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Kümmern sich die Pharmakonzerne wirklich nicht um Krankheiten in der Dritten Welt?

Es ist ein Vorwurf, den die Pharmabranche seit Jahrzehnten nicht los wird: Die überaus gut verdienenden Konzerne wären zu profitgierig, um kranken Menschen in Entwicklungsländern zu helfen, die sich Medikamente nicht leisten können.
Ganz abgesehen davon, ob die Anschuldigung stimmt: Sie zeugt vor allem davon, dass Pharmaunternehmen von der Öffentlichkeit mit anderen Augen gesehen werden als andere Industriezweige. Keiner verlangt, dass Autohersteller ihre Fahrzeuge in der Dritten Welt verschenken oder dass Energieversorger umsonst Strom nach Zentralafrika liefern. Doch mit der Gesundheit anderer Geld zu verdienen scheint ein Geschäftsmodell zu sein, das mit besonderen moralischen Verpflichtungen verbunden ist. Ob zu Recht oder nicht, ist ein anderes, ein philosophisches Problem.




Richtig ist: Die Eingangsfrage lässt mit einem „doch, sie kümmern sich durchaus“ beantworten – zumindest oberflächlich betrachtet. „Kein Pharmakonzern getraut sich mehr so zu erscheinen, als würde er das Thema ignorieren, spätestens seit Corporate Social Responsibility auch für Investoren eine wichtige Rolle spielt“, sagt Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamentenkampagne für Ärzte ohne Grenzen in Deutschland.

Deshalb finden sich auch bei nahezu jedem Unternehmen entsprechende Projekte: Novartis beispielsweise liefert vielen Ländern die Malaria-Arznei Coartem zum Selbstkostenpreis, Pfizer engagiert sich bei der Bekämpfung des Trachoms, einer häufigen Augeninfektion, Bayer arbeitet an einem Tuberkulose-Mittel, das den Armen der Welt zugute kommen soll, und stellt der WHO ein Mittel gegen die Schlafkrankheit zur Verfügung. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Viel schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob die Pharmakonzerne genug gegen Krankheiten in der Dritten Welt tun. Denn was genau ist schon genug? Und wie will man das messen? In ihren Jahresberichten gehen nur wenige Konzerne über Beschreibungen und eindrucksvolle Fotos von Hilfsprojekten hinaus und nennen auch die investierten Beträge. Und bei denen, die es tun, sind die Berechnungen kaum miteinander vergleichbar und teilweise auch schwer nachvollziehbar.

So beziffert Novartis den Wert seiner Programme, die Zugang zu Medikamenten schaffen sollen, für 2010 auf eindrucksvolle 1,54 Milliarden Dollar. Dafür setzen die Schweizer die abgegebenen Produkte aber überwiegend zum Großhandelspreis an. Die Summe entspräche etwa einem Fünftel des Forschungsbudgets und weniger als einem Achtel vom Betriebsergebnis. GlaxoSmithKline nennt 222 Millionen Pfund als „Global Community Investment“ für 2010. Das ist ein Zwanzigstel der Forschungsaufwendungen und ein Siebzehntel vom Betriebsgewinn. Allerdings kalkulieren die Briten für Medikamentenspenden (147 Millionen Pfund) nur mit den reinen Produktionskosten.

Viel Geld – aber tun die Firmen damit auch das Richtige? Oliver Moldenhauer ist skeptisch: „Oft handelt es sich bei diesen Programmen um wenig nachhaltige Einzelrabatte, die vor allem der Image-Pflege dienen sollen und weniger auf das eigentliche Interesse der Patienten zielen“, sagt er.

Grundsätzlich zu unterscheiden seien zwei Arten des Engagements. Die eine: neue Medikamente gegen die sogenannten vernachlässigten Krankheiten zu entwickeln. Diese Leiden, wie etwa Leishmaniose und Chagas oder die Schlafkrankheit, kommen praktisch ausschließlich in Entwicklungsländern vor und betreffen somit vor allem Patienten, die sich keine Medikamente leisten können. Weil es aus wirtschaftlicher Sicht wenig Sinn macht, ist die Pharmabranche hier kaum aktiv.

„Mittlerweile beteiligen sich allerdings einige Firmen an sogenannten Product Development Partnerships wie der Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi), die als Non-Profit-Organisation die Erforschung und Entwicklung solcher Arzneimittel übernimmt“, sagt Moldenhauer. „Wobei diese Arbeit dann häufig von der öffentlichen Hand finanziert wird.“

Die andere Möglichkeit sich für Patienten in der Dritten Welt einzusetzen, besteht darin, ihnen den Zugang zu patentgeschützten Medikamenten zu ermöglichen. Unternehmen können ihre Arzneimittel, etwa gegen HIV/Aids, Malaria oder Tuberkulose, verschenken oder Generika-Herstellern erlauben, sie für bestimmte bedürftige Länder billig herzustellen. In diesem Bereich ist die Bilanz in der Branche gemischt.

Aus gutem Grund: Arzneimittel zu spenden ist aufwendig. Damit die Medikamente wirken und richtig eingenommen und angewendet werden können, braucht es geschulte Ärzte, Pfleger und Apotheker. Zudem ist die Logistik in schlecht erschlossenen, oft mit Korruption kämpfenden Regionen eine Herausforderung, die nicht jeder stemmen kann. „Der Vertrieb vieler Generikaunternehmen ist zum Beispiel in Afrika oft besser organisiert als der von den Originalherstellern“, weiß Moldenhauer. Mit der Patentfreigabe für Dritte-WeltLänder zögern dennoch viele Pharmaunternehmen.

Der 2009 in Genf gegründete Medicines Patent Pool der internationalen Hilfsorganisation UNITAID will Abhilfe schaffen: Er verhandelt die Abgabe von Lizenzen mit Pharmafirmen und gibt sie gebündelt an geeignete Generikahersteller weiter.

„Insgesamt war das Engagement der Pharmabranche schon viel schlechter“, sagt Jürgen May, Professor für Infektionsepidemiologie am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Neben dem erwachten CSRBewusstsein dürfte das auch an der wachsenden Zahl von Public-Private Partnerships liegen, bei denen Industrie, internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, Universitäten, NGO und Stiftungen wie die Bill & Melinda Gates Foundation zusammenarbeiten. Der Vorteil: Jeder Partner tut nur das, was er am besten kann.

Dass all die Bemühungen noch nicht ausreichen, ist unbestritten. Ebenso klar ist, dass Pharmakonzerne ein unverzichtbarer Teil der Lösung sind. Denn akademische Institutionen oder Produktentwicklungsinitiativen können zwar viel leisten, bei der Durchführung klinischer Studien mit Tausenden von Patienten wird der organisatorische Aufwand für sie aber zu groß. „Eine Medikamentenentwicklung“, sagt Epidemiologe Jürgen May, „ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr ohne die Firmen zu stemmen.“