Partner von
Partner von

Sophie Killer im Interview

Kaffee entwässert – diesen Mythos entkräftet eine britische Forscherin, die nicht nur den harntreibenden Effekt von Kaffee widerlegt hat. Sophie Killer setzt Koffein sogar gezielt zur Leistungssteigerung von Profisportlern ein.




Um mit einer britischen Ernährungswissenschaftlerin über die harntreibende Wirkung von Koffein zu sprechen, gibt es in London einen besonders geeigneten Ort: „The Attendant“, ein ehemaliges viktorianisches Pissoir, das vor einigen Jahren zu einem angesagten Café umgebaut wurde. Über einen kunstvoll verschnörkelten Eingang im hippen Londoner Stadtteil Fitzrovia führt eine Treppe ein Stockwerk tief unter die Straße. Hier, zwischen den Porzellan-Urinalen von anno 1890, die zu kleinen Tischchen für Latte- und Espresso-Fans umfunktioniert wurden, sitzt Sophie Killer (27) und schlürft einen „Americano“.

Wer Kaffee trinkt, kann froh sein, die Toilette gleich in der Nähe zu haben, denn bekanntlich steigert Koffein den Harndrang, richtig?

Nicht unbedingt. In unserer Studie, die ich mit Kollegen der Universität Birmingham durchgeführt habe, hatte Kaffee keine entwässernde Wirkung auf den Körper – jedenfalls nicht auf Menschen, die an Kaffee gewöhnt sind.

Aber das gehört doch schon fast zum Allgemeinwissen. Und warum sonst servieren Kaffeenationen wie Österreich oder Italien zum Getränk stets auch ein Glas Wasser?

Der Brauch geht wohl auf recht alte Untersuchungen zurück. 1928 haben zwei kanadische Forscher zwei Probanden untersucht, nämlich sich selbst, und festgestellt: Wenn man Koffein in hohen Dosen zu sich nimmt, also in Mengen von mehr als 500 Milligramm, hat das einen entwässernden Effekt. Die Wissenschaftler stellten aber auch fest, dass regelmäßiger Koffeinkonsum dazu führt, dass man eine Toleranz gegenüber Koffein und diesem entwässernden Effekt entwickelt.

Seitdem wurde Koffein in verschiedensten Studien untersucht – mal in Form von Kaffee, mal in Tablettenform, mal bei regelmäßigen Kaffeetrinkern, mal bei Kaffee­neulingen, mal in hohen und dann wieder in niedrigen Konzentrationen. Und ja, man kann tatsächlich sagen, dass sich bei einer hohen Dosis von Koffein, bei mehr als 300 Milligramm, ein paar Stunden nach der Einnahme ein unmittelbar entwässernder Effekt einstellen kann. Das gilt allerdings nur, wenn Koffein in Tablettenform eingenommen wurde. Es gibt aber nur zwei Studien, bei denen Kaffee als Koffeinquelle verwendet wurde. Und bei einer davon tranken die Probanden sehr viel Kaffee, eine Koffeindosis von 650 Milligramm, was ungefähr sechs bis sieben Tassen entspricht. Da ist es wenig verwunderlich, dass sie viel Urin produzierten. Außerdem durften sie vor dem Experiment über fünf Tage lang keinen Kaffee getrunken haben, sodass sie ihre Toleranz gegenüber Koffein sicher verloren hatten.

Das hat die Studienergebnisse also beeinflusst?

Ja. In einer anderen Studie, in der verschiedene koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Tee oder Cola im Vergleich zu koffeinfreien ausprobiert wurden, zeigte sich, dass eine moderate Menge von Koffein als Teil der üblichen Ernährung keinen entwässernden Effekt hat. Das wollten wir genauer wissen, also haben meine Kollegen und ich aus dieser Studie den Kaffee herausgegriffen und eine eigene Studie entworfen.

Sie waren damals am Institut für Sport- und Trainings-wissenschaften der Universität Birmingham. Warum interessierte Sie da die Wirkung von Kaffee auf den Wasserhaushalt des Menschen?

Wir wollten wissen, wie sich Koffein auf die sportliche Leistungsfähigkeit auswirkt. Es hat ja eine Reihe von Vorteilen für den Organismus, und weil es seit 2004 nicht mehr auf der Liste der verbotenen Substanzen steht, wird es von vielen Athleten genutzt. Aber wenn Kaffee tatsächlich eine dehydrierende Wirkung hat – schaden wir den Sportlern dann nicht, wenn wir Koffein empfehlen?

Wie haben Sie Ihre 50 Probanden rekrutiert?

An der Universität gibt es genug Studenten und Dozenten, die viel Kaffee trinken. Deshalb hatten wir auch deutlich mehr Anfragen als Plätze und konnten wählen: Unser ältester Teilnehmer war 46, der jüngste 18 Jahre alt. Sie kamen morgens zwischen sieben und neun Uhr, gaben ihre Urinproben vom Vortag ab, tranken ihren Kaffee und aßen ihre Mahlzeiten.

Was genau wurde in der Studie untersucht?

Wir verglichen Kaffee mit Wasser, ansonsten hielten wir die Bedingungen so konstant wie möglich, die Ernährung, die sportliche Betätigung der Probanden. Alle 50 waren Kaffeetrinker, tranken zwischen drei und sechs Tassen täglich. Bei uns bekamen sie dann erst drei Tage lang vier Tassen Kaffee am Tag – jeweils genau 200 Milliliter mit einem Koffeingehalt, der auf das Körpergewicht des Probanden abgestimmt wurde. Nach einer zehntägigen Pause kamen sie wieder für drei Tage ans Institut, um anstelle des Kaffees dieselbe Menge Wasser zu trinken.

Drei Tage nur Wasser, wie war das für die Kaffeetrinker?

Ein Albtraum! (lacht) Die meisten wurden recht mürrisch.

Dann haben Sie bei beiden Gruppen den Wasserhaushalt gemessen.

Beide Flüssigkeiten waren mit einem Wasserstoffisotop markiert. Dadurch lässt sich am besten berechnen, wie eine Flüssigkeit zum Gesamthaushalt eines Menschen beiträgt. Das Ergebnis: Bei Männern, die an Kaffee gewöhnt sind, trägt Kaffee genauso zum Wasserhaushalt bei wie Wasser. Von einem dehydrierenden Effekt des Koffeins kann also keine Rede sein.

Schlicht gesagt: Kaffeetrinker müssen also öfter, aber nicht mehr. Für Athleten bedeutet das demnach: Sie können zumindest moderate Mengen Kof­fein zu sich nehmen. Was passiert dann im Körper?

Koffein überquert die Blut-Hirn-Schranke und findet überall im Körper Rezeptoren, die Adenosinrezeptoren. Das sind Andockstellen, über die das Molekül mit Nervenzellen „spricht“. Es verdrängt einen körpereigenen Hemmstoff, das Adenosin, von diesen Rezeptoren, sodass die Reizübertragung von Nervenzellen erleichtert wird. Das erklärt auch, weshalb Koffein die Stimmung hebt und Aufmerksamkeit, Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit steigert – der Koffein-Kick. Weil es auf das zentrale Nervensystem wirkt, regt es auch das Herz an, erhöht den Blutdruck und stimuliert die Muskeln und Bronchien. Alles hilfreich beim Sport.

Geben Sie den Athleten Tabletten, oder trinken sie ein paar Tassen Kaffee vor den Wettkämpfen?

Das ist Geschmackssache. Wichtig ist, dass die Athleten etwa zwei bis vier Milligramm Koffein pro Kilogramm ­ihres Körpergewichts bekommen – etwas mehr also, als in einer Kaffeetasse ist, die rund 100 Milligramm Koffein enthält. Dabei empfehlen wir die Einnahme etwa 45 Minuten vor dem Training, dem Rennen oder dem Spiel, weil es so lange dauert, bis die optimale Konzentration im Blutplasma erreicht ist. Allerdings empfindet jeder Sportler den Koffein-Kick anders: Einige fühlen sich schon nach fünf Minuten „buzzy“, andere spüren den Effekt kaum, berichten aber, dass sie Stunden später nicht einschlafen konnten. Die Unterschiede sind zum Teil genetisch bedingt, hängen aber auch davon ab, wie sehr jemand an den Konsum von Koffein gewöhnt ist.

Wie kann Kaffee Sportlern sonst noch helfen?

Aus ernährungsphysiologischen Gründen kann es sinnvoll sein, ohne Frühstück sehr hart zu trainieren. Sport auf nüchternen Magen fühlt sich allerdings wegen des geringen Blutzuckerspiegels schrecklich an. Deshalb ermuntere ich meine Athleten, vorher einen Kaffee zu trinken, mit ein wenig Milch. Das reduziert das Erschöpfungsgefühl deutlich und macht die Anstrengungen erträglicher.

Reduziert Kaffee nicht auch das Schmerzempfinden?

Koffein ist ein Nervenstimulator und ändert das Empfinden von Anstrengung und Müdigkeit, sodass man länger durchhält. Es gibt auch Theorien, nach denen Koffein den Kalziumgehalt der Muskelzellen erhöht und so die Muskelkontraktionen verbessert, was sich in leicht erhöhten Leistungen beim Sprint zeigen soll. Andere Forschungen zeigen, dass Koffein den Abbau von Fetten optimiert. Und wir wissen, dass das Verbrennen von Fett mehr Energie freisetzt als der Umsatz von Kohlenhydraten. Koffein könnte also helfen, die Kohlenhydratspeicher zu schonen, wodurch die Energiereserven bei Langstreckenläufern länger halten. Der mentale Effekt des Koffeins auf die Nervenzellen ist aus meiner Sicht aber wichtiger.
Wir müssen allerdings vorsichtig sein, was Verallgemeinerungen angeht: All diese Untersuchungen sind nicht zu vergleichen mit großen Arzneimittelstudien, wie wir sie aus der Pharmaindustrie kennen, die an Tausenden von Patienten durchgeführt werden.

Die Studie wurde vom Institute for Scientific Information on Coffee (ISIC) ermöglicht – einer Organisation, die von großen Kaffeeproduzenten finanziert wird. Hat das die Ergebnisse beeinflusst?

Nein, ich habe nichts mit der Kaffeeindustrie zu tun, und ich hätte meine Forschungen auch veröffentlicht, wenn das Gegenteil dabei herausgekommen wäre. Ich habe die Studie anhand wissenschaftlicher und universitärer Richtlinien skizziert und den Studienentwurf dem ISIC vorgestellt, das ihn begutachtet und bewilligt hat. Dann habe ich die Studie durchgeführt, veröffentlicht und einen Report geschrieben. Kein Wort darin ist vom ISIC geändert worden.

Warum hat Kaffee – trotz seiner erwiesenen positiven Wirkungen – zugleich oft einen gesundheitlich zweifelhaften Ruf?

Weil Koffein bei Menschen mit bestimmten Erkrankungen auch Nebenwirkungen haben kann. Selbst bei Gesunden können sehr hohe Koffeinkonzentrationen Herzrasen, Zittern, Angst und Ähnliches hervorrufen. Unsere Studie zeigt aber auch ganz klar, dass Kaffee bei Menschen, die an Kaffeegenuss gewohnt sind, durchaus als Flüssigkeitsquelle dienen kann – vermutlich übrigens auch bei Senioren.

Planen Sie weitere Forschungsprojekte rund um Kaffee und Koffein? Vielleicht auch eine Ausweitung Ihrer Forschungen auf Frauen? Ihre Studie beschränkte sich ja auf Männer.

Das wäre sicher interessant, aber auch sehr aufwendig, denn Frauen sind im physiologischen Sinne sehr kompliziert. Ihr Zyklus und die damit verbundenen hormonellen Änderungen erfordern ein anderes Studiendesign. Die Studie mit Männern dauerte ein Jahr, mit Frauen würde die Forschung mindestens zwei Jahre dauern.
Aber davon abgesehen, gibt es eigentlich keine Hinweise darauf, dass Kaffee auf den Flüssigkeitshaushalt von Frauen, die an Kaffee gewöhnt sind, einen anderen Effekt haben sollte als auf Männer.

Die Forscherin

Sophie Killer, 27, ist nicht nur Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Kent, sie berät auch Sportler und Fußballclubs wie den Premier-League- Verein Crystal Palace. Als Britin beginnt sie ihren Tag mit Tee, erst am Nachmittag trinkt sie gern den einen oder anderen „Americano“, also verlängerten Espresso. Weil sich ihr Hobby Hockeyspielen nicht mehr mit ihrer Arbeit im Labor vereinbaren ließ, hält sie sich jetzt mit Triathlon fit – gern auch mit einem Kaffee vorweg, damit sich das Training nicht zu sehr nach Anstrengung anfühlt.

Das Institut

Das ISIC (Institute for Scientific Information on Coffee) ist eine Non-Profit-Organisation, die 1990 gegründet wurde und sich der Untersuchung und der Veröffentlichung wissenschaftlicher Studien zum Thema Kaffee und Gesundheit widmet. Das ISIC unterstützt unabhängige Forschungen und Studien mit diesem Schwerpunkt.
Hinter dem Institut steht ein Zusammenschluss der sieben größten europäischen Kaffeeproduzenten. Auf der Website des Instituts, coffeeandhealth.org, werden die neuesten Erkenntnisse zugänglich gemacht (siehe dazu „Im Fokus der Forscher“).