Ausgabe 07/2017 - Schwerpunkt Wettbewerb

Wittlich

Ihr Kaufleute, kommet!

• Katrin Schade hat einen Plan. Jeden Tag, wenn sie von ihrem Büro in die Innenstadt von Wittlich schlendert, wird sie an ihn erinnert. Sie geht die Schlossstraße entlang, vorbei an einer heruntergekommenen Häuserzeile, die Fenster verrammelt, Plakate künden von vergangenen Veranstaltungen. Sie biegt links in die Burgstraße, wo die Altstadt anfängt. Im ersten Haus auf der rechten Seite: eine leer stehende Ladenfläche. Im ersten Haus auf der linken Seite: eine leer stehende Ladenfläche. „Die ist schon vermietet, hier eröffnet bald die Genussecke“, sagt Schade und klingt ein bisschen stolz, schließlich ist das ihr zu verdanken.

In der zukünftigen Genussecke, die mal ein Friseursalon war, steht Gerd Bamberger und überlegt, was er vor der Eröffnung noch erledigen muss. „Ich habe sicher schon 200 Stunden in die Renovierung investiert“, sagt er. Bald stehen hier Regale mit Amphoren, für Spirituosen, Öle und Essig.

Bambergers Genussecke ist Teil des Projektes Alwin, das Katrin Schade, angestellt bei der Stadtverwaltung, vor knapp zwei Jahren initiiert hat. Die Abkürzung steht für „Aktives Leerstandsmanagement Wittlicher Innenstadt“, das Projekt bringt Menschen, die gern ein Geschäft eröffnen würden mit Eigentümern leerer Läden zusammen. Die Mieter übernehmen ganz oder teilweise die Renovierung, dafür zahlen sie im ersten halben Jahr keine Miete, in den folgenden sechs Monaten eine geringere und erst nach einem Jahr die volle. Die Details bleiben den Vertragspartnern überlassen. Die Stadtverwaltung, der Verein Stadtmarketing-Wittlich, die örtliche Sparkasse und einige Eigentümer sind alle am Projekt beteiligt und haben ein gemeinsames Ziel –sie wollen den Einzelhandel fördern.

Wie viele andere Kleinstädte hat auch Wittlich in Rheinland-Pfalz ein Problem: Das Zentrum verödet, seit Anfang der Neunzigerjahre schließen die Geschäfte, es kommen kaum neue hinzu. „Der demografische Wandel und die Digitalisierung sind hauptverantwortlich dafür“, sagt Tine Fuchs, Referatsleiterin für Stadtentwicklung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. E-Commerce trifft besonders den Buch- und Elektrohandel, auch Spielwaren und Sportartikel. Außerdem bieten Supermärkte und Einkaufszentren am Stadtrand eine größere Auswahl, mehr Parkplätze, und sie sind billiger. Auch in Wittlich reihen sich im Gewerbegebiet Real, Aldi Süd und Lidl aneinander, zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt steht das Kaufhaus der Unternehmerfamilie Bungert. Neubaugebiete dehnen sich aus, die Menschen wollen Platz zum Wohnen und grüne Wiesen.

Der Stadt mit etwa 19 700 Einwohnern geht es eigentlich gut. Konzerne wie Dr. Oetker und Goodyear haben sich angesiedelt, es gibt 17 500 Arbeitsplätze, die Pendler kommen über die A60 im Süden oder die A1 im Osten.

Nur in die Innenstadt zog es kaum jemanden: Bis zu 40 der 225 Läden standen leer, eine Quote von 18 Prozent. Nach Auskunft der Industrie- und Handelskammer Trier ist das „kritisch“, weniger Menschen bedeutet weniger Geschäfte, bedeutet weniger Menschen – und so weiter.

Doch langsam setzt der Gegentrend ein, zumindest in einigen Regionen. Stadtplaner und Soziologen sprechen von Re-Urbanisierung, die Menschen wollen wieder in die Innenstadt, vor allem wegen der kurzen Wege, sie wollen dort wohnen, arbeiten, einkaufen, am liebsten ohne Auto.

Die Stadt lebt

In Wittlich versucht man daher, die Innenstadt attraktiver zu machen. Seit 2011 gibt es ein umfangreiches Entwicklungskonzept. Eigentümer, die ihre Immobilien sanieren, bekommen einen Zuschuss von 25 Prozent, maximal 80 000 Euro. Das Geld stammt zu zwei Dritteln von Bund und Land und zu einem Drittel von der Stadt. 30 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in die Innenstadt investiert. Einige Gebäude wurden abgerissen, es entstehen auch neue. Direkt an der Lieser, dem Bach, der sich im Westen an die Altstadt schmiegt, steht jetzt das Lieser Domizil, 29 barrierefreie Wohnungen, alle vermietet. Gleich daneben wird das Ufer umgestaltet, wo früher ein Kanal floss, führen bald breite Stufen direkt zum Wasser.

Als die heute 30-jährige Katrin Schade 2015 nach Wittlich zog, war der Marktplatz verwaist, jetzt sitzen Einheimische und Fahrradtouristen vor der Brasserie, die in die frisch renovierte alte Posthalterei gezogen ist. Auch die neuen Parkbänke sind belegt.

Nicht überall wirkt die Mischung aus heruntergekommenem und saniertem Altbau, aus Sechzigerjahre-Charme und Neubauten harmonisch, aber es kommt Leben ins Zentrum. Vor Beginn des Förderprogramms wohnten 600 Menschen in der Innenstadt, heute sind es fast 1000.

Von einer belebten Innenstadt mit schönen öffentlichen Plätzen profitiert auch der Handel. Der ziert sich allerdings, weswegen es jetzt Alwin gibt. Die Leerstandsquote ist inzwischen auf 10,7 Prozent gesunken.

Um die Hauseigentümer zu überzeugen, erzählt Katrin Schade gern von Leipzig, eine der ersten Städte, die der Verödung mit dem Modell der Wächterhäuser trotzte (siehe auch brand eins 10/2009: „Ausbau Ost“) *. Dort begann man 2004, leer stehende Altbauten innovativ neu zu nutzen, zum Beispiel für Werkstätten und Künstlerateliers. Die „Wächter“ zahlen keine Miete, aber übernehmen Reparaturen und verhindern, dass das Haus weiter verfällt. Einige dieser Pioniere haben die Häuser mittlerweile regulär gemietet oder gekauft. Seit 2010 betreibt der Leipziger Verein HausHalten e. V. zusätzlich das Projekt Wächterladen, durch das 20 Erdgeschoss-Ladenlokale neu belebt wurden.

Inzwischen gibt es in ganz Deutschland Nachahmer, mal liegt der Schwerpunkt, wie in Wittlich, auf dem Einzelhandel, mal auf künstlerischen und sozialen Projekten. Dahinter steht immer auch die Idee, dass ein belebtes Haus die ganze Gegend aufwertet, ein leeres hingegen genau das Gegenteil bewirkt.

Doch vielen Wittlicher Hausbesitzern fällt es schwer, sich mit den sinkenden Mieten abzufinden. Sie sind verwöhnt, bis 1999 war Wittlich französische Garnisonsstadt, in besten Zeiten waren hier 3700 Soldaten stationiert, die Stadt florierte. Geld für Sanierung ausgeben wollen die Eigentümer nicht, ohne Mieter lohnt sich die Investition nicht. Um die Hemmschwelle zu senken, gibt die Stadt Beratungsgutscheine über 250 Euro aus, die bei Architekten eingelöst werden können.

Die Starken zuerst

Einer, den Katrin Schade überzeugt hat, ist Christoph Kunsmann, ein Steuerberater aus Wiesbaden. Sein Großvater hat das Haus 1928 gekauft, fünf Wohnungen, im Erdgeschoss ein Laden, der seit drei Jahren leer steht. Auch Kunsmann musste sich erst an die Erkenntnis gewöhnen, dass sein Haus nicht mehr so viel wert ist wie in den Neunzigern. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man aus einer Großstadt kommt“, sagt er. Lange habe er einfach gar nichts gemacht. Dann, motiviert durch die Fördergelder, sanierte er die Wohnungen. Heute sind alle vermietet. Dank des Projektes Alwin ist er jetzt auch den Laden losgeworden, ein Modelleisenbahngeschäft wird dort einziehen. „Ohne Alwin wäre in meinem Laden wahrscheinlich noch die nächsten drei Jahre nichts passiert“, sagt Kunsmann.

Bisher nutzen meist etablierte Händler die Chance in Wittlich. Gerd Bamberger betreibt ein Geschäft wie den Genussladen schon im 13 Kilometer entfernten Kloster Machern. Modehäuser testen mithilfe von Alwin ein paar Wochen lang neue Konzepte. Bald eröffnet eine Pizza-Kette in Wittlich eine Filiale. „Wir brauchen die Etablierten“, sagt Schade. In Zukunft möchte sie aber auch Existenzgründern mit Geschäftsideen helfen.

Den Anfang macht Christian Baeger, der 25-Jährige eröffnet im Oktober eine Zigarren-Lounge am Pariser Platz. Erst vor ein paar Monaten zog er von Trier nach Wittlich, wegen der günstigen Miete. Jetzt wohnt er mit seiner Verlobten im Neubaugebiet 15 Gehminuten von seinem Geschäft entfernt. Von einem Ort, an dem man Zigarren kaufen, gemütlich sitzen und rauchen kann, träumt er schon länger. Dass er ihn so schnell eröffnen würde, hätte er nicht gedacht. Die Finanzierung läuft über die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die Wittlicher Sparkasse berät.

Wer in der Wittlicher Innenstadt bestehen will, müsse etwas Besonderes bieten, etwas, für das die Leute gern extra vorbeikommen, sagt Baeger. Seine Lounge wird der einzige Zigarrenladen im Umkreis von 50 Kilometern sein.

Dass solche Konzepte funktionieren können, zeigt die Whiskyburg, ein Laden, der ohne Förderung eine große, ungewöhnliche Auswahl bietet und Publikum nach Wittlich zieht. Wie viele Spezialläden die Stadt verträgt, muss sich zeigen. „Auch Mischformen funktionieren“, sagt Katrin Schade, das „Café und Ambiente“ in der Burgstraße zum Beispiel verkauft die Möbel, auf denen die Gäste sitzen.

Die Jungen, hofft Schade, kriegen auch das richtige Maß an Digitalisierung hin. „Ein Onlineshop lohnt sich für die wenigsten“, sagt sie, „aber sie müssen im Netz präsent sein, mit einer Website und in den sozialen Medien, sie müssen über Aktionen und Angebote informieren, Fotos hochladen.“ Die Basics eben. Die Zeit bleibt schließlich nicht stehen, auch nicht in Wittlich. ---

* b1.de/Ausbau_Ost

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