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Das Bild zeigt eine ruhige bergige Landschaft. Im Vordergrund ein Holzzaun, der einen sattgrünen Garten umschließt. Es ist der Garten von Agnese Berta. Es sind Büsche und ein Gewächshaus zu sehen, auch eine kleine Schweizer Fahne weht dort. Im Hintergrund steht ein größeres Gebäude mit Glockentürmchen und Kreuz, wahrscheinlich eine Kirche. Am Horizont erstreckt sich eine Bergkette.

Tourismus im Calancatal

In einem abgelegenen Schweizer Bergdorf hat eine Bäuerin ein Familienunternehmen aufgebaut, von dem der gesamte Ort profitiert.


Das Bild zeigt eine Person, Aurelia, die einen grasbewachsenen Weg hinunter wandert und einen großen Metallbehälter auf dem Rücken trägt. Sie transportiert so 30 Liter Milch von der Weide bis runter in den Ort Braggio zum Käsemachen.
Es ist eine ländliche, bergige Gegend. Im Hintergrund ist ein Gebäude mit einem Glockenturm zu sehen. Der Himmel ist dunstig, oder im Tal neblig, und es herrscht eine ruhige und friedliche Atmosphäre.
Agnese Berta, eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren steht in oder vor einem ihrer Gästehäuser in Braggio, lächelt und blickt nach links oben.
Sie trägt ein ärmelloses Hemd. Im Hintergrund sind ein Fenster und ein Stuhl zu erkennen.
Das Bild zeigt Luciano, den Mann von Agnese Berta. Er steht auf einer Wiese und lehnt sich gegen den Holzzaun der angrenzenden Kuhweide. Er trägt kurze Hosen und scheint die freie Natur zu genießen. Die Szene scheint in den Bergen zu spielen, auf der anderen Seite des Zaunes geht es ins Tal, dort ist es nebelig, sodass man nicht viel erkennen kann. Hier oben scheint die Sonne. Die Atmosphäre ist sehr friedlich.

Luciano Berta an der Kuhweide.

• Das Dorf, das Agnese Berta vor dem Aussterben bewahren will, versteckt sich hoch über den steilen Felswänden des Calancatals, einem der wildesten und schönsten Täler der Schweiz. Braggio hat 50 Einwohner, keine Bankfiliale und keinen Bäcker, nicht einmal eine richtige Straße führt in den 1.300 Meter hoch gelegenen Weiler. Nur ein Forstweg, ein Wandersteig und eine Seilbahn verbinden ihn mit dem Tal.

Mitten im Dorf eilt die 74-jährige Agnese Berta mit der Hacke durch den Garten. Schnell das Unkraut jäten, gleich noch Kartoffeln setzen und den Käse ins Tal bringen. Ah, einen Moment, sie kramt das klingelnde Handy aus der Jeans: Ein Bekannter ruft an und fragt, wie es ihr gehe. „Immer in Schuss“, sagt sie. In ihrem von vielen Sonnenstunden zerfurchten Gesicht blitzt ein schelmisches Grinsen auf. Um sie herum sprießen Rhabarber, Luftzwiebeln und Rucola, auf den Wiesen blühen Margeriten und Hahnenfuß, nebenan gurgelt ein Bach. Unter dem Licht der Junisonne wirkt Braggio wie ein Ort, der längst nicht mehr existieren dürfte.

Seit Jahrhunderten bauen Bergbauern hier oben Hütten aus Gneis und Lärchenholz und trotzen den mageren Wiesen das Heu ab, um ihre Kühe, Schafe und Ziegen zu füttern. Doch wie viele andere Bergdörfer kämpft Braggio gegen den Niedergang: Es gibt kaum Arbeitsplätze, das Leben scheint zu beschwerlich, die Perspektiven zu gering und der Weg in die Metropolen zu weit. Vor 300 Jahren lebten im Calancatal 3.000 Menschen, heute sind es nur noch 800.

Ein Forscherteam der ETH Zürich um die beiden Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron hat einmal vorgeschlagen, Orte wie Braggio nicht mehr zu subventionieren und sich selbst zu überlassen. Die staatlichen Ausgaben pro Einwohner für Erschließung und Instandhaltung der Infrastruktur seien zu hoch und die Wertschöpfung zu gering, um allen ein Einkommen zu ermöglichen. Es fehle eine tragfähige wirtschaftliche Basis.

Agnese Berta rammt im Garten die Schaufel in die Erde. Seit vier Jahrzehnten arbeitet sie daran, das Gegenteil zu beweisen: Sie will ihrer Familie und dem Dorf eine Perspektive geben. Zeigen, dass man sich auch an entlegenen Orten eine Existenz aufbauen kann.

Mit ihrem 75-jährigen Mann Luciano, dessen Zwillingsschwester Daniela sowie ihrer Tochter Aurelia, 38, hat sie ein kleines florierendes Familienunternehmen aufgebaut: Agriturismo Raìsc. Sie verdienen ihr Geld mit 25 Schafen, fünf Kühen, je zwei Rindern, Kälbern und Schweinen sowie einer Käserei. Doch vor allem: mit Menschen wie mir.

Das Bild zeigt ein ruhiges Schlafzimmer im Gästehaus, mit einem Holzbettgestell, zwei weißen Kissen und einer gestreiften Bettdecke. Das Zimmer wird von natürlichem Licht erhellt, das durch ein Fenster mit roten /orhängen einfällt und eine warme und gemütliche Atmosphäre schafft. Die hölzernen Wände und Decken agen zum rustikalen Charme des Raums bei.

Vorige Seiten, links: Auf dem Rücken trägt Aurelia Berta die Milch von der Weide nach Braggio; rechts: Agnese Berta in einem der Gästehäuser

Das Bild zeigt eine Nahaufnahme des Kopfes einer Kuh, die auf einem Bett aus Heu ruht. Es ist eine der Milchkühe der Familie. Die Kuh hat einen gelben Anhänger mit einer Nummer im Ohr. Der Hintergrund ist dunkel, wahrscheinlich ist die Kuh im Stall.
Das Bild zeigt zwei Personen, die Tochter Aurelia und den Vater Luciano bei der Probenentnahme von Milch.
Ein Metalleimer hängt an einem Seil. Aurelia füllt mit einem kleinen Schöpfkelle Milch aus dem Metalleimer in ein weisses Plastikgefäß mit Deckel. Luciano sieht zu. Es ist dämmrig und beide Personen haben Kopflampen.
Im Hintergrund sind hohe Berge zu erkennen.

Mit seiner Tochter Aurelia Berta entnimmt er Proben der frischen Milch

Berufswunsch: Bauer

Ich habe vor 20 Jahren zum ersten Mal die Ferien in Braggio verbracht, im Gästehaus, das die Bertas kurz vorher eröffnet hatten. Meinen Eltern war es von Freunden empfohlen worden. Oben angekommen waren wir im Alpenparadies: Meine Schwester durfte Ziegen streicheln, meine Eltern gingen wandern, und ich bolzte stundenlang mit einem Dorfjungen gegen die Steinmauer am Wohnhaus der Bertas.

Als wir ein paar Jahre später das nächste Mal kamen, besaß die Familie bereits zwei Ferienhäuser. Bei unserem dritten Besuch vor zwei Jahren waren es schon vier. Daneben hatte sie einen Mehrzweckraum für Schulungs- sowie Restaurantgäste gebaut, und die Tochter Aurelia hatte den Betrieb übernommen.

Der Tourismus hat sich für die Bertas als segensreich erwiesen. Außerdem hält er das Dorf am Leben. Nicht mit Menschenmassen wie andernorts, sondern mit einer überschaubaren Zahl an Gästen, die ein Bewusstsein für diesen Ort mitbringen.

Am nächsten Morgen um fünf Uhr, während sich die Sonne noch hinter dem Piz della Molera versteckt, knipst Agnese Berta in der Käserei das Licht an. Sie zieht Gummistiefel an, legt sich eine Schürze um und dreht den Temperaturregler am Käsekessel hoch. Die Milch darin soll sich auf 32 Grad Celsius erhitzen, damit sie später gerinnen kann.

Dann steigt Berta auf einen Hocker und zieht einen runden Käse aus dem Regal. Es ist der typische, mit einer dunklen Schicht aus Schimmel überzogene Hartkäse der Südschweiz. Berta wischt ihn mit einem Geschirrtuch ab und setzt ihn eine Reihe höher. In der Ecke des gut 16 Quadratmeter großen Raumes läuft Gejodel im Radio.

Hier in der Käserei ist sie ganz für sich allein. Und hat Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Agnese Berta wuchs als Tochter eines Architekten und einer Schneiderin im Zürcher Oberland auf. Als Kind ging sie gerne reiten und mochte die Arbeit im Stall. Nach Ende der Schulzeit wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Ein Berufsberater empfahl ihr eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Den Eltern gefiel das. Doch Berta kündigte noch in der Probezeit: Sie wollte lieber Bauer werden. „Ja, Bauer“, sagt sie, „nicht Bäuerin. Das sei ein Zivilstand und kein Beruf, hat mir der Berufsberater gesagt.“ Sie kichert.

Und ihre Eltern? „Ich war schon immer ein Trotzkopf und habe das Gegenteil von dem gemacht, was man von mir erwartet hat“, sagt Agnese Berta, während sie einen Regalboden auswischt. Wenn die Eltern beim Wandern rechts entlanggehen wollten, wollte sie aus Prinzip links entlang. Bis der Vater ihr hinterherlaufen musste, um sie einzusammeln.

Trotzdem fuhr ihre Mutter mit ihr in die französische Schweiz, um einen Lehrbetrieb zu suchen, in dem sie ein Jahr lang arbeiten konnte. Anschließend besuchte sie zwei weitere Jahre das Internat einer landwirtschaftlichen Schule in Zürich, bevor sie in die Welt hinauszog. Sie arbeitete in der Westschweiz, in Saas-Fee nahe der italienischen Grenze, ging zwei Sommer auf die Alp und reiste nach Neuseeland, Australien, auf die Fidschi-Inseln und in die USA. Ihre Wanderjahre.

Als sie mit Ende 20 zurück in die Schweiz kam und einen weiteren Sommer auf einer Alp im Tessin verbrachte, merkte sie, dass sie bereit für ein Zuhause war. Sie hörte von einem Bauern, der seinen Betrieb in Braggio aufgeben musste. Der Hof kostete wenig, und „ich mochte es schon immer, aus wenig etwas zu machen“, sagt Agnese Berta. Also zog die 29-Jährige im Jahr 1981 alleine in das Bergdorf. Sie kaufte einen Motormäher und 20 Ziegen und begann, Formaggini, einen Frischkäse, herzustellen.

Die Menschen im Dorf beäugten die fremde Frau anfangs skeptisch, denn in dieser Zeit ließen sich viele junge Aussteiger im Tessin nieder, die radikal zurück zur Natur wollten. „Ich gehörte nicht zu dieser Klasse“, sagt Berta. Und das wollte sie beweisen. Sie war im Februar hergezogen und hatte zwar einen Ofen, aber kein Holz. Ein Nachbar sagte ihr, dass oben am Berg einige von Lawinen umgedrückte Baumstämme lägen, die sie haben könne. Also stiefelte sie durch den Schnee nach oben und zog die Baumstämme mit einem Haken in der Hand bis zum Haus herunter. „Die Leute haben bald gemerkt, dass ich schuften und mich organisieren kann.“

Dann fragte eine alte Frau aus dem Dorf, die krank geworden war, ob sie auf ihre Kühe aufpassen könne. Mehr Vertrauen ging nicht – jetzt war sie angekommen. Bei ihren Fahrten mit der Seilbahn lernte Agnese Berta den Maschinisten Luciano kennen, der die Gondeln startete und bremste und die Kunden abkassierte. Sie heirateten und bekamen einen Sohn: Romano. Wenig später folgte Tochter Aurelia.

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Illustration: Joni Marriott

Das Bild zeigt Agnese Berta beim Umfüllen der Milch, die Aurelia gemolken hat. Sie ist in einem gefliesten Raum und gießt die Milch aus dem großen Metallbehälter in einen anderen Behälter um.

Agnese Berta füllt die Milch um, die ihre Tochter gemolken hat

Das Bild zeigt einen Holztisch, auf dem mehrere große, runde, weiße Käselaibe stehen. Der Tisch steht vor einem Hintergrund von Holzregalen, die mit ähnlichen Käselaiben gefüllt sind. Es scheint ein Käselager zu sein.

Daraus entsteht später der typische Hartkäse der Südschweiz

Die ganze Familie packt mit an

In der Käserei ist es jetzt kurz nach sechs Uhr. Draußen färbt die Morgensonne die Bergspitzen rot. Es klopft an der Tür. Aurelia Berta tritt ein und murmelt: „Buongiorno.“ Ihre Augen sind müde, die Haare verwuschelt, und an ihren Wanderschuhen klebt noch das feuchte Gras des Pfads, den sie mit einer vollen, 30 Liter fassenden Milchkanne auf dem Rücken heruntergelaufen ist. Sie setzt sich auf einen Vorsprung und stellt die Kanne ab.

Die Kühe der Familie grasen derzeit am Monti, einem kleinen Maiensäß (eine saisonal genutzte Weidefläche mit Hütte und Stall) gut 100 Meter über dem Dorf. Dort werden sie auf die Alpwiesen vorbereitet, wohin sie nächste Woche gefahren werden. Bis dahin muss Aurelia Berta die Kühe dort oben melken und die Milch jeden Morgen und jeden Abend in die Käserei tragen.

Mutter und Tochter gießen die Milch in den Kessel. „Bringst du mir später einen Käse mit hoch?“, fragt Aurelia Berta ihre Mutter im italienischen Dialekt des Tals, den sie miteinander sprechen. Agnese Berta nickt und gibt noch eine Messerspitze Bakterienkultur und Lab in die Milch, dann lässt sie den Käse stocken und geht frühstücken.

Eigentlich sind Agnese Berta und ihr Mann längst in Rente, der Agriturismo gehört seit 2017 ihrer Tochter. Die beiden könnten sich, wie viele andere Pensionäre in Braggio, zurücklehnen und die Sonne genießen. „Das bringt dem Dorf aber nicht viel“, sagt sie. Also arbeiten sie weiter. Agnese Berta kümmert sich um die Käserei, das Restaurant und die Vermietung der Ferienhäuser. Ihr Mann hilft jeden Tag im Stall und auf den Wiesen. Und ihre Schwägerin putzt die Häuser und hilft in der Küche. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, morgens aufzustehen und nichts mehr zu tun zu haben“, sagt Berta.

Am Nachmittag klackern Wanderstöcke durch die Gassen. Zwei deutsche Frauen kommen angelaufen, sie sind vom Berg abgestiegen und auf der Suche nach einem Getränk. „Ist hier immer so wenig los?“, fragt eine der beiden. „Das ist ja traumhaft.“ Sie setzen sich auf die Terrasse neben Agnese Berta, die ihre Selleriesetzlinge liegen lässt und den Frauen an der Theke des Restaurants eine Saftschorle einschenkt.

Dass Braggio touristisches Potenzial hat, merkte Berta früh. Das Dorf liegt auf einer Sonnenterrasse, dazu die Seilbahn, die Ruhe ohne Autos – sie war überzeugt, all das würde naturliebende Menschen anziehen. Damals gab es in Braggio keine professionell vermietete Ferienwohnung. Auch im restlichen Tal war das Angebot dünn.

Also mietete die Familie im Jahr 1996 das leer stehende Nachbarhaus an und vermietete es ein paar Jahre lang an Feriengäste. Kurz darauf zog Bertas 85-jährige Mutter nach Braggio und ließ einen Stall zum Alterswohnsitz umbauen. Als sie sechs Jahre später starb, machten die Bertas daraus ein weiteres Ferienhaus. Eine Familie aus den USA, die ein Häuschen in Braggio besaß, fragte, ob sie dieses nicht auch vermieten könnten. Ein weiteres, renovierungsbedürftiges Haus vermachte ihnen der Onkel ihres Mannes. Das daran angrenzende Gebäude renovierten sie von Agnese Bertas elterlicher Erbschaft. Innerhalb von knapp 15 Jahren hatte die Familie vier Ferienhäuser mit 22 Betten zu vermieten. Luciano Berta hatte seine Stelle bei der Seilbahn längst gekündigt und war mit eingestiegen.

Heute macht der Tourismus gut die Hälfte der Einnahmen des Betriebes aus. Die Übernachtungszahlen, die sie im Detail nicht preisgeben möchten, schwanken zwar stark, doch im Juli und August seien sie oft ausgebucht. Für ihre Ferienhäuser müssten sie kaum Werbung machen, die meisten Gäste kämen auf Empfehlung von Bekannten. Auf Plattformen wie Instagram oder Airbnb verzichten sie bewusst, weil das die falschen Leute anlocken würde.

Eine Frau steht in einer Wiese mit Blumen mit einem großen Metallbehälter auf dem Rücken, sie wird begleitet von einem schwarzen Hund. Es ist Aurelia, die auf dem Weg zum Melken in den Stall oberhalb des Ortes Braggio ist.
Die Wiese wächst steil am Hang und im Hintergrund sind dunkle Bäume zu sehen.

Transportiert 30 Liter Milch: Aurelia Berta

Das Bild zeigt eine Fensterbank in der Hütte nahe der Weide. Die Szene ist schwach beleuchtet. Das Fenster ist auf der rechten Seite, man hat einen Blick nach draußen auf die Weise oder Weide.
Auf der linken Seite des Bildes sind verschiedene Utensilien an der Wand aufgehängt, darunter ein Sieb und eine Petroleumlampe. Ein Metalldeckel und eine Schüssel stehen auf der Fensterbank. Die Gesamtatmosphäre des Bildes vermittelt ein Gefühl der Ruhe und Einfachheit.

Blick aus einer Hütte nahe der Kuhweide

Zwei junge Mädchen, Aurelias Töchter, genießen einen sonnigen Tag im Freien. Ein Mädchen sitzt im Gras, während das andere an der Wand des Hauses lehnt. Im Hintergrund ist eine Wiese mit Blumen zu sehen.

Im Dorf leben neun Kinder – zwei davon sind Bertas Enkelinnen

Das Bild zeigt eine Person, Aurelia, beim Melken einer Kuh. Die Person trägt eine Kopflampe, da der Stall schwach beleuchtet ist. Sie benutzt eine Handmelkmaschine. Eine zweite Kuh liegt in der Nähe im Stroh.

Aurelia Berta melkt eine der fünf Kühe

Wirtschaften im Kreislauf

Nicht allen im Dorf gefällt allerdings ihr Tatendrang. 2003 wurde Agnese Berta zur Gemeindepräsidentin gewählt und wollte auch anderen Familien helfen, am Tourismus zu verdienen. Bis heute gibt es außer ihren Wohnungen nur eine andere Ferienwohnung und ein paar Betten über einem Wirtshaus. Berta hätte aus Braggio gern eine Art dezentrales Hotel gemacht: Wer in seinen Häusern ungenutzte Zimmer hatte, hätte diese vermieten können. Im damals leer stehenden Wirtshaus wollte sie eine Rezeption unterbringen, an der man die Schlüssel hätte abholen können. Doch das Projekt wurde nie umgesetzt. Nach drei Jahren Amtszeit wurde sie mit einer Stimme Unterschied abgewählt.

Das machte ihr zu schaffen. Sie überlegte ernsthaft, wegzuziehen. Aber wohin? Sie liebte diesen Ort doch so. Also beschloss sie, sich auf ihren Betrieb zu konzentrieren, nahm eine Hypothek auf und baute das Mehrzweckhaus, das Firmen für Schulungen mieten und in dessen Restaurant Wanderer einkehren können.

„Es ist eine Gratwanderung“, sagt Agnese Berta. „Einerseits braucht es unbedingt Investitionen, andererseits wollen wir keinen Massentourismus.“ Nicht weit entfernt, am Lago Maggiore, stauen sich die Autos auf der Seestraße, und an den Promenaden ist immer irgendwo Aperol-Spritz-Happy-Hour. Im nahe gelegenen Verzascatal, von der Topografie ähnlich wie das Calancatal, karren die Abschleppdienste täglich wild parkende Touristenautos weg.

Agnese Berta begreift den Tourismus als Puzzleteil, das in das große Ganze passen muss. Im Garten baut sie das Gemüse an, das sie im Restaurant zubereitet. Das Essen serviert sie den Gästen, die in den Ferienhäusern übernachten. Jede Wohnung ist außerdem mit einer Küche ausgestattet, in der ihre Gäste selbst kochen können, was wiederum dem winzigen Dorfladen hilft. Die Inhaberin sagt, viele von Bertas Gästen würden bei ihr einkaufen. Ohne sie wäre ihr Laden wohl kaum rentabel. Auch Alberta Cereghetti von der Geschäftsstelle des Naturparks Val Calanca schreibt: Die Feriengäste „erkunden das Tal, kaufen lokal ein und tragen dazu bei, mehr Wertschöpfung ins Tal zu bringen.“

Als Teil dieses Puzzles fühlt man sich auch als Gast. Man ist wie zu Besuch bei entfernten Verwandten: In den Wohnungen sind die Besteckschubladen wild zusammengewürfelt, an der Wand hängt der Abfallplan. Das erzeugt eine Nähe, wie es sie an Urlaubsorten selten gibt.

Doch als Gast kann man auch beobachten, wie beschwerlich die Arbeit für die Familie ist. Der 75-jährige Luciano Berta hat Oberarme, als wäre er sein ganzes Leben auf Händen gelaufen. Und einen Buckel, der alles andere als gesund aussieht. „Wir haben unsere Körper nie geschont“, sagt Agnese Berta. In dieser Juniwoche hat die Familie ein wenig Luft zum Durchatmen. Über Ostern waren die Gästehäuser voll, auch über das Pfingstwochenende hatten sie ein paar Gäste. Nächste Woche wird eine Gesellschaft im Restaurant essen, in der Woche drauf übernachtet eine Großfamilie in den vier Häusern und hat Halbpension gebucht. Agnese Berta nutzt die Zeit, um liegen gebliebene Bettwäsche zu waschen und E-Mails zu beantworten, ihre Tochter und ihr Mann machen das Heu.

Wirkliche Auszeiten hat die Familie kaum, fast das ganze Jahr verbringt sie hier oben. Nur ein paar Tage fahren die Bertas weg, meistens innerhalb der Schweiz. „Ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben“, sagt Agnese Berta. Gut, Griechenland würde sie gerne mal sehen, überhaupt mal wieder das Meer. „Aber ich habe hier doch alles.“

Als es Abend wird und ihr Tagewerk so gut wie verrichtet ist, setzt sich Agnese Berta auf die Terrasse. Ihre beiden Enkelkinder Alina, 10, und Mia, 8, spielen Fangen, Tochter Aurelia spricht unten am Stall mit einem Ingenieur und jemandem von der Verwaltung über eine Straße, die erneuert werden soll. Ihr Mann Luciano stapft hinauf zum Monti, um die Kühe zum Melken einzutreiben.

Ihre Motivation, sagt Agnese Berta, sei es damals in den Achtzigern gewesen, das Leben im Dorf zu erhalten, die Abwanderung der Jungen zu stoppen. Anfangs sah es nicht so aus, als ob das gelingen würde. Ihr Sohn Romano zog ins Tal, um als Landmaschinentechniker zu arbeiten, ihre Tochter Aurelia machte eine Lehre in einem Hotel und sagte den Eltern, sie sollten bloß nicht erwarten, dass sie jedes Jahr zur Heuernte komme. Doch schon im ersten Sommer stand sie wieder mit auf der Wiese. Inzwischen leitet die Tochter den Betrieb und wischt sich eine Träne aus dem Auge, wenn sie daran denkt, wegzuziehen. „Wir haben sie nicht gezwungen, hier oben zu bleiben“, sagt Agnese Berta. „Aber wir haben versucht, ihr ein zufriedenes Leben vorzuleben.“

Und auch im Dorf hat es eine kleine Trendwende gegeben. Nachdem die Einwohnerzahl jahrelang sank, leben inzwischen wieder neun Kinder im Ort. ---

Das Bild zeigt Luciano beim Rechen des trockenen Heus. Er arbeitet auf einem grasbewachsenen Hügel mit einem großen Holzrechen. Im Hintergrund befindet sich ein kleines Steinhaus mit Ziegeldach, dahinter sind Bäume am Berghang zu sehen. Die Szene ist vor dem Hintergrund eines klaren blauen Himmels mit einigen
Wolken zu sehen.

Arbeitet einfach immer weiter: Luciano Berta beim Rechen von Heu

Tagestouristen in der Region San Bernardino Mesolcina Calanca pro Jahr: 350.000

Wirtschaftsleistung der Region im Jahr, in Millionen Euro: 550
… Anteil des Tourismus, in Prozent: 17

Gästeankünfte im Calancatal,
… im Jahr 2014: 1.234
… im Jahr 2024: 2.035

Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten: 5
Zahl der Betten: 102

Quelle: Graubündner Amt für Wirtschaft und Tourismus

Sogenannter sanfter oder auch Öko- tourismus ist darauf angelegt, die Folgen des Reisens für die Umwelt und die lokale Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Regionen in Deutschland, die da- rauf setzen, sind etwa das Biosphären- reservat Bliesgau im Saarland oder der Bayerische Wald. Sanfter Tourismus wird in Deutschland und Europa durch Zuschüsse und Förderprogramme unterstützt.

Größe des weltweiten Marktes für Ökotourismus, in Milliarden Dollar,
… im Jahr 2023: 217
… im Jahr 2032 (prognostiziert): 760

Anteil der Menschen in Deutschland, in Prozent, die angeben, dass
… intakte Natur ein wichtiges Kriterium bei der Urlaubsbuchung ist: 58
… sie bereit wären, mehr für nachhaltigen Urlaub zu zahlen: 20

Das Bild zeigt eine Sammlung von drei Zeitschriften oder Büchern mit einem weihnachtlichen Thema, die jeweils mit einem roten Band verziert sind. Die Bücher tragen die Titel "brandeins" und "Das gelt" (Weihnachtsgeschenk), was darauf hindeutet, dass sie einen Bezug zu weihnachtlichen Inhalten haben. Auf dem Bild ist auch eine Tafel zu sehen, die von einem roten Kreis umgeben ist und den Text "Gratisheft für die Bescherung" enthält. Dieses Bild ist für die EAA zugänglich, da es als "zugängliche Website" und "zugängliche Inhalte" im Sinne des EAA-Logos beschrieben wird.

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