getAbstract International Book Award 2021

Die besten Bücher des Jahres

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Sieger national

Die Wissenschaftlerin, YouTuberin und Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim will den Menschen wissenschaftliches Denken nahebringen. Ihr kluges Plädoyer wurde zum Buch des Jahres gekürt.

Interview: Peter Lau

 

Was haben die Wirksamkeit homöopathischer Mittel, der Gender-Pay-Gap, die Gefahren, die von Videospielen ausgehen, und der erbliche Anteil an der Intelligenz gemeinsam? Um sie wirklich zu verstehen, braucht es wissenschaftliches Denken. Dazu gehört nicht viel: eine gewisse Offenheit, klare Maßstäbe zur Einordnung von Fakten und eine Diskussionskultur, die bei aller Freiheit eindeutigen Regeln folgt. Mit diesen Werkzeugen lassen sich nicht nur akademische Probleme besser verstehen und lösen, sondern vieles, was uns Tag für Tag begegnet, von den großen Themen der Politik bis zum kleinen Ärger im Unternehmen. Denn am Ende ist „wissenschaftliches Denken“ ein Synonym für kritisches Denken.

Das ist, knapp zusammengefasst, die These von Mai Thi Nguyen-Kims Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, dem in diesem Jahr der getAbstract International Book Award verliehen wird. Es war eine einstimmige, diskussionslose Wahl: Das Buch vermittelt nicht nur enorm viel Wissen aus sehr unterschiedlichen Gebieten, sondern auch eine Basis, um mit drängenden Problemen wie Fake News und Desinformation umzugehen. Damit ist es ein essenzieller Beitrag zu den wichtigsten Debatten, die unsere Gesellschaft derzeit zu zerreißen drohen, von Corona-Impfungen bis hin zur sozialen Gerechtigkeit.

Das Buch steht nicht allein. Mai Thi Nguyen-Kim betreibt seit 2016 einen YouTube-Kanal, auf dem sie regelmäßig wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt, von der Pflegekrise über Cannabis bis Glyphosat. Damit ist die promovierte Chemikerin äußerst erfolgreich – allein ihr erstes Video über Corona wurde mehr als sechs Millionen Mal gesehen. Daneben ist sie seit Jahren vielseitig präsent: Sie hat diverse Fernsehsendungen und YouTube-Kanäle moderiert, mit „Komisch, alles chemisch!“ einen Bestseller geschrieben und ist Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft. Für ihre Arbeit wurde die 34-Jährige vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit Grimme- und Nannen-Preisen, der Theodor-Heuss- und der Leibniz-Medaille sowie 2020 mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Die Wissenschaftsjournalistin hat nicht nur Freunde: Für Internet-Trolle und Querdenker ist die exponierte Aufklärerin ein perfektes Ziel für den Hass. Deshalb spricht sie ungern über ihr Privatleben, ihren Wohnort oder ihre Tochter. Ihre Arbeit schränkt sie deshalb aber nicht ein – es scheint sogar eher, als würde deren Dringlichkeit mit jedem Hasskommentar noch deutlicher.

Seit Ende Oktober 2021 hat sie eine eigene Fernsehshow auf ZDF Neo: „Maithink X“. Das Interview fand einen Tag nach der Premiere statt. Die Moderatorin saß im Zug, war aber so konzentriert, klar, freundlich und offen, wie sie alle kennen: Mai von maiLab.

„Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ 
Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft

Mai Thi Nguyen-Kim
Droemer 2021, 368 Seiten – 20 Euro

Mai, wenn man sich deine Arbeit ansieht – dein Buch, deinen YouTube-Kanal, jetzt deine Fernsehshow – entsteht der Eindruck, du bist eine Frau mit einer Mission.

Ja, das stimmt vielleicht. Ich bin eine Überzeugungstäterin. Ich freue mich natürlich, wenn ich viele Bücher verkaufe oder einen Preis bekomme, aber ich freue mich darüber vor allem, weil ich weiß, dass dann das Buch gelesen wird und die Inhalte die Menschen erreichen. Mein Ziel ist, dass die Menschen Wissenschaft besser verstehen, dass sie wissenschaftlich denken lernen. Ich glaube, das ist in unserer Zeit ein unglaublicher wichtiger Skill, um Fakten und Desinformation auseinanderzuhalten.

Das wolltest du schon immer, oder? Du hast gestern am Ende der Sendung gesagt: Aufklärung schafft Freiheit! Das ist ein revolutionärer Satz. Aber er taucht sinngemäß auch schon in frühen Videos auf, als dein YouTube-Kanal noch schönschlau hieß.

Nein, am Anfang habe ich die Videos vor allem aus Spaß an der Freude gemacht. Und weil ich mich manchmal fühlte wie die Mutter eines hässlichen Babys, den Naturwissenschaften, deren Schönheit nur ich allein sehe. Ich habe zu der Zeit noch als Chemikerin gearbeitet und mich immer gewundert, warum Leute das komisch finden und nicht total toll. Mit der Zeit ist Wissenschaftskommunikation für mich aber fast etwas Politisches geworden, obwohl ich kein politischer Mensch bin. Die Frage, die mich heute treibt, heißt: Wie lässt sich die Neutralität der Wissenschaft bewahren? Ich glaube, um sie zu erhalten, müssen wir uns mehr einmischen.

Haben die Angriffe auf die Wissenschaft in den vergangenen Jahren zugenommen? Oder sind die Leugner und Ignoranten einfach nur lauter als früher?

Ich glaube, beides. Einerseits fördert das Internet die Lautstärke: Je lauter du schreist, desto mehr wirst du verbreitet. Und durch die Emotionalisierung lässt sich Desinformation auch stärker verankern. Andererseits sorgen die neuen Medien aber auch dafür, dass Menschen heute eine wissenschaftliche Empfehlung nur als eine Meinung unter vielen ansehen, weil es für sie kaum eine Möglichkeit gibt, zwischen einer seriösen Expertin und einem Scharlatan zu unterscheiden. Natürlich haben wir früher mit Menschen, die anders denken, genauso wenig gepflegt diskutiert. Aber wenn du völlig abstruse Meinungen vertreten hast wie ,Die Erde ist flach‘, wärst du in deiner Dorfkneipe nicht weit gekommen. Im Netz ist das anders.


Forscherin, Autorin, Bloggerin – und jetzt auch Moderatorin einer eigenen TV-Wissenschaftsshow: Mai Thi Nguyen-Kim 

Andererseits scheint es, als würden sich immer mehr Menschen nach echten Informationen sehnen – was zu deinem Erfolg beiträgt. Dein erstes Video über Corona wurde mehr als sechs Millionen Mal gesehen! Da stellt sich die Frage: Warum überhaupt ein Buch, wenn du ohnehin schon so viele Menschen erreichst?

Die Kernfragen des Buches sind: Was ist eigentlich Wissenschaft, und warum sollten wir auf sie hören? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich mit evidenzbasierter Wissenschaft auskennen. Die ersten acht Kapitel sind eigentlich austauschbar. Sie dienen vor allem dazu, das letzte Kapitel verständlich zu machen. Dafür wird viel Zeit und Differenzierung benötigt – und das bietet ein Buch natürlich mehr als eine Sendung. Manche Motive tauchen mehrfach auf, und wer was vergessen hat, kann in einem Buch einfach zurückblättern, um es nochmals zu lesen. Außerdem finde ich, dass Lesen eine sehr viel aktivere Tätigkeit ist, als wenn man sich von einem Video oder einem Podcast berieseln lässt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das eine ganz andere Art von Lernen ist. Mein Ziel ist nicht, Menschen zu belehren. Sondern ich möchte ihnen etwas an die Hand geben, mit dem sie viele verschiedene Sachen einordnen können. Es geht nicht um Random Facts, sondern um anwendbare Methoden.

Das ist die größte Qualität des Buches: Du erklärst nicht Fakten anhand von Wissenschaft – du erklärst Wissenschaft anhand von Fakten. Beim Lesen lernt man wissenschaftliches Denken.

Ja, das war die Idee. Es gibt natürlich viele Bücher über wissenschaftliches Denken, aber die waren mir alle zu abstrakt. Dabei ist das Schöne daran, dass es überall anwendbar ist, wo es einen rationalen Diskurs gibt: in gesellschaftlichen Debatten, in der Politik …

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