Coffee to stay

Wie lässt sich die Qualität von Kaffeebohnen erhöhen und dauerhaft halten? Das hat sich die Nestlé-Tochter Nespresso gefragt – und in Costa Rica ein Nachhaltigkeitsprojekt gestartet. Das Ergebnis schmeckt Konzern und Kunden. Den Farmern gibt es wieder eine Zukunft.




Maria Cristina Jiménez Jara hat sich extra fein gemacht. Die Bäuerin trägt ein pinkfarbenes Shirt zur gebügelten Jenas, ihre Haare sind frisch frisiert, die Augen mit Kajalstrich nachgezogen. Sie bittet die beiden Besucher in ihr roh verputztes Haus, die zwei Zimmer blitzen nur so vor Sauberkeit. Den Agronomen vom regionalen Aufkäufer der Ecom kennt sie bereits. Er war schon ein paar Mal hier auf ihrer 1200 Meter hoch gelegenen Farm im Tal von Orosi, um sich ihre Kaffeepflanzen anzuschauen und ihr Hinweise für eine bessere Bewirtschaftung zu geben.

Seinen Begleiter trifft Jiménez Jara heute das erste Mal persönlich. Er ist der Grund ihres Sonntagsaufzuges. Juán Diego Román ist aus Costa Ricas Hauptstadt San José angereist, um sich ein Bild von den Fortschritten in den Anbaugebieten zu machen. Der groß gewachsene Mann Mitte dreißig ist der Statthalter von Nespresso in Mittelamerika. Seine Aufgabe ist es, die Umsetzung des AAA-Programms in der Region zu kontrollieren. In der Zentrale der Nestlé-Tochter im schweizerischen Paudex nennen sie es schlicht „Triple-A“. Dort wurde das Programm entwickelt. Es soll helfen, den Nachschub an hochwertigem Kaffee aus nachhaltiger Landwirtschaft zu sichern.

Einen Nespresso-Kaffee, diesen portionierten Luxus-Espresso, der in bunten Aluminiumkapseln geliefert wird, zu 49 Dollar-Cent pro Portion, hat Jiménez Jara noch nie in ihrem Leben getrunken. Auch die markenrechtlich geschützte Formel „AAA Sustainable Quality“ sagt ihr erst mal wenig. Wobei, da klingt das Wort „sostenible“ durch, es ist spanisch für „nachhaltig“. Ihr Gesicht hellt sich auf. Das ist etwas Gutes, weiß sie, es hilft, die Natur und die Bauern zu schützen. Und natürlich hat die 34-Jährige auch mitbekommen, dass die Firma für Kaffee, der ihren hohen Standards entspricht, eine Prämie auf den normalen Marktpreis bezahlt. Sechs Dollar mehr gibt es für eine Fanega, einen großen Sack Kaffeekirschen, der etwa 46 Kilo wiegt. Das macht immerhin sechs Prozent Aufschlag auf den derzeitigen Fanega-Preis von 100 Dollar. Den will sich die Bäuerin gern verdienen.

Während ihr behinderter Sohn Cartoons im Fernsehen schaut, breitet Jiménez Jara auf dem Wohnzimmertisch die Unterlagen ihres kleinen Betriebs aus. Sie hat die 1,5 Hektar Land von ihrem Vater geerbt. Eine Familie lässt sich damit noch nicht ernähren, ihr Mann arbeitet als Schweißer für eine Elektrofirma. Sie könnte auch anders Geld verdienen, aber der Kaffee liegt ihr am Herzen. „Das ist mein Leben“, sagt sie. Sie liebt die Kulturpflanze, deren kräftige Sträucher mit ihren langen Rispen die Hügel des Landes so herrlich dekorieren wie in anderen Gegenden Rebstöcke. Dass der Kaffeeanbau ihr in den vergangenen Jahren kaum den staatlichen Mindestlohn einbrachte, ändert nichts an ihrer Einstellung. Aber sie sagt auch: „Der Preis ist nicht gerecht. Er müsste schon höher sein.“ Jiménez Jara blättert ein liniertes Schulheft auf. Darin hat sie fein säuberlich Kosten notiert und Quittungen eingeklebt. Dann zeigt sie einen Kalender mit den über das Jahr verteilten Aufgaben. Düngen, steht da im Januar, im März: Quellen und Wasserläufe reinigen. „Alles schon erledigt“, sagt Jiménez Jara stolz. In diesem Monat muss sie eine Pilzlösung versprühen. Das ist die ökologisch unbedenklichste Variante, um den ärgsten Farmschädling, einen kleinen Borkenkäfer, den Kaffeebohrer, zu vertreiben. Diese „wissenschaftliche“ Herangehensweise an die Landwirtschaft ist für Jiménez Jara relativ neu. Früher hat ihre Familie den Kaffeeanbau eher nach Bauchgefühl betrieben. „Ordentlich Insektizide sprühen, und dann wächst das von allein“, erinnert sie sich lachend an die alten Zeiten. Viele der Agronomen, die heute Nachhilfe in Nachhaltigkeit geben, hätten damals die Chemikalien empfohlen.

Die Aufklärung vor Ort sorgt für
bessere Qualität – und für mehr Umsatz

Nun aber versuchen sich beide Seiten an einer Kulturrevolution. Ihre Mao-Bibel ist eine graue Broschüre mit vielen bunten Zeichnungen und dem sperrigen Titel „Herramienta de evaluación de la calidad sostenible“. Es ist das „Werkzeug für die Bewertung von nachhaltiger Qualität“, herausgegeben von der Firma Nespresso. In der Manier eines Kinderbuchs erklärt es den Farmern, wie man in das Utopia der Nachhaltigkeit gelangt. Der Bogen ist weit gespannt, er reicht von sozial bis ökologisch. Eines der Schaubilder zeigt minderjährige Erntehelfer. Darunter steht: „Auf meiner Farm helfen auch Kinder, die Bohnen zu pflücken.“ Und: „Auf meiner Farm arbeiten keine Minderjährigen“. Jiménez Jara hat ihr Häkchen an der richtigen Stelle gemacht.

Etwa 80 solcher Fragen müssen die Bauern beantworten. Die Agronomen der Aufkäufer werten die Hefte aus und entscheiden, ob es für die sechsprozentige Prämie reicht. „Dem westlichen Besucher mag das vielleicht ungewöhnlich erscheinen, aber für die Menschen dort ist das genau die richtige Form der Kommunikation“, sagt Karsten Ranitzsch. Er ist seit 2005 „Head of green coffee“ in der Zentrale von Nespresso. Der deutsche Agrarspezialist überwacht von der Schweiz aus die Implementierung des AAA-Programms, das in sechs Ländern angewendet wird, unter anderem in Kenia, Kolumbien und Guatemala.

Glaubt man den offiziellen Stellungnahmen, entwickelt sich Triple-A langsam zu einer Weltanschauung. Das AAA-Programm ist direkt beim CEO angesiedelt, für Ranitzsch ist es bereits Teil der Unternehmensphilosophie geworden. „Vor fünf Jahren ging es uns darum, langfristig eine stabile Versorgung mit hochwertigem Kaffee sicherzustellen“, erklärt er. „Als Weltverbesserer wollten wir nicht auftreten. Image-Gesichtspunkte spielten keine Rolle.“

Das ist vielleicht ein wenig untertrieben, schließlich ist der wichtigste Werbebotschafter und das Gesicht der Markenkampagne der neogrüne und politisch sehr korrekte Hollywoodstar George Clooney. Aber warum auch nicht? Die zum Nestlé-Konzern gehörenden Kaffee-Experten aus Lausanne wissen, was sie tun. Sie pflegen eine Strategie der leisen Stimme: Tue Gutes, bleib bescheiden. Und lasse dich und deine Redlichkeit entdecken, von einer ohnehin misstrauischen Öffentlichkeit.

Grund genug dafür gab es allemal. Der Kaffeemarkt wurde (und wird) durch zwei auseinanderdriftende Entwicklungen gekennzeichnet. Auf der einen Seite verlangten die westlichen Konsumenten nach mehr hochwertigen Arabica-Sorten. Starbucks und Co. hatten den schwarzen Wachmacher zum Mini-Luxus veredelt. Die Kaffeetrinker wurden wählerischer. Auf der anderen Seite lohnte (und lohnt) sich für viele Anbauer der arbeitsaufwendige Anbau nicht mehr, weil der Eintritt neuer Marktteilnehmer wie zum Beispiel Vietnam die Rohstoffpreise in den Keller geschickt hatte. Die weltweite Produktion stieg weiter. Aber, so Ranitzsch, „die Produktion qualitativ hochwertiger Kaffees nahm ständig ab“. Es wurde immer schwieriger, ausreichend Kaffee in Premiumqualität einzukaufen.

Im Konzern löste die Beschaffungskrise einen Strategiewechsel aus. Bis dahin hatten sich die Schweizer Kaffeeproben aus verschiedenen Erdteilen einfliegen lassen und dann entschieden, welche am besten für ihre Mischung, den Nespresso-Blend, geeignet wären. Nun aber überlegten sie, ob es nicht sinnvoller wäre, bereits an der Quelle auf Qualität zu achten. Und wieder eine echte Beziehung zum Produzenten aufzubauen. Als Orientierung diente die Krise der Weinwirtschaft in den achtziger Jahren. Damals, nach den Glykol-Skandalen, orientierten sich viele Winzer um – auch der Konsument lernte wieder Qualität zu schätzen. „Heute spricht der ambitionierte Weinkenner über Jahrgang, Region, Art der Kelterung, Rebsorte und Weinkeller“, erklärt Ranitzsch. „So einen ähnlichen Prozess wollten wir auch für unseren Kaffee anstoßen.“

Zum Testlabor für die neue Strategie wurde Costa Rica gewählt. Nicht nur, weil der dortige Hochlandkaffee schon immer ein wichtiger Bestandteil der Kaffeesorten von Nespresso gewesen ist, die sie – nach dem Vorbild im Weinbau – „Grands Crus“ nennen. Costa Rica gilt als die „Schweiz Mittelamerikas“; mit ihren rund vier Millionen Einwohnern ist die Nation in der Region ein Pol der Stabilität. Ein weitsichtiger Präsident schaffte vor knapp 60 Jahren die Armee ab, später war das Land das erste, das seine üppige Natur mit riesigen Nationalparks schützte – mehr als fünf Prozent der weltweiten Artenvielfalt sind dort zu finden. Der Umweltgedanke ist in der Verfassung verankert, statt mit „Guten Tag“ wird man häufig mit „Pura vida“ („Pures Leben“) begrüßt. Ökologie ist hier Staatsräson.
Im Großen und Ganzen stimmte die Ausgangslage in Costa Rica also optimistisch. Die wirkliche Anstrengung lag, wie so oft, im Detail.

Wer nachhaltig produzieren will, braucht Vertrauen und Kontakte vor Ort

Kaffee wird in dem mittelamerikanischen Staat auf zahllosen, meist kleinen Farmen angebaut. Ein bis zwei Hektar Land wie bei Jiménez Jara sind die Regel, die größte Plantage Costa Ricas kommt auf gerade 200 Hektar. Es ist ein mühsames Geschäft. Die Farmen sind oft schwer zu erreichen, ohne Allradantrieb bleibt jedes Auto hoffnungslos stecken. Im Durchschnitt wirft ein Hektar etwa 700 Kilo Kaffeekirschen ab. Um auf einen Sack zu kommen, müssen gut 80 Sträucher abgeerntet werden. Dazu klettern die Pflücker in den Erntezeiten die Hänge hoch und runter, streifen von jedem Strauch einzeln die roten Beeren ab, die unterschiedlich schnell an den Rispen reifen. Ein schneller Arbeiter schafft etwa 50 Kilo am Tag, rund 300 Dollar verdient er so im Monat.

Um unter solchen Bedingungen ein verlässliches Qualitäts- und Produktionssystem aufzubauen, braucht ein Unternehmen vertrauenswürdige Leute vor Ort. Experten wie Juán Diego Román, der vor vier Jahren zum Schweizer Nahrungsmittelkonzern stieß. Die Nestlé-Headhunter hatten sich an Agrarschulen umgehört und sich dann für den Schädlingsspezialisten vom staatlichen Kaffeeinstitut entschieden. Der hochgewachsene Mann mit dem jungenhaften Gesicht ist mit der Kaffeefrucht und ihrer Ernte aufgewachsen. Románs Vater besitzt eine Kaffeeplantage, „die ist noch nicht ganz vorzeigbar, aber auf dem besten Weg“, wie er lachend einräumt. Bevor ihn Nespresso rekrutierte, beschränkten sich seine Auslandserfahrungen auf ein Studiensemester in den USA. Jetzt kommt er oft zu Schulungen in die Schweiz, an der er vor allem den ordentlichen Straßenverkehr bewundert. In seinem Büro in San José steht – fast wie ein kleiner Hausaltar – eine Nespressomaschine. Acht Aluminiumkapseln Kaffee verbraucht Román pro Tag, berichtet er stolz, als sei er ein Leistungssportler an der Koffein-Front.

Juán Diego Románs Aufgabe war es, ein Netz zu knüpfen und Menschen zu gewinnen, die den Gedanken der Nachhaltigkeit noch bis auf die kleinste, abgelegene Kaffeefarm tragen würden. Seine ersten Ansprechpartner waren Großhändler wie Ecom, die sich die Anbauregionen des Landes fast schon monopolistisch untereinander aufgeteilt haben. In jedem größeren Dorf unterhalten sie Verteilstationen. Das sind einfache, mit einem Vorhängeschloss gesicherte Holzschuppen, in denen die Kaffeesäcke von den umliegenden Farmen abgeliefert werden. Auf einer draußen befestigten Schiefertafel ist der aktuelle Preis notiert. Eine Rampe ermöglicht die Zufahrt für Transporter, die anschließend die Bohnen in die Rösterei fahren.

Die Ecom-Aufkäufer waren an einer Zusammenarbeit interessiert. Auch sie litten unter den häufigen Qualitätsschwankungen. Wenn die Lieferungen mal wieder unter starken Qualitätsmängeln litten, blieben sie auf ihrer Ware sitzen, oder sie mussten Preisabschläge der Nahrungsmittelhersteller akzeptieren. Denn auf seinem Weg in die Tasse des Verbrauchers passiert der Kaffee eine Reihe von Kontrollstationen. Nach der ersten Prüfung der Kirschen in den Sammelschuppen und einer aufwendigen nassen und trockenen Aufbereitung folgt ein letzter, ausführlicher Qualitäts-Check. Erst danach werden die Bohnen nach Europa verschifft, wo sie von den Sommeliers beim „Cupping“ verkostet werden.

Umwelt und Qualität sind Argumente – am überzeugendsten aber ist der Preis

Weil die Aufkäuferkooperativen vor Ort als einzige Elemente dieser Kette direkt und dauerhaft in Kontakt mit den Produzenten stehen, sind sie die perfekten Aufklärer. Oft beschäftigen sie ausgebildete Agronomen, die leicht zu schulen und zu überzeugen sind. Mit ihnen begann Juán Diego Román deshalb zunächst, die Evaluierungsbroschüre mit den bunten Zeichnungen zu entwickeln. Dann veranstaltete er Workshops, in denen er das AAA-Konzept erklärte und auch, wie man es umsetzt, etwa mit Blick auf die Verringerung des Einsatzes von Insektiziden. Einzelne Farmer, von denen Román sich eine Vorbildwirkung erhoffte, lud er zu den Schulungen ein. „Aber der eigentliche Motivationshebel war natürlich der Preis“, erklärt Román. „Es sprach sich schnell unter den Kaffeebauern herum, dass Nespresso einen Zuschlag für Bohnen bezahlt, die den Kriterien unseres Triple-A-Programms entsprechen.“

Auch für Gerardo Sánchez Alvarado war das Geld der entscheidende Faktor. Der drahtige 63-Jährige bewirtschaftet mit 20 Hektar eine vergleichsweise große Plantage im Nordwesten des Landes. In den Jahren der Krise 2002 bis 2004 habe er ein Minus gemacht, erzählt er. Weil er seine vier Arbeiter behalten und die Pflanzen nicht verkommen lassen wollte, musste er seine Rücklagen aufbrauchen. Sánchez Alvarado hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt, darauf kommt er immer wieder zu sprechen.

Bis Ende der achtziger Jahre sorgte eine Regulierung der Exportquoten (das sogenannte Coffee Agreement) für relativ hohe und einheitliche Preise. Die Regierungen der westlichen Abnehmerländer waren an stabilen Preisen interessiert, um politischer Unruhe im lateinamerikanischen Vorhof der USA vorzubeugen. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion platzte das Abkommen, seitdem ist der Preis für Rohkaffee wieder den heftigen Schwankungen des freien Marktes ausgesetzt. „Die vielen Toyota Pick-Ups, die hier herumfahren, sie stammen alle aus der goldenen Ära“, erzählt Sánchez Alvarado. „Damals dachten alle, es könne nur weiter aufwärtsgehen.“

Seine Farm steht, was Nachhaltigkeit anbetrifft, erst am Anfang. Juán Diego Román und der Ecom-Agronom haben einiges zu bemängeln. Es sind zu wenig Schattenbäume – sogenannte „Coffeemamas“ – gepflanzt, und die Arbeiter schaffen gerade mit der Machete noch mehr Platz. Diese Bäume aber sind für den ökologischen Anbau sehr wichtig. Ihr Schatten verringert Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, ihr Laub bedeckt den Boden, verhindert das Wachstum von Unkraut und stärkt auf diese Weise die Gesundheit des Kaffeestrauches. Auch der Erosionsschutz auf der Farm könnte besser sein, bemängeln die Besucher. Immerhin, einen kleinen Lichtblick gibt es: Sánchez Alvarado hat den wichtigsten Hinweis der vergangenen Inspektion beachtet. Die Kaffeesträucher, die zu nah an der Wasserquelle standen, sind mittlerweile durch Tropenpflanzen ersetzt worden. Sie schützen den Wasserlauf nun vor der Verschmutzung durch Dünger und Pestizide.

Gerardo Sánchez Alvarado scheint ein fürsorglicher Patron zu sein. Seine Arbeiter nennen ihn ehrfurchtsvoll „Don Gerardo“ und lassen nichts auf ihn kommen. Sie sind sozialversichert, ihre Kinder gehen zur Schule, und die kleinen Hütten in Farmnähe sehen auch nicht wie Elendsquartiere aus. Aber als einheimische Vorarbeiter sind sie in gewisser Weise auch privilegiert. Während der Erntezeit, stoßen bis zu 30 Saisonhelfer zu ihnen, die meisten kommen aus dem Nachbarland Nicaragua.

Warum beschäftigt der Don so viele Gastarbeiter? Weil sie billiger sind? Nein, nein, wiegelt er ab. Alle bekämen den gesetzlichen Mindestlohn und seien gut untergebracht. Sánchez Alvarado würde gern mehr Landsleute beschäftigen, es gebe einfach keine: „No hay“, sagt er knapp. Für die Costa Ricaner ist die vergleichsweise bescheiden entlohnte Erntehilfe heute nicht mehr attraktiv. Auch auf den vielen Baustellen im Land arbeiten inzwischen meist Ausländer.

Dass auch solche sozialen Kriterien in dem AAA-Programm berücksichtigt werden, ist das Verdienst eines Partners, auf den man bei Nespresso besonders gern hinweist: die Rainforest Alliance. Die Umweltschutzorganisation ist seit 1989 in Lateinamerika und vor allem in Costa Rica aktiv, ihr Schwerpunkt ist der Schutz des Regenwaldes. Hauptquartier der Nichtregierungsorganisation ist ein Bürowürfel am Rande von San José, in dem ein bunt gemischtes, internationales Team arbeitet.

Geführt wird es von dem amerikanischen Biologen Chris Wille, der mit aufgeknöpftem Hemd, Wuschelhaaren und bedächtiger Stimme eher an einen liberalen Hochschullehrer als an einen Naturschutzaktivisten erinnert.

Früher organisierte Wille noch Kampagnen gegen Öko-Übeltäter in Nadelstreifen, heute trifft er sich mit Managern von Weltkonzernen zum Abendessen. Gerade war er in New York, wo seine Organisation ihren alljährlichen Umweltpreis, den Green Globe Award, vergibt. Bei dem Galadinner mit 200 Gästen im Amerikanischen Museum für Naturgeschichte wurde neben einer japanischen Waldbesitzerkooperative auch Nature Air ausgezeichnet, eine kleine Airline aus Costa Rica, die als „weltweit erste karbonneutral“ fliegt, weil sie ihre CO2-Emissionen durch finanzielle Förderungen von Wiederaufforstungs-, Solar- und Windstromprojekte neutralisiert. Auch Unternehmen wie Goldman Sachs, Lavazza und HSBC erhielten den begehrten Preis. Nespresso, das eine ehrenvolle Erwähnung bekam, war mit einer kleinen Delegation vertreten. Einziger Wermutstropfen des Abends: Prince Charles, der diesjährige Preisträger des Lifetime Achievement Awards, ließ sich kurzfristig entschuldigen.

An solchen Auftritten merkt man, welchen tiefgreifenden Wandel die Rainforest Alliance vollzogen hat. Die Organisation mit dem grünen Frosch als Markenzeichen hat sich längst vom fundamentalistischen Ökoaktivismus verabschiedet und verfolgt nun eine reformerische, aber nicht minder aktivistische Linie. „Es bringt gar nichts, die Biobanane oder den Biokaffee zu fordern“, sagt Wille, „wenn kein großer Hersteller sich darauf einlässt und der Farmer im Herkunftsland ganz andere Probleme hat. Dann redet man nur aneinander vorbei.“

Wille und seine Leute setzen seit einigen Jahren auf eine Politik der kleinen Schritte. Mit wissenschaftlichen Studien wollen sie bei Unternehmen und Regierungen das Problembewusstsein für den Regenwald schärfen. Den Farmern wollen sie realistische Anleitungen für einen nachhaltigen Anbau an die Hand geben – ohne sie damit über Gebühr zu belasten. Mittelfristig sollen ihnen die Maßnahmen sogar helfen, effizienter zu wirtschaften. Hat ein Farmer erfolgreich den richtigen Weg eingeschlagen, erhält er von Rainforest ein Zertifikat und kann seine Produkte teurer verkaufen. Selbst ein begrenzter Einsatz von Chemikalien wird dabei akzeptiert, was der Organisation viel Kritik von den Hütern der reinen Bio-Lehre einbrachte.

Berühmt geworden sind die Erfolge, die Rainforest bei den Bananenplantagen und in der Bekehrung des alten Erzfeindes Chiquita erzielte. Dort haben sich die Bedingungen inzwischen deutlich verbessert. Beim Kaffee ist man sogar noch ein bisschen weiter. Vor vier Jahren konnte die Organisation sich gemeinsam mit Gewerkschaften, anderen NGO und Konzernen wie Tchibo, Jacobs und Nestlé auf einen Verhaltenskodex (4C) für Anbau, Produktion und Handel von Rohkaffee einigen. Dessen Ziel: grundsätzliche Sozial- und Umweltstandards beim Massenkaffee durchzusetzen. Natürlich seien das lediglich die Mindeststandards, räumt Wille ohne Umschweife ein. Aber so funktioniert heute der neue Öko-Realismus.

Wesentlich höher sind die Anforderungen, die Rainforest Alliance an ihr eigenes Gütesiegel stellt: Wille zeigt stolz auf das Regal im Konferenzraum, dort sind Kaffeepackungen aus der ganzen Welt, von Deutschland bis Japan, ausgestellt. Sie alle tragen das grüne Frosch-Label, was bedeutet, dass sie von der Organisation als ökologisch korrekt zertifiziert wurden. Strebt auch Nespresso künftig diesen Standard an? Und geht das überhaupt mit dem horrend hohen Verbrauch an Aluminiumkapseln?

Eine ideale Partnerschaft nützt dem Produkt, den Farmern und der Gesellschaft

Schwierige Frage, Wille weicht aus. „Unsere Zusammenarbeit mit Nespresso hat eine andere Dimension“, sagt er schließlich: „Wir bewerten hier nicht, denn wir haben ausgehend von unseren Erfahrungen die Standards für das Triple-A-Programm mit entwickelt. Und wir begleiten den Prozess langfristig.“ Eine Kooperation, von der alle Partner profitieren – die Bauern, der Konzern, die Kunden. Für Rainforest Alliance als Marke wie als Unternehmensberatung ist die Zusammenarbeit die Eintrittskarte ins Luxussegment. Und der Beweis: Guter Geschmack und gutes Handeln sind miteinander vereinbar.

Auch Karsten Ranitzsch, der für Rohkaffee zuständige Abteilungsleiter bei Nespresso, glaubt, in Rainforest Alliance den „idealen Partner“ gefunden zu haben. „Sie kennen sich unglaublich gut aus mit tropischen Agrargütern und haben eine einmalige wissenschaftliche Expertise“, lobt er. Wie viel sich Nespresso die Partnerschaft und das Thema Nachhaltigkeit kosten lässt, will der Konzern nicht kommunizieren – Geld fließt zwischen den Partnern ohnehin nur indirekt. Nespresso übernimmt für die AAA-Farmen die Kosten der Zertifizierung (etwa 500 Dollar pro Farm) und finanziert von Alliance ausgerichtete Workshops und Schulungen.

So kann sie also funktionieren, die neue friedliche (Ö)koexistenz. „Wir halten die Qualität unserer Produkte auf einem gleichbleibend hohen Niveau, die Farmer in den Ursprungsländern können ihre Erträge verbessern, die Natur schützen und etwas für ihre Gemeinschaft tun“, sagt Ranitzsch und betont, dass es Nespresso nicht darum gehe, den grünen Wettlauf zu gewinnen. „Unser Fokus bleiben Qualität und Geschmack.“ Dann zitiert er Chris Wille, den Head of Agriculture bei der Rainforest Alliance: „Früher gab es Boykott-Aufrufe, jetzt streben wir als NGO einen ,buy-kott‘ der Verbraucher an.“ Die Konsumenten sollten Produkte kaufen, die sozial verantwortlich produziert werden. Bis 2010 soll der Anteil von AAA-Kaffee bei Nespresso von heute 35 auf 50 Prozent steigen.

Édgar Fernández Araya wird seinen Kaffee dann vielleicht schon gar nicht mehr an die Schweizer abgeben. Der 48-Jährige, der an einem Hügel im Tal von Georgia eine sechs Hektar große Anbaufläche bewirtschaftet, ist ein Musterschüler des AAA-Programms. Er ist von Anfang an dabei, seine Farm gleicht heute einer grünen Oase. Urwaldvögel trillern, Leguane sonnen sich auf alten Baumstämmen, und zwischen Inga-, Zitronen- und Korallenbäumen wachsen, fast wie von allein, kräftige Kaffeesträucher, die mit die besten Kaffeekirschen des Landes hervorbringen. In der Tasse schmecken sie elegant und doch erdig, mit einer leichten Malznote im Abgang.

Fernández Araya weiß, dass ihm hier ein kleines Wunder gelungen ist. Im Moment ärgert er sich, dass andere Farmer auf weit niedrigerem Niveau dieselbe AAA-Prämie kassieren wie er. Deshalb überlegt er, gänzlich auf Fair Trade oder Biokaffee umzusteigen. Schon jetzt verwendet er keine Pestizide mehr, und bei der Ernte helfen ihm auch keine Tagelöhner aus Nicaragua, sondern seine Brüder aus der Nachbarschaft. Würde er seinen Kaffee an das Fair-Trade-Handelshaus Gepa verkaufen, könnte er neben dem garantierten Mindestpreis einen Aufschlag von 10 Dollar für Fair Trade und 20 Dollar für Bio erzielen. Das sind insgesamt 24 Dollar mehr als der Aufschlag, den Nespresso zahlt.

Aber Édgar Fernández Araya ist ein glücklicher Mann. Er ist durch das AAA-Programm auf den Geschmack gekommen. Dieses Programm für nachhaltige Qualität, das auf einem anderen Kontinent, Tausende Kilometer entfernt, erdacht wurde, es hat seine Plantage verändert – und sein gesamtes Geschäft. Es hat seine Farm im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig gemacht, nun ist sie wieder etwas wert. Vielleicht lässt sich auch bald richtig gutes Geld verdienen mit dem Kaffee. Erste Avancen von einem deutschen Handelshaus und einem spanischen Delikatessen-ndler hat Fernández Araya schon bekommen. Später, wenn es so weit ist, wird er dieses Paradies von einer Farm voll Stolz an seine Tochter vererben. „Pura Vida“, sagt er zum Abschied. „Pures Leben.“