SOLLTEN DIE KLÜGSTEN KÖPFE IN F & E NICHT AUCH AN GESELLSCHAFTLICHEN INNOVATIONEN TÜFTELN STATT NUR AN TECHNOLOGIEN?

„Ja, durchaus. Dass sie es nicht tun, hat mehrere Gründe, wie wir im Rahmen einer CR-Studie herausgefunden haben. Erstens: Unternehmen haben große Angst, dass Konkurrenten ihnen etwas abschauen, wenn sie ihr Know-how für gemeinnützige und soziale Zwecke herausgeben. Das ist vor allem bei technischen Innovationen so, bei denen oft Patente im Spiel sind. Zweitens: Wenn Unternehmen etwas verschenken, erwarten sie häufig, dass irgendwann ein Äquivalent an Geld zurückkommt. Altruismus ist in den Köpfen von Managern nicht so sehr verbreitet. Sie sagen: Wir zahlen so viele Steuern, dann wollen wir auch honoriert werden, wenn wir der Gemeinschaft Ideen und Innovationen aus unserer Forschung und Entwicklung bereitstellen. Drittens: Gerade im Bereich Umweltschutz fürchten Unternehmen, dass zu große technische Fortschritte, die nach außen dringen, automatisch strengere Grenzwerte zur Folge haben. Konkret: Die Wirtschaft fürchtet, den Gesetzgeber mit Innovationen erst zu neuen, strengeren Regeln und Normen anzustiften. Der vierte Grund ist ganz schlicht: Menschen, die im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten, kommunizieren viel mit Kollegen, aber wenig außerhalb ihres Fachgebiets. Sie sitzen in ihrem Elfenbeinturm und fühlen sich dort recht wohl.“


Karl-Werner Hansmann, Wirtschaftsprofessor und Vizepräsident der Universität Hamburg

„Innovationen sind der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung. Unsere Forscher arbeiten heute an den nachhaltigen Produkten von morgen. Dazu optimieren wir alle Marken und Technologien in drei Phasen: bei der Formulierung, bei der Herstellung sowie bei deren Nutzung.

So macht etwa der Einsatz unserer Klebstoffe moderne Autos leichter und reduziert damit Treibstoffverbrauch und Kohlendioxidausstoß. Unsere Wasch- und Reinigungsmittel wirken bereits bei niedrigen Temperaturen und senken so den Energieverbrauch in Haushalten.

Das sind nur einige Beispiele für intelligentere Lösungen von Henkel. Voraussetzung ist jedoch, dass sich auch jeder Einzelne verantwortlich verhält und mit seiner Kaufentscheidung die nachhaltigeren Lösungen wählt.“

Ramón Bacardit, Leiter Research & Technology des Unternehmensbereichs Adhesive Technologies sowie Chief Technology Coordinator (CTC) von Henkel

Tatsächlich verschenken wir viel volkswirtschaftliches Potenzial. Das liegt daran,
dass die politischen Richtungsvorgaben in vielen Fällen zu kurzsichtig oder schlicht falsch sind. Ein Beispiel sind die Abgasvorschriften für Nutzfahrzeuge, die sich seit 1990 ausschließlich an gasförmigen Schadstoffkomponenten sowie Partikeln orientieren und deren zulässige Grenzwerte fast gebetsmühlenhaft bis zur praktischen Unmessbarkeit alle drei Jahre reduziert werden.

Der dadurch erforderliche Entwicklungsaufwand in den Unternehmen steht mittlerweile in keinem Verhältnis mehr zum volkswirtschaftlichen Nutzen, denn: Die Reduzierung von Schadstoffen ist nahezu immer mit einem gleichzeitigen Anstieg des Verbrauchs und damit der CO2-Emissionen verbunden. So wird seit Jahren die Chance verpasst, durch einen Verzicht auf weitere Schadstoffreduktionen drastische Verbrauchs- und damit CO2-Einsparungen zu erzielen, bis hin zum CO2-freien Motorbetrieb mit alternativen Kraftstoffen.
Ich fürchte, wir diskutieren auch dann noch über die nächste Feinstaubreduktion, wenn das Öl für den Betrieb der Motoren bereits ausgegangen ist.“

Georg Pachta-Reyhofen, Vorstandsvorsitzender der MAN Diesel SE

„Wie praktisch jedes andere Thema wird heute das Wort „Innovation“ nur noch unter dem Leitbegriff „Standort Deutschland“ gesehen. Allerdings ist vorherzusehen, dass die inhaltlichen Bedingungen für einen Erfolg im internationalen Wettbewerb großen Änderungen unterworfen sein werden. Die Menschheit geht auf zehn Milliarden Köpfe zu. Davon werden mindestens fünf Milliarden ein Wohlstandsniveau beanspruchen, welches etwa dem heutigen mitteleuropäischen entspricht. Das bedeutet mehr als eine Vervierfachung der Wohlstandsansprüche. Gleichzeitig gibt es starke ökologische Gründe, den Naturverbrauch nicht noch weiter wachsen zu lassen, sondern ihn im Gegenteil um etwa die Hälfte zurückzufahren. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Verachtfachung der Ressourcenproduktivität.

Wenn wir aus einem Fass Öl oder einer Tonne Erdreich mehr als viermal so viel Wohlstand herausholen, dann können wir den Wohlstand verdoppeln und gleichzeitig den Naturverbrauch halbieren. Das ist neu, einfach und aufregend. Neu ist die Forderung, weil sie nichts weniger will als eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts; einfach, weil sie eine ganz primitive Formel benutzt; aufregend, weil sie nicht utopisch ist, sondern ganz real. Das ist innovativ.“

Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, 1997, in: „Die Zeitschrift für Erwachsenenbildung“


„Die Frage impliziert, dass in Unternehmen gewonnene Forschungsergebnisse nicht der Allgemeinheit zugute kommen. Dabei ist eher das Gegenteil richtig. Gerade die Forschung in den Unternehmen steht unter dem Druck, Ergebnisse zu liefern, die sich möglichst breit vermarkten lassen. Das Vermarkten steht auch nicht im Widerspruch zu allgemeinen Bedürfnissen. Tatsächlich zeigt erst der Markt, ob eine Entwicklung angenommen wird oder ob sie an den Bedürfnissen vorbeigeht. Da sich gerade in der heutigen Zeit niemand mehr leisten kann, ins Blaue zu entwickeln, findet Forschung und Entwicklung immer mehr in direkter Absprache mit den zukünftigen Kunden statt. Zum Beispiel in der Medizintechnik. Ärzte sagen uns, wie und wo sie bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten benötigen, und wir entwickeln – in enger Abstimmung – die notwendige Technologie. Zum Wohle der Allgemeinheit.“

Hans-Joachim Kamp, Sprecher der Geschäftsführung der Philips GmbH

„Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an, bei unserer Einstellung zu neuen Techniken, zu neuen Arbeits- und Ausbildungsformen, bei unserer Haltung zu Veränderung schlechthin. (...) Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal. (...) Wer 100 Meter Anlauf nimmt, um dann zwei Meter weit zu springen, der braucht gar nicht anzutreten.“

Roman Herzog, ehemaliger Bundespräsident, Berliner Rede, April 1997