Mai, wenn man sich deine Arbeit ansieht – dein Buch, deinen YouTube-Kanal, jetzt deine Fernsehshow – entsteht der Eindruck, du bist eine Frau mit einer Mission.
Ja, das stimmt vielleicht. Ich bin eine Überzeugungstäterin. Ich freue mich natürlich, wenn ich viele Bücher verkaufe oder einen Preis bekomme, aber ich freue mich darüber vor allem, weil ich weiß, dass dann das Buch gelesen wird und die Inhalte die Menschen erreichen. Mein Ziel ist, dass die Menschen Wissenschaft besser verstehen, dass sie wissenschaftlich denken lernen. Ich glaube, das ist in unserer Zeit ein unglaublicher wichtiger Skill, um Fakten und Desinformation auseinanderzuhalten.
Das wolltest du schon immer, oder? Du hast gestern am Ende der Sendung gesagt: Aufklärung schafft Freiheit! Das ist ein revolutionärer Satz. Aber er taucht sinngemäß auch schon in frühen Videos auf, als dein YouTube-Kanal noch schönschlau hieß.
Nein, am Anfang habe ich die Videos vor allem aus Spaß an der Freude gemacht. Und weil ich mich manchmal fühlte wie die Mutter eines hässlichen Babys, den Naturwissenschaften, deren Schönheit nur ich allein sehe. Ich habe zu der Zeit noch als Chemikerin gearbeitet und mich immer gewundert, warum Leute das komisch finden und nicht total toll. Mit der Zeit ist Wissenschaftskommunikation für mich aber fast etwas Politisches geworden, obwohl ich kein politischer Mensch bin. Die Frage, die mich heute treibt, heißt: Wie lässt sich die Neutralität der Wissenschaft bewahren? Ich glaube, um sie zu erhalten, müssen wir uns mehr einmischen.
Haben die Angriffe auf die Wissenschaft in den vergangenen Jahren zugenommen? Oder sind die Leugner und Ignoranten einfach nur lauter als früher?
Ich glaube, beides. Einerseits fördert das Internet die Lautstärke: Je lauter du schreist, desto mehr wirst du verbreitet. Und durch die Emotionalisierung lässt sich Desinformation auch stärker verankern. Andererseits sorgen die neuen Medien aber auch dafür, dass Menschen heute eine wissenschaftliche Empfehlung nur als eine Meinung unter vielen ansehen, weil es für sie kaum eine Möglichkeit gibt, zwischen einer seriösen Expertin und einem Scharlatan zu unterscheiden. Natürlich haben wir früher mit Menschen, die anders denken, genauso wenig gepflegt diskutiert. Aber wenn du völlig abstruse Meinungen vertreten hast wie ,Die Erde ist flach‘, wärst du in deiner Dorfkneipe nicht weit gekommen. Im Netz ist das anders.