Der Morgen danach

Ein Blick auf einen besonderen Moment, den wir oft vergessen, obwohl wir uns für immer an ihn erinnern werden.





Die Nacht war lang, und der Morgen ist noch jung. Der Raum ist still. Draußen ist die Welt: Ein grau verhangener Himmel vielleicht oder erste Sonnenstrahlen an einem streifenfreien Horizont, möglicherweise regnet es auch. Aber so oder so ist das alles weit, weit entfernt. In diesem Moment und an diesem Ort zählen nur die Menschen, hinter denen eine enorme Zeit liegt: schwere Tage und dunkle Nächte voll großer Hoffnungen und banger Erwartungen, voller Lust auf die Zukunft und ebenso großer Angst vor ihr. Doch dieses unentschlossene Taumeln zwischen den Polen der Gefühle ist vergessen. Es ist kaum zu glauben. Doch es ist geschafft. Vollbracht. Erreicht. Es ist da. Wir sind hier. Und alles ist anders.
Das ist der Morgen danach.

Was davor war? Vieles ist möglich. Die Geburt eines Kindes vielleicht, die Ankunft eines neuen Menschen auf dieser erstaunlichen Welt, die alle viel Kraft gekostet hat. Jetzt schläft der neue Erdenbürger, still, tief und ohne eine Idee davon, was ihn erwartet. Während ihn seine Eltern lächelnd betrachten, wie sie es in den nächsten Jahren immer wieder tun werden. Auch sie sind erschöpft – aber welch geringer Preis für eine solche Freude!

Vielleicht ist es auch anders. Vielleicht fällt hier gerade das erste Licht des Tages auf zwei Liebende, die sich Wochen, wenn nicht gar Monate umeinander drehten in einem Reigen aus gebremster Ekstase und verhaltener Verzweiflung, aus Lust und Angst, Hoffnung und Melancholie. Und die nun, Haut an Haut, in der Wärme ihrer Körper ruhen.

Oder sind es sogar mehr als zwei Personen, die jetzt wortlos in diese unabsehbar neue Welt schauen? Junge Unternehmer eines kleinen Start-ups, die nach einer langen Zeit der Vorbereitung ihr erstes Produkt in die Welt gesetzt haben? Eine Band, die nach einer lauten Nacht im Tonstudio einen Song gebaut hat, der nach einem Hit klingt? Wissenschaftler, die Teilchen, kleiner, als es sich irgendwer vorstellen kann, zu etwas so Großem bewegt haben, dass es noch niemand glauben mag? Der Anlass ist egal, denn sie alle stehen an demselben Punkt: Sie haben einen langen Weg hinter sich – und nun sind sie angekommen.

Der Morgen danach ist ein seltener Augenblick – und noch seltener wird über ihn gesprochen. Zu groß ist das Gefühl, das ihn auszeichnet, und zu schwer in Worte zu fassen. Probleme, ja, die kann jeder benennen, erklären, besprechen. Und dankbar sind wir für Lösungen, selbst wenn wir sie in Wahrheit längst kennen: Trau dich! Tu es! Du kannst das! Oft gehört, sicher, und trotzdem: Es ist gut, wenn es jemand noch einmal sagt!

Doch hier geht es um eine ganz andere Kategorie. Nicht um etwas, das von uns verlangt zu handeln. Im Gegenteil. Hier geht es ums Ankommen. Ums Innehalten. Um einen Moment ohne Zeit und Raum. Dafür gibt es keine Ratgeber. Keine Verhaltensregeln. Keine Ordnung. Wie auch?

Das will nichts.
Das gibt einfach nur.

Langsam verstreichen die Minuten. Ungehört, ungezählt, unbemerkt. Irgendwer sagt etwas. „Hey!“ Leise. Lächelnd. Mehr ist nicht nötig. Und dann wieder Schweigen, das nicht unangenehm ist, wie so oft unter Menschen, sondern warm und weich wie eine Decke, die alle umhüllt. Die Eltern betrachten ihr Kind. Die Liebenden betrachten sich. Ein Start-up-Kumpel schaut kurz aufs Handy: nichts. Wie auch, alle schlafen noch. Ein Musiker summt leise die Melodie, die sie in dieser Nacht so oft gesungen haben. Ein Forscher starrt auf einen Bildschirm, auf dem sich komplexe geometrische Formen verschachteln – schön, dieser Bildschirmschoner.

Dann singt ein Vogel, eine Mülltonne klappert, irgendwo wird ein Auto gestartet. Alle recken sich, strecken sich, spüren ihre müden Körper, die sich gar nicht so schlecht anfühlen. Und langsam löst sich der Augenblick auf. Der Morgen danach verwandelt sich leise in einen Morgen davor. Das Leben geht weiter. Und dann?

Dann steht einer auf und macht Kaffee. Und er schmeckt so gut wie selten zuvor. //