Momente

Der beste Kaffee des Tages – das ist für die junge Mutter vielleicht der, den sie trinkt, wenn das Baby schläft. Der Busfahrer freut sich auf seinen selbst gebrühten nach der Schicht. Die Beraterin genießt ihren still im Café, zwischen zwei Kundenterminen. Und dann gibt es noch jene sehr besonderen Kaffees, man so leicht nicht vergisst.





Gesten

Lea Gless, 21, Studentin in Hamburg

Es war einer dieser Novembermorgen, an denen ich am liebsten im Bett geblieben wäre: verschlafen, keine Zeit mehr für Frühstück, losgehetzt zur Uni, Regen, Schirm vergessen, U-Bahn verpasst. Ich hatte richtig schlechte Laune, als ich völlig durchnässt und viel zu spät endlich im Seminar ankam. Ich öffnete die Tür zum Unterrichtsraum, entschuldigte mich beim Professor und schlich mich zu meiner Freundin, die mir den Platz neben sich frei gehalten hatte. Da sah ich auf meinem Tisch einen Coffee-to-go von meinem Lieblingscafé.

Meine Freundin Conni flüsterte mir zu: „Ich habe heute meinen Nettigkeits-Tag.“ Sie hatte mir einen Kaffee mitgebracht, so wie ich ihn am liebsten habe: Latte macchiato mit extra viel Milchschaum, Kakaopulver und Zimt.

Er hat unglaublich gut geschmeckt, und der Tag war sofort viel heller.

Stille

Christoph Oesterle, 48, Intensivpfleger in Eckernförde

Ich habe frei. Ich stehe zwischen vier und fünf Uhr morgens auf; diesmal habe ich mir vorgenommen, viele Fische zu fangen. Kein Frühstück, nur Brote schmieren, Thermoskanne füllen, Köder kontrollieren, Ruten packen.

Obwohl wir an der Ostsee wohnen, fahre ich zu einem Forellenteich in der Gegend. Im Landesinneren hier oben in Schleswig-Holstein ist weniger Wind – wenn ich Glück habe, sogar gar keiner. Ich hasse Wind, und glattes Wasser ist wunderbar. Auf der Fahrt bin ich noch unruhig und auch, als ich parke: Habe ich alles dabei? Bekomme ich einen guten Platz? Das wollen andere ja auch.

Ich finde einen: Kein Mensch weit und breit – doch, dort hustet einer im Morgennebel. Dann wieder Stille. Es ist noch kühl, die Fische beißen nicht, wenn es warm wird.

Ich bin eifrig, bestücke die Haken, positioniere die Ruten, klappe den Campingstuhl auf und freue mich: Heute klappt es. Ich lege den Kescher bereit, damit er greifbar ist, wenn einer zappelt. Wenn alles geregelt ist, nehme ich mir den Brotkorb und die Thermoskanne. Ich stelle mich ans Ufer und schaue über den Teich. Der Kaffee ist heiß, er dampft vor sich hin wie eine der Nebelbänke draußen auf dem Wasser. So stehe ich dann da, eine Hand in der Hosentasche, die andere wärmt sich am Becher, ich nehme den ersten Schluck. Und noch einen.

Diese fünf Minuten mit dem Kaffee nach dem Ausbringen der Ruten, das ist der Moment. Stille. Irgendwo quakt eine Ente oder fiept ein anderer Vogel. Hoffentlich ruckelt jetzt nicht die Pose im Wasser.

Bei uns auf der Intensivstation ist häufiger mal Alarm, das meine ich wörtlich. Da ist genug Adrenalin im Blut, dort brauche ich keine Aufputschmittel. Ich trinke Kaffee, weil er gut schmeckt. Filterkaffee, schwarz. Milch verfälscht nur. Und wenn wie am Teich diese Stille herrscht, dann gibt es nichts Besseres.

Später kann dann der Fisch kommen. Ob es wirklich viele Fische werden, ist fast schon egal. Früher war mein Sohn oft dabei. Jetzt nicht mehr, er ist gerade 18 geworden. Aber der Kaffee schmeckt immer noch so.

Geheimnisse

Helga Starck, 75, Bäuerin i. R. bei Kappeln

Mein Opa hatte meinem Vater Johannes eine Bauernstelle in Archangel gekauft. Zwölfeinhalb Hektar waren das, das Land läuft dort in Wellen zur Schlei hinunter, und von dort hinauf bläst der Westwind über unsere Anhöhe. Wir hatten sieben Kühe und wenig Geld. Und weil wir sparen mussten, gab es fast immer Ersatzkaffee: „Linde’s Kaffee-Ersatz Mischung“ stand da drauf, eine weiße Packung mit großen blauen Punkten. Anfang der Fünfzigerjahre muss das gewesen sein. Darin war immer ein weißes Spielzeugtier aus Plastik, die haben wir gesammelt.

Meine Mutter Frieda mochte aber gerne mal eine Tasse Kaffee trinken – ich meine echten Bohnenkaffee. Den hielten wir eigentlich nur für Gäste und Feiertage vor. Es gab ihn noch nicht mal, wenn wir in der Ernte die Korngarben aufgebunden und zum Trocknen aufgestellt hatten.

Aber wir hatten eine Speisekammer vier Stufen höher, die Tür ging von der Küche ab. Und wenn mein Vater draußen war, auf dem Feld oder im Stall, jedenfalls außer Reichweite, dann hat Mutter ihre Tasse gegriffen und den Wasserkessel von der Küchenhexe, ist in die Speisekammer hochgestiegen und hat sich dort eine Tasse aufgebrüht, so richtig mit Porzellanfilter. Dann ist sie wieder in die Küche, hat die Herdstange mit Sidol geputzt, damit sie schön blank war, dann ist sie wieder die Stufen hoch. Und dann stand sie da und hat ihre Tasse genossen. Wir wussten das. Wir durften Vater nichts sagen.

Ich weiß nicht, ob sie ein schlechtes Gewissen dabei hatte. Aber viel später hat mein Vater ihr dann sein Geheimnis erzählt. Solange wir die Bauernstelle hatten, wollte er ja häufig nach dem Mittagessen direkt wieder zurück aufs Feld – er brauche keine Mittagsstunde, sagte er stets. Oft hat er sich aber eine schöne Stelle am Knick gesucht und dort im Schatten ein Nickerchen gemacht. Nachdem sie sich das erzählt hatten, sind sie bald nach Rieseby umgezogen in das neu gebaute Haus. 1964 war das. Dort gab es jeden Tag Bohnenkaffee. Und Mittagsstunde.

Sehnsüchte

Insa Axmann, 45, Musikwissenschaftlerin in Hamburg

Ich hatte mich für eine Fastenwoche auf Sylt angemeldet, zur Vorbereitung sollte man auf alle anregenden und sauren Lebensmittel verzichten. Kaffee ist beides. Normalerweise beginnt für mich der Tag mit einem Espresso, ich liebe den Duft, der morgens durchs Haus zieht. Im Laufe des Tages trinke ich ungefähr vier Tassen. Jetzt also drei Tage vor Abreise keinen Kaffee mehr. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, waren die körperlichen Begleiterscheinungen: Gleich am ersten Nachmittag bekam ich Kopfschmerzen, die erst während der Fastenkur wieder nachließen. Das war mir vorher nicht klar, wie der Körper auf den Verzicht des gewohnten Koffeins reagiert.

Beim Fasten gab es morgens einen Saft und abends eine Tasse Brühe. Das ist sehr überschaubar, aber der Körper stellt sich schnell um, und ein richtiges Hungergefühl kam bei mir nicht auf. Man genießt alles, was man zu sich nimmt, sehr bewusst. Und das Schweigen während der „Mahlzeiten“ verstärkt das noch. Aber ich habe mich schon gefragt: Was fehlt mir am meisten? Worauf freue ich mich besonders? Und das war mein Kaffee.

Ein paar Tage nach der Rückkehr nach Hause war es dann endlich so weit: Mein Mann und ich fuhren extra in ein schönes Café, suchten uns einen ruhigen Platz, haben bestellt. Und dann kam er – mein erster Cappuccino nach zwei Wochen. Ich habe geschwiegen, langsam getrunken und nur geschmeckt – unglaublich intensiv war das Aroma. Diesen einen Moment werde ich wohl noch lange erinnern.

Expertisen

Lorenz Scharf, 33, Unfallchirurg in Berlin

Während einer Reise durch Südamerika besuchte ich mit meiner Freundin die Kolonialstadt Popayán in Kolumbien, die 2005 von der UNESCO zur „City of Gastronomy“ gekürt wurde. In Popayán werden das ganze Jahr über Feste gefeiert, und so gerieten auch wir bei unserer Ankunft in eine gut gelaunte, kulinarischen Genüssen frönende Menschenansammlung.

Von Weitem schon entdeckte ich einen Kaffee-Wagen, vor dem ein Mann in einer bunten Weste mit dem Schriftzug „Esperto“ (Experte) stand. Er hielt einen leidenschaftlichen Vortrag über Kaffee, über den Anbau und die Zubereitung. In Kolumbien, einem der zehn größten Kaffee-Exporteure der Welt, wird der Kaffee ganz schlicht getrunken: heißes Wasser über die gemahlenen Bohnen, fertig! Ich habe sogar schon Kolumbianer gesehen, die Instant-Kaffee trinken.

Irgendwann kamen wir jedenfalls zum Höhepunkt der Veranstaltung: Der Esperto persönlich bereitete für sein Publikum einen Espresso zu. Dabei referierte er weiter, vom ersten Tropfen Kaffee, von Zuckermolekülen und Bitterstoffen. Schließlich ließ er drei Espressi herumgehen – für insgesamt 15 Zuschauer! Die ersten drei Vorkoster nippten feierlich, drehten das Tässchen einmal in der Hand und reichten es – wie einen Messwein – ihrem Nachbarn weiter. Diese Szene war wirklich rührend. Und was soll ich sagen? Er schmeckte hervorragend. //