Wo geht’s denn hier zur Nachhaltigkeit?

Für Anleger, die in nachhaltig arbeitenden Unternehmen
investieren wollen, gibt es eine ganze Reihe von Indizes, die Firmen nach ökologischen, sozialen und ethischen Gesichtspunkten bewerten. Doch die Vielfalt der Rankings und ihrer Kriterien schafft oft mehr Verwirrung als Orientierung.




Märkte bestehen aus verwandten, miteinander konkurrierenden Produkten oder Dienstleistungen, deren Konkurrenz gelegentlich unterhaltsame Innovationen hervorbringt – etwa den Fünf-Klingen-Nassrasierer, Frappuccino-Decaf-Latte-To-Go oder den von der Joghurtmarke Activia gesponserten Weltverdauungstag. Aber was bei Kaffee oder Kosmetika noch lustig sein mag, erweist sich für den Konsumenten bei komplexen Waren als Qual. Märkte bedeuten Vielfalt – und damit auch Verwirrung.

Finanzprodukte sind per se kompliziert, in Zeiten des weltweit lautstarken Nachhaltigkeits-, Verantwortungs- und Weltverbesserungsgetöses sind sie nahezu undurchschaubar. Zunehmend kapitalkräftige, ethisch orientierte Anleger konfrontieren ihre Berater und Investmenthäuser mit ernsten, gar nicht trivialen Fragen: Wie ist es zum Beispiel um die Arbeitsbedingungen eines bestimmten Markenartiklers an seinen Standorten bestellt? Beschäftigen seine Lieferanten Kinder? Senkt ein börsennotierter Konzern tatsächlich seinen Energie- und Rohstoffverbrauch? Ist ein neues Produkt ökologisch vertretbar? Und sind auch die Produktionsprozesse umweltverträglich? Welche Rolle spielt der Arbeitsschutz? Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit: Achtet der Staat, der interessante Obligationen anbietet, die Menschenrechte? Begünstigt er Korruption? Wie sieht seine CO2-Bilanz aus?

Der Anleger will es genau wissen. Kein Wunder, dass der Markt der Nachhaltigkeits-Ratings boomt. Weltweit gibt es inzwischen mehr als 70 Agenturen, die Unternehmensethik vergleichen. Daneben positionieren sich zahllose Sustainability-Teams in Großbanken. Schon die Namen der Research-Agenturen, Rating- und Index-Anbieter zeugen von der lebhaften Vielfalt. Die Ethik-Tester heißen Arese, CoreRatings, Ethibel, Eiris, FTSE4Good, Imug, Innovest, KLD, Naturaktienindex, Oekom Research, Scoris, Vigeo oder SAM Group, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie alle vergleichen. Nach unterschiedlichen Kriterien. Mit unterschiedlicher Gewichtung und entsprechenden Ergebnissen. Nicht selten widersprechen sich die Rankings sogar.

So stand Toyota Ende 2007 bei der Zürcher Sustainability Asset Management (SAM) dicht hinter Branchenführer BMW, im Ranking der Münchner Oekom Research landete der Autokonzern auf Platz sechs, im Rating von Scoris aus Frankfurt auf Rang neun. Wonach soll sich der Anleger, der einen einfachen, ethisch vertretbaren Anlagetipp sucht, richten? Die Wirtschaftspresse wird ihm kaum Orientierungshilfe bieten: Deren selbst gestrickte Rankings – oft nach unklaren Kriterien von prominenten Jurys vergeben – sorgen vermutlich endgültig für Ratlosigkeit.

Das mag der Beobachter beklagen. Die Widersprüchlichkeit ist jedoch auch Beleg für einen lebendigen Markt, der sich erst entwickelt – und die unterschiedlichen Bedürfnisse seiner Teilnehmer widerspiegelt. Die meisten Ratings entstehen durch Nachfrage der Anbieter von Aktien- und Rentenindizes sowie von Investmentfonds und Vermögensverwaltungen. Und die meisten suchen nach Belegen für Corporate Responsibility im eigentlichen Sinne: Wie sehr durchdringt Verantwortung für ökologische und soziale Folgen die Geschäftstätigkeit?

Auf der Suche nach Antworten beurteilen Analysten die untersuchten Unternehmen nach bis zu 200 ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien. Sie durchforsten Firmen-Websites und Nachhaltigkeitsberichte, versenden umfangreiche Fragebögen oder besuchen die Unternehmen selbst. Sie werten externe Datenbanken aus, analysieren Internet, Printmedien, wissenschaftliche Arbeiten und die Berichte von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Und aus dem Wust an Information erstellen sie ihre Nachhaltigkeitsprofile und Ranglisten.

Die unterschiedlichen Bewertungen haben bisweilen weltanschauliche Hintergründe

Hinter fast jedem Ranking steckt ein eigenes System. Ein Klassiker ist die sogenannte Best-in-class-Methode, mit der die Branchenführer ausgesiebt werden. Die Schweizer SAM Group, die den Dow Jones Sustainability Index (DJSI) verantwortet, erfasst dabei drei Dimensionen: ökonomische, ökologische und soziale Leistungen. Die Kernfragen dahinter lauten: Was bringt Nachhaltigkeit? Was kostet sie? Und wie weit steigert sie die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens? Materiality-Methode nennt sich dieser Ansatz. Vor allem konventionelle Mainstream-Investoren fühlen sich hier gut aufgehoben.

Die Münchner Oekom Research konzentriert sich dagegen auf ökosoziale Kriterien. Soziokulturelle und umweltrelevante Faktoren machen dort durchschnittlich je 50 Prozent des Gesamturteils aus. Während SAM das Thema Nachhaltigkeit eher unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, geht Oekom Research gesellschaftspolitischer zur Sache und kreidet beispielsweise Energieversorgern an, wenn sie Menschenrechte verletzen. Der Oekom-Ansatz bewertet also nicht nur, er zeigt auch auf, was Unternehmen anpacken müssen, um nachhaltiger zu wirtschaften und weist ihnen einen Weg für ihren Wandel.

Die unterschiedliche Klassifizierung von Automarken wie Toyota hat ihre Ursache in genau diesen methodischen wie weltanschaulichen Unterschieden. Aber unabhängig vom jeweiligen Ergebnis: Aus Sicht echter Nachhaltigkeits-Freaks greifen die Ratings generell zu kurz. Nur Unternehmen, so die Kritik, deren Produkte und Services einer nachhaltigen Entwicklung dienen, gehören ihrer Ansicht nach in Nachhaltigkeits-Indizes oder -Fonds. Weil Autohersteller oder Ölkonzerne per se nicht nachhaltig sind, haben sie weder in „grünen Portfolios“ noch in den entsprechenden Ratings etwas zu suchen.

Doch wo ist die Grenze zur Nachhaltigkeit zu ziehen? Es gibt ja nicht einmal eine allgemeingültige Definition des Begriffes. Zudem bewirken viele Nachhaltigkeitsaspekte Zielkonflikte. Wer eine umweltbelastende Fabrik schließt, vernichtet Arbeitsplätze – soll sich ein Unternehmen also erst um Umweltschutz oder erst um Arbeitsbedingungen kümmern? Ist ein Windanlagenbauer per se nachhaltig? Viele würden das bejahen. Aber was, wenn ein Konzern wie Enercon versucht, in seinen Werken Betriebsratswahlen zu verhindern – welche Verantwortung wiegt schwerer?

Soll man einen Hersteller großer Autos wie BMW aussortieren, obwohl er mit seiner „Low Carbon Strategy“ über dem Industriedurchschnitt liegt? Wie ist es zu bewerten, dass Siemens zwar jede Menge Umwelttechnik produziert, aber auch Turbinen für den Drei-Schluchten-Staudamm in China, der ganze Ökosysteme zerstört und für den Millionen Menschen zwangsumgesiedelt werden? Wonach soll man bei einem Ölkonzern wie ExxonMobil urteilen, der jahrelang den Klimawandel leugnete, während die Wettbewerber wie Shell und Statoil in umweltverträgliche Techniken investieren? Und was passiert im Urteil, wenn der Musterschüler und Solarenergieförderer BP seine Anlagen im Kerngeschäft nicht genügend wartet und dadurch Unfälle verursacht, wie 2005 in Texas, wo bei Explosionen 15 Menschen starben? Wer will zwischen all dem eine klare Grenze mit Blick auf Nachhaltigkeit ziehen?

Hier zeigt sich ein Vorteil der ökologisch orientierten Agenturen: Bei Oekom zum Beispiel schnitt BP seit Jahren nur leicht überdurchschnittlich ab. Die Analysten hatten die häufigen Umwelt- und Menschenrechtskontroversen im Blick behalten, das drückte aufs Ergebnis. Anleger, die sich bis zur Ankündigung des Rücktritts von Vorstandschef John Browne im Mai 2007 lediglich an der öffentlichen Meinung orientiert hatten, mussten in seinem letzten Amtsjahr einen herben Kurseinbruch hinnehmen. SAM wiederum hat BP neu bewertet und aus dem europäischen DJSI Stoxx geworfen. Im Weltindex der Schweizer Tester ist der Ölriese allerdings noch vertreten – im globalen Branchenvergleich gehört BP bei Kriterien wie Erneuerbare Energien, Umwelt- und Sozial-Reporting sowie Personalführung noch immer zu den Besten.

Die Landschaft bleibt heterogen. Solange Analysten unterschiedliche Schwerpunkte setzen, haben ihre Ratings beschränkte Aussagekraft. Immer wichtiger ist für die Agenturen deshalb ein Aspekt, den sie bisher lediglich bei den von ihnen beobachteten Unternehmen ins Auge fassten: Transparenz. Nicht nur ihre unterschiedlichen Auffassungen, sondern auch ihre Kriterien und Methoden sollen künftig offen und nachvollziehbar dargestellt werden.

Schon 2004 haben sich 16 führende europäische Nachhaltigkeits-Research-und Rating-Häuser zu zehn Qualitätsprinzipien verpflichtet. Sie einigten sich unter anderem auf folgende Kriterien: Unabhängigkeit, aktive Einbeziehung wichtiger Interessengruppen, Dialog mit den Unternehmen, ethische Standards sowie Qualitätskriterien hinsichtlich Umfang, Methoden und Aktualisierungen. Um vergleichbar zu sein, müssen alle Agenturen ihre Vorgehensweise auf einer Transparenzmatrix detailliert darstellen und von unabhängiger Stelle kontrollieren lassen.

Ein einheitlicher Standard wäre hilfreich, aber die Agenturen streiten noch

Der europäische Nachhaltigkeits-Research-Verband „Association for Independent Corporate Sustainability and Responsibility Research (AICSRR)“ hat diese Leitlinien erarbeitet und die belgische Firma Procuratis als unabhängigen Auditor beauftragt. 2007 wurden zahlreiche Agenturen in einem Probelauf erstmals teil-auditiert. Dieses Jahr folgt das Vollaudit, später soll ein Komitee die Agenturen zertifizieren. Am Ende würde dann die Transparenzmatrix auf den Agentur-Websites und den Seiten des AICSRR veröffentlicht. So weit der Plan.

Ob das Gesamtpaket dieses europaweiten TÜV für Nachhaltigkeits-Ratings realisiert wird, ist allerdings fraglich. Unterschiedliche Größen, Analysen, Leistungen und Prozesse ließen sich nicht über einen Kamm scheren, heißt es. So sei ein Komplettanbieter wie Oekom Research, der einen ganzen Analystenstab aufbietet, nicht mit einem Drei-Mann-Team wie bei Scoris vergleichbar, das seine Informationen teilweise von dem Netzwerk Siri Company bezieht. Ähnlich arbeitet das Imug Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft e.V. an der Universität Hannover, das für das britische Eiris-Netzwerk deutschsprachige Unternehmen analysiert, aber auch eigene Studien erstellt. Während Imug und Oekom Research sich auditieren lassen, will Scoris abwarten. Manchen Netzwerk-Agenturen seien die Qualitätsstandards zu anspruchsvoll, heißt es in der Szene.

Sollte aus der Transparenz-Initiative am Ende nur ein halb durchsichtiger Kompromiss hervorgehen, erwiese sich die Branche einen Bärendienst: Die Auskunftsfreude, die sie lautstark von Unternehmen fordert, würde sie selbst nicht oder bestenfalls teilweise bieten.

Richtig ist aber auch: Trotz ihrer Unstimmigkeiten ist die „nachhaltige“ Rating-Branche schon jetzt transparenter als die konventionelle. Und ethisch zusammengestellte Fonds bleiben ein Renner. Deshalb ist der Trend natürlich auch an den klassischen Banken und Investmenthäusern nicht unbemerkt vorübergezogen. So gut wie jeder Finanzdienstleister hat heute Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsfonds im Angebot. Allerdings sind auch deren Methoden alles andere als homogen, transparent oder nachvollziehbar. So manchem Anbieter reicht schon der Ausschluss von Waffenherstellern als einziges Kriterium für einen nachhaltigen Fonds. Kein Wunder also, dass sich solide Produktanbieter davon unterscheiden wollen und gerade am Thema Übersicht und Vergleichbarkeit arbeiten.

Bis April 2008 unterzeichneten 50 europäische Finanzdienstleister die schon 2004 verabschiedeten Transparenzleitlinien des European Social Investment Forums Eurosif. Seit Mai arbeiten sie sogar mit einem eigenen Gütesiegel, dem „Europäischen Transparenzlogo“. Es gilt jeweils ein Jahr. Um es zu verwenden, müssen die Banken beispielsweise detaillierte Antworten geben zu ihrem Nachhaltigkeitsverständnis, zu Anlagekriterien, Research-Methoden und zur Informationspolitik gegenüber den Anlegern.

Vollständige Homogenität jedoch dürfte es auch künftig kaum geben. Aber Harmonie auf ganzer Linie ist gar nicht nötig. Ein Großinvestor versteht unter Nachhaltigkeit mitunter etwas völlig anderes als ein Privatanleger. Der eine betont Ressourcen- und Umweltschutz, ein anderer Anleger Arbeitsbedingungen und Menschenrechte. Wieder andere stellen Armutsbekämpfung an oberste Stelle. Für katholische Organisationen sind Hersteller von Verhütungsmitteln tabu. Institutionelle Anleger investieren gerade hier, weil sie darin ein wichtiges Instrument zur Aids- und Armutsbekämpfung sehen.

Verantwortung ist eben ein vielschichtiger und interpretierbarer Begriff. Und wie immer er auch ausgelegt wird: Er treibt den Wettbewerb, die Weiterentwicklung, Verfeinerung und Verbesserung der Methoden voran. Damit wird das Thema Nachhaltigkeit in seinen vielfältigen Variationen differenziert – und dadurch möglicherweise langfristiger – umgesetzt. Erst die Vielfalt der Produkte vergrößert die Relevanz und Hebelkraft des eingesetzten Geldes.

Tatsächlich dürfte sich eine Vereinheitlichung von Nachhaltigkeitskriterien sogar kontraproduktiv auswirken. Was würde es nützen, wenn sich ein Fonds nur dann mit dem Zusatz „nachhaltig“ schmücken dürfte, wenn er ausschließlich in „nachhaltige Unternehmen“ investierte? Die Fokussierung würde nur Nischenmärkte bedienen. Vom Sinn des Ziels überzeugte Anleger würden in ebenso überzeugte Unternehmen investieren. Alle hätten ein gutes Gewissen, aber die Welt würde so nicht besser; die Masse der Wirtschaft nicht erreicht. Konzerne, Mittelständler und indirekt ihre Zulieferer hätten keine Anreize, ihr Geschäftsgebaren zu ändern und nachhaltiger zu wirtschaften.

Investoren sollten ihr Geld ohnehin breit und branchenübergreifend streuen. Nur wenn die kapitalkräftigen Geldgeber die Schwergewichte der Wirtschaft zur Verantwortung ziehen und sich die Großunternehmen ihrer „Corporate Responsibility“ stellen, wird sich die Welt verändern. Es ist nun mal so: Ein Konzern, der eine Klimastrategie entwickelt, um seine Emissionen drastisch zu senken, trägt mehr zum Klimaschutz bei als eine kleine Ökofirma. Die Wirkung eines Dow Jones Sustainability Index ist deshalb wesentlich breiter als die eines spezialisierten Natur-Aktien-Index. Beide Vorgehensweisen haben ihre Berechtigung. Jedoch trägt die eine mehr zum nötigen Wandel bei.

Das perfekte Nachhaltigkeits-Rating ist noch nicht erfunden. Aber für engagierte Investoren bleiben auch die heterogenen Listings unerlässliche Informationsquellen. Je mehr sich der Markt ausdifferenziert, desto differenzierter fallen die unterschiedlichen Charts, Ratings und Rankings aus, die in den einzelnen Segmenten Sortierungskriterien schaffen. So wie der Konsument im Lebensmittelmarkt vor Regalen mit schier überwältigend vielfältigen Angeboten steht, so breit sind auch die Kriterien der Fonds und Ratings gestreut. Und da Risikostreuung ohnehin das Gebot jedes Anleger ist, ist es sinnvoll, ein Portfolio auf mehrere Nachhaltigkeitskonzepte zu verteilen.

Die Vielfalt dieses Marktes ist ein Zeichen von Gesundheit. Wenn Vergleichen und Verglichen-Werden helfen, Umweltschutz, soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit in den Kern der konventionellen Wirtschaft zu rücken, ist damit viel gewonnen.

Mit Ratings ist es wie mit Ökosystemen: Der Artenreichtum macht ihre Stabilität aus. Nur die Vielfalt von Ratings und Anlagekonzepten sorgt auch für eine Vielfalt von Investoren. Und nur so kann sich die Macht der Anleger entfalten, breit und nachhaltig.

Wer mal eben ins Regal der „guten Investments“ greifen will, um schnell ein Produkt zur Beruhigung des Gewissens herauszuziehen, der wird schnell frustriert. Ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Warenangebot fällt die Entscheidung schwer. Das gilt im Übrigen aber auch vor dem Joghurtregal. Weshalb sollte es ausgerechnet bei nachhaltigen Anlagen anders sein?