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Argentinien: Schule des Lebens

Getrunken wird er überall, Art und Zubereitung allerdings sind mitunter gewöhnungsbedürftig – zumindest für den deutschen Geschmack. Wie und wo genießen die Menschen in anderen Ländern heute ihren Kaffee? Eine Reise um die Welt.





Das einzig Neue im Café Montecarlo ist dieses kleine, runde Schild. Darauf ein Handy, durchgestrichen mit einem roten Balken. Die alte Theke, die schweren Holzstühle, die Glasvitrine mit den Croissants – alles ist wie vor Jahrzehnten. Der Kellner trägt schwarze Hose und weißes Hemd, balanciert geschickt das Tablett mit dem Espressotässchen. Es ist der perfekte Kaffeemoment. Nur das Wasser im Begleitglas ist zu stark gechlort, aber daran muss man sich in Buenos Aires gewöhnen. 

Die alten Cafés sind der Ruhepol der argentinischen Hauptstadt. Mehr als 70 stehen auf der Liste der von der Stadtregierung einberufenen Café-Kommission. Und das sind nur die historischen, es gibt noch viele Hundert mehr. Natürlich ist auch Starbucks am Start. Die Kette kämpft um die Gunst der Jungen. Denn nur die sind dem Zauber der alten Cafés noch nicht verfallen.

Stundenlang sitzen die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, vor einem Kaffeetässchen. Lesen. Philosophieren mit Freunden. Kein Kellner würde es wagen zu mahnen, die Bestellfrequenz zu steigern. Und umgekehrt wagt hier kein Gast, einen „Coffee to go“ zu bestellen. Es ist ein bisschen wie in dem Tango aus dem Jahr 1947, der einem kleinen Café gewidmet ist: „Wie eine Schule des Lebens gabst du mir schon als staunender Junge: die Zigarette, den Glauben an meine Träume und eine Hoffnung auf Liebe.“ 

Das ist die gute Nachricht aus der argentinischen Kaffeewelt. Die schlechte wartet im Supermarkt. Und ist oft die einzige Kaufoption: Stark geröstet und schon im Paket mit Zucker versetzt, so wünscht sich der Durchschnittsporteño den Kaffee, den er zu Hause brüht. Falls er dort überhaupt Kaffee trinkt: 141 Tassen nimmt ein Argentinier im Schnitt pro Jahr zu sich – die Nachbarn in Brasilien trinken fast viermal so viel. Der Unterschied hat Tradition: Kaffee trinken die Argentinier im Café. Zu Hause oder im Büro bevorzugen sie Mate. 

„Tomar el mate“ ist eine Zeremonie unter Freunden. Alle trinken aus derselben Kalebasse und zutzeln am selben Metallstrohhalm. Einer, meist der Gastgeber oder der Besitzer des Mate-Bechers, hat eine Thermoskanne zur Hand und schenkt Wasser nach. 240 000 Tonnen Matekraut werden jedes Jahr in Argentinien verkauft – und 35 200 Tonnen Kaffee. Weshalb es nicht verwundert, dass der Tango auch den Mate besingt: „Der Mensch findet im Mate seinen besten compañero.“ 

Ein findiges Unternehmen hat vor Kurzem ein neues Produkt entworfen: Mate mit Kaffeegeschmack. Bisher wohl kein großer Erfolg. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.