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Sunfire Dresden

Erneuerbaren Energien gehört die Zukunft, heißt es. Doch wie speichert man Wind, Sonne oder Wasserkraft? Sunfire hat eine Lösung gefunden.




Christian von Olshausen schwenkt ein Fläschchen mit einer glasklaren Flüssigkeit. Unspektakulär auf den ersten Blick. Doch was wie Wasser aussieht, ist eine Sensation: ein Kraftstoff, der ohne einen Tropfen Erdöl entstanden ist.

Produziert hat ihn das Dresdner Unternehmen Sunfire, das von Olshausen 2010 mit zwei Mitstreitern gegründet hat. Der Firma ist es gelungen, aus Wasser, Ökostrom ­ und Kohlendioxid (CO2) einen künstlichen ­Dieselkraftstoff herzustellen. Im April 2015 kippte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka die ersten fünf Liter aus der Test­anlage in ihren Dienstwagen. Das war der medienwirksame Beweis: Es funktioniert.

Sunfire hat damit Schlagzeilen gemacht. Denn das Unternehmen, für das inzwischen mehr als 90 Mitarbeiter arbeiten, kann nicht nur Erdöl ersetzen – das dafür benötigte CO2 zieht es außerdem aus der Luft, wo es ohnehin zu viel davon gibt. Bisher wird das komplizierte Verfahren allerdings kaum angewendet. „Es ist noch zu teuer“, sagt von Olshausen. Besonders betrübt klingt er aber nicht. Für ihn ist seine Vision nicht gescheitert – der hohe Preis bedeutet nur eine weitere Etappe bis zum großen Ziel: erneuerbare Energien immer und überall verfügbar zu machen.

Einen Weg zu finden, Strom aus Sonnen-, Wasser- oder Windkraft in einer Form zu speichern, die jederzeit einsetzbar ist, gehört zu den großen Herausforderungen der Energiewende. In der Fachwelt werden die potenziellen Technolo­gien dafür als Power-to-X bezeichnet. Doch egal ob ­Power-to-Liquid, Power-to-Gas oder Power-to-Heat: Noch befindet sich das gesamte Feld in der Entwicklung. Das ist nicht weiter schlimm, denn wirklich relevant werden die Technologien ohnehin erst dann, wenn erneuer­bare Quellen einen höheren Anteil an der Strom­erzeugung haben und es darum gehen wird, überschüssige Energie zu nutzen. Noch ist umstritten, welcher Weg am effizientesten ist – viel hängt von der weiteren technischen Entwicklung ab. Dass es um eine essenzielle Zukunftstechnologie geht, bestreitet allerdings niemand.

„Mich hat es gereizt, an einer Sache konzeptionell beteiligt zu sein, an der welt­weit gearbeitet wird“, sagt Christian von Olshausen. Der 36-jährige Wirtschaftsinge­nieur hat 2008 einen guten Job bei einem großen Unternehmen aufgegeben, um sich ihr zu widmen. Es war ein Schritt in eine ungewisse Zukunft, denn damals stand die Diskussion noch am Anfang.

Ganz ins Blaue spazierten er und seine Mitgründer Carl Berninghausen und Nils Aldag allerdings nicht. Sie gaben eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, um zu sehen, ob ihre Idee überhaupt funktionieren könnte – und ob sich ihre geplanten Produkte wirtschaftlich herstellen ließen. Danach war klar: Wir probieren es. Sie suchten Partner mit dem nötigen Know-how und übernahmen 2011 die Dresdner Firma Staxera.

Staxera war auf Brennstoffzellen-Stacks, also gekoppelte Brennstoffzellen, spezialisiert. Deren Weiterentwicklung bildet noch heute das Herz des Unternehmens. Die Sunfire-Zellen funktionieren jedoch, anders als konventionelle Zellen, in zwei Richtungen: Sie können nicht nur aus Wasserstoff Strom erzeugen, sondern auch umgekehrt – beides in einer einzigen Anlage.

Energie für die chemische Industrie

Reversible Elektrolyse heißt der Prozess. Daran forschen auch andere, doch keiner sei so weit wie Sunfire, sagt von Olshausen. Im vergangenen Herbst wurde an Boeing eine erste Anlage ausgeliefert, die aus überschüs­siger Solarenergie Wasserstoff herstellt und speichert. Bei einem Stromengpass, etwa nachts oder wenn die Sonne nicht scheint, kann die Anlage aus dem Wasserstoff wieder Strom erzeugen.

Von Olshausen sieht seine Technologie aber gar nicht vorrangig als Energiespeicher – er will den erzeugten Wasserstoff als Rohstoff in der chemischen Industrie nutzen. Denn in der Regel wird der aus Erdgas gewonnen, Sunfire dagegen braucht für ­seine Herstellung nur Wasserdampf, CO2 und Ökostrom. „Wir wollen helfen, dass erneuerbare Energien nicht nur im Stromsektor, sondern auch in der chemischen Industrie zum Einsatz kommen“, sagt er. „Dort werden mehr als drei Millionen Endprodukte hergestellt – die können wir nicht alle durch nachhaltige Alternativen auffangen. Aber wir können versuchen, fossiles Erdgas und Erdöl, das für viele dieser Produkte benötigt wird, durch nachhaltig erzeugte Rohstoffe zu ersetzen.“

Allerdings wird auch mit der richtigen Technologie noch nicht automatisch Geld verdient. Trotz ihres Umsatzes im hohen einstelligen Millionenbereich arbeiten die Dresdner noch nicht kostendeckend, sagt von Olshausen. Sein erstes Ziel sei es deshalb, die Firma in den kommenden Jahren profitabel zu machen.

Als Partner für die Weiterentwicklung wurden bereits gute Namen gewonnen: Bilfinger hat investiert, mit Audi steht man im Austausch, ein Brennstoffzellenheizgerät wird in Kooperation mit Vaillant angeboten. Der nächste Schritt wird sein, die Stückzahlen zu erhöhen, um die Produkte günstiger anbieten zu können. Außerdem arbeiten sie am Wirkungsgrad der Anlagen und an der Lebensdauer der Brennstoffzellen.

Ob Sunfire bald im großen Stil nachhaltige Rohstoffe produzieren wird, ist allerdings nicht nur eine Frage der Technologie. Denn ein Problem können die Dresdner nicht allein ­lösen: Solange fossile Rohstoffe noch in großen Mengen verfügbar sind, werden sie immer billiger sein als nachhaltig hergestellte. „Am Ende ist es eine gesellschaftliche Entscheidung, einen Markt für erneuerbare Kraftstoffe und Chemikalien zu schaffen“, sagt von Olshausen.

Wenn er heute einen Vortrag über Sunfire halte, gehe es deshalb nur in den ersten drei, vier Folien um das Unternehmen. Den Rest der Zeit spreche er über Rahmen­bedingungen, die die Politik schaffen muss. Erdölfreier Kraftstoff wird derzeit genauso besteuert wie normaler Diesel – absurd! Und die chemische Industrie wird ohne eine Quotenregelung oder ähnliche Anreize auch nicht auf grünen Wasserstoff umsteigen. Kurz: Die Technologie ist da – jetzt braucht es den Willen, sie zu nutzen.