Partner von
Partner von

Der große Schnitt

Die Diagnose steht seit langem fest: Das deutsche Hochschulsystem ist krank. Während viele immer noch auf eine Wunderheilung hoffen, hat Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger den hanseatischen Hochschulen eine Radikalkur verordnet. In sieben Jahren, so der Plan, sollen sie wieder vor Gesundheit strotzen.




DAS PROJEKT

HWP. Die drei großen weißen Buchstaben hat Dorothee Bittscheidt im Arbeitszimmer ihrer Hamburger Wohnung aufgehängt, auf rotem Grund und schön gerahmt. Die Lettern zierten früher das Portal der Hochschule für Wirtschaft und Politik, deren Präsidentin Bittscheidt von 1999 bis Anfang 2005 war. Inzwischen haben die Buchstaben ausgedient. Zum Sommersemester 2005 verlor die HWP ihre Eigenständigkeit und wurde in die Universität integriert, als Teil der neu geschaffenen Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. „Immerhin haben wir erreicht, dass unsere Hochschule dort bis 2008 als eine eigene Einheit weiterexistiert“, sagt die 62-jährige Ex-Präsidentin. Sie selbst ist jetzt Pensionärin und unterrichtet nur noch vier Stunden wöchentlich in ihrem Fach Sozialwissenschaften.

Für Bittscheidt bedeutete die Auflösung der HWP einen grundlegenden Einschnitt – in der Hamburger Wissenschaftslandschaft ist das Ende der Fach-Universität nur eine von vielen radikalen Neuerungen. Die staatlichen Hochschulen der Hansestadt durchlaufen momentan ein Reformprogramm, das bundesweit einmalig ist und das die Struktur der lokalen Hochschullandschaft von Grund auf umpflügt. Der Umbau soll die hanseatischen Hochschulen vor dem Kollaps retten und sie in Forschung und Lehre wieder international konkurrenzfähig machen.

Initiator des radikalen Reformprogramms ist der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Er hatte nach seinem Amtsantritt 2001 angekündigt, dass er die Misere des Hochschulsystems der Stadt beheben wolle. Knapp ein Jahr später setzte er eine hochkarätige Expertenkommission ein, die – unterstützt von McKinsey & Company – ein Reformkonzept ausarbeiten sollte. Vorsitzender der Kommission war der frühere Bundesbildungsminister und Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (siehe Interview Seite 86). Dem zwölfköpfigen Gremium gehörten außerdem namhafte Vertreter aus Theorie und Praxis an.

Schon im Januar 2003 legten Dohnanyi und seine Mitstreiter ihr Konzept vor. Keine harmlose Wunschliste, sondern konkrete Vorschläge, die der Politik unmittelbare Handlungsorientierung geben. Das mehr als 120 Seiten dicke Reformwerk liefert einen strikten Zeitplan: Im Zieljahr 2012 soll Hamburgs Hochschulwelt wieder heil sein. Zudem listet das Team um Dohnanyi detailliert die Kosten für den Umbau auf. „Die Kommission baut keine Luftschlösser“, kommentiert Wissenschaftssenator Dräger, „jede Empfehlung ist quantifiziert, und am Ende steht eine schwarze Null.“

DIE URSACHEN

Eine Reform war dringend nötig, da sind sich sogar die Kritiker einig. Der Wissenschaftsstandort Hamburg war mit den Jahren ins Abseits geraten. In bundesweiten Rankings landeten die Hamburger Hochschulen in den vergangenen Jahren regelmäßig auf dem letzten Platz. Die hanseatischen Fachhochschulen und Universitäten sind chronisch überbevölkert und unterfinanziert – schon seit Jahrzehnten. Jahr für Jahr nehmen 11.000 Erstsemester in Hamburg ein Studium auf. Mit rund 40.000 Studenten zählt die Universität Hamburg zu den größten Hochschulen Deutschlands. Seit Ende der siebziger Jahre hat sich die Zahl der Studierenden in der Hansestadt verdoppelt.

Das Budget ist kontinuierlich geschrumpft. Allein in den Jahren 1995 bis 2001 büßten die Hamburger Hochschulen 15 Prozent ihrer Mittel ein. Die finanzielle Ausstattung ist schlecht, selbst im Vergleich mit anderen norddeutschen Bundesländern, in denen viele Hochschulen knapp bei Kasse sind. Im laufenden Jahr beträgt das Budget für alle Hamburger Hochschulen zusammen rund 623 Millionen Euro.

Während das Geld weniger wurde, blieb das Fächer-Angebot nahezu gleich – bei steigenden Studentenzahlen. Die Folge: Für die Studierenden stehen weniger Dozenten zur Verfügung, mit der mangelnden Betreuung verschlechtert sich ihre Motivation, immer weniger schließen ihr Studium überhaupt noch ab. So gibt es jährlich 11.000 Studienanfänger – aber nur 6000 Absolventen. Die große Masse der Neulinge sorgt dafür, dass sich vor Prüfungsämtern lange Schlangen bilden, dass Seminare und Vorlesungen bis in die letzte Reihe voll gestopft sind und dass die Professoren keine Zeit mehr für persönliche Gespräche haben.

DER REFORMER

Wissenschaftssenator Jörg Dräger kennt diese Zustände aus eigener Erfahrung. Der 37-Jährige studierte in der Hansestadt Physik und erlebte schon damals „eine Uni, die sich wenig für den Studenten interessiert“. Nach seinem Vordiplom ging Dräger 1991 als Stipendiat an die Cornell University in die USA – und kam mit Master und Doktortitel in Theoretischer Physik sowie einem „positiven Kulturschock“ zurück.

Als Geschäftsführer der Hamburger Elite-Universität Northern Institute of Technology (NIT) versuchte er zunächst im Kleinen, ein Klima wie in den USA zu schaffen. Einen Ort, der Studenten und Professoren stolz machen sollte. Wenig später wechselte er als jüngster Wissenschaftsminister Deutschlands in die Politik. Ein Quereinsteiger. Als Dräger im Oktober 2001 seinen Amtseid ablegte, betrat er das Hamburger Rathaus zum ersten Mal. Die FDP hatte den Parteilosen für den Posten des Wissenschaftssenators nominiert.

DAS PROGRAMM

Ein Parteibuch hat er bis heute nicht. Aber große Pläne. Kaum im Amt, plante Dräger seine Strukturreform, die Hamburg vom Schlusslicht zum Vorreiter in der deutschen Hochschullandschaft machen soll. Er erteilte der Expertenkommission klare Vorgaben. Ihre Vorschläge sollten „bei konstantem Budget die Qualität der Hochschulen durch Schwerpunktbildung verbessern, kontinuierliche Innovation ermöglichen, die Unterfinanzierung beheben und die Hochschulen stärker am gesellschaftlichen Bedarf orientieren“. Im Gutachten heißt das: die „Quadratur des Kreises – deutlich mehr Leistung bei gleich bleibenden finanziellen Ressourcen“.

Die Antwort des Expertengutachtens: Klasse statt Masse. Die Kommission schlug vor, die Zahl der Studenten zu verringern und ihnen dafür mehr Betreuung zukommen zu lassen, sodass der Anteil der Absolventen steigt. Bis 2009 soll die Zahl der Studienanfänger von 11.350 (Stand 2002) auf 9600 gesenkt werden. Gleichzeitig ist geplant, die Zahl der Absolventen von 6000 auf 6700 im Jahr 2012 zu erhöhen. Dieser Plan orientiert sich am Akademiker-Bedarf in der Region, der in dieser Zeit von 3900 pro Jahr auf voraussichtlich 6500 steigen wird.

Weniger Studienplätze, mehr Absolventen – dieses Kunststück ist nur zu schaffen, wenn die Zahl der Abbrecher drastisch reduziert wird. Die Kommission prophezeit, dass sich die so genannte Studienerfolgsquote, also der Anteil der Studienanfänger, die ein Studium auch tatsächlich abschließen, von 50 auf 70 Prozent erhöhen lässt: durch kürzere, straffer organisierte Studiengänge und durch eine bessere Betreuung der Studenten. Dazu soll zum Beispiel an den Universitäten die Unterrichtskapazität um durchschnittlich 40 Prozent aufgestockt werden. Das Personal dafür würde durch die sinkenden Studentenzahlen frei werden. Zudem sollen sich alle Dozenten künftig stärker auf die Lehre konzentrieren.

Die Studenten der Zukunft, so das Kalkül, studieren schneller, werden intensiver betreut – und sind damit motivierter, einen Abschluss zu machen. Mit einer höheren Motivation rechnet die Kommission aber auch, weil jede Hochschule sich ihre Studenten künftig selbst auswählen kann. Und wer einmal ein schwieriges Auswahlverfahren durchlaufen hat, wird sein Studium vermutlich mit mehr Antrieb bis zum Ende durchziehen.

Mit Blick auf die Auswahl will die Kommission auch den Wettbewerb unter den Hochschulen fördern. Leistung soll sich wieder lohnen – zum Beispiel die Leistung, einen Studienanfänger bis zum Examen zu führen. Künftig wird sich das Budget einer Hamburger Hochschule nicht mehr nach der Zahl ihrer Studenten richten. Stattdessen erhält sie 85 Prozent ihrer Mittel abhängig davon, wie viele Absolventen sie ins Berufsleben entlässt. Auch das, meint die Expertenkommission, wird den Anteil der Absolventen und damit die Effizienz der Hochschule erhöhen.

Die flächendeckende Einführung des Bachelor-/Master-Studiensystems in Hamburg soll das Studium beschleunigen helfen. Der Bachelor-Abschluss, der je nach Studiengang in drei oder vier Jahren erreicht wird, ist inhaltlich breit angelegt und berufsqualifizierend. Die Universitäten könnten also nach nur wenigen Jahren bereits die ersten Studenten ins Arbeitsleben entlassen. Wer sich danach an der Hochschule weiter spezialisieren und ein ein- bis zweijähriges Masterstudium machen will, muss erneut eine Aufnahmeprüfung machen. Die bisherigen Magister- und Diplomstudiengänge werden dadurch zu Auslaufmodellen.

Aber nicht nur Form und Qualität des Studiums sollen sich ändern. Auch die Hochschullandschaft wird in Teilen neu gestaltet, denn sie ist nach Ansicht der Kommission „zu kleinteilig parzelliert“. So betreiben die verschiedenen staatlichen Hochschulen zahlreiche Institute, die sich teilweise mit ähnlichen Themen befassen. Sie werden künftig zu größeren Einheiten zusammengefasst, die dann Fakultäten genannt werden und sich auf wenige Forschungsschwerpunkte konzentrieren. Im Gegenzug erhalten die neuen Fakultäten ein hohes Maß an Autonomie, zum Beispiel bei der Gestaltung von Studiengängen oder bei der Personalplanung.

Die Gründung der neuen Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg war ein erster großer Schritt auf diesem Weg. Seit Februar 2005 lebt in ihr die ehemalige HWP weiter. Daneben werden durch das Zusammenfassen von Angeboten aus verschiedenen Hochschulen aber auch ganz neue Einheiten entstehen, etwa die HafenCity Universität Hamburg, in der die Bau-Studiengänge gebündelt werden.

Weniger Studenten, bessere Betreuung, mehr Absolventen, mehr Wettbewerb und mehr Autonomie, kurzum: bessere Leistung bei gleichen Kosten – für ihr Reformprogramm erntete die Kommission viel Lob. So schrieb etwa die Wochenzeitung Die Zeit: „Zwar hat man jede Reformidee bereits irgendwo gelesen. Doch als geschlossenes Gesamtkonzept für einen großen Hochschulstandort werden sie das erste Mal präsentiert. Damit liefert das 120-Seiten-Gutachten eine Blaupause, wie Studium und Forschung in Zukunft auch anderswo in Deutschland organisiert sein könnten.“

DAS MODELL

Beim Ausarbeiten des Konzepts hatte die Kommission professionelle Unterstützung. Senator Dräger hatte über eine Ausschreibung einen Auftrag an McKinsey vergeben. „Unsere Aufgabe war es, die Kommission entscheidungsfähig zu machen“, sagt der damalige Projektleiter Martin Jörß, der inzwischen Klienten in China berät.

Jörß war für den Job in Hamburg prädestiniert. Wie der Senator studierte auch der Unternehmensberater einst Physik in Hamburg und saß nach seiner Promotion von 1993 bis 1996 für die Grünen in der Hamburger Bürgerschaft. In seiner Fraktion war er für Wissenschaft zuständig und als Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses mit allen anstehenden Fragestellungen des Projektes „aus einer anderen Perspektive vertraut“.

Jörß und seine Kollegen bereiteten der Kommission alle notwendigen Fakten auf. Die Berater analysierten den Arbeitsmarkt und die voraussichtlich entstehenden Kosten der Reform. Vor allem aber entwickelten sie ein komplexes Rechenmodell, das alle beteiligten Institutionen und Faktoren berücksichtigte. Dieses Modell zeigte an, wie sich Strukturen und Kosten veränderten, wenn die Reformer an einzelnen Stellrädchen drehten. So konnten die Kommissionsmitglieder zum Beispiel en détail ablesen, wie viele neue Dozenten notwendig werden würden, wenn sie zwei Institute zu einem neuen fusionierten, das dann eine bestimmte Anzahl Absolventen in einer bestimmten Zeit liefern sollte.

DIE KRITIK

Dräger und Dohnanyi ernteten mit ihrem Reformprogramm nicht nur Lob. Bei tiefgreifenden Veränderungen gibt es naturgemäß Kritiker. Und für die ist Jörg Dräger ein rotes Tuch. Einmal, während einer Podiumsdiskussion über die Hochschulreform in der Universität, stürmte ein maskierter Student aufs Podium und warf dem überraschten Wissenschaftssenator eine Erdbeertorte ins Gesicht.

Andere äußern ihre Kritik sachlicher. Die Ex-HWP-Präsidentin Dorothee Bittscheidt etwa hat lange gegen die Eingliederung ihrer Hochschule in die Universität gekämpft. Nicht, weil sie die Reformbedürftigkeit des Hamburger Hochschulwesens nicht gesehen hätte. Sie fürchtet, dass das, was die HWP bisher ausgezeichnet hat, auf der Strecke bleibt. Zum Beispiel der Hochschulzugang ohne Abitur, über den 40 Prozent der knapp 3000 Studenten an die HWP gelangten. Oder deren hohe Motivation, die sich in der niedrigen Abbrecher-Zahl spiegelt. „Mit einer Studienerfolgsquote zwischen 76 und 80 Prozent lagen wir an der Spitze der Hamburger Hochschulen“, sagt die ehemalige Präsidentin stolz.

Bei ihren Kollegen gibt es dagegen vor allem Streit um die Frage, welche Fakultäten Studienplätze streichen sollen – und damit weniger Geld bekommen, weil sie in Zukunft weniger Absolventen haben werden. An den Streichungen führt kein Weg vorbei. Bei einem konstanten Budget bedeutet eine höhere Betreuungsintensität – soweit sie nicht durch kostengünstigere Lehrkräfte erreicht werden kann – fast zwangsläufig einen Abbau von Studienplätzen. Hätte Dräger an allen Stellen gleichmäßig gestrichen, hätte er sich vermutlich eine Menge Ärger erspart. Doch er wollte die Hochschulen stärker am gesellschaftlichen Bedarf orientieren. Konkret: am voraussichtlichen Arbeitskräftebedarf der Metropolregion Hamburg im Jahr 2012.

Die Dohnanyi-Runde sagt in ihrem Papier klipp und klar, wo sie diesen Bedarf künftig vermutet: „Die Kommission (...) geht von einer Erhöhung der Zahl der Absolventen bei den Ingenieur-, Natur-, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften sowie einer Reduzierung der Absolventenzahlen in den Bereichen Architektur, Kunst und Musik, den Sozialwissenschaften, den Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften sowie den Rechtswissenschaften aus.“

Kein Wunder, dass der Protest an den Fakultäten und Instituten der Geistes- und Kulturwissenschaften besonders heftig war. Zwar bescheinigt der Universitäts-Präsident Jürgen Lüthje dem Dohnanyi-Gutachten „interessante Anstöße zur Weiterentwicklung des Hamburger Hochschulsystems“. Die alleinige Orientierung am Arbeitskräftebedarf der Stadt Hamburg hält er jedoch für einen großen Fehler. „Die Universität Hamburg nimmt vor allem in den Kulturwissenschaften mit einem Angebot, das mehr als hundert fremde Sprachen und Kulturen erfasst, zum Teil nationale und europäische Aufgaben wahr“, sagt Lüthje.

Ähnlich kritisch sieht er die Arbeitsmarktprognosen für die Geistes- und Kulturwissenschaften. „Diese Wissenschaften haben keine fachspezifischen Arbeitsmärkte, stattdessen suchen sich die Absolventen ihre Arbeitsplätze selbst“, sagt Lüthje. Es handle sich um die Gruppe von Absolventen, die am flexibelsten auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagiere – und ausgerechnet diese Gruppe solle künftig kleiner werden.

Das Bologna-Protokoll

Seit Mitte der neunziger Jahre mehren sich in Politik, Wirtschaft und den Hochschulen die Forderungen nach einem grundlegenden Wandel des deutschen Hochschulwesens. Entscheidend beschleunigt wurde dieser Reformprozess 1999 durch das so genannte Bologna-Protokoll. In dem Papier haben 29 europäische Bildungsminister die Eckpunkte einer einheitlichen Studienstruktur festgelegt. Das Bologna-Protokoll sieht dafür einen festen Zeitrahmen vor: Bis 2010 soll der europäische Hochschulraum weitgehend harmonisiert sein. Dann wird es nach dem Willen der Minister in allen Unterzeichnerstaaten zum Beispiel vergleichbare Abschlüsse und eine gestufte Studienstruktur mit Bachelor- und Master-Abschlüssen geben. In Deutschland sind Bachelor und Master seit 2001 gesetzlich als Regelabschluss vorgegeben.

DIE UMSETZUNG

Trotz aller Kritik – Jörg Dräger hat die Kommission beim Wort genommen. Und keine Zeit verloren. Nachdem er den Bericht vom Januar 2003 mit den einzelnen Hochschulen diskutiert hatte, verabschiedete der Senat bereits im Juni 2003 die „Leitlinien für die Entwicklung der Hamburger Hochschulen“. Dräger erhob zentrale Vorschläge des Gutachtens zu verbindlichen Vorgaben, beispielsweise die Einführung des Bachelor-/Master-Studiensystems. Es folgten Verordnungen und Gesetze zu einzelnen Strukturmaßnahmen und Projekten. Inzwischen sind die wesentlichen Punkte des Kommissionspapiers in geltendes Recht umgesetzt.

Jetzt sind die Hochschulen gefordert, die Strukturen mit Leben zu erfüllen. Die neu geschaffenen Fakultäten haben bei der Einrichtung von Studiengängen und der Budget-Planung weitgehend freie Hand. Und sie machen von ihren Möglichkeiten regen Gebrauch. So forciert die Universität Hamburg zum Wintersemester 2005/ 2006 die Umstellung ihres Studienangebots auf das Bachelor-/Master-Studiensystem. Von den 114 Bachelor- und Master-Studiengängen, die die Hamburger Hochschulen zurzeit anbieten, sind allein 48 in diesem Jahr eingerichtet worden.

Auch die von der Dohnanyi-Kommission geforderte Erhöhung der Betreuungsintensität in den Bachelor-Studiengängen haben einige Hochschulen in einzelnen Fächern bereits umgesetzt. Bei den Betriebswirten stieg sie zum Beispiel um 98 Prozent – das heißt, das Unterrichtsangebot und der Umfang der Sprechstunden haben sich fast verdoppelt. Bei den Juristen beträgt der Zuwachs 70 Prozent, in den Geisteswissenschaften 57 Prozent. Gute Aussichten für die Pioniere, die dank besserer Betreuung demnächst mehr Absolventen vorweisen können: Die Finanzierungsregelung, nach der die Hochschulen den größten Teil ihres Budgets aufgrund der Absolventenzahlen erhalten, ist bereits in diesem Jahr in Kraft getreten.

DIE ZUKUNFT

Die neue Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften, kurz MIN-Fakultät genannt, wird zum Wintersemester 2005/2006 ihre Arbeit aufnehmen. Dann bietet sie die ersten Bachelor-Studiengänge in Biologie, Informatik und Holzwirtschaft an. Mit rund 10.000 Studenten wird die MIN-Fakultät eine der größten in Hamburg sein.

Arno Frühwald, Professor für Holzwirtschaft und derzeitiger Sprecher des Dekanats der Fakultät, ficht zwar noch den einen oder anderen Dissens mit der Wissenschaftsbehörde aus. Er ist jedoch davon überzeugt, dass die Hochschulen und vor allem die Studenten von der Reform profitieren werden. „Die Studienstruktur wird viel straffer und durchsichtiger werden, und die Studierenden werden besser geführt“, sagt er. „Es sind vor allem in den Bachelor-Studiengängen quasi rechts und links Leitplanken eingezogen.“ Anders als beim bisherigen Diplom, wo am Ende des Studiums ein halbes Jahr Dauerprüfungsstress angesagt war, sieht das Bachelor-/ Master-Studiensystem jeweils am Ende eines Semesters examensrelevante Prüfungen vor. Wer durch eine Klausur rasselt, hat maximal drei weitere Versuche – danach ist Schluss. Hart, aber fair, meint Frühwald. Denn so können sich Wackelkandidaten beizeiten anders orientieren. Zu Frühwalds Leitplanken gehört auch ein neues Mentorensystem. „Ein Professor bekommt im ersten Semester eine Gruppe von fünf oder sechs Studenten zugewiesen, und die hat er zu betreuen, bis sie mit ihrem Studium fertig sind“, erklärt er. Weil die Fakultät selbst entscheiden kann, wie sie Stellen besetzt, steige außerdem die Betreuungsintensität in den Veranstaltungen. Denn künftig kann Frühwald „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ einstellen. Die müssen 16 Stunden pro Woche lehren – ein Professor muss das bisher nur acht Stunden pro Woche tun, und er ist zudem teurer.

Ab Herbst 2006 wird die MIN-Fakultät auch ein eigenes Aufnahmeverfahren durchführen. Studieren darf dann, wer sich zunächst mit seiner Abiturnote qualifiziert, danach einen Test und schließlich ein Interview besteht. „Wir wollen Studierende, die zu uns passen und denen die Naturwissenschaften liegen“, sagt Frühwald. Die Studenten, die das strenge Auswahlverfahren bestanden haben, wird die Fakultät dafür künftig besonders herzlich empfangen – „mit einer Art Sommer- oder Herbstfest“. Das Fest für die Neuankömmlinge ist seiner Ansicht nach nur ein kleines Anzeichen für einen großen Wandel. Frühwald ist überzeugt: „Die Reformen werden das Klima an der Universität ändern.“

Theorie und Praxis

Die Mitglieder der so genannten Dohnanyi-Kommission und ihre Funktionen zur Zeit der Mitgliedschaft im Gremium

Dr. Klaus von Dohnanyi – Kommissionsvorsitzender. Arbeitete früher als Jurist und Publizist, war von 1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg.

Dr. Doris André – Präsidiumsmitglied der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Mitglied des Akkreditierungsrats. Vorher Vorstandsmitglied der BAT und Mitglied des Wissenschaftsrats.

Prof. Dr. Manfred Erhardt – Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und Vorstandsmitglied des DAAD. Von 1991 bis 1996 Senator für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jürgen Mittelstraß – seit 1970 Ordinarius der Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Konstanz. Der Leibniz-Preisträger war unter anderem Mitglied des Wissenschaftsrats, Vizepräsident der Academia Europaea (London) und wurde von Papst Johannes Paul II. zum Mitglied der Pontificia Academia Scientarium berufen.

Prof. Dr. Detlef Müller-Böling – seit 1994 Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. War von 1990 bis 1994 Rektor der Universität Dortmund, wo er seit 1981 Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung betreibt.

Prof. Lothar Romain – Präsident der Universität der Künste Berlin. Als Mitglied in der externen Expertenkommission der Hochschule für bildende Künste in Hamburg war der ehemalige Rundfunk-Redakteur an der internen Strukturreform der Hochschule beteiligt. Lothar Romain ist im Juli 2005 verstorben.

Karl Dietrich Seikel – seit 1991 Geschäftsführer von Spiegel-Verlag, Manager Magazin Verlagsgesellschaft mbH und der Spiegel TV GmbH. Der Volkswirt ist außerdem seit 1995 Vorsitzender des Vorstandes der Publikumszeitschriften im Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).

Prof. Dr. Johann Schneider – Geschäftsführender Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalentwicklung in der Fachhochschule Frankfurt am Main. War davor Rektor der FH Frankfurt am Main. Derzeit ist er Mitglied des Akkreditierungsrats sowie des Landeshochschulrats des Landes Brandenburg.

Prof. em. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Günter Spur – Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Wurde 1965 zum Professor für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik an der Technischen Universität Berlin berufen und war Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin. Außerdem Gründungsdirektor der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus.

Prof. Dr. Günter Stock – Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften und Mitglied des Wissenschaftsrats. Vorher Vorstandsmitglied der Schering AG.

Christa Thoben – von 1999 bis 2000 Senatorin für Wissenschaft und Kultur in Berlin. Vorher von 1995 bis 1998 Staatssekretärin im Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Seit Juni 2005 Wirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen.

Prof. Dr. Hans N. Weiler – Gründungsrektor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und Professor an der Stanford University, USA. Assoziierter internationaler Berater der Kommission. Der Politik- und Erziehungswissenschaftler war unter anderem auch Vorsitzender der Sächsischen Hochschulentwicklungskommission.