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Kann eine geschützte Art in Deutschland zehn nicht geschützte Arten in Südamerika vernichten? Der Biologe Carsten Meyer vom iDiv in Leipzig will genau das herausfinden.




Carsten Meyer ist Biologe und seit Kurzem Millionär – zumindest auf dem Papier. Denn jüngst erhielt der 32-Jährige, der am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und an der Universität Leipzig tätig ist, ein Freigeist-Stipendium der VolkswagenStiftung. Budget: knapp eine Million Euro. Damit will der junge Wissenschaftler in den kommenden fünf Jahren die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen des weltweiten Artenschwundes untersuchen.

Meyers Ansatz könnte eine große Lücke schließen. Rund 400 000 Arten an Pflanzen und Landwirbeltieren sind derzeit weltweit wissenschaftlich erfasst. Doch Qualität und Quantität der über sie verfügbaren Daten sind höchst uneinheitlich, und so ist es fraglich, ob die tatsächliche Vielfalt der Flora und Fauna wie auch ihr Schwund realistisch abgebildet werden.

Schon für seine Dissertation hatte Carsten Meyer Millionen an Datensätzen über die Verbreitung aller bekannten Arten von Säugetieren, Vögeln und Amphibien untersucht. Dabei stellte er fest, dass die relativ überschaubare Tier- und Pflanzenwelt in den Industrieländern fast vollständig erfasst, die Datenlage in den tropischen Zonen Südamerikas, Asiens und Afrikas dagegen ziemlich dünn ist. Gerade dort aber ist die Artenvielfalt am größten. Doch auch in Kanada, auf dem Balkan und in einigen ehemaligen Sowjet­republiken klaffen Lücken. „Am allermeisten erstaunt haben uns die großen Defizite in relativ wohlhabenden Schwellenländern“, erzählt der Biologe.

Meyer – T-Shirt, Jeans, Bart und leicht verstrubbelte Haare – hatte sich nur geringe Chancen seiner Bewerbung für das Stipendium ausgerechnet. Sein Doktor­vater in Göttingen hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Doch bis dahin hatte Meyer kaum wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. „Und die sind nun mal die Währung in der akademischen Welt“, sagt er. Zudem kann man sich nur einmal um diese spezielle Studienförderung bewerben: Sie ist ausdrücklich für junge Wissenschaftler gedacht, die mit ihrer Arbeit gewohnte Wege verlassen, um einen neuen Blick auf Probleme zu werfen und nach innovativen Lösungen zu suchen.

Ein anderer wichtiger Schritt ist dem Forscher bereits gelungen: „Ich wollte nach meiner Promotion in Göttingen unbedingt an das iDiv.“ Das Institut, eine gemeinsame Einrichtung der Universitäten Leipzig, Halle und Jena sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, zieht Experten aus aller Welt an und hat Leipzig ins Zentrum internationaler Spitzenforschung in Sachen Biodiversität gerückt – und es bringt auch Meyer voran: „Wenn ich bei einem wissenschaftlichen Problem nicht vorankomme, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich ein paar Türen weiter jemanden finde, der mir helfen kann“, sagt er.

Sein Ziel ist ehrgeizig. Der Biologe will all jene komplexen globalen Zusammenhänge erforschen, über die lokale wirtschaftliche und politische Entscheidungen die globale Artenvielfalt beeinflussen. „Der Verlust des natürlichen Lebensraums ist der wichtigste Grund für das Aussterben einer Art“, erklärt Meyer. Land- und Forstwirtschaft oder Straßen- und Bergbau können ursächlich dafür sein. Der Zusammenhang scheint auf den ersten Blick klar, doch global gesehen ist es komplizierter. „Angenommen, ein relativ artenarmes Land in Nordeuropa schränkt seine Forstwirtschaft gesetzlich stark ein, um Tiere und Pflanzen des Waldes besser zu schützen. Das Holz, das vor Ort gebraucht wird, wird künftig also importiert – und verursacht möglicherweise Kahlschläge in anderen, arten­reicheren Ländern, deren Naturschutzstandards geringer sind. Ein deutlich höherer Artenschwund wäre die Folge; so könnte die ­lokal nützliche Gesetzesänderung global schädlich sein.“

Für diesen globalen Blick müssen enorme Datenmengen verarbeitet werden – Big Data trifft Biologie. Das ermöglicht ganz neue Einsichten, birgt aber das Risiko des unbekannten Terrains. Doch damit kann Carsten Meyer leben. Schließlich gehe es der VolkswagenStiftung doch genau darum: dem freien Geist Raum zu schaffen, dass er sich ins Unbekannte entfalten möge.