Am Ende der Welt

Wie aus dem Rätsel um die Statuen der Osterinsel ein Gleichnis über die Zukunft der Menschheit wurde.




Als Jared Diamond 2002 den Steinbruch betrat, ein erloschener Vulkankrater von einem halben Kilometer Durchmesser, in dem an die 400 halb fertige Statuen lagen, überkam ihn ein gespenstisches Gefühl. Der Zivilisationsforscher fühlte sich an eine Fabrik erinnert, „deren Arbeiter plötzlich auf rätselhafte Weise verschwunden waren – es war, als hätten sie ihr Werkzeug fallen lassen und seien hinausgelaufen, wobei sie die einzelnen Statuen in beliebigem Zustand zurückließen“, schreibt er in seinem Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“: „An manchen Statuen in dem Krater erkennt man, dass sie absichtlich zerbrochen oder ihrer Gesichter beraubt wurden, als hätten rivalisierende Gruppen von Steinmetzen gegenseitig ihre Produkte zerstört.“

Wer hat diese Statuen gebaut? Welches Volk hat sie teilweise kilometerweit
über die baumlose Insel transportiert?
 Wie wurden die Kolosse – die schwersten
von ihnen wiegen an die 88 Tonnen – überhaupt aufgerichtet? Diese Fragen haben Generationen von Archäologen beschäftigt: Sie
 haben Reste von Siedlungen freigekratzt,
 Strände umgegraben, Sedimente alter Müll
berge analysiert, Aschen von Feuern, die
vor Jahrhunderten brannten, spektroskopiert und sporengroße Reste katalogisiert. Aus
 den Spuren rekonstruierten sie die tragische Geschichte eines Volkes, das ein Paradies in eine Einöde verwandelte.

Seit Anfang der achtziger Jahre weiß man, dass zur Blüteperiode, um 1200 nach Christus, an die 15 000 Polynesier auf der Osterinsel lebten. Zirka 300 Jahre vorher waren sie von den Pitcairn-Inseln aufgebrochen und fanden nach langer, strapaziöser Seefahrt in einem abgelegenen Teil des Pazifiks eine dicht bewaldete Insel. Die Palmen hatten bis zu zwei Meter dicke Stämme, in den Bäumen und den Klippen an der Küste nisteten zahlreiche Vogelarten, und die Hänge der zum Landesinneren flach abfallenden Vulkane besaßen fruchtbare, lavareiche Böden.

Die Siedler legten Terrassenfelder an, fällten Bäume, bauten Häuser und große Kanus, mit denen sie auf dem offenen Meer Thunfisch und Delfine jagten. Sie verteilten sich über die gesamte Insel, trieben Handel und bildeten Sippen, die von mächtigen Häuptlingen regiert wurden; und ähnlich ihren Ahnen begannen sie, Statuen zu hauen (Moai) und stellten sie auf. Wie in anderen Teilen der Welt – man denke an die mittelalterlichen Familientürme der Toskana –, entstand um die Größe dieser Moai bald ein kräftezehrender Wettbewerb.


Schnell waren die höchsten Bäume gefällt; für den Bau neuer Kanus fehlte der Rohstoff. Es wuchsen keine Palmen nach, die eingeschleppten Ratten hatten die Samenkörner gefressen. Vögel starben aus – durch Waldverlust, Überjagung und nestraubende Ratten. Infolge der zunehmenden Erosion schrumpfte der Ertrag der Bauern in den Höhenlagen drastisch. Es folgten Kriege und Revolutionen, bei denen die aufwendig errichteten Ahnenmale eines nach dem anderen umgestürzt wurden. Die Nahrung wurde knapp. Um 1500 bestand die Speisekarte der Bevölkerung aus Muscheln, Ratten und Menschenfleisch. Die Nachfahren berichten noch heute vom Kannibalismus ihrer Ahnen, deren größte Beleidigung lautete: „Das Fleisch deiner Mutter hängt zwischen meinen Zähnen.“


„Ich habe mich oft gefragt“, schreibt Diamond, „was sagte der Bewohner der Osterinsel, der gerade dabei war, die letzte Palme zu fällen? Schrie er wie moderne Holzfäller: ‚Wir brauchen keine Bäume, sondern Arbeitsplätze!‘? Oder sagte er: ‚Die Technik wird unsere Probleme schon lösen, keine Angst, wir werden einen Ersatz für das Holz finden‘? Oder: ‚Wir haben keinen Beweis, dass es nicht an anderen Stellen auf der Osterinsel noch Palmen gibt, wir brauchen mehr Forschung, der Vorschlag, das Abholzen zu verbieten, ist voreilig und reine Angstmacherei‘?“