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Voland & Quist Verlag

Ein eigener Verlag? Das geht. Mit Fleiß, Autoren wie Ahne, die schreiben und vorlesen können – und Gottes Hilfe.




Ahne, 48, hat die DDR nicht geliebt. Aber sie ihn auch nicht. Zweimal hat er versucht, sein Abitur nachzumachen, beide Male ist er durchgefallen. Also wurde er Drucker und irgendwann arbeitslos. Bei ­einem kurzen Ausflug in die Lokalpolitik war er als Bezirksverordneter in Berlin-Lichtenberg als Sicherheitsbeauftragter unter anderem für Hausbesetzer zu­ständig, was Ahne bis heute wahnsinnig ­komisch findet, weil er damals selbst einer war. Irgendwann jedenfalls nahm ihn sein Freund Falko Hennig mit in die Reformbühne Heim & Welt: weil er doch sowieso ab und zu mal was schreiben würde. Und es dort vortragen könne.

Da ihm das gut gefiel, ist er dann jede Woche gekommen und brachte jedes Mal zwei neue Texte mit: „Die Atmosphäre war ein bisschen wie beim Punkrockkonzert: Wir gehen auf die Bühne und rotzen einfach was runter.“ Manchmal hatte er erst kurz vorher in der U-Bahn etwas auf seinen Block gekritzelt, und als er einmal gar nichts hatte, machte er einfach Liegestütze auf der Bühne. Im Grunde war ihm egal, wie die Leute reagierten. Als sie lachten, war es natürlich schön. Wie hätte er auch ahnen können, dass er in nicht allzu ferner Zukunft sein Geld mit Büchern verdienen würde?

Sebastian Wolter und Leif Greinus hatten in Leipzig Buchhandel und Verlagswirtschaft studiert und wussten früh, dass sie keine Lust hatten, die programmatische Linie eines vorgesetzten Verlegers abzuarbeiten. Weil sie unabhängig bleiben wollten, beschlossen sie 2004, der uralten sächsischen Buchtradition zu folgen und selbst einen Verlag zu gründen, erzählt Greinus.

Der Name – Voland & Quist – war ihnen auf der Autobahnfahrt nach Düsseldorf eingefallen: Voland, der mephistophelische Teufel aus Greinus’ Lieblingsroman, „Meister und Margarita“ von Michail Bul­gakow, steht dem friedensstiftenden Quinten Quist aus Harry Mulischs „Die Entdeckung des Himmels“ gegenüber. Beide zusammen sind eigentlich unschlagbar.

Die Sache war nicht ohne Risiko: 15 000 Euro hatten sie kurzerhand von Freunden und Verwandten geliehen. Greinus hatte einige Tage zuvor im Fern­sehen eine Podiumsdiskussion gesehen, wo eine Branchenexpertin von zwei Millionen Euro sprach, die man brauchte, um einen Verlag anzuschieben. „Braucht man aber nicht“, sagt er. Dagegen unbedingt erforderlich: Leidenschaft, Fleiß und Ideen. Den meisten ihrer Bücher ist etwa eine CD beigelegt, was vor ihnen kein anderer Verlag machte. Aber sie verlegen ja auch Autoren, die gute Vorleser und Vortragende sind – und die soll man natürlich auch hören. Inzwischen prägen sie ein eigenes Genre: Spoken-Word-Lyrik, Live-Literatur. Außerdem haben sie sich auf fünfeinhalb Stellen vergrößert: 2014 lag die Bilanzsumme bei immerhin 390 000 Euro.

„Natürlich müssen wir als unabhängiger Verlag kämpfen, aber wir sind jetzt alle über Mindestlohn“, sagt Leif Greinus und lacht, weil er seinen Idealismus nicht als Opfer begreift, sondern als Lebensqualität. Schließlich kann er seine Arbeitszeit mit Menschen verbringen, mit denen er auch privat gern zu tun hätte.

86 Autoren sind es inzwischen, viele aus Osteuropa. Nicht wenige mit Lesebühnen- oder Poetry-Slam-Tradition. Weil sie ein junges studentisches Publikum am ehesten ansprechen würden. Ahne zum Beispiel hatte damals gerade zwei Bücher mit Kurzgeschichten für Kiepenheuer & Witsch geschrieben. Die Idee zu seinem neuen Buch aber fand dort keinen Anklang. Dialoge in breitem Berlinerisch versprachen eine eher begrenzte Kundschaft. Greinus sah das anders und griff dankend zu. So kamen sie zu ihrem ersten Bestseller: 18 000-mal verkauften sich Ahnes „Zwiegespräche mit Gott“.

Eigentlich, sagt Ahne, befände er sich sowieso ständig im inneren Dialog mit sich selbst. Warum den anderen also nicht Gott nennen, „der für viele ja eine große Rolle spielt“. Gott, sagt Ahne, fände es schon gut, wenn er ihn ernster nehmen, als Autorität betrachten würde. Aber für Ahne, der lieber weiß als glaubt, ist Gott eher ein Kumpel, mit dem er sich unterhalten kann.

Zum Beispiel an diesem Abend in der „Jägerklause“ in Berlin-Friedrichshain. Ahne hat zur Lesebühne einen riesigen Bovist mitgebracht, den er im Wald gefunden hat und später verschenken wird. Jetzt sitzt er mit fünf anderen Autoren unter der holz-getäfelten Decke auf einem Kunstledersofa und wartet auf seinen Einsatz.

Ahne in kariertem Hemd und Fred-Perry-Jacke. Mit den längsten Koteletten der Welt. Von der Wand starren Geweihe, als er erzählt, dass Gott nicht selbst kommen konnte und er deshalb beide Parts übernehmen müsse (was er schon ziemlich oft erzählt hat, aber das nimmt der Geschichte nicht ihren Witz). Und dann legt er los, mit einer Stimme, die einige seiner Freunde als „zu druckvoll“ kritisieren. Ahne sagt, er neige dazu, etwas forciert zu reden, wenn er sich nicht sicher ist, ob er das Publikum auch bekommt.

Aber heute ist Heimspiel. Ahne also steht da und sagt: „Na, Gott.“ – „Na ...“ Und dann unterhalten sie sich. Über Gott und die Welt und … Aber das kann man ja in seinen Büchern nachlesen. Acht sind es inzwischen bei Voland & Quist.