Für Leib und Seele

Kein Facebook der Welt musste bemüht werden für diese Verabredung, und Kurznachrichten wurden auch nicht verschickt. Dieses soziale Netzwerk funktioniert allein dadurch, dass Mittwoch ist, der erste im Monat. Und so trudeln sie wie gewohnt morgens ab zehn Uhr ein, die Damen vom „Luisentreffen“, drücken die Glastür vom Café „Finselbach“ im ostwestfälisch-lippischen Kurort Bad Oeynhausen auf, werfen einen kurzen Blick auf die Auslage mit Schwarzwälder, Käsesahne und den üppig belegten Obsttorten und werden begrüßt von der Chefin, Frau Luther.




Ihren Platz müssen sie sich nicht suchen, auch der steht fest. Es geht ganz nach oben, in die zweite Etage, 27 Stufen. Mühsam ist das, schließlich sind sie nicht mehr die Jüngsten, langsam arbeiten sie sich hinauf, die Hand fest am Geländer. Irgendwann haben alle sieben, mehr werden es heute nicht, in ihrer Ecke am Fenster Platz genommen, auf den Marmortischen vor ihnen steht Filterkaffee, Latte macchiato oder Schokocchino, die Hausschokolade mit Milchschaum und einem Schuss Espresso. Warum versammeln sie sich hier oben, wo für die anderen Gäste um diese Zeit noch geschlossen ist? Sicher weil sie ihre Ruhe haben wollen. Großes Gelächter, nein, es sei umgekehrt: „Wir sind immer so laut, wir ­wollen niemanden stören!“ Locker drauf, die Damen, und so gehen sie auch mit diesem Überfall um. Ein Reporter, der unangekündigt auftaucht und die ganze Zeit dabeibleiben möchte – kein Problem. Gott sei Dank, denn klassische Kaffeekränzchen sind heute gar nicht mehr so leicht zu finden. Kopfschütteln im Freundes- und Bekanntenkreis, wenn man fragte, wer noch Frauen kennt, die sich zu Hause regelmäßig zu Kaffee und Kuchen einladen, um über Gott und die Welt zu plaudern. Erst die Anfrage im Café brachte Erfolg. Und dann gab es noch den Tipp mit der Feuerwehr, aber dazu später.

Erst mal sind wir beim Luisentreffen, und schon der Name deutet an, wie viel Geschichte in dieser Runde steckt. Die Luisenschule war eine höhere Mädchenschule in Bad Oeynhausen, die nach Kriegsende 1945 geräumt wurde, weil sie nun in einem für Deutsche verbotenen britischen Sperrbezirk lag. „Wir haben uns alle dort kennengelernt, waren die Mädchen vom Jahrgang 1927, 1928 und 1929 und haben uns nie wieder aus den ­Augen verloren“, sagt Magdalena Seeger. Dann fallen die Namen von Cafés, manche gibt es schon lange nicht mehr, dort habe man sich früher getroffen, immer einmal im Monat. Und nun, auch schon seit mehr als zehn Jahren, bei Finselbach. „Mal sind wir neun, mal nur vier oder fünf“, sagt Ruth Kappmeier, „und wer nicht da war, wird am nächsten Tag angerufen, damit wir uns keine Sorgen machen müssen.“

Ein Stück Heimat

Was ist der Grund dafür, dass ihnen dieser Termin bis heute so viel bedeutet? „Die Gemeinschaft“, sagt Magdalena Seeger, ohne eine Sekunde zu überlegen, „die meisten von uns sind alleinstehend, wir freuen uns einfach, wenn wir uns sehen.“ Man dürfe nicht vergessen, was für Zeiten man miteinander erlebt habe, ergänzt Ruth Kappmeier, und sofort stimmen die anderen mit ein. „Wir sind ja in unserem letzten Schuljahr noch zum Kriegseinsatz verpflichtet worden, haben als 15-Jährige nach dem ­Unterricht Schützengräben ausgehoben oder Panzerfäuste entgratet, damit die Männer den bösen Feind besser totschießen konnten, bevor sie dann selber erschossen wurden“, sagt Magdalena Seeger – und die völlig emotionslose Stimme, mit der die ehemalige Grundschullehrerin über dieses Stück geraubter Jugend spricht, unterstreicht den Irrsinn noch. Margarethe Roth, eine Frau mit warmen Augen und gutmütigem Blick, beugt sich nach vorn: „Wissen Sie, in unserem Alter ist es doch so, dass wir jedes Jahr eine weniger werden. Da müssen wir uns doch treffen, solange wir leben!“

Ute Jürgens nimmt dafür jedes Mal vier Stunden Zugfahrt in Kauf, zwei hin, zwei zurück – sie reist aus Braunschweig an. Seit 1958 lebt sie dort mit ihrem Mann, einem pensionierten Pfarrer. Fünf Kinder, elf Enkel und drei Urenkel, von Einsamkeit könne keine Rede sein, erzählt sie, aber ihre Freundinnen brauche sie dennoch. „Als ich geheiratet habe, wurde von Pastorenfrauen noch verlangt, dass sie ihren Beruf aufgeben. Statt Fremdsprachensekretärin war ich plötzlich Hausfrau.“ Kein Kollegenkreis, fremde Stadt, da lerne man nicht so leicht Leute kennen, sagt sie, und überhaupt seien Freundschaften, die man später im Leben schließt, nicht das­selbe wie die Verbindungen aus der Kindheit.

„Für mich ist das hier immer auch ein Stück Heimat. Wenn ich im Zug sitze und beim vorletzten Halt in Porta Westfalica weiß, ich bin gleich da, dann geht mir einfach das Herz auf.“ Ihr Mann, dessen Jugendfreunde alle im Krieg gefallen seien, freue sich für sie mit – schließlich bringe sie Geschichten mit nach Hause. „Obwohl er außer Margarethe, die mich ab und zu besucht, niemanden aus der Runde kennt, ist er immer sehr neugierig, was wir so besprochen haben.“ 

Ein verlässlicher Rhythmus

Worüber wird denn geredet, wenn nicht gerade ein Reporter zugegen ist? „Krankheiten!“, schallt es gleich von mehreren Seiten, und wieder müssen alle lachen. Neulich sei es um den neuen Til-Schweiger-Film „Honig im Kopf“ gegangen und ob man dem Thema Alzheimer tatsächlich humorvolle Seiten abgewinnen könne. „Also“, sagt Frau Roth, „ich habe meine demenzkranke Mutter gepflegt, so lustig ist das nicht.“ Ansonsten: Thema sei, was man in den vergangenen Wochen so erlebt habe, was schön war, was schlecht war, vom Spaß beim Rommé-Abend bis zu nervigen Werbeanrufen aus Callcentern. „Ich zum Beispiel habe kürzlich mein Auto verschenkt und im Gegenzug einen Einkaufs-Trolley bekommen“, erzählt Inge Piel. „Seitdem ärgere ich mich darüber, dass es hier im Zentrum keinen Supermarkt mehr gibt, den ich zu Fuß erreichen kann. So was kann man dann hier loswerden.“ Und natürlich gehe es auch um Politik. „Da haben wir schon mal unterschiedliche Ansichten, aber richtig streiten und dann beleidigt sein, das ist uns zu albern, dafür sind wir zu alt und zu weise“, sagt Margarethe Roth mit einem Augenzwinkern.

Gegen Mittag löst sich die Runde auf, eine muss zum Bus, bei der anderen läuft die Parkuhr ab. Finselbach-Chefin Patrizia Luther verabschiedet die Damen und setzt sich noch einen Moment zum Reporter. „Der Mensch ist zufrieden, wenn er sich austauscht“, sagt die 50-Jährige. „Deshalb freue ich mich immer, wenn sich die Truppe bei uns einen schönen Vormittag macht.“ Das Café, das sie zusammen mit ihrem Mann Dirk, Konditormeister, betreibt, existiert seit 1906, Frühstück wird noch stilvoll auf der Etagere serviert, Tradition zählt hier etwas. Die Regelmäßigkeit des Treffens, der feste Termin, das sei ganz entscheidend, so Luther. „Sonst würde sich die eine oder andere vielleicht manches Mal nicht aufraffen. So aber muss man raus aus dem Nachthemd, man weiß, die anderen warten, und hat einen Grund, sich was Hübsches anzuziehen.“

Ein Ort, der jung hält

Farbenfrohe Pullover, Halstücher, Kettchen und Ohrringe – ein wenig zurechtgemacht haben sich auch die Frauen, die sich an diesem Mittwoch im Nachbarort Löhne treffen, nachmittags um halb vier im Feuerwehrgerätehaus des Ortsteils Mennighüffen. Nebenan stehen die Einsatzwagen, Männerdomäne, aber hier im Aufenthaltsraum mit der angrenzenden kleinen Küche sind die Damen ­unter sich. „Unsere Männer haben uns damals kein halbes Jahr gegeben“, erzählt Margret Wollbrink, die heute als eine der ersten Frauen gekommen ist, um beim Tischdecken zu helfen. „Die haben gesagt, das macht ihr drei-, viermal, dann hat sich das erledigt.“

Damals, damit ist 1974 gemeint. Das Jahr, in dem sich Helmut Schmidt nach dem Rücktritt Willy Brandts zum Bundeskanzler wählen lässt, die deutsche Fußballnationalmannschaft mit Beckenbauer und Breitner Weltmeister im eigenen Land wird, eine schwedische Popgruppe namens Abba mit „Waterloo“ den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewinnt, Auftakt zu einer gigantischen Karriere. Und am Mittwoch, den 2. Oktober dieses ereig-nisreichen Jahres 1974, rücken um 15.30 Uhr die Ehefrauen der Männer von der Löschgruppe Mennighüffen ins nagelneue Gerätehaus an, Am Bach 13, um für sich den Kaffeetisch zu decken und ihr eigenes kleines Stück Geschichte zu schreiben. „Früher brauchten wir noch drei Kuchen statt zwei“, erinnert sich Frau Wollbrink, während sie die Schokoladensahne- und die Pfirsich-Maracuja-Torte auf den Tisch stellt, die ihre Freundinnen Lisa Marie Brunke und Gerda Kracht am Vortag gebacken haben. „Am Anfang waren wir 18 Teilnehmerinnen, inzwischen sind wir zwölf, und neun davon sind seit dem ersten Treffen dabei.“

Während der Reporter an diesem Tag zum zweiten Mal beeindruckt, ja gerührt ist von so viel unerschütterlicher Beständigkeit, sehen die Frauen auch die Verluste. Gerda Kracht zeigt auf eine Tischreihe, die ohne Gedeck bleibt. „Früher haben wir im geschlossenen Rechteck gesessen, heute ist leider nur noch ein U übrig.“ Margret Wollbrink zählt auf: „Anni, das war vorletztes Jahr, sie ist 94 geworden, davor Martha …“ Ein kleiner Moment der Nachdenklichkeit, aber dann geht schon wieder die Tür auf, diesmal ist es Margret Nagel. Sie hat bei einer Behindertenwerkstatt eingekauft und Margret Wollbrink das versprochene Körnerkissen mitgebracht. „Was kriegste dafür?“ – „Elf-fuffzig.“ Man hilft sich, ganz selbstverständlich und manchmal fast unsichtbar. Als Gertrud Thies, 83 und von so zierlicher Statur, dass sie ihre Armbanduhr über dem Pulloverärmel trägt, damit sie hält; als sich dieses zarte Persönchen auf seinem Stuhl niederlassen will, da schiebt ihr Margret Wollbrink von der Seite noch schnell ein Kissen unter den Po.

Dann wird eingeschenkt. Das Duo, das jeweils mit Kuchenbacken dran ist, sucht auch den Kaffee aus. Heute fließt der „Feine Milde“ in die Tassen, manchmal gibt es auch koffeinfreien. „Nur zu stark darf er nicht sein“, sagt Frau Wollbrink, „sonst können wir nachts nicht schlafen.“ Aufputschen muss diese Runde tatsächlich nichts, sofort wird es lebendig. Lisa Marie Brunke erzählt, dass sie neuerdings immer mit ihrer Nichte einkaufen geht. Anfangs habe sie sich gewehrt, wenn ihr die 24-Jährige rosafarbene, taillierte Steppjacken zum Anprobieren in die Hand gedrückt habe, aber dann sei die junge Frau sehr resolut geworden: „Tantchen, Beerdigungsjacken hast du schon genug, jetzt muss mal was Flottes her!“ Über das Alter und damit über sich selbst lachen zu können fällt leicht, gerade weil die meisten hier erstaunlich jung geblieben sind. Magdalene Martin, die als Damenschneidermeisterin früher eine Näherei betrieb und die alle nur Leni nennen, ist mit ihren 86 Jahren die Älteste – „jedenfalls vom Alter her“, wie sie mit feinem Humor betont. Gerade sei sie drei Wochen in Florida gewesen, Besuch bei der Tochter, die in Orlando lebt. 

Und neben dem Kaffeekränzchen sei ihr noch eine weitere monatliche Runde heilig, Stammtisch bei „Brinker“, einer alteingesessenen Kneipe in ihrem Viertel. Auch Gerda Kracht, die links neben ihr sitzt, ist nicht gerade ein Stubenhocker. „Meine Tochter sagt immer: Mama, ich hatte damals noch ‘ne richtige Oma, die war immer zu Hause.“ Heiterkeit in allen Gesichtern, niemand verpasst eine solche Pointe, denn obwohl die Runde sehr groß ist, verliert man sich nicht in Einzelgesprächen mit der Tischnachbarin. Hier erzählt jede Frau für alle, und alle hören jeder zu.

Ein Ritual fürs Leben

Und dann der Raum: Feuerwehrgerätehaus – am Anfang hätte man nicht für möglich gehalten, dass hier eine solch schöne Stimmung entstehen könnte. Die Plakate mit Rettungsinstruktionen und die Ehrenurkunden an den Wänden, die Pokale auf der Vitrine, der alte Röhrenfernseher, all das, was man als Erstes wahrnimmt, wenn man den noch leeren Raum betritt: Es verschwindet – im Wortsinne – im Hintergrund. Vor den Frauen steht schönes Porzellan, leuchten Teelichter mit Herzchen dran, sorgen bunte Sträuße mit frischen Tulpen für Farbe, und als dann die Sonne um die Ecke kommt und durch die Fensterfront an der Längsseite hineinscheint, nehmen graue Haare einen edlen silbernen Schimmer an.

Im Bus auf der Rückfahrt von einem gemeinsamen Feuerwehr-Ausflug mit den Männern war ihnen damals die Idee mit dem Kaffeekränzchen gekommen. Inzwischen ist eine ganz andere Generation in der Löschgruppe aktiv, aber Diskussionen um die Raumnutzung gab es nie. „Wir sind sehr froh, dass die Jungen uns dulden, denn so eine große Runde zu Hause zu empfangen, dazu hätte keine von uns Lust“, sagt Gerda Kracht, und alle stimmen zu: Nein, ohne diesen Raum hätte sich die Sache nicht so lange gehalten.

Die Uhr in der Schrankwand zeigt halb sechs, als die ersten Frauen aufstehen und ihre Jacken von der Garde­robe holen. Lisa Marie Brunke und Gerda Kracht beginnen, die Spülmaschine einzuräumen, anschließend müssen sie noch ihre Blumen und Kerzen wieder einpacken. Das nächste Mal werden andere etwas anderes mitbringen, auch Deko ist stets Sache des Zweierteams. „Wer ist denn eigentlich dran?“, fragt Magdalene Martin, als sie sich von den Frauen in der Küche verabschiedet. „Elsbeth und Margret“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Alles klar, dann bleibt gesund und bis zum nächsten Mal!“