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Palucca Hochschule für Tanz Dresden

Tanzen lernen kann man vielerorts. Aber nur in Sachsen gibt es dafür eine eigene Universität. Die Palucca Hochschule in Dresden bereitet schon junge Eleven auf eine Ballettkarriere vor.



Chayeon Lee, 17 ist eines von rund 200 Talenten, die derzeit an Palucca studieren.


Er könnte auch das Atelier eines Malers sein, dieser lichtdurchflutete Trainingsraum an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden, kurz Palucca. Die sechs Studentinnen verziehen keine Miene bei ihren Übungen, während ein Piano den Takt vorgibt und der Dozent Anweisungen erteilt: das Bein höher. Die Drehung langsamer. Und jetzt bitte noch mal zusammen. Erst als die Übung vorbei ist, keuchen die jungen Damen, allesamt Teenager. Was wie ein Kinderspiel aussieht, ist Disziplin, Anstrengung, harte Arbeit.

In mehrfacher Hinsicht ganz vorn bewegt sich Chayeon Lee, Bachelor-Studentin im zweiten Studienjahr. „Man kommt schon sehr ins Schwitzen“, sagt die 17-Jährige, die ihren Wohnsitz mit ­15 von Seoul nach Dresden verlegte. Sie wollte ihre Ausbildung unbedingt außerhalb ihrer Heimat machen. „Die Koreaner trennen beim Tanz strikt zwischen klassisch und zeitgenössisch“, erzählt die junge Frau. „Ich hätte mich also im Studium für eine Seite entscheiden müssen – und das wollte ich nicht.“

An Palucca gefällt ihr die Mischung aus Tradition und Moderne. Und außerdem etwas, das auch an westlichen Tanzakademien nicht selbstverständlich ist, hier aber zum Konzept gehört: Improvisa­tion. „In Korea gibt es das nicht als Fach. Ich kannte es gar nicht im professionellen Tanz. Und jetzt liebe ich es zu improvisieren.“

Das hätte der namensgebenden Gründerin gefallen. Improvisation war ein Schwerpunkt der berühmten, 1993 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Ausdruckstänzerin Gret Palucca; nicht zuletzt deshalb gilt sie als eine der Begründerinnen des modernen Tanzes. 1925 hatte sie in Dresden ihre eigene Schule eröffnet, sie unterrichtete zunächst in ihrer Wohnung. 1936 kam das Verbot durch die Nazis – freier Tanz war nicht mehr erwünscht. Nach Kriegsende konnte Palucca weitermachen, mit Gründung der DDR wurde ihre Schule verstaatlicht und zu einer veritablen Größe im Sozialismus.

Heute ist Palucca die einzige eigenständige staatliche Tanz-Universität in Deutschland. Rund 200 Studenten aus der ganzen Welt lernen hier Tanz, Tanzpädagogik oder Choreografie. Auf jeden Platz im Bachelor-Studiengang Tanz kommen rund 20 Bewerber. Selbst Zehnjährige trifft man auf dem Campus – Eltern können ihre Kinder bereits zur fünften Klasse bei Palucca einschulen, sofern sie gut Deutsch sprechen. Statt Sportunterricht steht dann Tanz auf dem Stundenplan, daneben wird nach dem normalen sächsischen Lehrplan unterrichtet. Und das Angebot gilt nicht nur für Einheimische: Der Schule ist ein Internat angeschlossen.

Chayeon (gesprochen: Schajon), die als großes Talent gilt, hat nach zweieinhalb Jahren gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen. Sie will tanzen, seit sie zwölf ist. Damals hat sie eine Aufführung des Stuttgarter Balletts mit einer koreanischen Tänzerin gesehen, erzählt sie – und war begeistert. „Ich konnte den starken Ausdruck ihres Tanzes wirklich spüren und verstehen. Das hat mich so berührt, dass ich weinen musste.“ Genau das wollte sie auch, denn sie hat damals den Unterschied gespürt: „Sich selbst zu Musik zu bewegen ist das eine. Aber andere Menschen durch Tanz zu bewegen, dazu gehört viel mehr.“

Seit 2006 wird Palucca von Jason Beechey geleitet, einem renommierten Solisten und Choreografen. Der gebürtige Kanadier hat viele Projekte angestoßen und die Schule internationalisiert, etwa über den Aufbau eines Netzwerks mit Partnerschulen. „Wir suchen aktiv nach Talenten wie Chayeon, zum Beispiel mit Workshops in Spanien, Italien und auch Südkorea“, sagt er. Der Ruf der Palucca-Hochschule ist zwar ausgezeichnet und das Konzept, zu dem die Entwicklung und Implementierung neuer Lehrformen gehören, ein Alleinstellungsmerkmal. Doch allein in Deutschland buhlen rund ein Dutzend weiterer renommierter Tanzausbildungen um die Gunst der künftigen Bühnenstars. Eine bessere Werbung als einen neuen Publikumsliebling kann sich da kein Haus wünschen.

Chayeon könnte bald einer sein. Die begeisterte Dresdnerin möchte nicht nach Seoul zurück, sondern nach ihrem Abschluss in zwei Jahren hier ihre Tanzkarriere fortsetzen. Ihr Traumjob mag für eine Palucca-Studentin nicht überraschen, für eine Koreanerin hingegen schon: „Ich möchte zum Semperoper-Ballett. Ich weiß, dass es schwer ist, aber ich hoffe, dass ich es schaffen werde.“