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Fünf vor zwölf

Es war eine Sensation. Ende August wurde in Magdeburg die bundesweit erste dreisprachige Grundschule eröffnet. 46 Schüler lernen dort ganztags in Englisch und Französisch, Deutsch findet nur noch im Deutschunterricht statt. Die Innovation schaffte es in fast jede überregionale Zeitung, selbst der Tagesschau war die Eröffnung einen Bericht wert. Und nicht nur die Presse jubelte. Die Schule ist auf Jahre ausgebucht, Eltern meldeten ihre noch ungeborenen Kinder an, die Anmeldungen reichen bis ins Jahr 2011. Aber ist das wirklich ein Grund zum Feiern? Lernen Kinder Rechnen und Lesen besser in Französisch als in Deutsch? Ist eine dreisprachige Grundschule sinnvoller als eine einsprachige oder eine bilinguale, von denen es immerhin schon 62 in Deutschland gibt? Wer sagt das?




Der Jubel um Magdeburg macht vor allem Defizite deutlich. Wir wissen fast nichts darüber, was eine Schule zu einer guten Schule macht. Wir können auch den herausragenden Kindergarten nur schwer vom gewöhnlichen unterscheiden. Oder die Hochschule im Mittelfeld von der an der Spitze. Was wir sicher wissen: Im internationalen Vergleich sind wir schlecht. Die jüngste Pisa-Studie hat Deutschland im Wettbewerb der führenden Industrienationen wieder einmal auf die Plätze verwiesen. Seitdem reißen die Diskussionen um den Bildungsstandort nicht ab. Besser werden wir dadurch nicht. Wie auch? Solange nicht einmal klar ist, was gut ist.

Das ließe sich definieren und messen. Was wir dazu bräuchten? Zum Beispiel eine gemeinsame Vorstellung davon, was Bildung eigentlich sein soll. Wo sie beginnt. Wovon sie abhängt. Was sie befördert oder behindert. Wer sie braucht. Was sie uns wert ist. Und wie wichtig sie ist. Für den Einzelnen. Vor allem aber für einen Standort, der langfristig nicht viel mehr zu bieten hat als kluge Köpfe.

Wenn Deutschland den Anschluss an die Weltspitze nicht verlieren will, braucht das Land ein Bildungswunder, meint McKinsey. Ein System, das die Kultur und die Bedürfnisse der Deutschen berücksichtigt. Das aber jede Menge von den Erfahrungen anderer Nationen lernen kann.

Die Niederlande beispielsweise machen vor, wie sich die Leistung von Schulen erfassen und verbessern lässt. Die Pädagogen müssen sich eine Menge Kontrolle gefallen lassen – und erhalten im Gegenzug Freiheiten, von denen deutsche Lehrer nur träumen können (Seite 52). In Frankreich engagieren sich rund 200 Wissenschaftler seit Jahren in einem Projekt, das bei Lehrern und Schülern die Liebe zu den Naturwissenschaften wecken soll. La main à la pâte ist inzwischen so erfolgreich, dass es in die nationalen Lehrpläne aufgenommen wurde (Seite 18).

Der britische Premierminister Tony Blair hat gleich landesweit gedacht und baut überall in England Zentren auf, die Kinder und Eltern gleichermaßen betreuen – und langfristig die sozialen Probleme der Gesellschaft lösen sollen (Seite 24). Dahinter steht übrigens nicht allein die humane Idee. Investitionen in den Eltern-Kind-Bereich fließen mit einer Rendite von zirka zwölf Prozent in die Volkswirtschaft zurück.

Deutschland denkt noch. Diskutiert. Und beklagt die schlechten Bildungsergebnisse, statt den Prozess dorthin zu hinterfragen. Wir leisten uns ein Bildungssystem, das bis hin zur Zahl der Schultoiletten alles regelt – außer der Qualität.

Viel Zeit bleibt nicht mehr. Die Zukunft hat längst begonnen. Und Magdeburg ist nur ein Teil der deutschen Realität. In Hamburg hat ein Gericht gerade die Schließung einer Kita verfügt. Sie ist in einem Einfamilienhaus einquartiert und liegt an einer vierspurigen Straße, die täglich von 40.000 Autos befahren wird. Den Nachbarn waren die 38 Kinder, die jeden Tag anderthalb Stunden im Garten spielten, zu laut.