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Er hat’s erfunden

Früher arbeitete Reto Ringger als Analyst und Manager für Schweizer Privatbanken und machte reiche Leute reicher. Das füllte ihn irgendwann nicht mehr aus. Er überzeugte das Verlagshaus Dow Jones, einen
 Index für Nachhaltigkeit zu veröffentlichen. Heute macht der Vater des Dow Jones Sustainability Index im Prinzip dasselbe wie früher. Allerdings verbessert er gleichzeitig die Welt.




Es waren ziemlich schlechte Nachrichten, aber für Reto Ringger kamen sie alles andere als überraschend. Barcelona, vermeldeten im Mai 2008 die Zeitungen in aller Welt, sitze auf dem Trockenen. Weil es zu wenig geregnet hatte und die Reservoirs der Millionenmetropole nichts mehr hergaben, musste selbst aus den Brunnen vor der Sagrada Familia das Wasser abgelassen, das Auffüllen von Swimmingpools unter Strafe gestellt und kühles Nass per Tankschiff herangeschafft werden. Für Experten gilt Barcelonas Durstphase nur als Anfang einer Wasserkrise, die dem gesamten Mittelmeerraum bevorsteht. Für Reto Ringger ist die Krise eine späte, traurige Bestätigung. „Auf eine solche Situation“, sagt der Schweizer Vermögensverwalter, „sind wir mit unserem Wasser-Fonds seit Jahren vorbereitet.“

Genau darum geht es dem Schweizer Ex-Bankier: ums Vorbereitet-Sein. Ums Nicht-Blindlings-in-Krisen rennen, wie es die Wirtschaft immer wieder bravourös hinkriegt, die, wenn sie mal über den Tellerrand schauen soll, einfach zu einem größeren Teller greift. Es geht um einen Wert, der so oft beschworen wurde, dass er mittlerweile absolut wertlos wirkt: Nachhaltigkeit. Ringger aber meint es ernst damit. Seine Zürcher SAM (Sustainable Asset Management) Group Holding AG bewertet und kauft Anteile von Unternehmen, die, wie er es definiert, „unter Berücksichtigung sozialer, ökonomischer und ökologischer Kriterien eine markt- und zukunftsgerechtere Rendite erwirtschaften.“

Sein „Sustainable Water Fund“ beispielsweise investiert weltweit in Unternehmen, die Technologien, Produkte oder Dienstleistungen mit Bezug zur Wertschöpfungskette des Wassers anbieten, wie Wasserverteilung, -management, -aufbereitung, -analyse oder Bewässerung. Nach einer verlustreichen Anfangsphase hat der Fonds mittlerweile fast 75 Prozent an Wert zugelegt. Insgesamt steuert die SAM Group ein Vermögen von 14 Milliarden Franken in nachhaltigen Investments. Reto Ringger ist damit einer der weltweit wichtigsten Verwalter von Grünanlagen.

Viel bekannter aber ist der 45-Jährige für eine Erfindung, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert: den „Dow Jones Sustainability World Index“. Im DJSI, wie ihn Börsianer kurz nennen, versammelt Ringger jene oberen zehn Prozent der 2500 größten im Dow Jones Global Index notierten Unternehmen, die in ihrer Branche besonders vorbildlich handeln. Ringgers Rangliste ist eine Art globales „Best of“ all jener Aktiengesellschaften, die nicht nur auf schnelles Cash schielen.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Mitte der neunziger Jahre, als Ringger mit seiner Arbeit begann, war dieser Ansatz sogar geradezu exotisch. Ringger war damals Banker, aber er war auch Förderer von Greenpeace, und es wollte ihm nicht in den Kopf, dass Ökonomie und Ökologie nicht zusammengehen sollten. „Mich hat es gereizt, etwas so Langfristiges wie Nachhaltigkeit mit etwas so Kurzfristigem wie dem Finanzmarkt erfolgreich zu kombinieren. Das war die Motivation“, erklärt er im Konferenzraum der SAM-Zentrale. Der Büroriegel in Fußentfernung zum Zürichsee ist nach den strengen Schweizer Minergie-Standards gebaut. Ohnehin wirtschaftet die SAM Group bereits seit sieben Jahren CO2-neutral: Was die 85-Mitarbeiter-Firma an Kohlendioxid produziert, wird über Energieprojekte in Afrika neutralisiert.

Ringger aber – offenes Hemd, Kettchen um den Hals, IWC am Handgelenk – ist kein ökologischer Träumer, sondern ein nüchterner, kühl analysierender Betriebswirt. Als Student an der Universität Zürich, erzählt er, habe er seinerzeit den ersten Investmentclub gegründet. Später arbeitete er als Investmentbanker und im Bereich Corporate Finance namhafter Banken. Aber das Thema ließ ihn einfach nicht los. „Ich habe schlicht nicht nachvollziehen können, wieso der Finanzmarkt die Chance nicht nutzt, die im nachhaltigen Investieren liegt“, erzählt er und kneift dabei wie immer, wenn ihm ein Gedanke besonders wichtig ist, seine dichten Augenbrauen noch ein wenig dichter zusammen. Viele dieser Gedankengänge beginnen mit den Worten: „Wissen Sie, ...“

„Wissen Sie“, sagt er, „ich bin weder Weltverbesserer noch Krisengewinnler. Ich habe einfach nach einem ökonomischen Mittel gesucht, um die Welt ein bisschen nachhaltiger zu gestalten. Ich bin nun mal Ökonom. Wäre ich Künstler, hätte ich es vielleicht ein wenig anders umgesetzt.“ Ringgers ökonomisches Kalkül: Unternehmen, die besser auf die ökologischen, sozialen und ökonomischen Trends vorbereitet sind, müssten eigentlich auch erfolgreicher wirtschaften. Langfristig jedenfalls. Schließlich könnten sie den unweigerlich bevorstehenden Krisen wie der Ressourcenverknappung, rasant steigenden Energiepreisen oder dem demografischen Wandel besser ausweichen oder sie im besten Fall sogar in Chancen verwandeln. Langfristiges Denken und Shareholder Value, so Ringgers Überlegung, wären damit keine Gegensätze mehr, sondern Voraussetzung füreinander.

Warum sollen Rendite und Nachhaltigkeit denn nicht zusammengehen?

Heute zieht sich diese Kausalkette durch das Vorwort jedes besseren Geschäftsberichts. Vor gut zehn Jahren aber – rückblickend so etwas wie das Neolithikum der Nachhaltigkeitsära – stand der SAM-Gründer mit dieser Idee ziemlich allein in der Finanzwelt. Ringger, damals Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft der Bank Vontobel, fehlte es aber nicht nur an Gleichgesinnten, sondern auch an Geld. Zufällig las er in einem Zeitungsartikel vom Schokoladenproduzenten Alfred Ritter, der die Entwicklung eines Elektromobils gesponsert habe. Ringger schrieb Ritter, bekam einen Vorstellungstermin und überzeugte den öko-affinen Unternehmer. Wenig später lernte er Bernd Grohe aus der gleichnamigen Duschkopf-Dynastie kennen. Beide Unternehmer steuerten je eine Million Franken zum Gründungskapital von SAM bei; später kam als weiterer Aktionär noch der Versicherungskonzern Gerling hinzu.

Mit Rückendeckung seiner prominenten Geldgeber machte sich Ringger auf die Suche nach besonders nachhaltig wirtschaftenden Investmentobjekten. Das Kernprodukt seiner kleinen AG bestand also aus Wissen, und daraus ergab sich fast zwangsläufig die Idee zu einem Nebenprodukt: Wie wäre es, wenn man aus diesem Wissen einen Börsenindex der nachhaltigsten Aktiengesellschaften zusammenstellte? Mit dieser Idee tingelte Ringger damals durch die USA – und ergatterte tatsächlich einen Termin beim Mediengiganten Dow Jones in New Jersey.

Noch heute hält Ringger es für einen unglaublichen Erfolg, dass die Herausgeber des konservativen Wall Street Journal ihn überhaupt empfingen. „Das muss man sich mal vorstellen: Da kommen irgendwelche jungen Leute aus der Schweiz und bringen so eine Idee wie nachhaltiges Investment zu einem Unternehmen, das für den Kapitalismus in Reinkultur steht. Das war für Dow Jones ein hohes Risiko. Es hing, wie immer, an ein paar visionären Personen in der richtigen Position, die dieses Risiko einzugehen bereit waren.“

Seit der Einführung des DJSI im Jahr 1999 wurden bereits gut 60 Lizenzen an Finanzinstitute vergeben, deren Produkte die Werte des Index mit einem Gesamtinvestmentvolumen von mehr als fünf Milliarden Dollar nachbilden. Dow Jones beschert dieser bescheidene Boom erfreuliche Lizenzeinnahmen. Aber nicht nur der Medienkonzern, sondern auch die gelisteten Unternehmen selbst profitieren. „SAM hat mit dem DJSI geholfen, einen Wettbewerb unter den Unternehmen loszutreten“, lobt Jörg Weber, Chefredakteur des Branchendienstes Eco-Reporter. „Ihre Stellung im DJSI bietet den Unternehmen endlich mal einen Anhaltspunkt, wie gut oder schlecht sie in puncto Nachhaltigkeit sind. Das Wichtigste findet aber davor statt: Die Beschäftigung mit den Fragen und Antworten zeigt den Firmen ihre Schwachstellen auf.“

Welcher Konzern seine Defizite am gründlichsten ausgebügelt und den Aufstieg in den DJSI geschafft hat, verkündet SAM alljährlich beim „World Economic Forum“. Für die vorbildlichsten zehn Prozent ist das Listing ein echter Reputationsfaktor. Der Automobilhersteller BMW zum Beispiel verweist in Publikationen gern auf seine beständige Spitzenposition im DJSI. Die australische Westpac-Bank macht sogar die Boni ihres Managements unter anderem davon abhängig, ob es das Unternehmen in den Index schafft oder nicht. Ringger: „Als ich das gehört habe, hab’ ich gedacht: wow! Wenn eine Bank, die per se rein ökonomisch ausgerichtet ist, Nachhaltigkeitskriterien akzeptiert, bedeutet das einen Riesenschritt.“

WER HAT
 DEN BERÜHMTEN INDEX FÜR NACHHALTIGKEIT ERFUNDEN?

Vor jedem Listing aber steht viel Kleinarbeit. Jahr für Jahr verschickt SAM rund 2500 Online-Fragebögen an die größten Aktienunternehmen. Etwa 600 von ihnen machen sich die Mühe, den Fragebogen komplett auszufüllen – ein Aufwand, der selbst für Firmen mit gut sortiertem Datenbestand mehrere Wochen Arbeit bedeutet. „Wir begnügen uns eben nicht mit Kreuzchenmachen“, erklärt Christian Werner. Werner, früher Head of European Equity Research bei Allianz Global Investors, einem der weltgrößten institutionellen Investoren, ist SAMs Chief Investment Officer (CIO). „Wir wollen es schon genau wissen. Wir fragen beispielsweise nicht nur, wie viel die Unternehmen pro Mitarbeiter ins Humankapital investieren – was die meisten beantworten können –, sondern wir wollen darüber hinaus auch erfahren, welchen Return on Investment sie auf dieses Investment eingefahren haben. Und dann stellt man fest: Die meisten Unternehmen sind noch nicht einmal auf die Idee gekommen, es zu messen.“

Das ist der Unterschied. Während die meisten Öko-Ratings lediglich die ökologischen und sozialen Leistungen eines Unternehmens bewerten, interessieren sich die SAM-Analysten vor allem dafür, wie sich diese Leistungen in Wettbewerbsvorteile umsetzen lassen. Bei ihnen fließen Ökonomie (beispielsweise die Qualität von Managementsystemen und die ökonomische Transparenz), Ökologie (wie Energieverbrauch oder die Höhe der Kohlendioxid-Emissionen) und Soziales (wie die Förderung von Mitarbeitern) in das Urteil ein. Ihre genauen Bewertungskriterien geben die SAM-Analysten der Öffentlichkeit nicht preis, „schließlich würden uns die Firmen dann kaum derart offen in ihre Daten schauen lassen“, sagt Ringger.

Ob Finanzdienstleister oder Ölkonzern – wer die Bewertungskriterien erfüllt, kann es bis in die erste Reihe schaffen

Bevor die Informationen bei SAM landen, machen sie einen Umweg über einen Dienstleister in New Delhi, an den Ringger das Anhäufen und Sortieren der Datenberge ausgelagert hat. In Zürich kümmern sich anschließend 25 Analysten – 14 von ihnen Finanzspezialisten, die anderen Ingenieure, Techniker, Naturwissenschaftler – um die Aus- und Bewertung sämtlicher Unternehmensdaten. Prüfer von PricewaterhouseCoopers nehmen zum Abschluss die Arbeit der SAM-Analysten unter die Lupe.

Geprüft und bewertet wird nach Nachhaltigkeitsmaßstäben, die für 57 Branchen unterschiedlich zugeschnitten sind, weil sich ein Finanzdienstleister nun einmal schlecht mit einem Ölproduzenten oder einem Automobilhersteller vergleichen lässt. Prinzipiell aber kann es jedes börsennotierte Unternehmen in die erste Reihe schaffen.

Genau daran entzündet sich mitunter Kritik – auch aus der Finanz-Community. Denn im DJSI finden sich mit Firmen wie RWE, Daimler und Syngenta durchaus Aktiengesellschaften, die ihren Umsatz unter anderem mit Atom- und Braunkohlekraftwerken, spritfressenden Geländewagen, Unkrautvernichtungsmitteln oder genmanipuliertem Saatgut erwirtschaften. „Die Best-in-class-Maßstäbe sind zu niedrig“, kritisiert beispielsweise Thomas Martens, Gründer des Natur-Aktien-Index. „Außerdem verwenden sie keinerlei Ausschlusskriterien.“ Automobile beispielsweise seien per definitionem nicht nachhaltig – und gehörten daher auch in keinen Nachhaltigkeitsindex.

Auch für Werner Hedrich, den deutschen Chefanalysten der Fondsrating-Agentur Morningstar, gehen Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit einfach nicht zusammen. „Nehmen Sie nur den Ölsektor“, schimpft Hedrich. „Öl gehört zu den Branchen, die per se dreckig sind: Da geht es um Umweltverschmutzung, um Bestechung, um Korruption. Wenn man sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, dürfte man in diese Branche gar nicht investieren.“ Im DJSI finden sich aber durchaus die Ölbarone von Total, Shell oder BP. Für Hedrich ist „Nachhaltigkeit“ daher lediglich ein „scheinheiliges Marketinginstrument.“

„Ich kenne kein Unternehmen, das hundertprozentig nachhaltig arbeitet“, hält Reto Ringger dagegen, schließlich produziere jeder Betrieb Abfall und Abgase. „Und wenn man das einmal akzeptiert hat, wird jedes Ausschlusskriterium schnell subjektiv.“ Wie solle man zum Beispiel mit einem Unternehmen umgehen, das Zement produziert? Die Zementindustrie sei immerhin eine der CO2-intensivsten Branchen – andererseits baue die Menschheit nun einmal auf dem Produkt. Viel einfacher wäre es natürlich, Tabak-, Rüstungs- oder Automobilproduzenten grundsätzlich auszuschließen. „Damit aber sagt man dem Unternehmen eigentlich nur, dass es verschwinden soll. Und das finde ich nicht sonderlich überzeugend. Wenn wir BMW zu einem Stück mehr Nachhaltigkeit bewegen, erreichen wir sehr viel mehr als jemand, der sagt: ‚Die interessieren mich nicht.‘“

Anstelle von Ausschlusskriterien legt Ringger beim DJSI daher das „Best in class“-Prinzip an: Genau wie früher, als sich die Klassenbesten in die ersten Reihen platzierten, rücken aus jeder Branche nur die zehn Prozent der Unternehmen in den DJSI auf, die am nachhaltigsten wirtschaften. Und genau wie in der Schule steckt dahinter die Hoffnung, dass die Guten früher oder später die weniger Guten mitziehen. Ihr Lohn? Größere Gewinne.

„Nehmen Sie nur die aktuelle Wasserkrise in Spanien“, erklärt Ringger, „wer dort in Grundbesitz oder Tourismus investierte, hat in Zukunft ein echtes Problem. Oder, andere Branche, anderes Thema: Automobilhersteller, die es versäumt haben, sich frühzeitig um den Kohlendioxidausstoß ihrer Fahrzeuge zu kümmern, geraten zunehmend unter Druck von Gesetzgebern und Kunden. Umgekehrt profitieren Vorreiter wie Toyota, die heute bereits Lösungen vorweisen können, weil sie sich gestern des Themas angenommen haben.“

Wer die Umwelt ernst nimmt, wird mit Nachhaltigkeitsprämien belohnt

Künftig, glaubt Ringger, würden solche „Nachhaltigkeitsprämien“ noch spürbar größer ausfallen. „Der Stern-Report als eine gut recherchierte Analyse zu den Kosten des Klimawandels zeigt, dass den Investoren die großen Herausforderungen bezüglich Nachhaltigkeit erst noch bevorstehen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass wir in Zukunft noch stärkere Korrelationen zwischen Nachhaltigkeit und Rendite sehen werden.“ Ablesen lässt sich der Mehr-Wert nachhaltiger Firmenpolitik am DJSI selbst: Seit es ihn gibt, hat er den konventionellen Vergleichsindex MSCI kontinuierlich abgehängt.

Erstaunlich ist nur, dass die Anleger nicht so recht an die „Nachhaltigkeitsprämie“ glauben mögen. Sämtliche nachhaltig verwalteten Assets zusammengenommen machen derzeit nicht einmal ein Prozent des weltweiten Vermögens aus. Und die 14 Milliarden Franken, die die SAM Group verwaltet, entsprechen nur rund 20 Prozent der Marktkapitalisierung der Daimler AG. Mit anderen Worten: Der Nachhaltigkeits-Boom existiert nach wie vor lediglich in einer Nische des Finanzmarktes. Daran sind nach Reto Ringgers Auffassung vor allem die wichtigsten Entscheider in puncto Vermögensanlage schuld: „Banken haben im Grunde wenig Interesse an langfristig orientierten Investments. Ihr Bonussystem ist sehr kurzfristig ausgerichtet und favorisiert Produkte mit hoher Marge und hohen Risiken für Kunden. Das ist ein natürlicher Interessenkonflikt.“

Ringger hat den Interessenkonflikt auf seine Art gelöst, indem er sich kurzerhand mit einer Bank verbündete. Im vergangenen Jahr übernahm der Vermögensverwalter Robeco, ein Mitglied der niederländischen Rabobank-Gruppe, 64 Prozent der SAM-Aktien von den Altaktionären. Die restlichen 36 Prozent liegen – ein besonderes Anliegen Ringgers – bei den SAM-Mitarbeitern. SAM kann damit schneller, größer und breiter wachsen, was, wie Ringger sagt, „jetzt wichtig ist, um sich gegen all die Kopisten zu behaupten.“ Nach einem ersten, gescheiterten Versuch vor sechs Jahren haben die Zürcher im vergangenen Jahr erneut eine Dependance in den Vereinigten Staaten eröffnet. Dort werben sie verstärkt um Kapital von Stiftungen und Pensionsfonds. Mit ihrer Datenbank im Rücken können sie für die geldgewaltigen Kunden nun jede gewünschte Investment-Welt kreieren.

„In drei bis fünf Jahren wird Nachhaltigkeit bei der Mehrheit der Investoren ein wichtiges Thema sein“, ist der SAM-Chef überzeugt. Schließlich hätten auch Märkte wie jene für Venture Capital, Private Equity oder Hedge Fonds Jahre gebraucht, bis sie akzeptiert waren. „Momentan entwickelt sich das Thema Nachhaltigkeit enorm schnell, es fließen ziemlich viel Wissen und neue Leute in den Markt, und das wird zweifellos dazu führen, dass die Performance nachhaltiger wird.“

Ringger ist sicher, dass sich nachhaltiges Denken und Wirtschaften auf diese Weise ganz automatisch verbreiten wird. Nur für ihn selbst gilt das nicht. Jedenfalls nicht im Privaten. Zwar versucht der Vermögensverwalter, jeden Abend um sieben sein Büro zu verlassen und mindestens einen Tag in der Woche mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter zu verbringen. Doch 60-Stunden-Wochen sind für ihn die Regel. Ein solches Pensum mag zurzeit nötig sein, aber – das räumt der Nachhaltigkeitspionier ein – es ist „zweifellos alles andere als nachhaltig“.