölkerung unter 15 Jahren: 34,5 Prozent (2003)
Bevölkerung (15 bis 64 Jahre): 61,7 Prozent (2003)
Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt: 1677 US-Dollar (2004)
Anzahl öffentlicher Schulen: 3071 (2004/2005)
Anzahl Schüler in öffentlichen Schulen: 1 .076.341 (2004/2005)
Anzahl privater Schulen: rund 1000
Analphabetismus bei über 15-Jährigen: 8,7 Prozent (2003)